Freitag, 12. Oktober 2018

Dogman

© Xenix Filmdistribution GmBH

★★★★

"Die Bemerkung, dass sein Film deshalb bisweilen etwas überfrachtet wirkt, muss sich Garrone gefallen lassen. Treibt er diesen Stil in seinen nächsten Projekten so weiter, begibt er sich wohl schon bald in die Nähe der Selbstparodie. Doch Dogman bleibt – nicht zuletzt dank Garrones Qualitäten als Regisseur – davon noch verschont. Die Geschichte vom kleinen Marcello, der sich in einer gnadenlosen Welt nach Ruhe und Frieden sehnt, berührt; die darin integrierte Milieuzeichnung ist hochgradig atmosphärisch."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Bad Times at the El Royale

© Twentieth Century Fox Film Corporation

★★★★

"Ohne moralisierend zu wirken, wird die Frage in den Raum gestellt, worin denn eigentlich der Reiz liegt, sich ins Leben von zwielichtigen Lügnern hineinzuversetzen. Tarantino fühlte sich zu solchen Gestalten hingezogen und machte sie zu seinen Helden. Goddard zoomt heraus und will wissen, warum das funktioniert hat. Eine schlüssige Antwort findet der Film trotz einer Laufzeit von 140 Minuten leider nicht. Dafür wartet er mit hohem Unterhaltungswert, grossartiger Kamera- und Ausstattungsarbeit sowie, in bester Thriller-Manier, mit unzähligen, ungemein stilsicher inszenierten Spannungsmomenten auf."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Dienstag, 9. Oktober 2018

Venom

Wenn die akademische Filmwissenschaft dereinst ihre Bücher über das Superheldenkino des frühen 21. Jahrhunderts schreibt, wird sie Sam Raimis Spider-Man 3 (2007) als Meilenstein identifizieren. Nicht etwa, weil der von Kritik und Publikum für mässig befundene Film in irgendeiner Form stilbildend war, sondern weil er mit seiner überfrachteten Handlung und seinen bisweilen lächerlichen Szenen das Ende jenes Proto-Superheldenbooms besiegelte, der 2000 mit Bryan Singers X-Men begonnen hatte.

Auf Spider-Man 3 folgte die Zeitenwende. 2008 war sowohl das Jahr von Christopher Nolans Genre-Meisterstück The Dark Knight als auch von The Incredible Hulk und Iron Man – den Filmen, mit denen das "Marvel Cinematic Universe" seinen Anfang nahm. Es war das Jahr, in dem sich die Verhältnisse in Hollywood wirtschaftlich und ästhetisch zu verschieben begannen.

Und nun, so scheint es, wird Spider-Man 3 endgültig zu Grabe getragen – und seine Ära mit ihm. Nachdem seit 2007 bereits zwei neue Schauspieler ins Spider-Man-Kostüm geschlüpft sind – im Dezember wird ein dritter hinzukommen – gerät in Ruben Fleischers Venom noch die letzte grosse Eigenheit von Raimis Film in die Recyclingmaschinerie des Superheldengeschäfts: der Marvel-Schurke Venom, ein amorphes Alien, genannt Symbiont, das andere Lebensformen besetzen muss, um zu überleben.

Fleischer (Zombieland, Gangster Squad) erzählt dessen Herkunftsgeschichte ohne jeden Verweis auf Spider-Man, Venoms traditionellen Gegenspieler. Stattdessen konzentriert er sich auf Eddie Brock (Tom Hardy), in dessen Körper sich Venom (gesprochen von Hardy) besonders wohlfühlt, und der mithilfe seines ausserirdischen "Untermieters" die finsteren Pläne des milliardenschweren Wissenschaftlers Carlton Drake (Riz Ahmed) durchkreuzen will.

Darin steckt Potenzial. Wie Deadpool und Logan vor ihm ist Venom überwiegend von der Pflicht befreit, eine über sich selbst hinausweisende Franchisengeschichte zu erzählen, und kann sich somit ganz auf seine eigenen Angelegenheiten konzentrieren. Zudem ist Venom mehr ein blutrünstiges Monster als ein klassischer Comic-Bösewicht, was den Drehbuchautoren Kelly Marcel, Jeff Pinkner und Scott Rosenberg allerlei spannende Erzählansätze ermöglicht.

Eddie Brock (Tom Hardy) ist vom Alien Venom (gesprochen von Tom Hardy) besessen.
© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH
Doch das Potenzial bleibt unerfüllt. Venom ist ein dröges, zahnloses und frustrierend unfokussiertes Werk, das es zu vielen Fansegmenten auf einmal recht machen will. Der Tonfall des Films schwingt hin und her zwischen düsterem Grusel-Superheldenfilm und schwarzer Buddy-Komödie Marke Deadpool.

Zwar funktioniert gerade Letzteres mitunter recht gut – vor allem dank Tom Hardys aberwitziger Doppeldarbietung –, doch Eddie Brocks beleidigungsreicher innerer Dialog mit Venom wird immer durch den austauschbaren, auf ernst getrimmten Plot ausgebremst, bevor er richtig in Schwung kommt. Es beschleicht einen der Verdacht, Hardy sei der einzige Mitwirkende, der sich in einer Komödie wähnt. Er ächzt, feixt und setzt sich in Hummeraquarien, als wäre er Jim Carrey, während um ihn herum betretene Blicke und humorlose Gespräche das Geschehen dominieren.

Zusammen mit Venom geht Eddie gegen die düsteren Machenschaften des Milliardärs Carlton Drake (Riz Ahmed) vor.
© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH
Natürlich ist Ruben Fleischer nicht dazu verpflichtet, eine Komödie zu machen. Ebenso wenig darf man von ihm und seinem Autorenteam verlangen, sich vollauf dem Horrorgenre zu verschreiben. Das Problem jedoch ist, dass Venom beides zugleich tun will – vielleicht nicht in der Theorie, wohl aber in der Praxis. Den Zuschauerinnen und Zuschauern wird keine Horrorkomödie geboten – kein Ghostbusters (1984), kein The Frighteners (1996) –, sondern eine Komödie, in der die Lacher zu kurz kommen, sowie ein Gruselfilm, dem die nötige Atmosphäre fehlt.

Letztlich enttäuscht dieses dissonante, unsauber zusammengeschusterte Konstrukt mehr als es ärgert. Trotz eines stellenweise grässlichen Drehbuchs ("like a turd in the wind") sind die Zutaten für einen anregenden eigenständigen Superheldenfilm da – einfach nicht in der richtigen Dosis und Reihenfolge. Was bleibt, ist der Eindruck, dass hier, mit Ausnahme von Tom Hardy, niemand so richtig bei der Sache war.

★★

Montag, 8. Oktober 2018

A Star Is Born

Wie oft lässt sich die gleiche Geschichte gewinnbringend erzählen? Dieser Frage geht der mehrfach oscarnominierte Schauspieler Bradley Cooper (Silver Linings Playbook, American Sniper) in seinem Regiedebüt nach: Sein A Star Is Born ist nach den Versionen von George Cukor (1954) und Frank Pierson (1976) das dritte Remake von William Wellmans gleichnamigem Technicolor-Klassiker aus dem Jahr 1937.

Dass der Plot der Affiche schon zu Wellmans Zeiten ziemlich generisch war, tut hier nichts zur Sache. Das A Star Is Born-Vehikel lebt von seiner schnörkellosen Darstellung der grausam simplen Show-Business-Logik: Eine junge Entertainerin – eine Schauspielerin im Original, eine Sängerin in den Neuauflagen – erreicht die Spitze des Stardaseins, während ihr Mentor in der Versenkung verschwindet. Es ist eine Kulisse, vor der Darstellerinnen zu Legenden werden: Janet Gaynor, Judy Garland, Barbra Streisand – und jetzt Stefani Germanotta, besser bekannt als Lady Gaga.

Sie übernimmt hier die Rolle von Ally, einer Kellnerin mit fabelhaftem Gesangstalent. Als der abgehalfterte Country-Musiker Jackson Maine (Bradley Cooper) auf sie aufmerksam wird, verändert sich ihr Leben für immer: An Jacksons Seite – professionell und romantisch – wandelt sie sich innert kürzester Zeit vom Bandmitglied zur gefeierten Solokünstlerin. Doch ihr Erfolg wird überschattet von Jacksons Alkohol-, Drogen- und Gesundheitsproblemen.

Coopers A Star Is Born krankt nicht daran, dass das Tellerwäscherin-zur-Millionärin-Schema von Hollywood schon hundertfach abgespult wurde. Das Problem liegt darin, dass diese spezifische Geschichte, jene von A Star Is Born, bereits dreimal erzählt wurde – und dass die vorliegende Fassung nicht einmal dann funktioniert, wenn man keinen einzigen ihrer Vorgänger gesehen hat.

Denn es scheint, als hätte der Legendenstatus dieser Quasi-Franchise Cooper und seine Co-Autoren Eric Roth und Will Fetters zur Nachlässigkeit verleitet. Ally und Jackson sind keine überzeugend ausgearbeiteten Figuren, sondern bleiben Schablonen. Ihr Verhalten – und somit auch jegliche narrative Entwicklung – wird nicht durch äussere Umstände, sondern durch ihre Mediengeschichte bestimmt. Dinge geschehen nicht, weil sie organisch aus der Handlung folgen, sondern weil sie 1937, 1954 und 1976 auch geschahen.

Ihr Stern geht auf, seiner geht unter: Ally (Lady Gaga) und Jackson Maine (Bradley Cooper).
© 2018 Warner Bros. Ent.
Das mag zum einen das Versäumnis von Drehbuch und Regie sein. So zeugt etwa Coopers wiederholter Versuch, mit dem emotionalen Vorschlaghammer über fehlende kausale Zusammenhänge hinwegzutäuschen, nicht eben von sauberem Handwerk. Doch zum anderen liefert dieser bisweilen frustrierend inkohärente Film auch den Beleg, dass sogar die Lebenszeit von einem kanonischen Werk wie A Star Is Born begrenzt ist. Der Fluss der Zeit hat die Feinheiten der Erzählung und der Charakterisierungen bis zur Unkenntlichkeit glatt geschliffen.

Zudem wirkt die zentrale Beziehung, gerade vor dem Hintergrund von #MeToo und Time's Up, wie ein hoffnungsloser Anachronismus. Besonders Jacksons frühes Werben um die selbstbewusste Ally ist von einer unangenehmen Aufdringlichkeit; mehrmals stossen Verneinungen und Wünsche von Ally auf taube Ohren. Diese dubiosen Elemente sind zwar nicht so eklatant, als dass sie Jackson als Protagonisten disqualifizieren würden; doch sie untergraben allzu oft die Romantik, die der Film heraufzubeschwören versucht.

A Star Is Born pocht mit Nachdruck auf seine Daseinsberechtigung. Musik, so der grossartige Sam Elliott (als Jacksons Bruder Bobby) kurz vor dem Ende, sei ja auch nur das Arrangieren der immer gleichen zwölf Töne. Doch es gelingt dem Film nicht, dieses Selbstbewusstsein zu rechtfertigen. Bradley Coopers Debüt auf dem Regiestuhl ist wenig mehr als eine Sammlung überwiegend ansprechender Lady-Gaga-Songs, zwischen denen überlieferte Plotfetzen durch ein emotionales Vakuum schwirren.

★★

Sonntag, 7. Oktober 2018

RBG

It seems necessary to acknowledge two things at the outset of this review of RBG: first, that in terms of presentation, Betsy West and Julie Cohen's portrait of U.S. Supreme Court Justice Ruth Bader-Ginsburg is a fairly conventional work; and second, that is unapologetically partisan, in spite of its inclusion of a few conservative and conservative-adjacent voices.

Neither point undermines the project's ultimate success, however. Not only can those who are left craving a more nuanced, more balanced perspective follow up their viewing with Jill Lepore's recent New Yorker piece on Bader-Ginsburg and RBG: Beyond Notorious, a six-part documentary podcast affiliated with West and Cohen's film. There's also the fact that RBG is less interested in being biographical and historical than in addressing the current political climate in the United States.

Considering its subject, this is more than warranted. Ruth Bader-Ginsburg, affectionately nicknamed "The Notorious R.B.G." by her newly minted Millennial fan base, has become an unlikely focal point of American progressivism in recent years. At 85, she represents a generation that younger people, especially on the left of the political spectrum, tend to distrust, if not outright malign. Her well-publicised friendship with fellow Supreme Court Justice Antonin Scalia, an ardent right-winger, whose death in 2016 caused a crisis from which the Court has yet to recover, has raised more than a few liberal eyebrows. Her long-standing insistence on compromise and calm, collected discourse seems at odds with an era in which the term "civility" is most often used by political operatives seeking to discredit opposition to increasingly authoritarian policies.

And yet, as America's political landscape has changed since Bill Clinton appointed Bader-Ginsburg in 1993, so has the Supreme Court. After taking her seat on the bench as a centrist, confirmed with overwhelming bipartisan support, the Court's subsequent rightward shift, particularly following its controversial decision to effectively award the presidency to George W. Bush in 2000, has seen "RBG" become a leading voice of liberal dissent.

The Notorious R.B.G.
© Magnolia
West and Cohen carefully work their way up to "The Notorious R.B.G." the cultural icon – by way of Joan Ruth Bader the precocious child of Russian Jewish immigrants, Ruth Bader the Cornell student, and Ruth Bader-Ginsburg the Harvard Law School graduate, Columbia professor, women's rights litigator, and U.S. Court of Appeals Judge. They paint an engaging portrait of an arresting personality, a brilliant legal mind, and a conscientious professional using the established mechanisms of the law to tackle the complex systems of oppression that underpin said law.

This is what makes RBG such a rousing experience, especially set against the United States' situation in this very moment – with a racist misogynist occupying the White House, a looming constitutional crisis, and a hyperpartisan credibly accused of multiple sexual assault being admitted to the Supreme Court after repeatedly lying in his confirmation hearing.

The film convincingly, and often touchingly, frames Bader-Ginsburg as a major figure of America's past, present, and, one is left hoping by the end, its future. She serves as a symbol of principled resistance, of legal and above all intellectual pushback against the regressive spirit that has taken hold in American politics, and which is steadily gaining traction elsewhere. As much as it may tick all the stylistic boxes, RBG, by virtue of its extraordinary protagonist, is a truly inspiring movie.

★★★★

Samstag, 6. Oktober 2018

Leave No Trace

© Praesens Film AG

★★★

"Trotz der menschlichen Problematik im Kern der Geschichte bleibt Granik stets im neutralen Beobachtermodus: Szenen ziehen vorbei, ohne sich mit überzogener Dramatik aufzudrängen – aber auch ohne sonderlich tiefe Eindrücke zu hinterlassen. Leave No Trace bleibt zwar konstant interessant, doch ein wenig ist der Titel eben doch Programm."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Dienstag, 2. Oktober 2018

Lazzaro felice

© Filmcoopi

★★★★

"Trotz der thematischen Vielschichtigkeit und dem Sinn fürs Parabelhafte verliert Rohrwacher Lazzaro und dessen einzigartigen Charakterbogen nicht aus den Augen. Lazzaro felice bleibt bis zum Schluss ein berührender Film über klar umrissene, emotional nachvollziehbare Menschen auf der Suche nach ein wenig Halt in einer sich stetig wandelnden Welt."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Montag, 1. Oktober 2018

Roma

When Gravity won seven Oscars in 2014, including one for direction, it was widely seen as the crowning achievement of Alfonso Cuarón's illustrious career. To be sure, the CGI-heavy space thriller was a visual feast, but five years on, much about its narrative feels hokey, ill-suited to the grandeur of the imagery. In a way, Roma, Cuarón's first project as an Academy Award winner, rectifies that – the substance has caught up with the style.

Roma is Cuarón's first film since Y tu Mamá también, released in 2001, to take place in a recognisably everyday setting. It trades in space, wizarding schools (Harry Potter and the Prisoner of Azkaban), and dystopian wastelands (Children of Men) for a rigorously defined, deeply personal time and place: the megalopolis of Mexico City between the summers of 1970 and 1971, as experienced by a middle-class family and, most notably, its indigenous live-in maid Cleo (Yalitza Aparicio).

This is a setting Cuarón knows intimately, and it shows. Born in 1961, the son of a well-to-do nuclear physicist from the Mexican capital, the events which roughly bookend his latest film – the 1970 FIFA World Cup and the infamous "Hawk Strike" massacre – will likely have had a significant impact on him.

Maybe that's why he is working with more creative freedom than ever before here: apart from directing Roma, he also wrote, produced, edited, and – in an unprecedented move – shot it, foregoing the services of long-time collaborator and three-time Oscar winner Emmanuel Lubezki (Children of Men, The Tree of Life, Gravity, Birdman). The difference is surprisingly noticeable. Whereas Lubezki is a master of the free-flowing camera that effortlessly glides through three-dimensional space, Cuarón, though equally fond of long takes, is almost a minimalist: he shoots in expressive black-and-white; he pans along straight lines, turns the camera up, down, left, and right in simple 90-degree angles, keeps it perfectly still to zero in on a detail – a shattered window, a pensive Cleo, a wailing student protestor cradling a fallen comrade.

Roma follows a year in the life of Cleo (Yalitza Aparicio), who works as a maid for a bourgeois family in Mexico City.
© Netflix
There is a plot here – quite a bit of it, actually – but Cuarón doesn't push it into the foreground, recalling at times Mike Leigh's brand of seemingly incidental storytelling. There is an unwanted pregnancy, a failing marriage, a harrowing subplot of radicalised machismo, but even though the emotional toll of all these elements is played out in full, they are still dwarfed by the sheer enormity of the life that surrounds them. Few scenes pass by without at least three or four things happening at once. Street scenes are dominated by the deafening clamour of the big city; elsewhere, nature provides an overwhelming intensity of sound. The narrative is interlaced with grand, sweeping set pieces featuring hundreds of extras.

The world Roma conjures up feels authentic, almost viscerally lived-in. This is Cuarón's Ulysses, his People on Sunday; and 1970s Mexico City is his 1900s Dublin, his late-1920s Berlin. It is told in indelible moments and images, which demand to be seen, heard, and felt in a movie theatre (which is ironic, given Netflix co-produced) – and which to recount in detail cannot hope to do justice to their breathtaking beauty.

★★★★★

Dienstag, 25. September 2018

Incredibles 2

© Walt Disney Studios Schweiz

★★★★

"Insofern ist Incredibles 2 ein gelungenes Sequel. Auf Einladung eines reichen Philanthropen (Better Call Saul-Star Bob Odenkirk) versucht Elastigirl, den Ruf von Superhelden zu verbessern, während Mr. Incredible den Haushalt schmeissen muss. So kann Regisseur und Solo-Drehbuchautor Brad Bird immer wieder zwischen kurzweiliger Action (mit neuen und alten Helden) und urkomischem Familien-Slapstick hin- und herschalten."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Montag, 24. September 2018

The Children Act

Following in the footsteps of films like Paweł Pawlikowski's The Woman in the Fifth (2011) and Bille August's Night Train to Lisbon (2013), Richard Eyre's The Children Act is the latest example of an accomplished director struggling to make their literary source material seem relevant.

Adapted from Ian McEwan's 2014 novel of the same name, the film is a curiously insular exploration of marital estrangement, religious fanaticism, and the divide between the legal world and everyday life. With the stiffest of upper lips and a sense of restraint which at times borders on indifference, it tells the story of Fiona Maye (Emma Thompson), a judge in the High Court of Justice of England and Wales, who is called upon to rule over a morally controversial case: Adam Henry (Fionn Whitehead), the 17-year-old son of two Jehovah's Witnesses (Ben Chaplin, Eileen Walsh), is dying from leukaemia and in need of a blood transfusion – a procedure strictly prohibited by his faith. Meanwhile, Fiona's husband Jack (Stanley Tucci) is openly pursuing an affair because of her emotional unavailability.

The Children Act sees the venerable Eyre (Notes on a Scandal) reunite with McEwan for the first time since 1983, when they collaborated on the acclaimed anti-Thatcherite drama The Ploughman's Lunch. 35 years on, the two reprise their roles, with the former in the director's chair and the latter providing the script. And yet, whereas their earlier venture tapped into the pressing issues of the day, from nascent British neoliberalism to the Falklands War, their new one feels like a rather pointless exercise.

This is not to say that the duo, in order to make a good movie, is required to make political statements of any sort. In fact, judging from McEwan's contributions to non-literary discourse in recent years, holding off on such commentary might not be the worst idea. Still, for a film that so prominently revolves around ideas and the power contained within them – played out most notably in the clash between British law and the Henrys' reading of the Bible – it would have been appropriate for it to say anything at all.

But The Children Act is remarkable only for its solipsism. It contents itself with recounting the barebones plot of McEwan's novel, which becomes increasingly unbelievable, as Adam develops a strange fascination with Fiona that goes almost wholly unaddressed. Aspects such as this – or the film's awkwardly insistent portrayal of Fiona as an emotionally stunted quasi-spinster – would be easier to overlook in a more story-driven film, but there is precious little to work with here in narrative terms.

As Judge Fiona Maye (Emma Thompson) is wrestling with a controversial case, her husband (Stanley Tucci) informs her about his dissatisfaction with their marriage.
© Ascot Elite
As a character study, the affair falls flat as well. Even though Emma Thompson is reliably majestic – and supported by strong turns from both Stanley Tucci and Fionn Whitehead – neither Fiona nor any of the other characters invite a lot of empathy or evoke a strong emotional response. They are flawed figures caught in a tale of moral ambiguity, presented as if from afar – respectfully, or perhaps ironically, detached. It can't be a good sign that the most engaging character ends up being Nigel (Jason Watkins), Fiona's put-upon assistant at court, while the film's most captivating moments involve the protagonist interpreting the law out loud.

I have not read the book The Children Act is based on, therefore I cannot judge whether it is a faithful adaptation – though I assume it is, given that its screenwriter also penned the source material. However, I am confident in calling the work of Richard Eyre and Ian McEwan an unsuccessful adaptation because it made me doubt that there was anything worth adapting in the first place.

★★

Samstag, 22. September 2018

Searching

Die Karriere des indisch-amerikanischen Regisseurs Aneesh Chaganty begann 2014 mit einem rührenden Werbespot für Google Glass, gefilmt mit dem angepriesenen Produkt. Vier Jahre später kräht kein Hahn mehr nach der High-Tech-Brille – doch das ästhetische Konzept der Werbung hat sich gehalten: Chaganty hat es zu seinem Spielfilmdebüt weiterentwickelt. Dieses ist ein mehr oder weniger gewöhnlicher Thriller mit einer hochgradig ungewöhnlichen Erzählweise: Searching spielt sich ausschliesslich auf Computer- und Smartphone-Displays ab.

Ganz neu ist die Idee nicht. Davon abgesehen, dass der Stil eine fast schon zwangsläufige Evolution des Found-Footage-Horrors von The Blair Witch Project (1999) und Paranormal Activity (2007) ist, hat Chagantys Produzent, der Kasache Timur Bekmambetov (Wanted, Abraham Lincoln: Vampire Hunter), diese Sparte in den letzten Jahren zunehmend für sich beansprucht: Unter seinem Einfluss sind Computerbildschirm-Horrorfilme wie Unfriended (2014) oder Profile (2018) entstanden. Es wird nicht lange dauern, bis sich dieser Gimmick totgelaufen hat. Doch wenn es soweit ist, wird Searching als ein Höhepunkt des Subgenres in Erinnerung bleiben.

Dies ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass sich der Film erzählerisch nur bedingt von seiner extravaganten Ästhetik leiten lässt. In bester Thriller- und Mystery-Manier lässt sich seine Handlung auf wenige Sätze herunterbrechen: Die High-School-Schülerin Margot (Michelle La) ist verschwunden. Ihr verwitweter Vater David (ein grossartiger John Cho) macht sich mithilfe der Polizistin Rosemary (Debra Messing) auf die Suche.

Zu dieser narrativen Geradlinigkeit passt auch, dass sich Searching nie anmasst, ein Film über die im Rampenlicht stehende Technologie zu sein. Obwohl die berüchtigte Internet-Anonymität hier durchaus von Belang ist, sind im Drehbuch von Chaganty und Co-Autor Sev Ohanian keine technophoben Untertöne zu spüren. Vielmehr entsteht der Eindruck, etwas Zeitgemässem, längst Überfälligen beizuwohnen: Informationstechnologie und mobile Kommunikation gehören seit gut einer Generation – Margots Generation, um genau zu sein – zum Alltag. Zeit, dass das Kino auch dieser digitalen Seite des menschlichen Lebens Rechnung trägt.

David (John Cho) sucht seine Tochter – und das Publikum sieht auf Smartphone- und Computerbildschirmen zu.
© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH
Erreicht wird dies auf ungewohnte, aber überraschend einfach zugängliche Art und Weise. Ein Grossteil des Publikums dürfte sich mit Chat-Verläufen und Facebook-Fotoalben bestens auskennen. Anhand dieser und weiterer Medien – vorab Videotelefonie und Nachrichten-Websites – eine Geschichte zu verfolgen, wirkt anregend innovativ.

Auf dieser festen stilistischen Basis bauen Chaganty und Ohanian ihr Thrillerkonstrukt, welches durchgehend spannend bleibt – selbst wenn sich gegen Ende einige genretypische Unglaublichkeiten einschleichen. Doch weder diese noch die etwas überhastete Auflösung vermögen das letztliche Gelingen des Projekts zu verhindern: Dazu ist das Ganze schlicht zu kurzweilig und zu mitreissend. Searching ist ein Film, wie ihn wohl Alfred Hitchcock gemacht hätte, wenn er in den 2010er Jahren gearbeitet hätte – eine hervorragend inszenierte Achterbahnfahrt mit einem gesunden Hang zu trendigen Spielereien.

★★★★

Montag, 17. September 2018

Jusqu'à la garde

Eines der berühmtesten Zitate der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood lautet, sinngemäss: "Männer haben Angst, dass Frauen sie auslachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen." Jusqu'à la garde, das Langspielfilmdebüt des Franzosen Xavier Legrand, erzählt in erschreckender Intensität von diesem Missverhältnis.

Der Film, quasi ein Remake von Legrands oscarnominiertem Kurzfilm Avant que de tout perdre (2013), dreht sich um die zerbrochene Ehe von Miriam (Léa Drucker) und Antoine (Denis Ménochet), dem im Scheidungsprozess sowohl Miriam als auch die beiden gemeinsamen Kinder, die 18-jährige Joséphine (Mathilde Auneveux) und der elfjährige Julien (Thomas Gioria), häusliche Gewalt vorwarfen. Doch die Richterin (Saadia Bentaïeb) lässt sich davon nicht beeindrucken und ordnet an, dass Julien fortan jedes zweite Wochenende bei seinem Vater verbringen muss.

Lange hält sich Jusqu'à la garde darüber bedeckt, worauf sein feinfühliges, minimalistisches Porträt einer zerrütteten Familie hinausläuft. Es passiert nicht viel: Miriam und die Kinder besichtigen eine neue Wohnung. Julien sträubt sich gegen die Wochenendbesuche bei Antoine. Antoine streitet sich mit seinen Eltern (Jean-Marie Winling, Martine Vandeville) über seine prekäre Wohn- und Arbeitssituation. Joséphine verbringt trotz Miriams Misstrauen Zeit mit ihrem Freund (Mathieu Saikaly). (Letzteres ist zwar der schwächste Handlungsstrang des Films, enthält aber die vielleicht interessanteste Einstellung: ein Teenager-Drama im Kleinformat, eingefangen durch den unteren Spalt einer Toilettentür.)

Die Gewalt, über die zu Beginn vor Gericht gesprochen wird, ist spürbar, bleibt aber über weite Strecken unsichtbar. Antoine ist aufbrausend, mitunter aber auch umgänglich. Beinahe scheint Legrand sein Publikum dazu herausfordern zu wollen, Antoines Sicht der Dinge Glauben zu schenken und die Glaubwürdigkeit der scheinbar übervorsichtigen Miriam in Zweifel zu ziehen.

Julien (Thomas Gioria) muss gegen seinen Willen jedes zweite Wochenende bei seinem Vater (Denis Ménochet) verbringen.
© Filmcoopi
Das ist die Perfidie häuslicher Gewalt, insbesondere jener, die sich gegen Frauen richtet: Der Reflex der Gesellschaft ist das unentwegte Pochen auf immer noch mehr Belegen, selbst wenn einander untermauernde Aussagen wie jene von Miriam, Joséphine und Julien vorliegen. Bevorzugt werden sichtbare Spuren ehelicher Handgreiflichkeiten – wobei auch diese nicht vor dieser Kultur der bedingungslosen Skepsis gefeit sind.

Jusqu'à la garde erinnert nicht zuletzt daran, dass nicht alle Gewalt physischer Natur ist. So stellt Antoine seine Ex-Frau wiederholt als hysterische Paranoikerin dar – ein klassischer Fall von "Gaslighting" – und fährt als ungebetener Gast bei Joséphines Geburtstagsfest vor und löst so, in einer herausragend inszenierten, so gut wie wortlosen Szene, eine veritable Panik aus. Solche Akte der Einschüchterung und der emotionalen Erpressung lassen sich vor Gericht nur schwer nachweisen, sind aber sehr wohl Teil gewaltsamen Verhaltens.

Mit zunehmender Dauer zieht Legrand in der Manier eines Nuri Bilge Ceylan (Winter Sleep) die Schraube an und verdichtet alle diese Gedanken über brutale innerfamiliäre Konflikte zu einer zutiefst erschütternden, verstörend sachlich vorgetragenen Schlussviertelstunde. Hier wird die institutionelle Vorstellung des idealen Schlichtungsprozesses, mit dem der Film begann, komplett auf den Kopf gestellt: Auf die Mediation folgt die Eskalation – und mit ihr die Erkenntnis, dass beim Thema häuslicher Gewalt, gerade gegenüber Frauen, ein Umdenken stattfinden muss.

★★★★★

Montag, 3. September 2018

McQueen

While I consider myself a fan of cinematic documentaries, I often find myself feeling faintly unfulfilled by those dealing with the life and times of a celebrity. Perhaps it's unfair to feel this way, as it's nearly impossible to approach these films in an unbiased way, seeing how their subjects are usually widely mediated public figures.

Still, thinking back to films in this vein – Asif Kapadia's Amy (2015), say, or Wim Wenders' Pope Francis: A Man of His Word (2018) – I struggle to muster up any kind of lingering emotional response. But take works like Laurie Anderson's Heart of a Dog (2015), Kirsten Johnson's Cameraperson (2016), Raoul Peck's I Am Not Your Negro (2016), Yance Ford's Strong Island (2017), or Regina Schilling's Kulenkampffs Schuhe (2018) – personal journeys, intimate histories, and politically charged biographies – and I still feel their visceral impact.

This is the frame of mind in which I saw McQueen, the documentary about the late British fashion designer Alexander McQueen, directed by Ian Bonhôte and Peter Ettedgui. It is a movie very much in the Kapadia mold – highly informative and deeply invested in its protagonist's ultimately tragic life. In fact, Amy may well be its closest analogue stylistically as well as narratively.

Like the Amy Winehouse portrait, McQueen casts its spotlight on a working-class Londoner who found fame thanks to a combination of phenomenal talent, hard work, and sheer brazenness – and who died prematurely, scarred by depression, substance abuse, and the unforgiving demands of stardom. And although Lee Alexander McQueen was 14 years Winehouse's senior, he, like her, was surrounded by cameras from the very beginning of his career. This is a documentarian's dream, and Bonhôte and Ettedgui make ample use of what looks like a considerable archive of home movies from the early and mid-1990s, showing a young McQueen finding his feet in the competitive world of fashion.

In these early years, which the movie lays out in a lot of detail, the audience, with the help of interviews with friends and contemporaries, gets to know a likeable subversion of both the Britpop era's "new lad" figure and the stereotype of the devoted fashionista. McQueen – "Lee" to his friends and family – loves a raunchy joke but doesn't exhibit the toxic tendencies of post-Thatcherite masculinity. He came out as gay at 18, against the backdrop of the AIDS crisis. In 1996, he arrived at Givenchy – an unpretentious larger-bodied London lad, friends/co-workers in tow, taking on the traditionalist, etiquette-loving world of haute couture. It's these passages that prove the film's most compelling, not least because of the raw, authentic video insights into McQueen's life at that time.

Fashion designer Alexander McQueen, pictured with his mother Joyce.
© Ascot Elite
As the movie progresses, things become sketchier – coinciding with McQueen's becoming more insular. Developments like his liposuction treatment or his cocaine habit are addressed but hardly dwelt upon. Interviewees are increasingly reduced to psychologising the man, while Bonhôte and Ettedgui attempt to forge connections between anecdotes and the fashion shows that divide their subject's life into chapters. There is an argument to be made that this approach actually does a disservice to McQueen, as the harsh, fickle nature of the fashion business undoubtedly exacerbated his personal problems. His long-time friend and mentor, London fashion queen Isabella Blow, who killed herself in 2007, partly attributed her depression to her age, which she identified as the cause of her waning professional influence. (McQueen himself would take his own life in 2010.)

Nevertheless, McQueen remains interesting, engaging and, thanks to the contributions of the broad range of McQueen familiars it features, moving throughout. It may never really escape its conventionality, but it's hard to fault it for that. Still, for all its competence, I can already feel it slipping from my memory.

★★★

Samstag, 1. September 2018

BlacKkKlansman

Warning: This review discusses the closing minutes of the movie.

After three viewings of and numerous discussions with friends about BlacKkKlansman, Spike Lee's blistering adaptation of black police officer Ron Stallworth's memoir about his 1979 infiltration of the Colorado Springs Ku Klux Klan, I still find myself at a loss for words in the face of this abrasively unsubtle masterpiece.

This is a film that manages to be laser-focused in its message as well as strikingly broad in scope. Under the veneer of procedural comedy, Lee explores the all-encompassing evil of racial oppression – from both interpersonal and structural racism to issues like respectability politics and weaponised whiteness.

The movie's opening minutes already suggest the thematic complexity Lee is wrestling with here. Tellingly, the very first frame is not even his own: it's a scene from Gone with the Wind (1939) – not only a beloved milestone of American cinema but also an unabashed love letter to the Confederacy, a political entity based on little more than the shared desire to keep alive the practice of owning people as property. Lee, it seems, is pointing out – and placing his own work in the context of – U.S. cinema's history of romanticising racism.

This is expanded upon by a second prologue unconnected to Ron Stallworth's remarkable story. Starring Alec Baldwin – Saturday Day Night Live's Donald Trump – as fictional segregationist Dr. Kennebrew Beauregard spouting white-supremacist talking points in a 1950s-style propaganda piece, it reflects on the literal and figurative whiteness of the screen. By the end, Beauregard, having veered off script, misplaced words, and ditched his pseudo-diplomatic demeanour in favour of impassioned, racist fury, stands in front of a screen showing scenes from D. W. Griffith's The Birth of a Nation (1915) – its tinted images celebrating the KKK playing on his white face. It's among the most semiotically interesting scenes in recent memory – and its uncomfortable staging, daring its audience to laugh at unfiltered, unchallenged bigotry sets the tone for what's to come.

In the 1970s, Ron Stallworth (John David Washington) becomes Colorado Springs' first black police officer.
© Universal Pictures International Switzerland
Even though calling BlacKkKlansman a comedy is similarly problematic as identifying Jordan Peele's Oscar-winning Get Out (2017) as one, the movie does aim for laughs fairly regularly. The premise makes that nearly inevitable: after signing up for the local chapter of the KKK over the phone, Ron Stallworth (John David Washington), Colorado Springs' first black police officer, enlists his colleague, Jewish detective Flip Zimmerman (Adam Driver), to meet his Klan contacts in person under his name.

The absurdity of the situation isn't lost on Lee and his co-writers David Rabinowitz, Charlie Wachtel, and Kevin Willmott. Ron's phone interactions with the largely unsuspecting Klansmen, most notably chapter president Walter (Ryan Eggold), terrorist-in-waiting Felix (Jasper Pääkkönen), and Grand Wizard/national director David Duke (Topher Grace), are often nothing short of hilarious.

But the movie never lets you forget the seriousness underpinning it all. Felix may seem ridiculous when he's scratching his forehead with his gun and is asking Flip whether his penis is "circumstanced" – but he is still a rabid ethnonationalist who entertains his wife Connie (Ashlie Atkinson) by fantasising about ethnic cleansing and raising his arm for a Hitler salute. His antisemitism prompts Flip to start thinking about his Jewish heritage.

Ron teams up with Flip Zimmerman (Adam Driver) to infiltrate the local chapter of the Ku Klux Klan.
© Universal Pictures International Switzerland
David Duke, meanwhile, may be a Southern caricature who gets his comeuppance in one of the film's most triumphant moments; but Lee makes a point of grimly declaring Duke's project of mainstreaming white nationalism a success: he has the Grand Wizard lead a large group of smartly dressed white people chanting, "America first!" – the slogan around which Donald Trump's 2017 inaugural speech was built.

This is not even mentioning the indiscriminate use of the n-word and other slurs whenever Flip mingles with the Colorado Springs Klansmen. However, BlacKkKlansman still manages to counter the hateful ideology it necessarily gives a platform to in a meaningful way. It achieves that first with the inclusion of Ron's first intelligence assignment – the infiltration of a speech by former Black Panther dignitary Kwame Ture (Corey Hawkins), also known as Stokely Carmichael.

Lee is at the top of his game as an enigmatic director here, intercutting Ture's rousing antiracist speech about black beauty and black independence with stylised, floating close-ups from the crowd – literally shining the spotlight on black faces in a way that mainstream American cinema has so long refused to do. He follows it up with another loving celebration of black beauty: the camera follows Ron and Patrice (Laura Harrier), his future girlfriend, onto a crowded dancefloor, where it lingers for a long while over the joyous crowd dancing to "Too Late to Turn Back Now" by the Cornelius Brothers & Sister Rose.

Over the course of the investigation, Ron even makes contact with David Duke (Topher Grace), Grand Wizard of the KKK.
© Universal Pictures International Switzerland
Just as these scenes assert black identity and reject the racist assumptions driving white supremacy, a third scene in that vein forcefully pushes back against the equivocation of racism and antiracism – a position favoured by so-called (white) moderates up to this day. As David Duke is formally inducting Flip into the KKK and asking God for more white men in the world, Patrice and the local black student union are hosting an elderly man – played by civil rights icon Harry Belafonte in what may well end up being his final performance – recounting a lynching he witnessed as a young man. The sequence concludes with Duke and his acolytes shouting, "White power!", followed by Belafonte raising a fist and leading his audience in the "Black power!" chant. The argumentative thrust of the parallelism is clear: although the two sentiments sound alike, it is blindingly obvious that the latter one is a natural and necessary reaction to the oppression enacted by the former – if one bothered to actually listen.

These moments elevate BlacKkKlansman above mere historical dramatisation, as they diligently – and with more than a hint of righteous anger – contextualise and talk back to the bigotry that is being portrayed. And yet, Lee consistently refrains from explicitly staging the violence that results from the KKK ideology. Rather, in a final, shocking turn, he lets reality speak for itself.

Ron's job as an undercover detective casts a shadow over his relationship with student activist Patrice (Laura Harrier).
© Universal Pictures International Switzerland
As with the opening, the final minutes of Lee's movie are not of his own making. But instead of Gone with the Wind's Confederate nostalgia, the audience is confronted with footage from the neo-Confederate hellscape of the "Unite the Right" rally that took place in Charlottesville, Virginia, in August 2017: torch-bearing white nationalists chanting, "White lives matter!" and "Jews will not replace us!"; armed neo-Nazis beating up people; a car driving into a crowd, killing 32-year-old counter-protester Heather Heyer; David Duke cheering on the right-wing violence; Donald Trump claiming that there were "very fine people on both sides."

It's a devastating scream of anguish and anger Lee lets loose on his audience with these final moments – one that left all three audiences I saw BlacKkKlansman with in stunned silence. But the horror is by no means gratuitous. On the contrary, the graphic link to the highly publicised events in Charlottesville feels like the necessary conclusion to this often highly entertaining but at its core deeply disturbing story – a safeguard against cinemagoers shrugging off the violent racism on show as a threat safely confined to the past.

★★★★★

Dienstag, 28. August 2018

Crazy Rich Asians

© Warner Bros. Ent.

★★★★

"Es ist erfrischend, eine romantische Komödie zu sehen, in der die bekannten Genre-Versatzstücke in einem ungewohnten kulturellen Kontext erscheinen – in der die Generations- und Identitätskonflikte einer in Hollywood immer noch schmählich unterrepräsentierten Gruppe beleuchtet werden. Einer der emotionalen Höhepunkte des Films, ein Mahjong-Spiel, wird Filmgeschichte schreiben."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Freitag, 24. August 2018

Tag

Jeff Tomsics Regiedebüt unterdurchschnittlich zu nennen, fühlt sich harsch an. Tag, eine "faktenbasierte" Komödie über eine Gruppe von Freunden, die noch im Erwachsenenalter Fangen spielen, ist sympathisch und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Doch die anregende Prämisse und die legere Gangart haben mit einem unausgereiften Drehbuch zu kämpfen.

Als Inspiration dienten Tomsic und den Autoren Rob McKittrick und Mark Steilen zehn Freunde aus Spokane, Washington: Seit nunmehr 28 Jahren steht für sie der Februar ganz im Zeichen des Fangenspielens. Mit ausgeklügelten Strategien lauert der Fänger seinem Opfer auf, um seine Rolle weiterzugeben; einen ganzen Monat lang ist niemand sicher. Der Artikel über die Tradition, den im Januar 2013 im Wall Street Journal erschien, ging um die Welt.

Was daraus übernommen wurde, ist überschaubar: Mit Ausnahme des Austragungsmonats – Mai statt Februar – wurden das Spiel und seine Rahmenbedingungen beibehalten, ebenso Spokane als Schauplatz und der Umstand, dass die Spielteilnehmer ausnahmslos Männer sind. Die Protagonisten wurden indessen gut 15 Jahre jünger gemacht und in eine wohlbekannte Komödienstruktur eingepasst, die man aus Filmen wie Step Brothers (2008), Role Models (2008) oder Hall Pass (2011) kennt: Wie lassen sich kindliches Vergnügen und erwachsenes Verantwortungsbewusstsein miteinander vereinbaren?

Diese Frage stellt sich in Tag Hogan (Ed Helms), Bob (Jon Hamm), Randy (Jake Johnson) und Kevin (Hannibal Buress). Mit vereinten Kräften wollen sie Jerry (Jeremy Renner), den noch nie gefangenen fünften Spieler im Bunde, in diesem Jahr endlich zum Fänger machen. Viele Gelegenheiten werden sich wohl nicht mehr ergeben, denn Jerry heiratet Ende Mai – und will darum nach 25 Jahren aus dem Spiel ausscheiden.

Es ist dem Film zugutezuhalten, dass er nicht versucht, aus dieser Handlung moralinsaure Lebenslektionen abzuleiten. Zwar feiert er erwartungsgemäss das innere Kind und das jugendliche Ideal von bedingungsloser freundschaftlicher Loyalität; doch es entsteht nie der Eindruck, dass dies auf Kosten des komödiantischen Tonfalls geschieht. Tag weiss, was er ist – die Verfilmung eines herzerwärmenden Softnews-Artikels – und verhält sich entsprechend.

Hogan (Ed Helms, Mitte) spielt mit seinen Freunden jedes Jahr einen Monat lang Fangen.
© 2018 Warner Bros. Ent.
Das Ganze hätte eine wunderbar unterhaltsame Sommerkomödie sein können – wenn das Drehbuch von Rob McKittrick und Mark Steilen denn genügend Lacher enthielte. Hier liegt jedoch der Hund begraben: Wirklich gute Witze sind Mangelware. Solange Slapstick und flapsige Sprüche den Ton angeben, mag Tag halten, was er verspricht; doch es dauert nie lange, bevor die nächste Sex- oder Drogenpointe, die sogar Judd Apatow zu simpel wäre, fallen gelassen wird.

Auch Jeff Tomsics Ausflüge ins Actionkomödienfach sind nicht von Erfolg gekrönt. Jerrys beinahe übermenschliches Talent, sich seinen Fängern zu entziehen, raubt dem Film streckenweise seine emotionale Bodenständigkeit; derweil sein innerer Monolog, den das Publikum während seiner Kampfeinlagen zu hören bekommt, einfach nur lächerlich wirkt. Verschärft wirkt dieses Problem der Künstlichkeit durch den übermässigen Gebrauch von digitalen Effekten – nötig gemacht durch eine Verletzung Jeremy Renners.

So hinterlässt Tag einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen besticht er durch seine Menschlichkeit und seine erzählerische Bescheidenheit; zum anderen frustriert er mit seinem Humorverständnis, seiner Unbeholfenheit und seinen verschwendeten Frauenrollen (allen voran Isla Fisher). In Sachen Komödien könnte man es schlechter treffen in diesem Sommer – aber leider auch besser.

★★

Sonntag, 19. August 2018

Don't Worry, He Won't Get Far on Foot

In keeping with Danny Elfman's jazzy score, Don't Worry, He Won't Get Far on Foot is a freewheeling and messy affair full of competent filmmaking, brilliant moments, and questionable ideas. In short, it's a Gus Van Sant movie.

Given the maverick director's recent track record, that needn't be a good sign. He made his last good film in 2011 – the critically panned teen romance Restless – which was followed by Promised Land (2012), generally thought to be perfectly mediocre, and The Sea of Trees (2015) – an elaborately produced mystery drama set, in a move widely condemned as thoughtless and offensive, in Japan's Aokigahara forest, an internationally notorious suicide spot. At the box office, all three of these 2010s offerings tanked in quite spectacular fashion.

Enter Don't Worry, which, in terms of topic, harks back to 2008's Milk, Van Sant's last unequivocal critical and commercial success. Like the Academy Award-winning portrait of San Francisco mayor and LGBTQ+ icon Harvey Milk, Don't Worry is about a countercultural local hero, recounting the life of Portland-based quadriplegic artist John Callahan (played by Joaquin Phoenix), whose macabre newspaper cartoons have drawn comparisons to the work of Charles Addams and Gary Larson.

It's a life ripe for adaptation all right: put up for adoption as a baby, Callahan grew up in a family he resented, which contributed to him turning to alcoholism as a pre-teen. At the age of 21, after a day of hard drinking, he goes bar-hopping with another man (played here by an excellent Jack Black), who ends up crashing their shared car – leaving Callahan paralysed from the shoulders down. Six years later, he starts to overcome his addiction with the help of his AA mentor, Donnie (a scene-stealing Jonah Hill).

In accordance with Callahan's sardonic view on life, Van Sant decides to play this as a highly entertaining comedy-drama that puts more stock in the interplay between characters than the larger narrative. Due to its jumbled, non-chronological, nesting-doll-like dramaturgy – and the fact that, at 43, the otherwise impeccable Joaquin Phoenix is arguably too old to play a character who mainly appears in his 20s and 30s – Don't Worry lacks a clear sense of time. It is often hard to tell how far along in Callahan's character development we are supposed to be.

Quadriplegic cartoonist John Callahan (Joaquin Phoenix) befriends his AA mentor Donnie (Jonah Hill).
© Filmcoopi
The advantage of this structure, however, is that it enables Van Sant to evade the biopic genre's tendency towards teleological oversimplification. Take Callahan's cartoons, for example: even though they feature fairly prominently in the film, they are not portrayed as the miracle cure to the protagonist's psychological struggle. His art is not the goal his life is heading towards. This stands in stark contrast to more linear genre entries like Ray (2004) or Walk the Line (2005), where redemption comes through art (and love) alone. In that sense, Don't Worry smartly complicates the cinematic canon of artists' biographies.

Moreover, what Van Sant achieves on a character level here is as engaging and moving as anything in Milk. There may be the odd hiccup – such as Callahan's underwritten love interest Annu (Rooney Mara) or his vision of his unknown mother – and there is a lingering feeling of unfulfilled potential, but the good definitely outweighs the bad. Thanks to stellar acting from both men involved, Callahan's meeting with the man who caused his disability, years after the incident, is a standout scene not just of the film but of the year; and his tender relationship with Donnie, a gay man living through the AIDS crisis, is another beautiful reminder that Van Sant, if nothing else, is a master at depicting male friendship.

★★★★

Samstag, 18. August 2018

Mansi Tiwari on... Locarno's Leopard Ladies

© Locarno Festival

This is a guest article written by Mansi Tiwari.

Coming in from a lurker's web of hauntings, both as an honour and a tribute to pizzas of years past, shared in the ruins of the Castello in Locarno, today, I come to you with some terrific lady filmmakers who truly earned their spots at the 71st edition of the Locarno Film Festival.

In between the retrospectives dedicated to Leo McCarey, famous for shorts involving Laurel and Hardy, as well as Duck Soup (1933) and The Awful Truth (1937), nestled between opening night's Les beaux esprits and that train wreck of an attempt to rationalize impersonating the mentally disabled, we have a few silent gems unmentioned and unheard that truly deserve the limelight.

After all, what were we really there for? Denzel Washington shooting up his former gang for the second time in The Equalizer 2, in the name of what director Antoine Fuqua termed the righteous call of "justice"? Frankly, as entertaining as our good friend Denzel can be on a languid summer night, there has got to be more hidden in the thickets of the festival. Which is where I am reporting from. Live. Literally from the entanglement of chair legs at the public screening, Because hidden in these very thickets, we have a bunch of XX-chromosome toting humans that truly deserve a silent cry into the abyss of the internet.

As always, the short film selection is shocking in its extreme ends of fabulous young filmmakers attempting their first shorts and the rather not-as-fabulous flip side of those very young filmmakers attempting their first shorts. With that in mind, let us jump right into Annette Sidor's Fuck You, her third short to grace the world.

Fuck You
© Verket Produktion
Following the young Alice (a truly stunning Yandeh Sallah, rocking a mustard crop top like no other girl ever has), Fuck You opens with her and her two friends venturing into an adult store. As one must, Alice accepts a dare and steals a lilac-colored strap-on from the store and heads out to meet up with her white-tee-baseball-cap-wearing boyfriend (truly a high school dream boat, one must confess) and the rest of the lads. Now, in an attempt to pique interest in our dear Annette, I shall leave you with the question, what exactly does a gang of ragtag boys do when confronted with a girl bearing a lilac-covered strap-on, radiating the pride of a thousand suns? With a set up such as this one, it's very clearly where Sidor's focus lies – namely identity and gender politics, sexuality, its norms and deviances, which I found she traverses both in a lithe and adept manner. She has been running Verket Produktion with her colleague Jerry Carlsson since 2015, so I shall be sat here waiting for news from their Nordic corner.

Another short, another lady from the north: Emilie Blichfeldt and her short film entry Saras intime betroelser (Sara's Intimate Confessions, for all us non-Norwegian speakers) this time, as part of this year's Concorso internazionale. In a charming confrontation of the protagonist's interior life, we watch Sara daydream and day-nightmare her way through her beliefs about femininity and her own body, as she fantasizes about her love life. Her hyperawareness of her large stature and size, compared to her elfine friend Katinka, twists her dreams into tormenting self-doubt and forces her to come to terms with it. Sara negotiates her fear of her body by laying herself bare for the most intimate conversations I have ever witnessed on screen. All my hats off to Anne Sofie Wanstrup as Sara and her amazingly bilingual body. There is little to be said but that there is no excuse to miss out on this amusing featurette.

Sibel
© Les Films du Tambour
Last but not least, let's move to the feature-film length masterpiece by the name of Sibel, directed by Çağla Zencirci and Guillaume Giovanetti. The eponymous protagonist lives with her father and sister in a secluded village in Turkey, maintains a passion for hunting wolves, while caring for her family, as the only unmarried girl of her age in her village. What sets Sibel apart from her community is her muteness, which has her communicating by means of a fading whistling language local to the very village the movie is set in. Bold and non-conforming, she is often reminded of her outcast status by her peers and even her sister, frequently excluded from social events.

Attempts at trying to navigate fitting in and her disability are doomed to fail, especially in the face of a village that considers her damaged and devilish. Instead, she hooks up her rifle and spends hours sniffing out a wolf tormenting the forests, but finds a hidden deserter instead, who won't be dissuaded from communicating with her. I swear, if any face held half of the energy Damla Sönmez displays as Sibel, fiercely cussing out the village in the angriest trills I’ve heard, the world would crackle with static electricity all hours of the night. Sibel is truly an unexpectedly charming gem to have come out of the festival, ending in nothing short of an assault on the poor PalaVideo on the film's second and final showing, as hordes of viewers attempted to bully their way into the completely overbooked, sauna-esque screening.

Now all that remains for me to do now is dole out shout-outs to Dominga Sotomayor's Tarde para morir joven, an insanely vibrant and we-grow-our-own-food commune aesthetic set after the fall of Pinochet's dictatorship in Chile in 1990. Can you believe Sotomayor is the first-ever female director to have been honored with the Best Director award at the festival this year? If you're into charming female acting debuts, visceral and dreamy camerawork, and the epitome of aesthetic bathtubs and dog-watching, there is no way to get around watching this movie.


Another short, by name of Reneepoptosis is another work of pure animation magic, as it follows three Renees' quest to find God, also known as Renee (please do yourselves a favour and watch the magnificent trailer above). For emotional reasons, I shall throw in that one Cary Grant movie that had me, and especially my partner in crime, cackling like springtime goblins in the cinema (The Awful Truth).

And also, flowers abound to Alan for letting me monkey around on his truly delightful blog (all you ghostly lurkers had better leave a comment on his posts!).

Dienstag, 14. August 2018

The Rider

In atemberaubenden Bildern aus den Badlands von South Dakota erzählt Chloé Zhao keine Geschichte über die Unbeugsamkeit des amerikanischen Cowboy-Archetyps, sondern ein stilles, nachdenkliches Drama über den inneren und äusseren Druck, diesem Archetyp entsprechen zu müssen.

Diesen Kampf ficht Brady Blackburn (Brady Jandreau) aus, der gemeinsam mit seinem verwitweten, alkoholkranken Vater Wayne (Tim Jandreau) und seiner autistischen Schwester Lilly (Lilly Jandreau) in einfachsten Verhältnissen lebt. Geld verdienen er und Wayne mit dem Pferdehandel; mit Rodeos und Pferdetraining verdient der junge Mann sich ein Zubrot. Doch seit einem Unfall beim Rodeo hat Brady eine Stahlplatte im Kopf und leidet an motorischen Störungen. Die Ärzte raten ihm dringend vom Reiten ab.

Wie bereits Zhaos Debüt, das Lakota-Drama Songs My Brother Taught Me (2015), spielt auch The Rider im Pine-Ridge-Reservat im Südwesten von South Dakota. Und auch dieses Mal verbrachte die in China geborene Regisseurin Monate an ihrem Drehort – nicht nur um ein Gefühl für den Ort zu erhalten, sondern auch um ihre Darsteller und Figuren kennen zu lernen.

Denn ein Blick hinter die Kulissen – und auf den Cast – verrät: Hier spielen alle eine fiktionalisierte Version ihrer selbst. Brady Jandreau arbeitet tatsächlich als Pferdetrainer in den Badlands; Tim ist sein Vater, Lilly seine Schwester. Einer der besten Freunde seiner Figur ist das einstige Rodeo-Jungtalent Lane Scott, der bei einem Sturz schwere Hirnschäden davontrug und mittlerweile im Pflegeheim lebt. Gespielt wird er vom einstigen Rodeo-Jungtalent Lane Scott, der bei einem Autounfall schwere Hirnschäden davontrug.

Zhao vermischt Authentizität mit künstlerischer Freiheit. Sie spitzt die Persönlichkeiten, die sie an ihrem Schauplatz vorfindet, poetisch zu, wodurch ihr Film sowohl als intime Milieustudie als auch als emotional resonantes Charakterdrama funktioniert. (Es wird interessant sein, wie sie diesen Stil in ihr nächstes Projekt – ein historisches Biopic über Bass Reeves, den ersten schwarzen U.S. Marshal westlich des Mississippi – einbringen wird.)

Erzählerisch zeichnet sich The Rider durch seinen expressiven Minimalismus aus. Szenen und Sequenzen gehen nicht fliessend ineinander über. Vielmehr vermittelt Zhao ihre Geschichte in Vignetten, in sich geschlossenen Miniaturen, in denen subtil auf das Innenleben der Figuren verwiesen wird – und welche dank der Nähe zwischen Fiktion und Realität tief berühren. Gerade Bradys Besuche bei Lane sind von unbeschreiblicher emotionaler Kraft.

Seit einem Unfall darf Brady (Brady Jandreau) nicht mehr reiten.
© Cineworx
Und inmitten dieses empathischen Porträts vom Leben der Badlands-Cowboys und Rodeo-Helden, denen der Film auch gewidmet ist, findet Zhao den Platz, um sich mit der destruktiven Seite dieser ikonischen Figuren auseinanderzusetzen. Wenn der leidenschaftliche Reiter Brady seine Hand am Zügel ungewollt zur Faust ballt, dann ist das mehr als ein Symptom seiner beeinträchtigten Bewegungskontrolle.

Es symbolisiert die Macht der Erwartungen, die gerade in diesem doch so quintessenziell amerikanischen Setting an Männlichkeit gestellt werden – und den Kraftakt, der nötig ist, um dagegen anzukommen. In seinem Kern dreht sich The Rider um den durch Gruppendruck angeheizten inneren Konflikt zwischen dem chauvinistischen, vermeintlich individualistischen Western-Ideal – "Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss" – und wahrem Individualismus: der Idee, dass Geschlechterrollen nicht ausgelebt werden müssen; dass dem einen oder anderen Westernhelden etwas mehr Emotionalität, Fürsorglichkeit und Demut gut zu Gesicht gestanden hätten.

★★★★★

Montag, 13. August 2018

"Liebe Schweizer Verleiher..." – Teil 3


"Liebe Schweizer Verleiher..." macht auf Filme aufmerksam, die laut filmdistrubution.ch hierzulande noch keinen Verleiher gefunden haben und die es – meiner Meinung nach – verdienen würden, auf Schweizer Leinwänden gezeigt zu werden. An die Arbeit, Schweizer Verleiher!

Teil 1

Teil 2




Eighth Grade

Seien wir realistisch: Weder Stand-Up-Comedy-Kultur noch amerikanische YouTube-Stars sind hierzulande garantierte Publikumsmagneten. Deshalb wird es wohl hauptsächlich von den Zahlen an den US-Kinokassen abhängen, ob Eighth Grade – das Regiedebüt des YouTubers und Stand-Up-Comedians Bo Burnham – in der Schweiz starten wird.

Ein Verleiher hat sich bislang noch nicht gefunden, doch es steht zu hoffen, dass dies nur noch eine Frage der Zeit ist. Produziert wurde der Film vom Studio A24, das sich in den letzten Jahren als Coming-of-Age-Erfolgsschmiede schlechthin profiliert hat (Moonlight, 20th Century Women, The Florida Project, Lady Bird). Als der Sundance-Kandidat am 13. Juli in gerade einmal vier US-Kinosälen startete, vollbrachte er Grosses: Im Laufe eines Wochenendes spielte er über 250'000 Dollar ein und wurde somit zum Film mit dem höchsten Umsatz pro Leinwand im laufenden Jahr.

Eighth Grade handelt, wie der Titel schon sagt, vom Leben in der achten Klasse. Für Kayla (Elsie Fisher) läuft die letzte Woche der Mittelstufe; nach den Sommerferien wartet die sagenumwobene High School auf sie. Burnham, von dem auch das Drehbuch stammt, lotet das emotionale Terrain dieser schwierigen, prägenden Übergangszeit aus – und das mit Erfolg, wenn man den begeisterten Kritiken Glauben schenken mag.

Skeptiker könnten den etwas übersättigten Coming-of-Age-Fim-Markt als Argument gegen einen Schweizer Start von Eighth Grade ins Feld führen. Doch wenn die hiesigen Verleiher die Grenze ausgerechnet bei einem der grossen Indie-Hits des Sommers ziehen, dann darf man sich auch nicht wundern, wenn die Kinos leer bleiben.



Sorry to Bother You

Am 4. August tweetete der Rapper und Filmemacher Boots Riley: "re: the international distribution of #SorryToBotherYou: Even tho we'r outperforming a gang of other movies, distributors r claiming 'Black movies' dont do well internationally and r treating it as such. There'r films that bombed here, that theyr distributing. Let em know wsup".

Gewisse Filme können auf einen internationalen Vertrieb zählen – ob sie in den USA nun Erfolg hatten oder nicht. Andere hingegen – wie etwa Rileys Regiedebüt Sorry to Bother You – müssen um jede Übersee-Leinwand kämpfen, gerade wenn es sich dabei um angebliche "Nischen"-Produkte handelt. Diese Logik ist leider auch der Schweizer Kinolandschaft nicht fremd: Man denke an Ava DuVernay, deren Schaffen der Schweiz bis Selma (2014), ihrem dritten Spielfilm, vorenthalten wurde. I Will Follow (2010) und Middle of Nowhere (2012) sind bis heute auf legalem Wege kaum auffindbar. Und der Kinostart ihres Disney-Blockbuster A Wrinkle in Time (2018) wurde vom vorhandenen Verleiher kurzfristig gestrichen.

In diesem Klima werden es auch Boots Riley und Sorry to Bother You nicht einfach haben, zumal es sich dabei um eine absurde schwarze Komödie handelt, welche bereits die amerikanischen Zuschauer spaltete. In der Hauptrolle ist Atlanta-Darsteller Lakeith Stanfield zu sehen, der als Telefonverkäufer ungeahnt erfolgreich ist – weil er mit einer perfekten "weissen" Stimme sprechen kann.

Möglicherweise wartet die Schweizer Verleiherszene noch auf die Box-Office-Zahlen von Spike Lees BlacKkKlansman, bevor sie sich für oder gegen Sorry to Bother You entscheidet. Daran sollte es aber nicht hängen: Riley hat zeitgenössisches Satirekino gemacht, das auch in der Schweiz gesehen werden sollte (und will).



Crazy Rich Asians

Es ist die erste Hollywoodproduktion mit asiatischen und asiatischstämmigen Hauptakteuren in einem Vierteljahrhundert – seit Wayne Wangs The Joy Luck Club (1993). Anders als Eighth Grade und Sorry to Bother You hat die Romanadaption Crazy Rich Asians von Jon M. Chu (Step Up 2: The Streets, Justin Bieber: Never Say Never, Now You See Me 2) bereits einen Schweizer Verleiher – Warner Bros. sei Dank –, aber noch kein Startdatum. Erwähnt wird Chus romantische Komödie hier, damit ihr nicht dasselbe Schicksal wie Ava DuVernays A Wrinkle in Time widerfährt.

Der Film erzählt vom Aufeinanderprallen zweier Kulturen aus einer Perspektive, die man gerade in Kontinentaleuropa selten zu Gesicht bekommt: Die Wirtschaftsprofessorin Rachel (Constance Wu) begleitet ihren Freund Nick (Henry Golding) nach Singapur zur Hochzeit seines besten Freundes, wo sich die eingefleischte sinoamerikanische New Yorkerin plötzlich mit Nicks schwerreichem Bekanntenkreis aus Südostasien konfrontiert sieht.

Crazy Rich Asians leistet essenzielle Repräsentierungsarbeit, die auch im Einwanderungsland Schweiz äusserst willkommen ist. Darüber hinaus ist Chu laut ersten Kritikerstimmen auch eine ungemein unterhaltsame Sommerkomödie gelungen, in der er einmal mehr seine Qualitäten als Choreograf unter Beweis stellen darf. Wie schade, wenn es hierzulande auch bei diesem Film lediglich beim Beinahe-Start bleiben würde.

Freitag, 10. August 2018

Kulenkampffs Schuhe

"Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln … und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben" – Adolf Hitler, "Reichenberger Rede" (1938)

"Hitler und die Nationalsozialisten sind nur ein Vogelschiss in 1'000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" – Alexander Gauland (2018)

Am 8. August zeigte die ARD im späteren Abendprogramm die Essay-Dokumentation Kulenkampffs Schuhe von Regina Schilling. Grosse Wellen wird der Film, der noch bis zum 15. August in seiner ganzen Länge online verfügbar ist, angesichts dieser Ausstrahlungsart im allgemeinen Kino-Diskurs wohl nicht schlagen. Umso wichtiger, dass dieses einfühlsame Psychogramm der deutschen Nachkriegszeit von möglichst vielen Menschen gesehen wird.

Regina Schilling ist in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren in Köln aufgewachsen – im goldenen Zeitalter der deutschen Samstagabendunterhaltung. Wie Millionen andere Mittelstandsfamilien in der Bundesrepublik sass auch sie mit Mutter, Vater und Geschwistern Woche für Woche gebannt vor dem Fernseher, um den grossen Showmastern und Entertainern Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander dabei zuzusehen, wie sie mit ihren gutbürgerlichen Gästen und Kandidaten plauderten, höfliche Witzchen machten und im Studio und den Wohnzimmern gute Laune verbreiteten. "Die Wellness-Kur am Wochenende, damit man am Montagmorgen wieder fit ist", so Schilling, im Film vertreten durch die Stimme der Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader (Vor der Morgenröte).

Doch in der heiteren Wirtschaftswunder-Fassade waren immer wieder Risse erkennbar: Freud'sche Versprecher, ungemütliche Anspielungen – als läge hinter dem schneeweissen Lächeln etwas Ungesagtes, das nach draussen dringen wollte. Doppelbödige Sprüche über das Militär waren Kulenkampffs Spezialität. Ein etwas schief singender Studiogast, geschätzte 60 Jahre alt, meint, "Ich habe bei Juden gelernt". Am 9. November 1978, dem 40. Jahrestag der Kristallnacht, trägt der Jude Hans Rosenthal schwarz – ein Verschieben der Sendung erlaubte ihm das ZDF nicht. Beredtes Schweigen in der Röhre.

Hans-Joachim Kulenkampff in Einer wird gewinnen.
© ARD
Und natürlich gab es da Ungesagtes. Nicht umsonst heisst Schillings Film, der aus Archivmaterial und Familienaufnahmen zusammengesetzt ist, Kulenkampffs Schuhe: Im Scheinwerferlicht der ARD-Quizsendung Einer wird gewinnen erstrahlten Kulenkampffs blitzsaubere Lackschuhe; doch darunter verbargen sich die verstümmelten Überreste der vier Zehen, die er sich in der Eiseskälte des Russlandfeldzugs mit einem Taschenmesser abschneiden musste.

Schilling, wie die meisten Vertreter ihrer Generation, kennt diesen Deckmantel des Schweigens. Wie so viele wurde sie in eine Bilderbuchfamilie hinein geboren, in welcher der Blick streng nach vorne gerichtet war. Ihre Eltern führten eine Drogerie, man wählte CDU, sonntags ging man spazieren. Was es mit den Fotoalben auf sich hatte, in denen Vater Alfons – zwölf Jahre älter als Mutter Irmtrud – in Uniform zu sehen war, darüber wurde nie gesprochen.

Für die Regisseurin waren Kulenkampff, Rosenthal und Alexander wie Familienmitglieder, erinnerten sie an ihren Vater – zunächst, weil sie ungefähr im gleichen Alter waren: Alfons wurde, wie Rosenthal, 1925 geboren, Kulenkampff 1921, Alexander 1926. Dass die Parallelen tiefer gehen, versteht sich von selbst: Kulenkampff kämpfte an der Ostfront, Alexander diente in der Ostsee-Marine, Alfons träumte von einer Karriere als Wehrmacht-Pilot und rückte begeistert ein. Indessen landete Rosenthal in einem jüdischen Waisenhaus; sein kleiner Bruder wurde nach Riga deportiert und dort erschossen.

Hans Rosenthal in Dalli Dalli.
© ARD
Kulenkampffs Schuhe handelt vom langen Schatten der nationalsozialistischen Diktatur, der selbstauferlegten Vergnügungskur der jungen Bundesrepublik und dem empfindlichen Contrat social, der ihr zugrunde lag. Wieso empfand Kulenkampff das Verlangen, bis an sein Lebensende Militärwitze zu reissen? Worüber sprachen Alfons und seine gleichaltrigen Freunde, als sie Anfang der Fünfzigerjahre auf Europatour gingen? Und wie muss sich Rosenthal gefühlt haben, der Spassmacher für ein Publikum zu sein, in dem fast zwangsläufig Menschen sitzen, die ihn in seiner Jugend bespuckt, verprügelt oder umgebracht hätten?

Schilling verflechtet Zeit-, Kultur- und Familiengeschichte zu einem faszinierenden, tief berührenden und vielschichtigen Deutschland-Porträt, das auch ein essenzieller Beitrag zur anhaltenden, gerade von AfD-Seite her neu befeuerten Debatte über Erinnerungskultur und Erbschuld ist. Der Film beleuchtet sowohl die soziopolitische Funktion des Vergessens und Verdrängens –"Hätte man miteinander arbeiten können, wenn man alles vom andern gewusst hätte?" – als auch die psychischen und physischen Konsequenzen dieses Schweigens. Anstatt sich auszusprechen, wurde geraucht, getrunken, fröhliche Unterhaltung produziert und konsumiert. Es war eine optimistische Zeit – und trotzdem nahm um 1970 die Zahl der Herzinfarkte in Deutschland stark zu; Alfons und zwei seiner Freunde fielen dem Trend zum Opfer.

Regina Schillings Vater Alfons.
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Die Bundesrepublik war traumatisiert. Vielleicht ist sie es immer noch. In einem alten Interview ist Konrad Adenauer zu sehen, wie er von der "moralischen Verwüstung" spricht, die während Hitlers Regime Einzug hielt. Schilling gelingt es hervorragend – und ohne erhobenen Zeigefinger – zu zeigen, dass weder die Entnazifizierung durch die Alliierten, noch die Amnestie für Jungsoldaten wie Kulenkampff, Alexander und Alfons, noch der wirtschaftliche Aufschwung, noch die importierten Fernsehformate ein adäquater Ersatz für echte Bewältigungsarbeit waren.

Manche, darunter die drei Entertainer im Fokus des Films, haben sich in irgendeiner Form dennoch ausgesprochen, haben Interviews gegeben und Bücher geschrieben. Andere behielten es Zeit ihres Lebens für sich: Alfons zum Beispiel, aber auch Fernsehlegenden wie Horst Tappert, nach dessen Tod bekannt wurde, dass er der Waffen-SS angehört hatte. Und dann war da ja auch noch Martin Jente, der Kulenkampffs Einer wird gewinnen produzierte und darin regelmässig als Butler auftrat: Posthum stellte sich heraus, dass er ein SS-Mitglied der ersten Stunde gewesen war.

Schilling ist nicht wütend auf diese Männer. Dafür ähnelt deren Geschichte zu sehr der ihres Vaters, ihrer Familie. Vielmehr stellt sie sich in ihrem meisterhaften Dokumentarfilm die Frage, was deren Existenz für ihr Land und ihre Landsleute bedeutet – inwiefern die Gesellschaft und die Kultur der Bundesrepublik das Erbe des Nationalsozialismus in sich tragen. Ein Vogelschiss ist das nicht.

★★★★★