Sonntag, 17. März 2019

Kritik in Kürze: "Fyre", "High Flying Bird", "The Sisters Brothers"

Fyre – ★★★

Ein selten hervorgehobener, aber keineswegs unerheblicher Faktor in der anhaltenden Diskussion über die wirtschaftlichen und künstlerischen Effekte, welche die Streaming-Plattform Netflix auf das Kino hat, ist, wie sich in den letzten vier, fünf Jahren unter ihrem Einfluss die Dokumentarfilm-Landschaft verändert hat. Abseits der grossen Kontroversen – vom internationalen Kinostartverzicht von Annihilation bis zur umstrittenen Oscarkampagne von Roma – hat sich der einstige DVD-Lieferservice nämlich zum vielleicht mächtigsten Vertrieb von "traditionellen" Dokumentationen gemausert.

Diese Produktionen, darunter Oscarkandidaten und -gewinner wie Virunga (2014), What Happened, Miss Simone? (2015) und Icarus (2017), folgen oft unspektakulären Erzählmustern und sind in erster Linie darauf bedacht, Biografien und bemerkenswerte Ereignisse informativ zusammenzufassen und bekömmlich zu präsentieren. Es scheint, als hätte Netflix das klassische Nachmittagsfernsehen assimiliert.

Das Format ist wie gemacht für eine Aufarbeitung des filmreif gescheiterten Fyre Festivals – einem Musik- und Lifestyle-Event, der im Frühling 2017 Hunderte von Internet-Influencern und gut betuchten jungen Menschen mit dem Versprechen eines luxuriösen Wochenendes auf eine bahamische Insel lockte, letztlich aber nur mit Notunterkünften, Trockenbrot und Wasserknappheit aufwartete.

Chris Smiths Fyre zeigt auf, wie es dazu kommen konnte: wie der windige Unternehmer Billy McFarland mit seinem grossspurigen Auftreten über Monate hinweg Investoren bezirzte, den Rapper Ja Rule als Mitorganisator gewinnen konnte, Geld verschleuderte, vom Pech verfolgt war und schliesslich hilf-, aber ganz und gar nicht schuldlos, mitansehen musste, wie das ganze Kartenhaus in sich zusammen fiel.

Es ist eine gute Übersicht über ein unglaubliches Spektakel menschlichen Hochmuts, das dank seines sehr spezifischen Opfer- und Täterprofils – reiche Internet-Yuppies kriechen reicheren Internet-Yuppies auf den Leim – zu einem Meilenstein in der langen Geschichte den viralen Schadenfreude geworden ist. Damit lässt es Fyre aber auch bewenden. Auf eine Auseinandersetzung mit Cyberkapitalismus oder der neokolonialen Selbstverständlichkeit, mit der die bahamische Bevölkerung für das Fyre-Projekt eingespannt wurde, wird verzichtet, was zwar die Relevanz, nicht aber den Unterhaltungswert des Films schmälert.



High Flying Bird – ★★★★

Schon zum zweiten Mal seit seinem abgebrochenen Kino-Ruhestand greift Steven Soderbergh (Ocean's Eleven, Magic Mike, Logan Lucky) zum Handy: Nach dem Horrorfilm Unsane (2018) hat der Regisseur, Kameramann und Cutter nun auch das Sportdrama High Flying Bird auf einem iPhone gedreht.

Visuell macht der Film da weiter, wo andere iPhone-Produktionen – etwa Sean Bakers Tangerine (2015) – aufgehört haben: scharfe Kanten, tiefe Schatten, satte Farben – sofern der Schauplatz es erlaubt.

Denn High Flying Bird spielt in der bläulich-grauen Glas- und Stahlwüste Manhattan, wo die NBA-Teppichetage während einer Aussperrung über die Zukunft des amerikanischen Profi-Basketballs berät, derweil ein ambitionierter Spieleragent (André Holland) mithilfe seines Rookie-Schützlings (Melvin Gregg) die Blockade zwischen Spielern und Clubbossen auflösen will.

Mit seiner hintersinnigen Geschichte, die wohl jedes Publikum, das nicht mit den wirtschaftlichen und politischen Feinheiten des US-Profisports vertraut ist, vor eine Herausforderung stellen wird, versucht sich Tarell Alvin McCraney, der oscarprämierte Dramatiker und Drehbuchautor hinter Moonlight (2016), in High Flying Bird an so etwas wie einer Coverversion von Aaron Sorkin. Seine dichten, stets mitreissenden, wenn auch nicht immer gänzlich durchschaubaren Dialoge zwischen hoch spezialisierten Ränkeschmieden erinnern stark an Sorkins Wortschlachten in The Social Network (2010) und Moneyball (2011).

Zusammen ergeben Soderberghs kühle iPhone-Ästhetik und McCraneys messerscharfes Skript einen wohl allzu technokratischen Film, dem die nötige dramatische Fallhöhe fehlt, um restlos zu begeistern. Dennoch fällt es schwer, von der Qualität des Handwerks in High Flying Bird nicht beeindruckt zu sein. Das Kino kann nur profitieren, wenn Soderbergh zu seinem alten Schaffensdrang zurückfindet.



The Sisters Brothers – ★★★

Für sein englischsprachiges Debüt hat sich der französische Palme-d'or-Gewinner Jacques Audiard (Un prophète, Dheepan) viel vorgenommen: Auf den blutigen Spuren des Italowestern-Meisters Sergio Corbucci (Django, Il grande silenzio) führt er in The Sisters Brothers, einer Adaption des gleichnamigen Romans von Patrick deWitt, das Konzept der Western-Romantik ad absurdum.

Er ist nicht der Erste. Nicht nur Komödien wie Burt Kennedys Support Your Local Sheriff! (1969), Mel Brooks' Blazing Saddles (1974) und zuletzt Seth MacFarlanes A Million Ways to Die in the West (2014) haben es sich zur Aufgabe gemacht, das altehrwürdige Genre mit seinem oft idealisierten Vergangenheitsbild zu dekonstruieren – derartige Selbstkritik liegt dem Western mindestens seit John Fords The Man Who Shot Liberty Valance (1962), dem letzten Meisterwerk des grössten Western-Regisseurs aller Zeiten, im Blut.

Entsprechend wirkt an der Geschichte der Brüder Eli und Charlie Sisters (John C. Reilly, Joaquin Phoenix), die um 1850 im amerikanischen Westen als Auftragskiller unterwegs sind, wenig neu. Ihre Jagd auf einen Tüftler (Riz Ahmed) und dessen Geschäftspartner (Jake Gyllenhaal) ist ein betont unangenehmes Unterfangen – gezeichnet von Eiseskälte, Spinnenbissen und Infektionen –, das sich ansonsten aber kaum von einem typischen Verfolgungswestern unterscheidet.

Als solcher ist The Sisters Brothers passabel, aber nur selten eindrücklich – auch weil Audiards Bildsprache frustrierend inkonsequent ist. John C. Reilly und Joaquin Phoenix hingegen glänzen, ebenso das hervorragende Ende – quasi eine Umkehr des klassischen Schlussbildes von Fords The Searchers (1956) –, das eine thematische Tiefe suggeriert, die das Vorangegangene niemals erreicht.

Donnerstag, 14. März 2019

Captain Marvel

20 Einträge ins Marvel Cinematic Universe (MCU) – gut 43 Stunden Film – mussten verstreichen, bevor Disneys Marvel Studios mit Captain Marvel ihr erstes Superheldinnenabenteuer präsentierten. Es ist eine undankbare Aufgabe in jeder Hinsicht – für die Regisseure Anna Boden und Ryan Fleck, für die Hauptdarstellerin Brie Larson wie auch für die von ihr gespielte Titelheldin.

Letzterer wird im heiss erwarteten Marvel-Mega-Crossover Avengers: Endgame, der schon in einem guten Monat weltweit in die Kinos kommen wird, nämlich wohl die Aufgabe zufallen, nach dem verheerenden Paukenschlag-Ende von Infinity War den Avengers-Karren aus dem Dreck zu ziehen. Es steht fünf vor zwölf im MCU, die dem Publikum seit Jahren geläufigen Helden sind am Boden – und Captain Marvel muss nicht nur die Retterin in der Not auf die Schnelle einführen, sondern auch die Erwartungen erfüllen, die ein derart signifikanter Schritt in der Franchisengeschichte schürt.

Entsprechend gehen Boden und Fleck, bisher mit leisen Independent-Produktionen wie Half Nelson (2006) und It's Kind of a Funny Story (2010) in Erscheinung getreten, in ihrem Blockbuster-Debüt keine Risiken ein. Erzählerisch hakt Captain Marvel die klassischen Marvel-Versatzstücke ab, die man aus anderen Superhelden-Herkunftsgeschichten kennt (Iron Man, Doctor Strange) und verlässt sich statt auf Innovation auf den Unterhaltungswert seiner Prämisse und die Chemie zwischen seinen Figuren.

Die Rechnung geht überwiegend auf. Im Stile eines Star Trek-Films strandet Brie Larson als Alien-Soldatin Vers im Jahre 1995 in Los Angeles, wo sie sich mit dem jungen Geheimagenten – und späteren Avengers-Anführer – Nick Fury (Samuel L. Jackson) anfreundet und einer galaktischen Verschwörung auf die Spur kommt.

Die Alien-Soldatin Vers (Brie Larson) muss sich im Los Angeles der Neunzigerjahre zurechtfinden.
© Marvel Studios
Wie Leonard Nimoys Star Trek IV: The Voyage Home (1986) oder Justin Lins Star Trek Beyond (2016) ist Captain Marvel ein mit unverkrampfter Gewissenhaftigkeit vorgetragenes Alien-Abenteuer mit sympathischen Protagonistinnen, unscharf umrissenen Nebenfiguren und Konflikten, dezent integrierter Neunzigerjahre-Nostalgie und wohl dosierter Gesellschaftskritik, die sich hier gegen die amerikanische Politik des konstanten Kriegsführung richtet. Dabei erweisen sich Vers und Fury als einnehmendes Duo, dessen Foppereien so manche formelhafte Szene als emotional wertvollen Moment wirken lassen.

Während der digital verjüngte Jackson so befreit aufspielt, wie man es im MCU noch nie von ihm gesehen hat, verleiht Oscarpreisträgerin Larson (Room) Marvels neuester Kinoheldin genau das richtige Mass an selbstbewusster Lakonie. Mit dem süffisanten Lächeln, das selbst in den scheinbar aussichtslosesten Situationen ihr Gesicht umspielt, gibt sie sowohl dem Publikum als auch ihren Gegnern auf der Leinwand zu verstehen, dass man ihre Macht auf eigene Gefahr unterschätzt. In einem männlich dominierten Universum, in dem existenzielle Selbstzweifel zur Grundausstattung einer Heldenfigur gehören, bildet ihre Vers die erfrischende Ausnahme: Sie muss sich niemandem beweisen – nicht Fury, nicht ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law), zuallerletzt den sexistischen Internettrollen, die den Film wie auch Larson bereits seit Monaten heimsuchen.

Captain Marvel die Figur reisst also mit, wo Captain Marvel der Film lediglich befriedigt. Doch das genügt, um der kurz- und langfristigen Zukunft des MCU mit neuem Optimismus entgegenzublicken: Nicht nur wird ihre Präsenz in Avengers: Endgame eine Bereicherung sein; sie hat auch das Zeug dazu, zur Speerspitze einer wahrhaftig neuen Phase des modernen Superheldenkinos zu avancieren.

★★★

Mittwoch, 13. Februar 2019

Can You Ever Forgive Me?

© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation

★★★★

"Marielle Heller, deren Regiedebüt (The Diary of a Teenage Girl) beim Sundance-Festival 2015 für Furore sorgte, und ihren oscarnominierten Drehbuchautoren Nicole Holofcener (Enough Said) und Jeff Whitty ist mit Can You Ever Forgive Me? ein Kunststück gelungen. Obwohl sich die Geschichte einer unverhofften kriminellen Karriere hauptsächlich in Bars, Antiquariaten und an Lees Schreibtisch abspielt, ist ihre Adaption von Israels Memoiren eine hinreissende Mischung aus Screwball-Komödie, Heist-Movie und Charakterstudie."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Donnerstag, 7. Februar 2019

Vice

John Ford's underappreciated 1958 film The Last Hurrah, which stars Spencer Tracy as an ever-scheming city politician, features the line, "I prefer an engaging rogue to a complete fool."

It's hard not to feel that statement reverberate throughout Vice, writer-director Adam McKay's satirical but curiously reverential biopic about former U.S. Vice President Dick Cheney – for whatever one's political bend might be, there's no denying that the man's biography is nothing if not engaging.

Starting out as an alcoholic Yale dropout in the early 1960s, Cheney, played by an impressively made-up Christian Bale, quickly weasels his way into the Nixon administration's inner circle – making a powerful friend in Donald Rumsfeld (Steve Carell) along the way – and subsequently, with the help of his wife Lynne (Amy Adams), becomes a mainstay of Republican politics for the better part of 40 years.

There is no question that a traditional biopic would be ill-suited to do justice to Cheney's life, inextricably linked as it is to creative interpretations of the law, shady political manoeuvres, and straight-up racketeering. How could the career of a man who facilitated the rise of Donald Trump by all but formally enshrining the unchecked accumulation of power in the Republican agenda – and who today is perhaps best remembered not for his key role in starting the Iraq War but for shooting a man in the face – be the basis to anything else than a caustic black comedy?

But even though Vice takes an earnest and often amusing stab at this, it ends up delivering on none of its promises. On the one hand, it builds up Cheney as a Richard III-style antihero while still attempting to find the humanity beneath his partisan and corporatist exterior. The problem with this approach, however, is that neither Bale's broad, boisterously superficial performance nor McKay's sardonic script are cut out for this, skimping on the emotional detail that would be crucial to make, say, the episodes about Cheney's relationship with his gay daughter Mary (Alison Pill) work.

Under George W. Bush, Dick Cheney (Christian Bale) becomes arguably the most powerful U.S. Vice President in history.
© Ascot Elite
The satire, meanwhile, is far too dependent on the self-aware quirks McKay has carried over from his Oscar-winning Wall Street comedy The Big Short (2015). Instead of a consistent comedic through line, Vice offers a discordantly arranged collection of busily edited skits and ideas, some of which work, many of which don't. A perfectly cast Sam Rockwell is wasted as George W. Bush because the script doesn't know what to do with him. Scenes like Alfred Molina presenting Cheney and his cronies with a menu of war crimes or Bale and Adams spontaneously breaking out in Shakespearean dialogue seem less like bold creative choices and more like desperate attempts to jazz up the decidedly uncinematic backroom dealings that eventually led to events of historical significance.

In the end, the movie tries to be and do too many things at once to fulfil even its most basic ambition – making the case that Cheney is the architect of America's current democratic crisis. The final litany, even though it is largely correct about which ills it blames on the VP, feels like a reach because the rest of the film is more concerned with cramming in clever ideas than with endowing the power games on show with an adequate sense of consequence. What we end up with is the story of an engaging rogue, told by fools, signifying nothing.

★★

Dienstag, 5. Februar 2019

If Beale Street Could Talk

© DCM Film

★★★★★

"Mit seinen schwelgerischen farbgetränkten Bildern und Nicholas Britells herausragender Musik ist Beale Street zwar eine zutiefst berührende Romanze auf den Spuren von Call Me by Your Name (2017), welche die Liebe als quasireligiöse Erfahrung darstellt. Gleichzeitig jedoch ist das Ganze auch eine ebenso klarsichtige wie ernüchternde Auseinandersetzung mit den soziopolitischen Mechanismen, denen ein junges afroamerikanisches Paar ausgesetzt ist."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Donnerstag, 31. Januar 2019

Kritik in Kürze: "Beautiful Boy", "Mary Queen of Scots", "Ralph Breaks the Internet"

Beautiful Boy – ★★★

Felix Van Groeningens The Broken Circle Breakdown (2012) ist eines der emotional aufwühlendsten Dramen dieses Jahrzehnts. Es ist ein Leistungsausweis, der den Belgier im Grunde bestens dafür qualifiziert, die bewegenden Memoiren von Nic und David Sheff auf die Leinwand zu bringen: In Tweak schrieb Nic über seine Sucht nach Methamphetamin, während David in Beautiful Boy schilderte, wie er die Drogenabhängigkeit seines Sohnes miterlebte.

Sein Potenzial erfüllt Van Groeningens Beautiful Boy, in dem Steve Carell als David und Timothée Chalamet (Call Me by Your Name) als Nic Sheff zu sehen sind, wenigstens teilweise. Dank einer guten Carell- und einer hervorragenden Chalamet-Performance entwickelt das Vater-Sohn-Drama gerade in seiner zweiten Hälfte eine beträchtliche emotionale Schlagkraft. Hier bleiben insbesondere jene Szenen in Erinnerung, in denen die beiden Protagonisten gemeinsam versuchen, Nics Problem auf den Grund zu gehen – nicht zuletzt, weil Carells schauspielerische Stärken im Dialog liegen. In diesen Momenten gelingt es dem Film auch am besten, sein aufklärerisches Anliegen zu vermitteln: die Darstellung von Drogensucht als der medizinische Notfall, der sie ist.

Immer wieder kommen sich jedoch Van Groeningen und Co-Autor Luke Davies (Lion) selber in die Quere. Wie bereits Broken Circle folgt auch Beautiful Boy einer nonlinearen Struktur, vermag daraus aber kein Kapital zu schlagen. Vielmehr wirken gewisse Entscheidungen – einschliesslich der allerersten Szene, in der David von einem Arzt über die Gefahren von Methamphetamin aufgeklärt wird – geradezu willkürlich, sodass erzählerische Desorientierung ein steter Begleiter der intrinsischen Emotionalität der Sheff-Geschichte bleibt.



Mary Queen of Scots – ★★

Schon seit mehr als 400 Jahren übt die schottische Königin Mary, die Cousine und Thronrivalin der englischen Monarchin Elizabeth I., eine besondere Faszination auf die europäische (Pop-)Kultur aus, von Schiller und Zweig bis John Ford, Charles Jarrott und Thomas Imbach. Die neueste Version des sattsam bekannten Stoffs, das Regiedebüt der britischen Theaterregisseurin Josie Rourke, versucht erfolglos, Mary – die widersprüchliche katholische Quasi-Märtyrerin – in eine Heldin für das 21. Jahrhundert umzudeuten.

Zusammen mit ihrem Drehbuchautor, dem House of Cards-Produzenten Beau Willimon, inszeniert Rourke die komplizierte Fernbeziehung zwischen Mary (Saoirse Ronan) und Elizabeth (Margot Robbie) als eine tiefe Freundschaft, die vom vorherrschenden Patriarchat, vertreten durch allerlei Berater, Minister und Kleriker, verumöglicht wird. Die Idee hat etwas für sich, doch leider gelingt es Mary Queen of Scots nicht, sie umzusetzen, ohne in die gleichen einengenden Frauenbilder zurückzufallen, die Rourke und Willimon an den jeweiligen Höfen der Königinnen anzuprangern versuchen.

Während Mary als heroisch-progressive Herrscherin mit queerfeministischen Überzeugungen dargestellt wird – eine Interpretation, die sich nur bedingt mit ihrem politischen Leben auf der Leinwand vereinbaren lässt –, ist Elizabeth, wie in den meisten maryfreundlichen "historischen" Aufarbeitungen, eine unhaltbare Karikatur – eine kinderlose, misanthropische alte Jungfer, die in zunehmend lächerlichen Aufzügen durch dekadent prunkvolle Hallen stakst. Entsprechend schwer ist es, den emanzipatorischen Tonfall, den Rourke und Willimon anschlagen, ernst zu nehmen.

Diese thematische Selbstsabotage wäre verkraftbar, wenn das Resultat wenigstens unterhaltsam wäre. Doch trotz aller moderner Ambitionen ist Mary Queen of Scots ein Kostümfilm im klischiertesten Sinne: wunderschön anzusehen, gut gespielt, aber trocken, langfädig und dennoch bruchstückhaft erzählt. Wer sich nach ansprechend und zeitgenössisch umgesetztem historischem Kino sehnt, ist mit The Favourite in allen Belangen besser bedient.



Ralph Breaks the Internet – ★★★

Das Beste an Rich Moores und Phil Johnstons Fortsetzung zu Moores Disney-Animationsfilm Wreck-It Ralph (2012) ist der Subtext seines Finales. Nachdem der gutherzige Achtzigerjahre-Videospielbösewicht Ralph (gesprochen von John C. Reilly) und seine beste Freundin, die Rennspiel-Figur Vanellope (Sarah Silverman), von der heimischen Spielhalle ins Internet reisen und dort allerlei Chaos anrichten, gerät das Netz in Gefahr: Ralphs emotionale Unsicherheit löst einen verheerenden Virus aus.

Männliche Unsicherheit bringt die Menschheit an den Rand des Verderbens – wer Gamergate, die Troll-Attacken gegen Filme wie Ghostbusters (2016) und Star Wars: The Last Jedi (2017) oder Donald Trumps Twitter-Account im Hinterkopf hat, wird erkennen, dass sich Moore und Johnston hier überaus kritisch mit einem hochgradig aktuellen gesellschaftlichen Problem auseinandersetzen.

Allerdings bleibt der Rest von Ralph Breaks the Internet hinter diesem starken Motiv zurück. Der Film erweist sich als ein episodisches Abenteuer mit familienfreundlichem, bisweilen etwas gar plumpem Humor, das zwar durchgehend amüsiert, aber niemals wirklich mitreisst. Insofern präsentiert Disney damit ein stimmiges Sequel: Erwiesen sich bei seinem Vorgänger eher die Witze denn der Subtext als erinnerungswürdig, liegen die Dinge hier genau umgekehrt.