Tuesday, 14 February 2017

Ma vie de Courgette

© Praesens Film

★★★★★

"Barras' erster Langspielfilm ist ein 'typisch französisches' Werk, das sich weniger von einem stringenten Plot als von seinen starken Figuren treiben lässt und in dem Komik und Tragik oft sehr nahe beieinander liegen. Wie Truffauts Doinel-Filme propagiert Ma vie de Courgette Empathie und feiert auf leise, bescheidene Art die Schönheit der selbst erwählten Familie. Es ist ein nachdenklicher, bald melancholischer, bald tröstlicher Film für unsichere Zeiten."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Monday, 13 February 2017

A Monster Calls

© Impuls Pictures AG

★★

"Lange wird einem A Monster Calls nicht in Erinnerung bleiben. Es ist ein Märchen, das sich selber weitaus subtiler und magischer vorkommt, als es tatsächlich ist. Am Schluss bleibt vorab Frustration: Wie kann ein Film über ein mythisches Baummonster, das stets um sieben Minuten nach Mitternacht auftaucht, dermassen dröge wirken?"

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Wednesday, 8 February 2017

On Revisiting "Big Hero 6" and "Scott Pilgrim vs. the World"

© Disney /
© Universal Pictures Switzerland

"From where I’m standing, I can’t see either movie having 'lingered in our cinematic lexicon' to an extraordinary degree. While Scott Pilgrim may have had a short-lived afterglow in the form of Sucker Punch, the kind of game it plays with post-production gimmicks – split screen, on-screen narrative text, visualised sound effects, and so on – hasn’t really caught on. Big Hero 6, meanwhile, hasn’t been able to make its mark on the superhero genre, all but disappearing in the past decade’s abundance of similarly-themed movies. By the logic of cinematic functionalism, this would suggest that neither work is worthy of being included in the canon."

Ganzer Artikel auf The Zurich English Student.

Tuesday, 31 January 2017

Elle

© Frenetic Films

★★★

"Das ist zwar durchaus spannend, hinterlässt aber – Huppert ausgenommen – längerfristig nur bedingt einen Eindruck. Darüber hinaus muss man sich auch fragen, was für Zeichen ein Film aussendet, dessen Konzeption einer 'starken Frau' das gelassene Ignorieren von Vergewaltigung ist. Es steht jedoch ausser Frage, dass Elle ein Film ist, über den es sich zu diskutieren lohnt."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Monday, 30 January 2017

"Liebe Schweizer Verleiher..." – Teil 2


"Liebe Schweizer Verleiher..." macht auf Filme aufmerksam, die laut filmdistrubution.ch hierzulande noch keinen Verleiher gefunden haben und die es – meiner Meinung nach – verdienen würden, auf Schweizer Leinwänden gezeigt zu werden. An die Arbeit, Schweizer Verleiher!

Teil 1 


Certain Women
  • Regie: Kelly Reichardt (Meek's Cutoff)
  • Mit: Laura Dern, Kristen Stewart, Michelle Williams, Lily Gladstone, Jared Harris
  • Hauptpreis beim London Film Festival; Hauptkategorie-Nominationen bei den Independent Spirit Awards; Platz 4 auf der Sight & Sound-Jahresbestenliste; Platz 12 auf der Indiewire-Jahresbestenliste
Auch gewissen amerikanischen Filmemachern scheint es partout nicht zu gelingen, die Schweizer Verleiher für ihr Schaffen einzunehmen. Wie der Südkoreaner Hong Sang-soo (siehe Teil 1) ist auch Kelly Reichardt dem hiesigen Kino bis dato völlig unbekannt geblieben – trotz hoch gelobter, preisgekrönter und sogar starbesetzter Filme wie Old Joy (2006), Wendy and Lucy (2008), Meek's Cutoff (2010) und Night Moves (2013).

Die Chance, diese bedauerliche Serie zu beenden, bietet sich nun mit Certain Women, Reichardts Adaption von vier Erzählungen aus Maile Meloys Kurzgeschichtensammlung Both Ways Is the Only Way I Want It. (Musikfreunde dürften Meloys jüngeren Bruder Colin, Frontmann der Decemberists, kennen.) In den sich überschneidenden Handlungssträngen setzen sich Stars wie Laura Dern, Michelle Williams und Kristen Stewart sowie die aufstrebende indigene Schauspielerin Lily Gladstone mit dem Leben im modernen ländlichen Amerika auseinander.

Abgesehen davon, dass Regisseurinnen in der Industrie eklatant unterrepräsentiert sind und im internationalen Vertrieb dadurch per se benachteiligt werden – was nach bewussteren Verleih-Entscheidungen schreit –, ist es an der Zeit, dass die Schweiz mit dem Werk "der ruhigsten grossen US-Filmemacherin" (Guy Lodge, Variety) vertraut gemacht wird. Certain Women stünde bereit.


Hunt for the Wilderpeople
  • Regie: Taika Waititi (Flight of the Conchords, What We Do in the Shadows, Thor: Ragnarok)
  • Mit: Sam Neill, Julian Dennison, Rima Te Wiata, Rachel House, Rhys Darby
  • Der erfolgreichste ausschliesslich neuseeländisch produzierte Film aller Zeiten
Während für viele Filme in dieser Reihe Erklärungen gefunden werden können, weshalb sie es nicht auf die Liste eines Schweizer Verleihers geschafft haben, ist das bisherige Ignorieren von Hunt for the Wilderpeople schlicht nicht nachvollziehbar. Zum einen schreit praktisch alles an dieser berührenden Abenteuerkomödie um einen schwer erziehbaren Jungen (Julian Dennison – eine grosse Entdeckung), der mit seinem knorrigen Adoptivonkel (Jurassic Park-Star Sam Neill) in der neuseeländischen Wildnis zu überleben versucht, nach skurrilem Publikumsliebling.

Zum anderen ist Regisseur Taikia Waititi auch hierzulande kein unbeschriebenes Blatt. Nicht nur wird sein Blockbuster-Debüt, die Marvel-Produktion Thor: Ragnarok, im kommenden Oktober die Multiplexe füllen; sein letzter Film, die Vampir-Mockumentary What We Do in the Shadows, begeisterte im Januar 2015 während eines begrenzten Laufs ein nicht unerhebliches Publikum (mehr als 4'700 Zuschauer).

Mehr muss hier nicht gesagt werden. Mit viel Herz und Humor erzählt Hunt for the Wilderpeople von einer epischen Verfolgungsjagd durch den Busch, während der das Publikum mit einer breiten Palette wunderbarer Figuren bekannt gemacht wird – vom menschlichen Busch bis zum Priester der verunglückten Todesmetaphern. Ein neuseeländischer Hit – ich bitte Sie!


Southside with You
  • Regie: Richard Tanne
  • Mit: Parker Sawyers, Tika Sumpter, Vanessa Bell Calloway, Phillip Edward Van Lear
  • Nominiert für den Sundance-Jurypreis
Zugegeben, der Trophäenschrank dieser kleinen, kritisch gelobten Indie-Romanze ist nicht gross, doch das Thema dürfte auch in der Schweiz empfängliche Zuschauer finden. Southside with You handelt nämlich vom ersten Rendezvous von Barack Obama (Parker Sawyers) und der späteren First Lady Michelle Robinson (Tika Sumpter).

Einen US-Präsidenten in einem derart privaten, vordergründig unpolitischen Rahmen filmisch repräsentiert zu sehen, ist zwar keine Hollywood-Neuheit – man denke an John Fords Young Mr. Lincoln (1939) –, aber eben auch keine alltägliche Erscheinung. Zweifellos inspiriert von Richard Linklaters Before-Filmen, begleitet Regie-Debütant Richard Tanne das künftige Präsidentenpaar auf einem Spaziergang durch die Southside von Chicago im kulturell und politisch hochgradig bedeutsamen Jahr 1989. Ein bisschen Obama-Nostalgie würde wohl in der Ära Trump auch in der Schweiz nicht auf taube Ohren fallen.

Sunday, 29 January 2017

Personal Shopper

Der Psychothriller Personal Shopper ist einer jener Filme, bei denen es sich lohnt, sich ohne jedes Vorwissen vor die Leinwand zu setzen. So dürfte sich der seltsame Genre-Hybrid, den Regisseur Olivier Assayas hier zu konstruieren versucht, am besten entfalten – woraufhin sich eine Zweitvisionierung nachgerade aufdrängt. Wer an diesem Effekt interessiert ist, sollte am besten jetzt damit aufhören, die vorliegende Rezension zu lesen.

Es ist ein faszinierendes Erlebnis, sich blind in diesen Film hinein zu tasten – zu rätseln, wen Maureen (die grandiose Kristen Stewart) in der ersten Szene meint, wenn sie in einem alten französischen Landsitz eine Person vermutet und die nächtliche Finsternis mit einem hoffnungsvollen "Lewis?" anspricht. Sucht sie einen Vermissten? Erahnt sie die Präsenz eines bekannten Eindringlings? Das unheimlich knarrende Parkett weckt Erinnerungen an vergleichbare Spannungsmomente in Elle. Schliesslich verstreichen die Anfangsminuten aber ohne grössere Vorkommnisse; ausser Maureen bewegt sich im dunklen Anwesen einzig ein flackernder Lichtschein im Hintergrund, der auch eine Spiegelung oder eine optische Täuschung sein könnte.

Dass Assayas in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, rechtfertigt er bereits in dieser Einführung. Es ist einer der besten Filmanfänge der letzten Jahre, ein eindringliches Musterbeispiel für effektive Publikumslenkung – mysteriös, atmosphärisch, nervenaufreibend. Wer sich Personal Shopper ein zweites Mal ansieht, wird unweigerlich auf jedes noch so kleine Detail achten wollen.

Denn die darauf folgende Sequenz löst auf fast schon irritierend nüchterne Art auf, was man eigentlich hätte ahnen können – wäre man nicht durch das Wissen geblendet gewesen, dass Olivier Assayas, der kreative Kopf hinter Werken wie L'heure d'été (2008) oder Clouds of Sils Maria (2014), Arthouse-Filme macht. Maureen betritt ein belebtes Pariser Café und wird von Bekannten gefragt, wie die Nacht denn gelaufen sei. Sie habe etwas gespürt, sagt Maureen emotionslos. Doch es habe nicht gereicht, um Kontakt herzustellen. Maureen ist ein Medium, Lewis der Geist ihres kürzlich verstorbenen Zwillingsbruders.

Maureen (Kristen Stewart) ist ein Geistermedium bei Nacht...
© filmcoopi
Im Lauf der folgenden 100 Minuten wird Maureen tatsächlich auf Geister treffen, doch einen Horrorfilm als solchen hat Assayas dennoch nicht gemacht. Personal Shopper ist ein Versuch, einem klassischen frankophonen Drama – welches selbst ein Doppelleben als Celebrity-Satire im Stile von David Cronenbergs Maps to the Stars (2014) führt – übernatürliche Elemente einzuflössen. Das Resultat sind abrupte Tonfallwechsel, nicht immer ganz stimmig dargestellte Überschneidungen von Astralwelt und Wirklichkeit – dem letzten Akt hätte durchaus mehr Zeit eingeräumt werden dürfen – und eine hinterhältige Meditation über Schein und Sein der Hautevolee.

Das ist dermassen stilsicher und spannend inszeniert, dass man dem Film seine inhaltliche und dramaturgische Fragmentiertheit nicht nur verzeiht, sondern davon überzeugt ist, dass diese Disharmonie Assayas' Intention ist. Ein wiederkehrendes Motiv in Personal Shopper ist die Vielschichtigkeit der digitalen Welt: Maureens Skype-Gespräche mit ihrem Freund, der in Oman arbeitet, ihr beunruhigender SMS-Austausch mit einer unterdrückten Nummer, ihre ausgedehnte YouTube-Recherche, um mehr über eine schwedische Künstlerin und Victor Hugos esoterische Experimente zu erfahren. Gesellschaftskritik ist das nicht – vielmehr eine subtile Anspielung darauf, dass die Menschheit, nach jahrhundertelanger Suche nach parallelen Welten, selber eine erschaffen hat.

...und eine professionelle Shopperin bei Tag.
© filmcoopi
Ein genau definiertes Ziel – geschweige denn eine erkennbare argumentative Stossrichtung – hat dieser Ansatz nicht. Es scheint Assayas' Plan zu sein, mit seiner Erzählung Gedanken und Assoziationen anzustossen, die selber nur wenig Verbindung zu den Ereignissen auf der Leinwand haben.

Auch der satirische Aspekt des Films deutet darauf hin: Maureen arbeitet als "personal shopper" für eine unklar umrissene Berühmtheit (Nora von Waldstätten), die sie kreuz und quer durch Paris und sogar nach London schickt, um sich um ihre Garderobe zu kümmern. Die oberflächliche Distanziertheit dieser Beziehung, kontrastiert mit Maureens digitaler und spiritueller Vernetztheit, ist eine der wenigen handfesten Seitenhiebe, die sich Assayas gegen die Welt der Stars und Sternchen erlaubt – ansonsten bleibt auch hier die Interpretation letztlich dem Publikum überlassen. Unterstrichen wird dies durch die rabiate, erschreckende, brillant inszenierte Art, mit der der Horror von Personal Shopper die erzählerische Barriere in die Modewelt hinein überwindet.

Assayas hat keinen einfachen Film gedreht. Er fordert heraus, er eckt an, er verwehrt sich einfachen Schlussfolgerungen. Wird man mit einem solch scheinbar formlosen Ungetüm konfrontiert – welches obendrein auch noch grossartig gemacht ist –, dann ist es lohnenswert, sich der unorthodoxen Vision, den ureigenen, nicht immer glorreichen Ideen, mit denen gespielt wird, zu ergeben. Personal Shopper ist kein perfekter Film. Doch es ist eines jener seltenen Werke, in die man nicht bloss eintaucht, sondern in denen man zu ertrinken riskiert.

★★★★