Thursday, 25 July 2013

Only God Forgives

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Beim Filmfestival von Cannes setzte es Buhrufe ab; die Mehrzahl der Kritker stimmt ins ablehnende Echo mit ein: Only God Forgives, Nicolas Winding Refns Nachfolgewerk zum Neo-Noir-Thriller Drive, gilt weit herum als kapitaler Fehlschlag. Zu Unrecht.

Womöglich sind falsche Erwartungen der Hauptgrund für die teils vitriolischen, oft vernichtenden Rezensionen. Man erhoffte sich eine Art Fortsetzung zu Drive, der mit stilistischer Virtuosität und emotionaler Kraft die Formeln des amerikanischen Action- und Thrillerkinos variierte und sich auf Genre-Pioniere wie Sam Peckinpah und Martin Scorsese berief. Only God Forgives hingegen bewegt sich in eine völlig andere Richtung: Poster-Star Ryan Gosling, im letzten Film des Dänen noch klarer Hauptdarsteller, spricht hier kaum mehr als zwanzig Zeilen Dialog und spielt dramaturgisch eine kleinere Rolle als der wenig bekannte thailändische Schauspieler Vithaya Pansringarm; derweil ein Blick in den Abspann genügt, um festzustellen, dass Refn hier mit anderen filmischen Präzedenzen operiert. Only God Forgives ist dem chilenischen Filmemacher Alejandro Jodorowsky gewidmet, dessen Filme (El Topo, La montaña sagrada) bekannt sind für ihre surrealen Symbolwelten; gedankt wird zudem dem Argentinier Gaspar Noé, der sein Publikum in Seul contre tous, Irréversible und Enter the Void mit Szenarien roher Gewalt herausforderte.

Die vergleichsweise komfortable, weil vertrautere, Welt des amerikanischen Gangster-Films figuriert in Only God Forgives nur noch vereinzelt. Weit entfernt sind die "Mean Streets" von New York und Los Angeles, als Schauplatz dient Bangkok, die höllische Hauptstadt Thailands, wo Julian (Gosling) eine Thai-Box-Bar betreibt und sich mit dem Verkauf von Drogen über Wasser hält. Nachdem sein älterer Bruder Billy (Tom Burke) eine minderjährige Prostituierte vergewaltigt und ermordet hat, erhält deren Vater vom Polizeiinspektor Chang (Pansringarm) die Erlaubnis, selber über Billy zu richten. Als seine Mutter Crystal (die raffiniert gegen den Strich besetzte Kristin Scott Thomas), eine Unterwelt-Matriarchin vom Typ Ma Jarrett (Margaret Wycherly in Raoul Walshs Film Noir White Heat), davon erfährt, fliegt sie eigens aus den USA ein, um zu sehen, wie Julian sich für seine Familie an Chang rächt.

Die Rache Gottes: Polizeiinspektor Chang (Vithaya Pansringarm) stellt Crystal (Kristin Scott Thomas), die ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hat.
© Frenetic Films
Auch in dieser Hinsicht widersetzt sich Refn den Erwartungen: An seiner Oberfläche mag Only God Forgives wie ein Kriminaldrama anmuten, doch darunter verbirgt sich ein kompromissloser surrealistischer Horrorfilm, aufgeladen mit bizarren Traumbildern, abstossender Gewalt und subtilen Verweisen (die Verneigung vor Un chien andalou von Luis Buñuel und Salvador Dalí ist besonders markant). In diesem Schema übernimmt Julian, die verhinderte Hauptfigur, eine Doppelrolle. Zum Einen ist er die personifizierte Krise der stereotypen Männlichkeit: Verzweifelt – und vergebens – bemüht er sich um Dominanz über das weibliche Geschlecht; von seiner Mutter, mit der er ein beinahe inzestuöses Verhältnis pflegt, wird er verhöhnt. Unentwegt starrt er auf seine Hände, mit denen er im Kampf gegen Chang nichts auszurichten vermag.

So ist er letztlich auch ein machtloser, ja kastrierter Teufel, angedeutet durch das diabolische Logo seines Box-Clubs, der von einem ruchlosen alttestamentarischen Gott ausgestochen wird, verkörpert vom enigmatischen, von Vithaya Pansringarm grossartig gespielten Chang, der mit klinischer Genauigkeit richtet, foltert und tötet – und danach in gespenstischen Karaoke-Szenen davon singt, wie er niemals vergisst. Er könnte vergeben, so der Titel, tut es aber nicht.

Refn rahmt diese reiche Symbolik ein mit einer grandiosen Ästhetik, die, bei allen filmhistorischen Verbindungen, ganz seine eigene ist: die rigorose Farbpalette, beherrscht von düsteren Tönen von neonrot-, -blau und -gelb, die magistral komponierten Tableaux, jedes einzelne ein Beweis für die schiere Brillanz des Regisseurs. Manche werden den Kinosaal dennoch kopfschüttelnd verlassen, einige vielleicht sogar frühzeitig. Doch damit zeigt Only God Forgives, das unbeirrte Werk eines radikalen Visonärs, einmal mehr, dass kontroverse Kunst häufig die beste ist.

★★★★★½ 

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