Dienstag, 14. August 2018

The Rider

In atemberaubenden Bildern aus den Badlands von South Dakota erzählt Chloé Zhao keine Geschichte über die Unbeugsamkeit des amerikanischen Cowboy-Archetyps, sondern ein stilles, nachdenkliches Drama über den inneren und äusseren Druck, diesem Archetyp entsprechen zu müssen.

Diesen Kampf ficht Brady Blackburn (Brady Jandreau) aus, der gemeinsam mit seinem verwitweten, alkoholkranken Vater Wayne (Tim Jandreau) und seiner autistischen Schwester Lilly (Lilly Jandreau) in einfachsten Verhältnissen lebt. Geld verdienen er und Wayne mit dem Pferdehandel; mit Rodeos und Pferdetraining verdient der junge Mann sich ein Zubrot. Doch seit einem Unfall beim Rodeo hat Brady eine Stahlplatte im Kopf und leidet an motorischen Störungen. Die Ärzte raten ihm dringend vom Reiten ab.

Wie bereits Zhaos Debüt, das Lakota-Drama Songs My Brother Taught Me (2015), spielt auch The Rider im Pine-Ridge-Reservat im Südosten von South Dakota. Und auch dieses Mal verbrachte die in China geborene Regisseurin Monate an ihrem Drehort – nicht nur um ein Gefühl für den Ort zu erhalten, sondern auch um ihre Darsteller und Figuren kennen zu lernen.

Denn ein Blick hinter die Kulissen – und auf den Cast – verrät: Hier spielen alle eine fiktionalisierte Version ihrer selbst. Brady Jandreau arbeitet tatsächlich als Pferdetrainer in den Badlands; Tim ist sein Vater, Lilly seine Schwester. Einer der besten Freunde seiner Figur ist das einstige Rodeo-Jungtalent Lane Scott, der bei einem Sturz schwere Hirnschäden davontrug und mittlerweile im Pflegeheim lebt. Gespielt wird er vom einstigen Rodeo-Jungtalent Lane Scott, der bei einem Autounfall schwere Hirnschäden davontrug.

Zhao vermischt Authentizität mit künstlerischer Freiheit. Sie spitzt die Persönlichkeiten, die sie an ihrem Schauplatz vorfindet, poetisch zu, wodurch ihr Film sowohl als intime Milieustudie als auch als emotional resonantes Charakterdrama funktioniert. (Es wird interessant sein, wie sie diesen Stil in ihr nächstes Projekt – ein historisches Biopic über Bass Reeves, den ersten schwarzen U.S. Marshal westlich des Mississippi – einbringen wird.)

Erzählerisch zeichnet sich The Rider durch seinen expressiven Minimalismus aus. Szenen und Sequenzen gehen nicht fliessend ineinander über. Vielmehr vermittelt Zhao ihre Geschichte in Vignetten, in sich geschlossenen Miniaturen, in denen subtil auf das Innenleben der Figuren angespielt wird – und welche dank der Nähe zwischen Fiktion und Realität dennoch tief berühren. Gerade Bradys Besuche bei Lane sind von unbeschreiblicher emotionaler Wucht.

Seit einem Unfall darf Brady (Brady Jandreau) nicht mehr reiten.
© Cineworx
Und inmitten dieses empathischen Porträts vom Leben der Badlands-Cowboys und Rodeo-Helden, denen der Film auch gewidmet ist, findet Zhao den Platz, um sich mit der destruktiven Seite dieser ikonischen Figuren auseinanderzusetzen. Wenn der leidenschaftliche Reiter Brady seine Hand am Zügel ungewollt zur Faust ballt, dann ist das mehr als ein Symptom seiner beeinträchtigten Bewegungskontrolle.

Es symbolisiert die Macht der Erwartungen, die gerade in diesem doch so quintessenziell amerikanischen Setting an Männlichkeit gestellt werden – und den Kraftakt, der nötig ist, um dagegen anzukommen. In seinem Kern dreht sich The Rider um den durch Gruppendruck angeheizten inneren Konflikt zwischen dem chauvinistischen, vermeintlich individualistischen Western-Ideal – "Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss" – und wahrem Individualismus: der Idee, dass Geschlechterrollen nicht ausgelebt werden müssen; dass dem einen oder anderen Westernhelden etwas mehr Emotionalität, Fürsorglichkeit und Demut gut zu Gesicht gestanden hätten.

★★★★★

Montag, 13. August 2018

"Liebe Schweizer Verleiher..." – Teil 3


"Liebe Schweizer Verleiher..." macht auf Filme aufmerksam, die laut filmdistrubution.ch hierzulande noch keinen Verleiher gefunden haben und die es – meiner Meinung nach – verdienen würden, auf Schweizer Leinwänden gezeigt zu werden. An die Arbeit, Schweizer Verleiher!

Teil 1

Teil 2




Eighth Grade

Seien wir realistisch: Weder Stand-Up-Comedy-Kultur noch amerikanische YouTube-Stars sind hierzulande garantierte Publikumsmagneten. Deshalb wird es wohl hauptsächlich von den Zahlen an den US-Kinokassen abhängen, ob Eighth Grade – das Regiedebüt des YouTubers und Stand-Up-Comedians Bo Burnham – in der Schweiz starten wird.

Ein Verleiher hat sich bislang noch nicht gefunden, doch es steht zu hoffen, dass dies nur noch eine Frage der Zeit ist. Produziert wurde der Film vom Studio A24, das sich in den letzten Jahren als Coming-of-Age-Erfolgsschmiede schlechthin profiliert hat (Moonlight, 20th Century Women, The Florida Project, Lady Bird). Als der Sundance-Kandidat am 13. Juli in gerade einmal vier US-Kinosälen startete, vollbrachte er Grosses: Im Laufe eines Wochenendes spielte er über 250'000 Dollar ein und wurde somit zum Film mit dem höchsten Umsatz pro Leinwand im laufenden Jahr.

Eighth Grade handelt, wie der Titel schon sagt, vom Leben in der achten Klasse. Für Kayla (Elsie Fisher) läuft die letzte Woche der Mittelstufe; nach den Sommerferien wartet die sagenumwobene High School auf sie. Burnham, von dem auch das Drehbuch stammt, lotet das emotionale Terrain dieser schwierigen, prägenden Übergangszeit aus – und das mit Erfolg, wenn man den begeisterten Kritiken Glauben schenken mag.

Skeptiker könnten den etwas übersättigten Coming-of-Age-Fim-Markt als Argument gegen einen Schweizer Start von Eighth Grade ins Feld führen. Doch wenn die hiesigen Verleiher die Grenze ausgerechnet bei einem der grossen Indie-Hits des Sommers ziehen, dann darf man sich auch nicht wundern, wenn die Kinos leer bleiben.



Sorry to Bother You

Am 4. August tweetete der Rapper und Filmemacher Boots Riley: "re: the international distribution of #SorryToBotherYou: Even tho we'r outperforming a gang of other movies, distributors r claiming 'Black movies' dont do well internationally and r treating it as such. There'r films that bombed here, that theyr distributing. Let em know wsup".

Gewisse Filme können auf einen internationalen Vertrieb zählen – ob sie in den USA nun Erfolg hatten oder nicht. Andere hingegen – wie etwa Rileys Regiedebüt Sorry to Bother You – müssen um jede Übersee-Leinwand kämpfen, gerade wenn es sich dabei um angebliche "Nischen"-Produkte handelt. Diese Logik ist leider auch der Schweizer Kinolandschaft nicht fremd: Man denke an Ava DuVernay, deren Schaffen der Schweiz bis Selma (2014), ihrem dritten Spielfilm, vorenthalten wurde. I Will Follow (2010) und Middle of Nowhere (2012) sind bis heute auf legalem Wege kaum auffindbar. Und der Kinostart ihres Disney-Blockbuster A Wrinkle in Time (2018) wurde vom vorhandenen Verleiher kurzfristig gestrichen.

In diesem Klima werden es auch Boots Riley und Sorry to Bother You nicht einfach haben, zumal es sich dabei um eine absurde schwarze Komödie handelt, welche bereits die amerikanischen Zuschauer spaltete. In der Hauptrolle ist Atlanta-Darsteller Lakeith Stanfield zu sehen, der als Telefonverkäufer ungeahnt erfolgreich ist – weil er mit einer perfekten "weissen" Stimme sprechen kann.

Möglicherweise wartet die Schweizer Verleiherszene noch auf die Box-Office-Zahlen von Spike Lees BlacKkKlansman, bevor sie sich für oder gegen Sorry to Bother You entscheidet. Daran sollte es aber nicht hängen: Riley hat zeitgenössisches Satirekino gemacht, das auch in der Schweiz gesehen werden sollte (und will).



Crazy Rich Asians

Es ist die erste Hollywoodproduktion mit asiatischen und asiatischstämmigen Hauptakteuren in einem Vierteljahrhundert – seit Wayne Wangs The Joy Luck Club (1993). Anders als Eighth Grade und Sorry to Bother You hat die Romanadaption Crazy Rich Asians von Jon M. Chu (Step Up 2: The Streets, Justin Bieber: Never Say Never, Now You See Me 2) bereits einen Schweizer Verleiher – Warner Bros. sei Dank –, aber noch kein Startdatum. Erwähnt wird Chus romantische Komödie hier, damit ihr nicht dasselbe Schicksal wie Ava DuVernays A Wrinkle in Time widerfährt.

Der Film erzählt vom Aufeinanderprallen zweier Kulturen aus einer Perspektive, die man gerade in Kontinentaleuropa selten zu Gesicht bekommt: Die Wirtschaftsprofessorin Rachel (Constance Wu) begleitet ihren Freund Nick (Henry Golding) nach Singapur zur Hochzeit seines besten Freundes, wo sich die eingefleischte sinoamerikanische New Yorkerin plötzlich mit Nicks schwerreichem Bekanntenkreis aus Südostasien konfrontiert sieht.

Crazy Rich Asians leistet essenzielle Repräsentierungsarbeit, die auch im Einwanderungsland Schweiz äusserst willkommen ist. Darüber hinaus ist Chu laut ersten Kritikerstimmen auch eine ungemein unterhaltsame Sommerkomödie gelungen, in der er einmal mehr seine Qualitäten als Choreograf unter Beweis stellen darf. Wie schade, wenn es hierzulande auch bei diesem Film lediglich beim Beinahe-Start bleiben würde.

Freitag, 10. August 2018

Kulenkampffs Schuhe

"Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln … und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben" – Adolf Hitler, "Reichenberger Rede" (1938)

"Hitler und die Nationalsozialisten sind nur ein Vogelschiss in 1'000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" – Alexander Gauland (2018)

Am 8. August zeigte die ARD im späteren Abendprogramm die Essay-Dokumentation Kulenkampffs Schuhe von Regina Schilling. Grosse Wellen wird der Film, der noch bis zum 15. August in seiner ganzen Länge online verfügbar ist, angesichts dieser Ausstrahlungsart im allgemeinen Kino-Diskurs wohl nicht schlagen. Umso wichtiger, dass dieses einfühlsame Psychogramm der deutschen Nachkriegszeit von möglichst vielen Menschen gesehen wird.

Regina Schilling ist in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren in Köln aufgewachsen – im goldenen Zeitalter der deutschen Samstagabendunterhaltung. Wie Millionen andere Mittelstandsfamilien in der Bundesrepublik sass auch sie mit Mutter, Vater und Geschwistern Woche für Woche gebannt vor dem Fernseher, um den grossen Showmastern und Entertainern Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander dabei zuzusehen, wie sie mit ihren gutbürgerlichen Gästen und Kandidaten plauderten, höfliche Witzchen machten und im Studio und den Wohnzimmern gute Laune verbreiteten. "Die Wellness-Kur am Wochenende, damit man am Montagmorgen wieder fit ist", so Schilling, im Film vertreten durch die Stimme der Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader (Vor der Morgenröte).

Doch in der heiteren Wirtschaftswunder-Fassade waren immer wieder Risse erkennbar: Freud'sche Versprecher, ungemütliche Anspielungen – als läge hinter dem schneeweissen Lächeln etwas Ungesagtes, das nach draussen dringen wollte. Doppelbödige Sprüche über das Militär waren Kulenkampffs Spezialität. Ein etwas schief singender Studiogast, geschätzte 60 Jahre alt, meint, "Ich habe bei Juden gelernt". Am 9. November 1978, dem 40. Jahrestag der Kristallnacht, trägt der Jude Hans Rosenthal schwarz – ein Verschieben der Sendung erlaubte ihm das ZDF nicht. Beredtes Schweigen in der Röhre.

Hans-Joachim Kulenkampff in Einer wird gewinnen.
© ARD
Und natürlich gab es da Ungesagtes. Nicht umsonst heisst Schillings Film, der aus Archivmaterial und Familienaufnahmen zusammengesetzt ist, Kulenkampffs Schuhe: Im Scheinwerferlicht der ARD-Quizsendung Einer wird gewinnen erstrahlten Kulenkampffs blitzsaubere Lackschuhe; doch darunter verbargen sich die verstümmelten Überreste der vier Zehen, die er sich in der Eiseskälte des Russlandfeldzugs mit einem Taschenmesser abschneiden musste.

Schilling, wie die meisten Vertreter ihrer Generation, kennt diesen Deckmantel des Schweigens. Wie so viele wurde sie in eine Bilderbuchfamilie hinein geboren, in welcher der Blick streng nach vorne gerichtet war. Ihre Eltern führten eine Drogerie, man wählte CDU, sonntags ging man spazieren. Was es mit den Fotoalben auf sich hatte, in denen Vater Alfons – zwölf Jahre älter als Mutter Irmtrud – in Uniform zu sehen war, darüber wurde nie gesprochen.

Für die Regisseurin waren Kulenkampff, Rosenthal und Alexander wie Familienmitglieder, erinnerten sie an ihren Vater – zunächst, weil sie ungefähr im gleichen Alter waren: Alfons wurde, wie Rosenthal, 1925 geboren, Kulenkampff 1921, Alexander 1926. Dass die Parallelen tiefer gehen, versteht sich von selbst: Kulenkampff kämpfte an der Ostfront, Alexander diente in der Ostsee-Marine, Alfons träumte von einer Karriere als Wehrmacht-Pilot und rückte begeistert ein. Indessen landete Rosenthal in einem jüdischen Waisenhaus; sein kleiner Bruder wurde nach Riga deportiert und dort erschossen.

Hans Rosenthal in Dalli Dalli.
© ARD
Kulenkampffs Schuhe handelt vom langen Schatten der nationalsozialistischen Diktatur, der selbstauferlegten Vergnügungskur der jungen Bundesrepublik und dem empfindlichen Contrat social, der ihr zugrunde lag. Wieso empfand Kulenkampff das Verlangen, bis an sein Lebensende Militärwitze zu reissen? Worüber sprachen Alfons und seine gleichaltrigen Freunde, als sie Anfang der Fünfzigerjahre auf Europatour gingen? Und wie muss sich Rosenthal gefühlt haben, der Spassmacher für ein Publikum zu sein, in dem fast zwangsläufig Menschen sitzen, die ihn in seiner Jugend bespuckt, verprügelt oder umgebracht hätten?

Schilling verflechtet Zeit-, Kultur- und Familiengeschichte zu einem faszinierenden, tief berührenden und vielschichtigen Deutschland-Porträt, das auch ein essenzieller Beitrag zur anhaltenden, gerade von AfD-Seite her neu befeuerten Debatte über Erinnerungskultur und Erbschuld ist. Der Film beleuchtet sowohl die soziopolitische Funktion des Vergessens und Verdrängens –"Hätte man überhaupt miteinander arbeiten können, wenn man gewusst hätte, was der andere getan hatte?" – als auch die psychischen und physischen Konsequenzen dieses Schweigens. Anstatt sich auszusprechen, wurde geraucht, getrunken, fröhliche Unterhaltung produziert und konsumiert. Es war eine optimistische Zeit – und trotzdem nahm um 1970 die Zahl der Herzinfarkte in Deutschland stark zu; Alfons und zwei seiner Freunde fielen dem Trend zum Opfer.

Regina Schillings Vater Alfons.
© ARD
Die Bundesrepublik war traumatisiert. Vielleicht ist sie es immer noch. In einem alten Interview ist Konrad Adenauer zu sehen, wie er von der "moralischen Verwüstung" spricht, die während Hitlers Regime Einzug hielt. Schilling gelingt es hervorragend – und ohne erhobenen Zeigefinger – zu zeigen, dass weder die Entnazifizierung durch die Alliierten, noch die Amnestie für Jungsoldaten wie Kulenkampff, Alexander und Alfons, noch der wirtschaftliche Aufschwung, noch die importierten Fernsehformate ein adäquater Ersatz für echte Bewältigungsarbeit waren.

Manche, darunter die drei Entertainer im Fokus des Films, haben sich in irgendeiner Form dennoch ausgesprochen, haben Interviews gegeben und Bücher geschrieben. Andere behielten es Zeit ihres Lebens für sich: Alfons zum Beispiel, aber auch Fernsehlegenden wie Horst Tappert, nach dessen Tod bekannt wurde, dass er der Waffen-SS angehört hatte. Und dann war da ja auch noch Martin Jente, der Kulenkampffs Einer wird gewinnen produzierte und darin regelmässig als Butler auftrat: Posthum stellte sich heraus, dass er ein SS-Mitglied der ersten Stunde gewesen war.

Schilling ist nicht wütend auf diese Männer. Dafür ähnelt deren Geschichte zu sehr der ihres Vaters, ihrer Familie. Vielmehr stellt sie sich in ihrem meisterhaften Dokumentarfilm die Frage, was deren Existenz für ihr Land und ihre Landsleute bedeutet – inwiefern die Gesellschaft und die Kultur der Bundesrepublik das Erbe des Nationalsozialismus in sich tragen. Ein Vogelschiss ist das nicht.

★★★★★

Mittwoch, 8. August 2018

303

Sommer in Berlin, Semesterende für die Biologiestudentin Jule (Mala Emde) und den Politologiestudenten Jan (Anton Spieker). Bleiben wollen beide nicht: Sie ist ungewollt schwanger und hat gerade eine Prüfung in den Sand gesetzt; er hat sein Stipendium nicht bekommen und weiss nicht, wie es nun weitergehen soll. Sie setzt sich in ihr klappriges Wohnmobil – Modell Hymer 303 – und bricht nach Portugal auf, um dort mit ihrem Freund über ihr ungeborenes Kind zu sprechen; derweil Jan nach Bilbao trampen will, um endlich seinen leiblichen Vater kennen zu lernen.

Hans Weingartner kennt man als systemkritischen Filmemacher: Werke wie Das weisse Rauschen (2001), Die fetten Jahre sind vorbei (2004), Free Rainer – Dein Fernseher lügt (2007) und Die Summe meiner einzelnen Teile (2011) sind geprägt von einem grundlegenden Misstrauen gegenüber dem Kapitalismus und bürgerlichen Institutionen. 303 mag vorab eine sommerlich leichte Roadmovie-Romanze sein, dreht sich aber dennoch um die Themen, die Weingartner schon immer umtrieben.

Denn von dem Moment an, wo Jule den an einer Raststätte gestrandeten Jan in ihren Camper einsteigen lässt, lässt der Regisseur und Drehbuchautor sie ausschweifende Gespräche über ihre unterschiedlichen Weltanschauungen führen. Jan sieht sich selber als Rationalist; seiner Meinung nach ist der Kapitalismus das einzige ehrliche System, da er dem "natürlichen" Konkurrenzdenken der Menschen Rechnung trägt. Jule hingegen glaubt an das Gute im Menschen: Kooperation statt Wettkampf, Fortschritt durch Solidarität, "Survival of the fittest" statt "Survival of the strongest".

303 gibt diesen freundschaftlichen Diskussionen viel Raum und setzt sich vor allem zu Beginn – bevor Jan sich von Jules Argumenten langsam überzeugen lässt – aufrichtig mit den Einwänden gegen Jules Ideologie auseinander. Fast hat man das Gefühl, einer romantisiert produktiven Debatte zwischen einem (deutschen) Sozialdemokraten und einer Sozialistin beizuwohnen. Untermalt ist das Ganze mit liebevollen Sticheleien, träumerischen Indie-Songs und wunderschönen Ansichten der Orte, welche die beiden auf ihrer Reise in Richtung Westen aufsuchen.

Immer der Nase nach: Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) fahren im Wohnmobil gen Westen.
© Filmcoopi
Tatsächlich ist letzterer Aspekt auch die interessanteste politische Aussage des Films – interessanter jedenfalls als die mit der Zeit etwas repetitiven, bisweilen auch ziemlich oberflächlichen Exkurse über Menschenaffen und die biologischen Hintergründe des Küssens. Denn die Roadtrip-Romantik von 303 liegt nicht zuletzt in seiner Darstellung eines Europas der offenen Grenzen.

Weingartner zelebriert das Ideal des vereinigten Kontinents, dessen Grenzen passierbar sind. Hier gibt es keine Abschottungsrhetorik, keine Forderungen nach schärferen Trennlinien zwischen den Nationen. Jule und Jan halten an keinem Zoll; schlichte Verkehrsschilder kündigen ihren Grenzübertritt an, was die beiden – aufgewachsen mit der europäischen "Grenzenlosigkeit" – jeweils mit einem High-Five quittieren. Dank ihrer Sprachgewandtheit ist die Kommunikation nie ein Problem. Es ist der Traum der jugendlichen Freiheit, unterlegt mit politischer Haltung.

Trotzdem hält 303 seine Ansprüche niedrig, was zwar einerseits lobenswert ist, andererseits aber auch etwas enttäuscht. In gut zwei Stunden erzählt der Film eine sympathische, trotz der langen Gespräche etwas seichte Liebesgeschichte, die auch in 90 Minuten gepasst hätte. Für Unterhaltung ist gesorgt; die grossen Emotionen bleiben aus, auch weil die beiden Protagonisten, von Mala Emde und Anton Spieker hervorragend gespielt, stets Kunstfiguren bleiben – Mittzwanziger-Millennials, souffliert von einem 47-Jährigen.

★★★

Dienstag, 7. August 2018

Au poste!

© Praesens Film AG

★★★★

"Au poste! ist eine heitere, selbstreflexive Mischung aus Kafkas Process, absurdem Theater und den spielerischeren Filmen von François Ozon (8 femmes, Dans la maison). In kompakten 70 Minuten wird hier eine Meta-Erzählung mit doppeltem und dreifachem Boden konstruiert, ausgestattet mit kuriosen Nebenfiguren, wunderbaren Nonsens-Details und äusserst witzigen Dialogen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Montag, 6. August 2018

Destination Wedding

Nach seinem erfolgreichen Regiedebüt 5 to 7 (2014) hat es der TV-Produzent und -Autor Victor Levin mit einem Zweitwerk versucht. Er hätte es bleiben lassen sollen. Die romantische Komödie Destination Wedding ist eine Zumutung.

Zwei einander unsympathische Menschen führen ein 90-minütiges Gespräch, das mitunter richtig peinlich wird. Levin, der auch das Drehbuch schrieb, spielt hier mit Ideen, Motiven und Figuren, wie sie in einem Film von Woody Allen, Richard Linklater, Sally Potter oder Judd Apatow vorkommen könnten. Doch aus diesen Inspirationen vermag er kaum Zählbares herauszuholen.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Frank (Keanu Reeves) und Lindsay (Winona Ryder) lernen sich auf dem Weg zu einer Hochzeit im kalifornischen Weinland – einer sogenannten "Destination Wedding" – kennen. Freude mag nicht so richtig aufkommen: Frank ist der entfremdete Halbbruder des Bräutigams, Lindsay dessen Ex-Verlobte. Wenig überraschend, dass sich die beiden ohnehin schon misanthropisch eingestellten Menschen bereits nach wenigen Minuten gegenseitig auf die Nerven gehen.

Die Probleme beginnen schon mit den beiden (einzigen) Figuren: Der Film weist mittels eines langen Untertitels darauf hin, dass es sich bei Frank und Lindsay um zwei Narzissten handelt. Ob diese Diagnose medizinisch korrekt ist, sei dahin gestellt – Tatsache ist, dass weder Frank noch Lindsay anregend genug sind, um im Alleingang eine Handlung zu tragen.

Die beiden sind – natürlich gewollt – unangenehme Zeitgenossen, deren romantisches Glück einem ziemlich egal sein kann. Die wenigen Eigenschaften, die ihnen angedichtet werden, lassen kaum ein Klischee aus und dienen dem Film oft als erzählerische Krücke – so pflegt Lindsay etwa einen Hang zu Selbstgesprächen, in denen sie das Publikum Wort für Wort über ihre Gedankengänge aufklärt.

Derart hölzerne Drehbuchkniffe liessen sich entschuldigen, wenn Destination Wedding wenigstens starke Dialoge zu bieten hätte. Immerhin geriert sich das Ganze ja als subversive Abwandlung des Before-Dialogfilms. Doch trotz den Bemühungen des engagierten Duos Reeves und Ryder – dem Einzigen, das hier einigermassen funktioniert – wird man auch in dieser Hinsicht enttäuscht. In fantasielos inszenierten und unnötig gedehnten Szenen beleidigen Lindsay und Frank im Zwiegespräch mal einander, mal den Bräutigam, mal andere Hochzeitsgäste. Hin und wieder wird über die eigene traumatische Vergangenheit gefaselt – dann wird ein bisschen philosophiert, dann wieder gezankt.

Frank (Keanu Reeves) und Lindsay (Winona Ryder) besuchen widerwillig eine Hochzeit.
© Ascot Elite
Wenn die beiden aus der Ferne böse Sprüche über die betagte neue Lebenspartnerin von Franks geschiedenem Vater reissen, wirkt das wie eine Liste von Einzeilern, die Levin in einer gefloppten Stand-Up-Comedy-Show aufgeschnappt hat. Schlägt der Tonfall vorübergehend ins Ernste um, macht sich Langeweile breit, da die Distanz zwischen Publikum und Figuren jegliche emotionale Wirkung verhindert. Und dann wären da noch die wiederholten herablassenden Seitenhiebe, zu denen sich Levin hinreissen lässt: gegen Trans-Menschen, gegen sich schminkende Männer, gegen Homo- und Pansexualität, gegen die Idee, dass Rassismus, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung ein soziales Problem sind.

Diese Entgleisungen wären halbwegs zu rechtfertigen, wenn der Film seiner Narzissmus-These treu bleiben würde – man könnte sie als übermotiviert dargestellte Illustration des unreflektierten Egoismus von Frank und Lindsay lesen. Da Levin schlussendlich aber dennoch den Versuch unternimmt, die beiden zu Sympathieträgern zu erheben, kann man sich dieses Wohlwollen sparen. Somit ist Destination Wedding nicht nur unlustig, unromantisch, langweilig und minderwertig gemacht, sondern auch geschmacklos und beleidigend. Fast möchte man Keanu Reeves und Winona Ryder dafür bemitleiden, dass sie sich für einen der schlechtesten Filme der letzten Jahre hergegeben haben.