Friday, 18 May 2018

Ready Player One

Im kollektiven Kino-Bewusstsein existieren zwei Steven Spielbergs, und beide haben das moderne Hollywood nachhaltig geprägt: Der eine ist ein Meisterregisseur und begnadeter Geschichtenerzähler – der andere ein Hersteller leicht verdaulicher Massenware, von allzu niederschwelligem Kintopp, der das zwiespältige Zeitalter der Franchisen und Blockbuster eingeläutet hat.

Die zweite Beschreibung mag, historisch gesehen, einen wahren Kern haben; doch wer dies zum Anlass nimmt, Spielberg seinen Status als Ausnahme-Filmkünstler abzusprechen, verschliesst die Augen vor einer einzigartigen Karriere und einer grossen Handvoll Meisterwerken.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Spielberg vor Filmen gefeit ist, die durch und durch der zweiten Beschreibung entsprechen. 1941 (1979) ging in die Richtung, ebenso Hook (1991), The Terminal (2004), The BFG (2016) sowie das eine oder andere Indiana Jones-Sequel. Und auch Spielbergs Neuster, die Romanadaption Ready Player One, gehört dazu.

Der Science-Fiction-Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Ernest Cline und spielt in der nicht allzu weit entfernten Zukunft des Jahres 2045. Die Menschheit lebt in Slums und verbringt die meiste Zeit damit, mittels Virtual-Reality-Technologie vor der tristen Realität in die sogenannte OASIS zu fliehen – einem virtuellen Universum, in dem man mit seinem Avatar alles Mögliche und Unmögliche unternehmen kann. Entwickelt wurde die OASIS vom inzwischen verstorbenen James Halliday (Mark Rylance), der seine Kontrolle über das System derjenigen Person vermacht hat, die eine Reihe von Rätseln lösen und sein goldenes "Easter Egg" finden kann. Erfolgreich war bislang aber niemand.

Hier kommt Wade Watts (Tye Sheridan), in der OASIS bekannt als Parzival, ins Spiel. Der 17-Jährige ist einer jener Glücksritter, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das sagenumwobene Easter Egg zu finden. Seine stärksten Konkurrenten sind die Agenten des Videospiel-Riesen IOI, deren CEO Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn) die werbefreie OASIS übernehmen und zum allmächtigen Multimedia-Monopolisten aufsteigen will.

Wade (Tye Sheridan) verbringt den Grossteil seines Lebens in der OASIS, einem virtuellen Universum.
© 2018 Warner Bros. Ent.
Clines Roman, der in gewissen Kreisen zum Kultbuch geworden ist, war eine einzige grosse, mit detaillierten Querverweisen vollgestopfte Liebeserklärung an die Popkultur der Siebziger- und Achtzigerjahre – eine Ära, die Spielberg aktiv mitgestaltet hat. Dessen sehr freie Adaption hingegen, nach einem Drehbuch von Zak Penn und Cline selbst, ersetzt diese zeitliche Spezifik durch eine heterogenere Sammlung von mehr oder weniger willkürlichen Bezugspunkten. Aus rechtlichen und ästhetischen Gründen – und wohl auch wegen des Alters des Zielpublikums – gibt es hier breiter bekanntes Material wie King Kong, Stanley Kubricks The Shining (1980) oder den Iron Giant (1999) statt eines Reenactments von John Badhams Thriller WarGames (1983) zu sehen.

Letztlich sind diese Unterschiede aber irrelevant, sind die unzähligen Referenzen in Ready Player One doch ebenso austauschbar wie seine Figuren und der Plot. Spielberg setzt einem ein solide erzähltes, durchaus unterhaltsames Abenteuer vor, das jedoch von einer atemberaubenden Oberflächlichkeit ist.

Weder Wade noch seine Mitstreiterin – die Rebellin Art3mis (Olivia Cooke), welcher der Film aufgrund eines Muttermals einen abstrusen Selbstbild-Komplex verpasst – entwickeln sich je bedeutungsvoll weiter. Nichts hinterlässt hier emotionale Spuren. Die Handlung bleibt stets Mittel zum Zweck – eine Reihe von Hindernissen für die Protagonisten auf ihrem Weg zu Hallidays Easter Egg. Ereignisse stossen ihnen zu, scheinen sie aber in ihrem Innersten nicht im Geringsten zu berühren. Folgerichtig ändert sich auch an der Welt ausserhalb der OASIS bis zum Schluss nichts: Die Slums sind immer noch da, der ökologische Kollaps steht immer noch vor der Tür. Als Happy End gilt, dass der Held einen Lebensstandard erreicht hat, wo er sich dafür nicht mehr interessieren muss.

In der OASIS sucht Wade als Parzival nach dem goldenen Easter Egg.
© 2018 Warner Bros. Ent.
Wer unbedingt will, könnte hier möglicherweise einen kritischen Kommentar über die Zerstreuungen der digitalen Welt und die kapitalistische Heiligsprechung des Egoismus ausmachen. Doch dazu fehlt Ready Player One schlicht die Tiefe. Er ist in gewisser Hinsicht der perfekte postmoderne Film: In Abwesenheit jeglicher Eigensubstanz weist er mit seinen Anlehnungen an popkulturelle Marksteine unablässig über sich selbst hinaus und unterstreicht damit nur seine eigene Leere, seine eigene Identitätslosigkeit. Die Tragödie, die diesem Film innewohnt, ist die Tatsache, dass er niemals den Status jener Werke erreichen kann. Er referenziert, ohne zu ahnen, dass er nie selbst Referenz sein wird.

Oder ahnt er es etwa doch? Kurz vor dem Ende hält der Film plötzlich inne und überlässt einem melancholischen, introspektiven Avatar Hallidays das Wort. Halliday, vom herausragenden Mark Rylance als eine spannende Mischung aus BFG und Rudolf Abel interpretiert, trauert und bereut, spricht von der Verlockung von Eskapismus und der unheimlichen Schönheit der Realität. Es ist ein trauriger Moment voller aufrichtiger Gefühle – ein Stückchen Spielberg-Magie in einem seelenlosen Spektakel. Und er verdampft wie der Tropfen auf dem heissen Stein.

★★

Thursday, 17 May 2018

Deadpool 2

© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation

★★★★

"Aber natürlich liegt die ganz grosse Stärke des Films in seinem Humor, seinem flott vorgetragenen Zynismus. Blutiger Slapstick wechselt sich ab mit rasanten Dialogen, Verweisen auf die fundamentale Lächerlichkeit von Superhelden und Seitenhieben auf allerlei Popkultur, die auch vor dem Marvel-Rivalen DC nicht Halt machen (Stichwort: 'Martha')."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Monday, 14 May 2018

Jupiter's Moon

Obwohl er seit gut 20 Jahren in der europäischen Kunstszene mitmischt, musste der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó bis 2014 warten, um von einem vergleichsweise breiten Publikum richtig wahrgenommen zu werden. In jenem Jahr brachte er White God in die Kinos, ein Aufmerksamkeit erregendes Drama über einen verstossenen und misshandelten Hund, der mit seinen Artgenossen einen Rachefeldzug durch Budapest führt.

Die symbolische Dimension dieser Affiche war unübersehbar: In Viktor Orbáns zunehmend autokratischem Ungarn – dem Land der Grenzschliessungen und der xenophoben, antisemitischen und rassistischen Parolen – schliessen sich die "unerwünschten" Elemente der Gesellschaft zusammen, um sich gegen ihre staatlich sanktionierte Zerstörung zu wehren. Doch der Film reitet nicht auf seiner Metapher herum, sondern konzentriert sich ganz auf seine Handlung, deren Wendungen den vorgefertigten Interpretationsschablonen mitunter auch zuwider laufen.

Mundruczó, der neben dem Kino auch eine Karriere als erfolgreicher Theater- und Opernregisseur pflegt, arbeitet an der Schnittstelle zwischen Allegorie und reiner Erzählung. Er interessiert sich für das Unterlaufen von Erwartungshaltungen, das Aufeinanderprallen scheinbar inkompatibler Formate. Mit Johanna (2005) drehte er ein Musical über Jeanne d'Arc; als Schauplatz diente ihm ein Krankenhaus. In Tender Son (2010) zerlegt er Mary Shelleys Frankenstein und bastelt sich aus den Einzelteilen ein Meta-Experiment über das Filmemachen – und einen Mörder. 2014 liess er in der Flämischen Oper in Gent die düstere Bartók-Oper Herzog Blaubarts Burg zu den sanften Klängen von Schuberts Winterreise aufführen.

Das alles vereint er mit einem unübersehbaren Interesse an seinem Heimatland, das innerhalb eines Jahrhunderts zahlreiche Entwicklungen durchgemacht hat – von der Monarchie zum Nazi-Vasallenstaat, vom antidiktatorischen Hoffnungsträger zum Sowjetsatelliten, vom postsowjetischen Aufbruch zur neonationalistischen Kleptokratie. In diesem Kontext wirkt sein neuer Film, das von der Kritik bestenfalls lauwarm aufgenommene Fantasydrama Jupiter's Moon, wie eine logische Fortsetzung seines Schaffens, im Guten wie im Schlechten.

Der syrische Flüchtling Aryan Dashni (Zsombor Jéger) kann fliegen.
© Outside the Box
Zu Beginn des Films wird das Publikum über den eigenwilligen Titel informiert: Um den Planeten Jupiter kreisen nach neuestem Wissensstand 67 Monde. Einer davon ist von Eis überzogen und könnte noch unbekannte Lebensformen beherbergen. Sein Name: Europa. Von Bedeutung ist dieser astronomische Exkurs deswegen, weil Jupiter's Moon von der anhaltenden Flüchtlingskrise handelt.

In seinem Zentrum steht Aryan Dashni (Zsombor Jéger), ein junger Syrer, der mit seinem Vater vor dem Bürgerkrieg flüchtet. An der serbisch-ungarischen Grenze werden die beiden getrennt und ein Polizist (György Cserhalmi) schiesst Aryan an. Doch anstatt zu sterben, beginnt er plötzlich zu fliegen. Diese Gabe führt er wenig später in einem nahe gelegenen Auffanglager dem in öffentliche Ungnade gefallenen Arzt Gábor Stern (Merab Ninidze) vor, der darin die Chance aufs grosse Geld wittert.

Wer hier ein konventionelles Drama über Ungarns Umgang mit Flüchtlingen erwartet, wird genauso enttäuscht wie jene, die sich von White God eine saubere Allegorie auf den neuen ungarischen Nationalismus versprachen. Mundruczó mag zweifellos ein gesellschaftskritischer Künstler sein, doch wenn er in Jupiter's Moon etwas beweist, dann dass er sich in erster Linie immer noch als Geschichtenerzähler versteht.

Aryan wird an der serbisch-ungarischen Grenze aufgegriffen.
© Outside the Box
Er belässt es nicht beim magischen Sozialrealismus – was widerfährt einem fliegenden Flüchtling im modernen Budapest? –, sondern spinnt eine reich ausstaffierte Erzählung über Korruption, Glauben und Terrorismus: Stern will sich in privilegiertere Kreise zurück kaufen, indem er seinen Patienten Aryan als engelsgleichen Wunderheiler verkauft, während als Flüchtlinge getarnte Terroristen Schindluder mit Aryans Pass treiben.

Und doch wird unter der Oberfläche der Handlung eine faszinierende Auseinandersetzung mit den historischen Kräften angedeutet, die sich hier entladen. "There is no escape from the injuries of history", lautet eine der Schlüssellinien im bisweilen hyperliterarischen Drehbuch von Mundruczó und Kata Wéber. Geflüstert wird sie von Stern, dem Namen nach ein Mann mit jüdischem Hintergrund, der sich schon in seiner ersten Szene, wohl nur halbwegs ironisch, zum Glauben an "die Wiederauferstehung der Nation" bekennt. Mit seiner eigennützigen Motivation, Aryan zu helfen, ist er offenkundig ein Produkt des komplizierten ideologischen Geflechts, das dieser Nation zugrunde liegt: Die Generation seiner Eltern wurde verfolgt und systematisch umgebracht, während er und seine Altersgenossen nach Jahrzehnten des Gulaschkommunismus die Privatwirtschaft übernahmen und eine exklusive nationale Identität schufen.

Dass der innere Kampf, der hier ausgetragen wird, von historischem Ausmass ist, unterstreicht Mundruczó mit Hilfe von Marcell Révs durchgehend brillanter Kameraarbeit auf subtilste Art und Weise. Immer wieder bleibt Révs Kameraauge an den Schuhen der Figuren hängen: lose oder gar nicht gebunden, herrenlos, im Wasser treibend. Zuschauerinnen und Zuschauer in ganz Europa werden darin einen sachten Verweis auf den Holocaust erkennen können, doch gerade für ein ungarisches Publikum muss die Symbolkraft dieser Bilder unverkennbar sein – besteht doch das Budapester Mahnmal an die Pogrome an den ungarischen Juden aus einer 300 Meter langen Reihe leerer Schuhpaare.

In Budapest findet Aryan im Arzt Gábor Stern (Merab Ninidze) einen zwielichtigen Freund.
© Outside the Box
Lokalisierte Bezüge wie dieser stellen die Flüchtlingsgeschichte in Jupiter's Moon in einen klug-provokativen Zusammenhang. Ironischerweise ist diese effektive Spezifität auch die Kehrseite der Medaille: Indem Mundruczó den ganz grossen Bogen von Ungarns – und Europas – turbulenter Gegenwart zu ihrer düsteren Vergangenheit schlägt, droht Aryans Seite der Handlung zur Nebensache zu werden.

Man erfährt nicht viel über seine Historie: Er kommt aus Homs, hatte eine PlayStation und mag Pommes – und damit hat es sich. Das kann natürlich Absicht sein – ein Kommentar auf die entmenschlichende Natur der Flucht. Flüchtlinge verlieren im kollektiven Bewusstsein ihre Individualität, werden zu Zahlen und Statistiken ohne Vorgeschichte und komplexes Innenleben; statt der Unschuldsvermutung gilt für sie der Generalverdacht.

Dieser präventive Ausschluss aus der Gesellschaft könnte sich sogar in Aryans zweifelhaftem Casting widerspiegeln: Gespielt wird er von Zsombor Jéger, einer ungarischen Schauspielhoffnung ohne unmittelbarem Migrationshintergrund. Will man diese kreative Entscheidung in ein wenigstens einigermassen positives Licht rücken, könnte man sie als zu Ende gedachte Flüchtlingspolitik Marke Orbán interpretieren: Ein Ungarn ohne Einwanderung ist ein kulturell armes Land. (Auch diese Lesart ist problematisch, da sie davon ausgeht, Immigranten wären nur für Flüchtlingsrollen prädestiniert. Zudem ist Stern-Darsteller Merab Ninidze Georgier.)

Stern gibt Aryan als Wunderheiler aus.
© Outside the Box
Doch bei aller Rationalisierung bleibt der erzählerische Fokus von Jupiter's Moon enttäuschend. Während es ein Aki Kaurismäki in The Other Side of Hope (2017) hervorragend verstand, sowohl dem Einheimischen als auch dem Flüchtling einen detailliert ausgearbeiteten Handlungsstrang zuzugestehen, drängt sich bei Mundruczó der Ungare in den Weg des Syrers, der in allen Belangen die einnehmendere Figur ist.

So ist es mit Experimenten nun einmal: Manche Ideen treffen ins Schwarze, andere nicht. Mundruczós neuer Film ist kompromisslos unvollkommen und übt nicht zuletzt deswegen eine nicht von der Hand zu weisende Faszination aus. Mit bewundernswertem Selbstbewusstsein lässt er Realitätsnähe, Aktualitätsbezug und einen ausgeprägten Sinn für Geschichte und Symbolik auf Fantasy-, Science-Fiction- und Thriller-Versatzstücke treffen und erzielt damit immer wieder eindrucksvolle Resultate. Konstant brillant sind hier nur die mitunter Schwindel erregenden Bilder sowie Jed Kurzels pulsierender Musikscore. Der Rest mag qualitativ schwanken, doch die Intelligenz und die Menschlichkeit dahinter stehen zu keinem Zeitpunkt in Frage.

★★★★

Wednesday, 9 May 2018

I Am Not a Witch

© Outside the Box

★★★★

"Die Absurdität dieser Situation entgeht Nyoni keineswegs; doch ihre Satire liegt nicht in der expliziten Persiflage. Vielmehr lässt sie sich auf diese Welt ein, begegnet ihr auf Augenhöhe und lässt all die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten, die Shula erlebt, für sich selbst sprechen. I Am Not a Witch ist grossartig darin, die Diskontinuitäten zwischen Tradition und Moderne aufzudecken."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Monday, 7 May 2018

This Is America

© Donald Glover / Glassnote Records

"Mit gnadenloser Schärfe verweben hier Glover und Murai Tanz-Memes mit amerikanischem Waffenwahn, (dem buchstäblichen) Jim Crow und – als Glover die Schnellfeuerwaffe auf den Gospel-Chor richtet – dem Terroranschlag von Charleston, South Carolina, bei dem am 17. Juni 2015 ein weisser Nationalist neun schwarze Kirchenbesucher ermordete. Heraus kristallisiert sich ein messerscharf kritischer Blick auf eine Kultur, die sich durch Aufmerksamkeit heischende Manöver – etwa einen shirtlos tanzenden Donald Glover – von der tief in der Geschichte verwurzelten Gewalt des amerikanischen Alltags ablenken lässt."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Wednesday, 2 May 2018

In den Gängen

Seit einigen Jahren zeichnet sich im westeuropäischen Kino eine ganz spezielle Art des Alltagsdramas ab: Unverkennbar mitinspiriert von Ken Loach, dessen sozialistische Filme stets das Ideologische mit dem Emotionalen verbinden, zeigen diese Werke die entmenschlichende Natur von Arbeit unter dem Spätkapitalismus – ganz im marxistischen Sinne.

Die Tragikomödie Samba (2014) von Éric Toledano und Olivier Nakache gehört zu diesem Kanon dazu – ein Porträt des modernen Paris, in dem Freizeit ein unerreichbarer Luxus geworden ist. Im oscarnominierten Deux jours, une nuit (2014) der Dardenne-Brüder opfert Marion Cotillard ein Wochenende, um ihre Arbeitskollegen davon zu überzeugen, sie nicht wegzurationalisieren. Stéphane Brizés La loi du marché (2015) erzählt davon, wie Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer gegeneinander ausspielen. Loach selbst steuerte mit seinem Palme-d'or-Gewinner I, Daniel Blake (2016), einer Tragödie über die Absurdität des ausgehöhlten britischen Sozialstaats, zu diesem inoffiziellen Subgenre bei.

Thomas Stubers In den Gängen, nach einer Kurzgeschichte von Drehbuch-Co-Autor Clemens Meyer, schlägt in die gleiche Kerbe. Schauplatz des Dramas ist ein abgelegener Grossmarkt irgendwo im Leipziger Umland. Hier tritt der junge Christian (der einmal mehr hervorragende Franz Rogowski) seine neue Stelle an: Gemeinsam mit dem alten Grossmarkt-Hasen Bruno (grossartig: Peter Kurth) kümmert er sich um die Getränkeabteilung. Nach Schichtende, lange nach Sonnenuntergang, wartet Christian allein auf seinen Bus, der ihn nach Hause bringt – in seine marode Plattenbauwohnung in einer gesichtslosen Vorstadt.

Trotz leichter Überlänge und einer bisweilen allzu losen Erzählstruktur ist In den Gängen ein subtiles, äusserst menschliches Drama über den Alltag im Dienstleistungssektor und den ewigen Kampf, im ewig gleichen Trott Verstand und Identität nicht zu verlieren. So findet der schweigsame Christian in Bruno einen väterlichen Freund, im Vorarbeiter Rudi (Andreas Leupold) einen einfühlsamen Chef und in der unglücklich verheirateten Süsswarenangestellten Marion (Sandra Hüller) eine Kollegin, in die er sich verliebt.

Christian (Franz Rogowski) findet im Grossmarkt Gefallen an Marion (Sandra Hüller).
© Xenix Filmdistribution GmbH
Diese Konstellation hat diverse Kommentatoren, wie etwa Michael Sennhauser und Selim Petersen, dazu verleitet, den Film als "beschwingend" zu bezeichnen. In den Gängen mag diesen Aspekt haben – seine Inszenierung von Arbeitsfreundschaften und seine gänzlich ostalgiefreie Würdigung des DDR-Solidaritätsgedankens sind das schlagende Herz der Geschichte.

Doch muss man sich schlussendlich dennoch fragen: Wäre all dies nicht auch unter besseren Bedingungen möglich? Stuber und Meyer beleuchten eine Welt, in der, willentlich oder nicht, alles Leben am Arbeitsplatz stattzufinden scheint: "In den Gängen" wird gelacht, geraucht, geflirtet, getrauert und Geburtstag gefeiert, doch stets mit der Uhr im Augenwinkel und der unsichtbaren Chefetage im Hinterkopf. Nach Arbeitsende wartet hingegen nur Dunkelheit, Kälte, einsamer Alkoholkonsum und ein verlottertes oder – in Marions Fall – totes Zuhause. Hier wird tatsächlich nicht gearbeitet, um zu leben, sondern gelebt, um zu arbeiten – und das wohl für wenig mehr als den Mindestlohn.

In seiner mitunter an Aki Kaurismäki erinnernden Lakonie lässt der Film offen, was als romantisch und was als tragisch aufzufassen ist. Ohne moralischen Zeigefinger konzentriert sich In den Gängen ganz auf seine klar umrissenen Figuren und ihr Streben nach Menschlichkeit und ermöglicht einem so einen differenzierten Blick auf die emotionale wie auch auf die ideologische Ebene: Wenn Christian und Marion das Meeresrauschen im Gabelstapler hören, ist die Poesie dieser Entdeckung nicht von der Hand zu weisen. Doch gleichzeitig kann man sich auch fragen, warum die beiden denn eigentlich nicht ans Meer fahren können.

★★★★