Donnerstag, 19. September 2019

Ad Astra

© 20th Century Fox

★★★★

"Gray reichert diese archaische, bisweilen hyperliterarische Erzählung im Stile von Heart of Darkness und Moby-Dick aber nicht nur mit herausragend inszenierten, schaurig stillen Action- und Thrillersequenzen an, in denen die grandiose Arbeit von Kameramann Hoyte van Hoytema (Interstellar) und Komponist Max Richter besonders zur Geltung kommt. Trotz einer nicht eben subtilen Überbeanspruchung von inneren Monologen, die selten etwas Wesentliches zu einer Szene beitragen, kreiert Gray immer wieder Momente von aussergewöhnlichem Tiefgang, die den männlichen Heldenkomplex des Science-Fiction-Kanons aushebeln und das Genre effektiv weiterdenken."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Dienstag, 17. September 2019

Der Büezer

© Milieu Pictures

★★★

"Hier trifft atmosphärisches Filmemachen auf eine erfrischend nüchterne, weder überzeichnet noch allzu moralistisch wirkende Vision der modernen Schweiz. Bliebe der Film diesem Konzept im Grossen und Ganzen treu, wäre auch das stete Anhäufen immer neuer Konfliktfelder, die sich in 83 Minuten unmöglich überzeugend abarbeiten lassen, zu verkraften. Problematisch wird Der Büezer aber, als Kaufmann, der neben der Regie auch für Drehbuch, Schnitt und Produktion zeichnet, städtische Isolation, Sektenfanatismus, Frauenhass und Kinderprostitution zu einem explosiven Finale zu verdichten versucht."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Mittwoch, 4. September 2019

Das Leben ist eines der Leichtesten

© Hochschule Luzern – Design & Kunst – BA Animation Studiengang Film

★★★★

"Die Linien gleiten mit der ballettartigen Eleganz von Viking Eggelings avantgardistischer Symphonie diagonale (1925) über die Leinwand und verwandeln sich in geometrische Formen, markante Figurenskizzen, Bäume, Regenwolken, ja, ganze kriegsversehrte Städte. Nicht zuletzt deshalb ist Das Leben ist eines der Leichtesten eine virtuose Erinnerung daran, warum der Animationsfilm 'das Medium der unbegrenzten Möglichkeiten' genannt wird."

Ganze Kritik im Cinema-Jahrbuch (online einsehbar)

Dienstag, 3. September 2019

Diego Maradona

© DCM

★★★

"Wie schon in Senna und Amy wird diese Fülle an Eindrücken zu einem spannenden Narrativ verdichtet, anhand dessen sich nicht zuletzt nachgeborene Fussballfans einen willkommenen Überblick über das Phänomen Maradona verschaffen können. Gleichzeitig ist Kapadias Kino aber immer noch eines der absoluten, beinahe schon identitätslosen Funktionalität. Maradona mag sich hie und da zu den zahlreichen anderen Erzählstimmen dazugesellen, doch letztlich ist es irrelevant, dass der Protagonist dieses Films noch lebt."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Montag, 2. September 2019

La séparation des traces

© First Hand Films

★★★

"Schwärmt er im einen Moment angesichts seiner eigenen Filme vom Verwischen der Absolute, spricht er dort verschmitzt von seiner Verachtung für den modernen Fussball und erinnert an seine "reaktionäre" Unterstützung des traditionellen Familienbildes. Während Godard und Varda in ihren autobiografischen Selbstporträts den Blick für das Universelle behalten, interessiert sich Reusser hier vor allem für Reusser."

Ganze Kritik im Cinema-Jahrbuch (online einsehbar)

Donnerstag, 22. August 2019

Toy Story 4

"Die beste Trilogie aller Zeiten": So lautete im Sommer 2010 vielerorts – von BBC bis Facing the Bitter Truth – das Verdikt, als die Pixar Animation Studios den herausragenden dritten und vermeintlich letzten Teil der Toy Story-Reihe in die Kinos brachten. Doch neun Jahre nach diesem tränenreichen Abschied wollen es Cowboy Woody und Space Ranger Buzz Lightyear in Toy Story 4 noch einmal wissen: Unwillkommen ist das nicht, doch dem nachgereichten Wiedersehen fehlt die emotionale Schlagkraft seiner Vorgänger.

Wer sich aber mit dem Gedanken anfreunden kann, anstatt einer ebenbürtigen Erweiterung eine Fussnote des Toy Story-Kanons zu sehen, wird über die qualitative Kluft zwischen "(einer) der besten Trilogie(n) aller Zeiten" und ihrem vierten Teil hinwegsehen können. Denn trotz eines chaotischen Produktions- und Schreibprozesses, der von Personalwechseln, kreativen Differenzen und dem Rücktritt von Pixar-Urgestein John Lasseter aufgrund diverser glaubhafter Vorwürfe der sexuellen Belästigung geprägt war, legt Regie-Debütant Josh Cooley hier eine äusserst vergnügliche Komödie vor.

Nach einem wehmütigen Blick in die Vergangenheit – als die lebenden Spielzeuge rund um Woody (gesprochen von Tom Hanks) und Buzz (Tim Allen) noch bei Andy wohnten –, der punkto berührender Nostalgie direkt an Toy Story 3 anknüpft, erfahren wir, wie es den Spielzeugen ergangen ist, seit Andy sie der kleinen Bonnie (Madeleine McGraw) vermacht hat. Auch kurz vor ihrem Eintritt in den Kindergarten spielt Bonnie noch hingebungsvoll mit den üblichen Verdächtigen: Buzz, Cowgirl Jessie (Joan Cusack), der Plastikdinosaurier Rex (Wallace Shawn) und wie sie alle heissen kommen tagtäglich zum Einsatz – nur Woody, der einstige Anführer der Truppe, verstaubt langsam im Schrank.

Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Am Kindergarten-Einführungstag fühlt sich Bonnie dermassen allein, dass sie sich einen neuen Freund aus Abfall bastelt. Ein Plastikgöffel, etwas Knete, ein Pfeifenreiniger und ein Eisstiel – fertig ist Forky (Tony Hale), Bonnies neuestes Lieblingsspielzeug. Dabei ahnt sie nicht, wie viele Existenzkrisen sie damit heraufbeschwört: Während Forky wild entschlossen ist, in den Mülleimer zurückzukehren, müssen Woody und seine Freunde versuchen, ihn von der Aufgabe eines Spielzeugs zu überzeugen.

Woody (gesprochen von Tom Hanks) freundet sich mit dem aus Abfall entstandenen Spielzeug Forky (Tony Hale) an.
© The Walt Disney Company Switzerland / Pixar Animation Studios
Bewaffnet mit diesen existenzialistischen Ansätzen, die in Toy Story (1995), Toy Story 2 (1999) oder Toy Story 3 wohl noch vertieft worden wären, schicken Cooley und seine sieben (!) Drehbuch-Co-Autor*innen Bonnie, ihre Eltern und ihre Spielzeuge auf einen Camping-Trip, auf dem Woody und Buzz neue Freundschaften schliessen und mit einer alten Bekannten wiedervereint werden. Von Outlaw-Spielzeugen und kanadischen Actionhelden über Stinktier-Fahrzeuge und verrohte Jahrmarkt-Plüschtiere bis hin zu einer neuerlichen, leicht angepassten Inkarnation von Bösewichten wie Stinky Pete (Toy Story 2) und Lotso (Toy Story 3), die mit der brutalen Logik der Wegwerfkultur hadert – Toy Story 4 ist übervoll mit guten Ideen und ausgefallenen Szenarien, was sich sowohl als Segen als auch als Fluch erweist.

Eine derartige Fülle an Elementen – ein eindeutiges Indiz dafür, für wie viele Visionen in diesem Drehbuch Platz gefunden werden musste – stimmig in einem 100-minütigen Familienfilm unterzubringen, ist kein leichtes Unterfangen, weshalb es auch nicht überrascht, dass das Ganze bisweilen ein gewisses Mass an Tiefgang vermissen lässt. Emotionale Momente, gerade im letzten Akt, wirken allzu reissbretthaft und hinterlassen nur einen Bruchteil des Eindrucks, den vergleichbare Szenen in der ursprünglichen Trilogie hinterlassen. Selbst das designiert melancholische Ende ist eher ein geflissentliches Abhaken als ein tief empfundenes Verabschieden der Figuren. Hinzu kommt, dass Toy Story 4 mit seinen spektakulären Actionsequenzen mehr denn je die Glaubwürdigkeit der Vorstellung ausreizt, dass die Menschen nichts von der Lebendigkeit ihrer Spielzeuge wissen.

Auf einem Camping-Trip trifft Woody die zwielichtige Puppe Gabby Gabby (Christina Hendricks).
© The Walt Disney Company Switzerland / Pixar Animation Studios
Andererseits ist Toy Story 4 wohl eine der bislang witzigsten Pixar-Produktionen – und damit den Kinobesuch auf jeden Fall wert. Woody und Forky sind ein wunderbar ungleiches Duo, Buzz' neuer Running Gag entschädigt für seine reduzierten Auftritte, der Humor macht immer wieder Abstecher ins herrlich Absurde ("Dad is so going to jail"), während sich der Nebenfiguren-Cast nicht zuletzt dank Sprecher*innen wie Annie Potts, Keanu Reeves, Jordan Peele und Keegan-Michael Key auf höchstem Toy Story-Niveau bewegt.

Tatsächlich wird die Freude am ebenso unterhaltsamen wie sympathischen Toy Story 4 hauptsächlich durch den direkten Vergleich mit seinen Vorgängern getrübt. Auf sich allein gestellt, ist Cooleys Debüt nämlich ein grundsolider Eintrag in die Pixar-Filmografie, der sich qualitativ irgendwo zwischen A Bug's Life (1998) und Monsters University (2013) ansiedeln lässt und einmal mehr belegt, dass auch Filme aus dem Pixar-Mittelfeld noch sehr gutes Kino bieten.

★★★★