Monday, 8 February 2016

Nichts passiert

© filmcoopi

★★★½

"Dem ewigen Sorgenkind Schweizer Film ging es zugegebenermassen auch schon schlechter. Jüngere Werke wie L’enfant d’en haut, Der Goalie bin ig, Chrieg oder Heimatland haben bewiesen, dass das antiquierte nationale Förderungssystem nicht der Tod aller Kreativität sein muss. Auch Nichts passiert geht in diese Richtung, schafft es aber letztendlich doch nicht, das Optimum aus seiner durchaus potenten Prämisse herauszuholen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Wednesday, 3 February 2016

The Hateful Eight

© Ascot Elite Entertainment Group

★★★★★½

"His regressions to his more infantile past notwithstanding, it seems more than possible that Tarantino has reached some kind of career peak here, as The Hateful Eight sees the convergence of him as a storyteller who entertains his audience – which, he claims, is his main goal as a filmmaker – and him as a cinematic artist."

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Monday, 1 February 2016

Die dunkle Seite des Mondes

Gibt ein Film zu erkennen, wie sehr er von seiner eigenen Tiefgründigkeit überzeugt ist, ist das selten ein gutes Zeichen. Es ist das Markenzeichen von Terrence Malick in den 2010er Jahren; mit bedeutungsschwangeren Voiceovers wird eine transzendentale Philosophie vorgetäuscht. Auch der aktuelle Oscarfavorit The Revenant lässt sich mit seiner demonstrativ grübelnden Aufbereitung eines Spaghetti-Westerns in diese Kategorie einordnen.

Stephan Ricks Adaption von Martin Suters Roman Die dunkle Seite des Mondes ist ein filmisch weniger hochstehendes, inhaltlich aber ähnlich prätentiöses Projekt. Wie in den Malick-Werken The Tree of Life und Knight of Cups geht es hier im Grunde um die emotionale Leere und den moralischen Bankrott der westlichen Wohlstandsgesellschaft; im Unterschied zu Malick beleuchtet Rick das Thema unter dem thrillerfreundlichen Gesichtspunkt der "Bestie Mensch".

Urs Blank (Moritz Bleibtreu) – Suters Handlung mag von Zürich nach Frankfurt verlegt worden sein, doch der Schweizer Name hat sich gehalten – ist ein Wirtschaftsanwalt, der besonders für seine Mitarbeit bei Fusionen und Übernahmen geachtet ist. Doch als nach seinem jüngsten Erfolg der unterlegene Pharmakonzern-Chef in seinem Büro auftaucht und Selbstmord begeht, beginnt Urs, seine Arbeit und sein Leben zu hinterfragen. Den neuesten Fall seines Auftraggebers (Jürgen Prochnow) bearbeitet er nur halbherzig; er distanziert sich von seiner Ehefrau (Doris Schretzmayer); und die jüngere Lucille (Nora von Waldstätten) macht ihn mit einem alternativen Lebensstil bekannt.

So kommt es, dass Urs auf einem abgelegenen Hof mit einer Gruppe von Alt-Hippies halluzinogene Pilze konsumiert und einen Horrortrip erlebt, nach dem er plötzlich seine Emotionen nicht mehr kontrollieren kann: Er schlägt Leute, dreht Lucilles Katze den Hals um, verursacht Autounfälle. Nur im Wald scheint Urs so etwas wie Frieden zu finden.

Urs Blank (Moritz Bleibtreu, links) hat genug von den krummen Geschäften in der Finanzwelt – trotz des Vertrauens, das sein Auftraggeber (Jürgen Prochnow) in ihn setzt.
© filmcoopi
Mit heiligem Ernst schickt sich Die dunkle Seite des Mondes an, die Geschichte vom Menschen zu erzählen, dem jeder Vorwand gut genug scheint, um seinen animalischen Instinkten frönen zu können. Moritz Bleibtreus durchgehend betretene Miene unterstreicht seine innere Qual, sein Gewissen, das sich hilflos gegen sein Handeln zu stemmen versucht – ein Gewissen, welches, das zeigt ein unbeholfen angehängter Nebenplot um ein gefährliches Medikament, dessen Produktion ein diabolisch händereibender Jürgen Prochnow durchboxen will, durchaus intakt wäre. Der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach.

Vielleicht verbärge sich ja in dieser unausgegoren wirkenden Ansammlung von philosophisch angehauchten Aspekten ein bissig-körperliches Porträt der Abgründe der menschlichen Psyche im Sinne von David Lynch, Lars von Trier oder David Fincher. Doch weder ist Rick ein Regisseur von genügend Format, noch ist der Geschichtenerzähler Suter subtil genug, um Urs' Kampf mit der eigenen Monstrosität etwas Differenzierteres und Raffinierteres als einen Groschenroman-Thriller abzugewinnen.

Der ansehnlich in Szene gesetzte Film wirft mit dramatischen – genauer: mittels Musik künstlich dramatisierten – Momenten nur so um sich und bemüht nicht selten lächerlich "schockierende" Wendungen, die den Anspruch, ernst genommen zu werden, hoffnungslos überstrapazieren. Rick und Co-Autorin Catharina Junk marschieren mit grimmiger Entschlossenheit voran, eisern am Glauben festhaltend, nicht Plattitüden, sondern philosophische Weisheiten zu vermitteln.

Wohler fühlt sich Urs in der Nähe seiner Freundin Lucille (Nora von Waldstätten), die ihn mit den Freuden des Drogenkonsums bekannt macht.
© filmcoopi
Die Art und Weise, in der sowohl das Drehbuch als auch die Schauspieler mit den Figuren umgehen, vermögen den Verdacht nicht auszuräumen, dass sich die Verantwortlichen erzählerisch arg übernommen haben. Im Gegenteil: Während für Urs und Lucille vier inhaltsleere Gespräche genügen, um einander unwiderstehlich zu finden, scheint Urs' Noch-Gattin von keinem anderen Gefühl besessen zu sein, als mit feuchten Augen ihrem ausgebüxten Ehemann nachzustellen. Urs selbst verkommt mehr und mehr zur unfreiwilligen Karikatur, für die Bleibtreu nicht mehr als die emotionale Subtilität eines pubertierenden Teenagers aufbringt: Seine Darbietung im dritten Akt besteht gefühlt aus halb gemurmeltem, halb tränenersticktem Selbstmitleid sowie lautstarken Aufforderungen, Leute sollen sich "verpissen".

Zugegeben, man wird leidlich unterhalten in diesem Film, der um jeden Preis zum Denken anregen will. Dafür sorgt zunächst die flott vorgetragene Thrillerhandlung; und wenn das Ganze während des ausgedehnten Dénouements in seine Einzelteile zerfällt, stellt sich eine gewisse Freude an Bleibtreus verzweifelten Versuchen ein, das emotionale Drama aufrechtzuerhalten. Zu retten ist diese aufgeplusterte Verfilmung eines prätentiösen Stoffes dadurch aber auch nicht.

★★½

Sunday, 31 January 2016

Anomalisa

Das ohnehin schon exzentrische Universum des Autors Charlie Kaufman wird um eine Kuriosität erweitert: Auf beklemmende Halbetagen und eine Reise ins Bewusstsein eines realen Hollywood-Schauspielers (Being John Malkovich), einen Bruderzwist zwischen Kaufman und seinem fiktiven Zwilling Donald (Adaptation), eine Romanze über das Vergessen (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) und ein allzu lebensechtes Theaterprojekt (Synecdoche, New York) folgt das animierte Drama Anomalisa.

Auf den ersten Blick wirkt Kaufmans zweite Regiearbeit (nach Synecdoche) – sein erstes Experiment mit Animation – im Vergleich zu seinen anderen Filmen geradezu überschaubar. Ja, die grau-braun dominierte Farbpalette hat etwas Bedrückendes an sich, und an die an Crashtest-Puppen erinnernden Stop-Motion-Figuren mit den Furchen neben den Augen muss man sich erst gewöhnen. Doch im Grunde wird hier eine relativ alltägliche Geschichte erzählt: Der Kundendienst-Experte Michael (hervorragend gesprochen von David Thewlis) soll auf einer Konferenz in Cincinnati eine Rede halten. Am Abend zuvor trifft er in seinem Hotel die schüchterne Lisa (ebenfalls grossartig: Jennifer Jason Leigh), von der er zutiefst fasziniert ist.

Dass in dieser Welt aber etwas nicht stimmt, wird nicht erst dann klar, als Kaufman und Co-Regisseur Duke Johnson ihre Hauptfigur sich mit ihrer eigenen Materialität – dem entnehmbaren unteren Teil des Puppen-Gesichts – auseinandersetzen lassen. Schon nach Michaels ersten paar Gesprächen mit anderen Leuten wird klar: Anomalisa hat nur drei Sprecher – Thewlis, Leigh und Tom Noonan, dessen Rollenbeschrieb ("Everyone else") treffender nicht sein könnte. Ausser Michael und Lisa haben nicht nur alle Charaktere das gleiche austauschbare Gesicht: Taxifahrer, Rezeptionisten, Pagen, Kellnerinnen, sogar Michaels Ehefrau und Sohn sprechen in derselben monotonen Männerstimme.

Ein paar Kritiker werfen dem Film vor, er stelle dadurch eine elitär-abgehobene Abschätzung der Probleme des "gemeinen Volkes" dar, sozusagen ein gönnerhaftes Bemitleiden von oben herab. Während man Kaufmans Perspektive zwar durchaus als privilegiert lesen kann – seine Skripte drehen sich fast ausschliesslich um gebildete, finanziell gut situierte Vertreter der weissen amerikanischen Mittelklasse –, greift dieses negative Urteil dennoch viel zu kurz.

Der gelangweilte Michael (Stimme: David Thewlis) lernt in einem Hotel in Cincinnati die einzigartige Lisa (Jennifer Jason Leigh) kennen.
© Universal Pictures International Switzerland
Michael, für den das Leben zu einer frustrierenden Abfolge des ewig Gleichen geworden ist, wirkt weniger wie ein Jedermann, der stellvertretend für bourgeoisen Ennui stehen soll, sondern mehr wie jemand, der an Depressionen leidet. Seine Mitmenschen sind ihm fremd geworden, sein Leben eine graue Routine; jeder Funke von Abwechslung – Lisa, die "Anomalie" – nimmt die Gestalt einer grossen Hoffnung an, nur um wenig später wieder von der Tristesse des Alltags eingeholt zu werden.

Kaufman und Johnson tragen die Entwicklung dieser ebenso simplen wie tief traurigen Erkenntnis mit einer überaus gelungenen Mischung aus trockener Lakonie und emotional ehrlicher Menschlichkeit vor. In knappen 80 Minuten, die sicherstellen, dass der Film auf seiner Botschaft nicht unnötig herumreitet, wird eine aussergewöhnliche Miniatur entworfen, die, ausgestattet mit Kaufmans schlichtweg brillanten Dialogen, zu gleichen Teilen amüsiert, fasziniert und erschüttert.

★★★★★☆

Monday, 25 January 2016

Creed

Wie führt man eine Sportfilm-Franchise weiter, deren Star fast 70 Jahre alt ist? Im siebten Eintrag in die Rocky-Reihe lautet das Rezept: Alles auf Anfang. Box-Weltmeister Rocky Balboa (Sylvester Stallone) hängt die Handschuhe endgültig an den Nagel, um sich als Mentor neuen Herausforderungen zu stellen.

Sein Schützling ist nicht irgendjemand: Sein Name ist Adonis Creed (Michael B. Jordan) und er ist der uneheliche Sohn d legendären Championss Apollo Creed (Carl Weathers) – Rockys Freund und erstem grossen Gegner, der in Rocky IV (1985) tragisch im Ring zu Tode kam. Glücklich ist Adonis, genannt Donnie, mit dem Ruhm seines Vaters allerdings nicht: Die Villa, die er mit Apollos Witwe Mary Anne (Phylicia Rashād) bewohnt, fühlt sich für ihn fremd an; wenn er an Wochenenden in Tijuana in den Ring steigt, kämpft er unter dem Namen Johnson.

Schliesslich zieht es ihn, wie die Franchise selbst, zurück zu den Wurzeln des Erfolgs – und der liegt, unüblich für das amerikanische Kino, nicht im sonnendurchfluteten Westen, sondern im grauen, wirtschaftlich angeschlagenen Osten. Donnie lässt seine kalifornische Heimat hinter sich und quartiert sich in Philadelphia in einer bescheidenen Einzimmer-Wohnung ein – mit dem Ziel, sich von Rocky Balboa trainieren zu lassen.

Inszeniert wurde Creed von Ryan Coogler, dem 29-Jährigen, der sich 2013 mit seinem Regiedebüt Fruitvale Station scheinbar in Stellung brachte, das Erbe des vorübergehend etwas in Vergessenheit geratenen Spike Lee anzutreten. Dieser hat sich seither allerdings mit der Aristophanes-Adaption Chi-Raq furios zurückgemeldet. Doch selbst wenn hier weder Polizeibrutalität noch institutioneller Rassismus eine Rolle spielen, ist Cooglers Zweitwerk dennoch ein selbstständiger, nicht zu unterschätzendes Beitrag zum zeitgenössischen afroamerikanischen Filmkanon.

Nicht nur wird hier in erster Linie eine schwarze Familiengeschichte erzählt, die sich um Donnie, seine Nachbarin Bianca (die hervorragende Tessa Thompson), in die er sich verliebt, Mary Anne und den langen Schatten Apollos dreht. Auch Donnies Beziehung zum gealterten Rocky ist nicht ohne symbolische Note: Der altehrwürdige Italoamerikaner reicht mit seinem Wissen auch die Hauptrolle seiner ikonischen Franchise an den jungen schwarzen Boxer weiter, den Coogler und Co-Autor Aaron Covington im Gegenzug einige berühmte Momente aus der Rocky-Historie neu auslegen lassen. Allein die Szene, in der Donnie durch die Strassen von Philadelphia joggt, angefeuert von einer schwarzen Biker-Gruppe, musikalisch begleitet von einem Mix aus Rap und dem Rocky-Hauptthema, hat das Potenzial, ihrerseits Ikonenstatus zu erlangen.

Zurück in den Ring: Rocky Balboa (Sylvester Stallone) trainiert den aufstrebenden Boxer Adonis Creed (Michael B. Jordan).
© 2015 Warner Bros. Ent.
Womöglich bedeutet Creed mehr als er letztendlich ist. Das kann auch damit zusammenhängen, dass der Film einen Balanceakt vollführen muss, bei dem sowohl der neue als auch der alte Titelheld zu ihrem jeweiligen Recht kommen – Creed Junior will eingeführt, Balboa Senior auf die ihm zustehende Ehrenrunde geschickt werden. Figurentechnisch funktioniert das gut, nicht zuletzt dank zweier ausgezeichneter Darbietungen, die sich ideal ergänzen: Während Jordan den jugendlichen Eifer, durchsetzt von Unsicherheit und Aggression, einbringt, glänzt Stallone mit der vielleicht besten Leistung seiner Karriere, die gerade in ihren leisen Momenten begeistert und in die er, so scheint es, die ganze Melancholie einer nicht optimal verlaufenen Hollywood-Laufbahn hineinsteckt.

Erzählerisch besteht somit nicht viel Spielraum, um aus den vorgefertigten Mustern auszubrechen. Zwar bleibt der Film der anregend antiklimaktischen Rocky-Tradition treu, dass der persönliche Sieg mehr wert ist als der offizielle, doch unterscheidet er sich letztlich nur geringfügig von vergleichbaren Werken wie etwa Antoine Fuquas Southpaw. Da jedoch die Formel – das hat auch Southpaw gezeigt – nach wie vor zu mitreissenden Filmen verarbeitet werden kann, ist es schwer, Creed seinen engen Bezug zum eigenen Genre nachzutragen. Nach fünf zunehmend zweifelhaften Fortsetzungen hat es Rocky dank Ryan Coogler geschafft, sich auf den Olymp des Boxkinos zurückzukämpfen.

★★★★½

Sunday, 24 January 2016

The Revenant

© 2015 Warner Bros. Ent.

★★★★½

"In the moment, I did enjoy The Revenant, as much as it can be "enjoyed". The imagery truly is a stunning work of art; the cast does a fine job at humanising the often underwritten characters; and Iñárritu is an accomplished enough director to paper over the cracks visible in the scenario. But there is something seriously wrong with the way in which the depiction of grisliness is seemingly viewed as a means to an end here."

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).