Friday, 6 October 2017

Happy End

© Filmcoopi

★★★★★

"Mit Happy End legt der österreichische Meisterregisseur Michael Haneke ein messerscharfes, gnadenlos abgründiges Familiendrama vor. Dafür gibt es nur ein Wort: atemberaubend."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Saturday, 30 September 2017

mother!

ACHTUNG: Diese Rezension enthält Spoiler.

Die Rolle des Kritiker-Lieblings scheint Regisseur Darren Aronofsky nur bedingt gefallen zu haben. Zuerst liess er auf die mit Oscarnominationen überhäuften The Wrestler (2008) und Black Swan (2010) den konfusen – aber nicht uninteressanten – Bibel-Blockbuster Noah (2014) folgen; und jetzt hat er mit mother! ein eigensinniges Horrordrama gedreht, das die Publikumsmeinung scheidet wie kaum eine andere Produktion in diesem Jahr.

Das ist denn auch einer der vielen Aspekte, die den neuen Film des Kult-Regisseurs von Pi (1998) und Requiem for a Dream (2000) zu einem derart faszinierenden Erlebnis machen. Selbst wenn man von mother! begeistert ist, wird man den Hass verstehen, den gewisse Zuschauer ihm gegenüber empfinden. Und auch in seinem sechsten Werk ist es Aronofsky noch nicht gelungen, sich von seinen bisweilen frustrierenden erzählerischen Ticks zu lösen.

Aber der Reihe nach. mother! handelt von zwei Personen: einem namenlosen Autoren (Javier Bardem) mit Schreibblockade und dessen gut 20 Jahre jüngeren Ehefrau (Jennifer Lawrence). Die beiden leben zurückgezogen in einem wunderschönen alten Haus im Grünen. Während er vergebens versucht, ein neues Werk zu Papier zu bringen, richtet sie ihr Zuhause her, das immer noch die Spuren eines grossen Brandes trägt.

Doch das Idyll wird durch die Ankunft eines Neurologen (Ed Harris) gestört, der sich sogleich häuslich einzurichten beginnt. Bald darauf folgt seine Frau (eine hervorragende Michelle Pfeiffer). Dann tauchen plötzlich die verstrittenen Söhne (Brian und Domhnall Gleeson) der Neuankömmlinge auf. Es dauert nicht lange, bis das von Jennifer Lawrence' Figur so schön ausgestattete Haus von respektlosen Menschen überflutet ist, die, trotz ihrer Unhöflichkeit, von "Ihm" – der Abspann identifiziert Bardem als "Him" – mit offenen Armen empfangen werden.

Eine Frau (Jennifer Lawrence) renoviert ein Haus im Nirgendwo.
© Paramount Pictures
So verstreichen die ersten zwei Drittel des Films – irgendwo zwischen kafkaesker Unruhe, absurdem Theater, Arthur Miller und dem Luis Buñuel von El ángel exterminador (1962) und Le charme discret de la bourgeoisie (1972). Hier ist mother! offen für eine breite Palette von möglichen Interpretationen. Jennifer Lawrence' nervenaufreibender Kampf um Ordnung in ihrem Haus kann als Kommentar auf eine Geschlechterpolitik gelesen werden, die Frauen nur sehr eng gefasste Rollen zugesteht und ihre Ansichten partout ignoriert. Es könnte die Chronik einer romantischen Beziehung sein, die nach und nach von Kleinigkeiten, angehäuften Unstimmigkeiten und widrigen äusseren Umständen zerfressen wird. Auch der Klimawandel bietet sich als Symbol an, mit Lawrence als zunehmend überforderter "Mutter" Erde. (Wer nationalistische Sympathien hegt, wird das Ganze wahrscheinlich als Anti-Einwanderungs-Traktat lesen, komplett mit einer jungfräulichen Verkörperung ethnokultureller Reinheit.)

Hat man sich mit diesen letztlich dennoch ziemlich nüchtern erzählten 70, 80 Minuten arrangiert, wechselt Aronofsky – Provokateur, der er ist – relativ abrupt den Gang. Auf eine geborstene Wasserleitung, welche die ungebetenen Besucher in die Flucht schlägt, und eine Sexszene hart an der Grenze zur Vergewaltigung folgt eine Schwangerschaft für Lawrence, ein neues Werk für Bardem und eine neuerliche Belagerung ihres trauten Heims. Doch diese artet auf eine Weise aus, die das fröhliche Trinken und Feiern aus dem ersten Teil in allen Belangen in den Schatten stellt. Angetrieben von Bardems Verlegerin (Kristen Wiig), wird das Haus zum Schauplatz eines regelrechten Personenkults; es folgen Konflikte, es bilden sich Fraktionen; bald schon wird das einst so paradiesische Refugium zu einem barbarischen Schlachtfeld.

Aber irgendetwas ist seltsam in diesem Haus.
© Paramount Pictures
Spätestens hier wird sich das Publikum – passend zum brutalen Kriegstreiben auf der Leinwand – in Bewunderer und Gegner aufteilen. Grund dafür ist nicht nur der plötzliche Tonfallwechsel, sondern auch die Tatsache, dass Aronofsky vor Beginn des dritten Akts eine folgenschwere Entscheidung trifft: Er ergibt sich seinen Instinkten und lässt eine allegorisch angehauchte Erzählung sich in eine unverhohlene Allegorie verwandeln.

Allzu überraschend ist das angesichts seiner Filmografie nicht. Viele seiner Filme "verstecken" ihren Symbolismus im Vordergrund: Der unterbewertete The Fountain (2006) etwa spielt mit Reinkarnationsmotiven, handelt aber vordergründig von der kreativen Macht des Schriftstellers. Noah lässt sich problemlos als postapokalyptische Dystopie lesen. Und obschon Black Swan ein ziemlich konventionelles Wahnsinns-Narrativ verfolgt, scheint seine Bildsprache getränkt von Einstellungen, welche die abstrakteren Dialogzeilen der Figuren unmissverständlich zu erklären versuchen.

Indem er seine anfängliche Offenheit aufgibt, fügt sich mother! nahtlos in diese Reihe ein und drängt einem seine Interpretation geradezu auf. Kurzum: Aronofsky hat nichts weniger gemacht als die Bibel verfilmt und ihr dabei ein Stück esoterischen Feminismus hinzugefügt. Und die Adaption ist nicht einmal besonders subtil.

Plötzlich tauchen von allen Seiten unbekannte Besucher auf – wie etwa ein aufdringliches Ehepaar (Michelle Pfeiffer, Ed Harris).
© Paramount Pictures
Nachdem Lawrence' neugeborenes Kind von der geifernden Menge in Stücke gerissen und verspeist wurde und sie ihr Haus in die Luft gejagt hat, fragt sie den praktisch unversehrten Bardem, wer er sei. Seine Antwort? "I am I", eine geläufige Alternative zum King-James-Bibelvers "I am that I am". Bardem ist also Gott, Lawrence eine Mensch gewordene Mutter Natur, die später auch die Rolle der Maria einnimmt. Ed Harris (laut Abspann "Man") ist Adam – mitsamt frischer Narbe in der Rippengegend –, Michelle Pfeiffer ("Woman") Eva. Domhnall Gleeson, der "älteste Sohn", der seinen Bruder erschlägt, ist Kain. Die offene Wasserleitung, die den Protagonisten vorübergehend Ruhe verschafft, ersetzt Noahs Flut. Selbst die zehn Plagen Ägyptens kommen als spielerische Details vor: eine Kröte unterm Heizofen, blutiges Putzwasser, Grillenzirpen auf der Tonspur.

Auch als der Tonfall umschlägt, bleibt Aronofsky dem guten Buch treu. Bardems grosses neues Werk, dessen Erfolg den schrecklichen Krieg in seinem Haus heraufbeschwört, wurde inspiriert – also quasi unbefleckt geboren – durch Lawrence' "Mother". Somit wird Jesus hier zum reinen messianischen Text, dessen ebenso erlöserisches wie apokalyptisches Versprechen erst durch seine Wiederkunft erfüllt wird – und zwar in Form des Sohnes, den Mother ihrem Ehemann gebiert.

Der Besuch stört den Eheman von Jennifer Lawrence' Figur, den grossen Poeten (Javier Bardem), nicht.
© Paramount Pictures
Hier formt Aronofsky seine biblische Allegorie vollends in eine dermassen düstere Auslegung der sogenannt heiligen Schrift, dass Buñuel und Bergman stolz gewesen wären. Schon vor dem dritten Akt ist mother! ein von Grund auf hochgradig subversiver Film. Titel und Erzählperspektive allein negieren die abrahamitische Legende eines männlichen Schöpfergottes, indem sie die Titel gebende Mutter, Ehefrau eines sichtlich älteren Schöpfers, prominent ins Zentrum rücken. Die kurios, aber grossartig spielende Jennifer Lawrence ist Dreh- und Angelpunkt des Films; die Kamera folgt ihr mit minimalem Abstand auf Schritt und Tritt, gewährt einem sogar Einblick in ihr Innerstes. Ihre Irritation ob der Eindringlinge in ihrem Haus ist die des Publikums, das sich lange nicht sicher sein kann, ob nun die Welt oder etwa doch Lawrence den Verstand verloren hat. Die Prämisse des Films ist das Beklagen einer inhärent verlogen erzählten Menschheitsgeschichte, aus der die Rolle der Frau – der göttlichen Mutter zum göttlichen Vater – gezielt herausgeschnitten wurde.

Folgerichtig ist die Welt – das Haus –, wie wir sie in der letzten halben Stunde sehen, wie bereits in Noah, ein elendes Jammertal. Ein Meer von Menschen, die im Abspann allesamt allegorische Namen wie Adulterer (Chris Gartin), Lingerer (Arthur Holden), Pilferer (Carolyn Fe) und Whoremonger (Genti Bejko) erhalten, lobpreist Bardem, betet seine Abbilder an, während Lawrence nur Hohn, Spott, Schläge und Tritte kassiert.

Entweder die Welt wird wahnsinnig oder die Titel gebende Mutter.
© Paramount Pictures
Das ist die Basis, auf welcher der liberal-jüdisch erzogene Aronofsky die christliche Offenbarung uminterpretiert und Gott letztlich die Entscheidungsgewalt über seine Schöpfung entzieht. Entgegen der buchstäblichen Lehre, dass der zurückgekehrte Jesus das Ende der Welt mit sich bringen wird, erzählt mother! von einer Parusie, in der die Menschheit im Angesicht des ihr prophezeiten Erlösers ihn und sich selbst vor lauter Fanatismus in Stücke reisst. Die Apokalypse kommt nicht von Gottes-, sondern von Menschenhand – besiegelt durch den feurigen Zorn der Muttergöttin. (Insofern bestehen spannende Parallelen zwischen diesem Film und Disneys Moana.) Doch das Wort, und somit auch das letzte, ist nun einmal – leider – bei Gott, und so muss denn auch diese Geschichte da aufhören, wo sie begonnen hat. Dem Chaos entsteigt eine neue Welt. Es ist das zyklische Weltbild, das man von Aronofsky aus The Fountain und Noah kennt.

Man muss diese wuchtige Allegorie nicht gut finden. Jede Kritik, die argumentiert, dass der dritte Akt das Potenzial der ersten beiden – grandios in ihrer durch Bild- und Tongestaltung sorgfältig konstruierten Atmosphäre des Unbehagens – verschenkt, ist nachvollziehbar. Doch obwohl sich die unzähligen Schichten dieses Films schliesslich mehr oder weniger in eine einzige zusammenfalten lassen, regt das ganze Konstrukt dennoch zum langen Nachdenken über all seine Elemente und Ansätze an. Aronofsky ringt hier mit den ganz grossen Gedanken, die ihn auch in Noah umtrieben, hat in mother! aber ein deutlich geeigneteres Vehikel gefunden, sich mit ihnen zu befassen. Das Resultat ist wirr, unbequem, manchmal frustrierend – und grosses Kino.

★★★★★

Sunday, 17 September 2017

BoJack Horseman (4. Staffel)

© Netflix

"Im Laufe dreier immer besser werdenden Staffeln etablierte sich die animierte Netflix-Sitcom BoJack Horseman als eine der witzigsten und erwachsensten Serien im US-Fernsehen. Mit Staffel vier, die seit dem 8. September gestreamt werden kann, haben sich Series Creator Raphael Bob-Waksberg und Chef-Animatorin Lisa Hanawalt einmal mehr selbst übertroffen."

Ganzer Artikel auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Wednesday, 30 August 2017

Lady Macbeth

© Spot On

★★★★

"Was man hier zu sehen bekommt, ist klassisches Erzählkino – ein professionell gemachtes, stimmig in Szene gesetztes und von Ari Wegner wunderschön bebildertes Kostümdrama, bei dem sich alles um die Charaktere dreht und Sub- und Kontext zweitrangig sind. Als solches vermag Lady Macbeth bestens zu unterhalten. Getragen von der ausgezeichneten Florence Pugh – sie wäre eine hervorragende Mary, Queen of Scots –, schildert der Film auf subtile Art und Weise den schrittweisen Verfall der gewohnten, streng hierarchischen Strukturen im Lester-Herrenhaus."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Monday, 21 August 2017

Atomic Blonde

© Universal Pictures International Switzerland

★★★

"Es ist ziemlich offensichtlich, dass der Plot von Atomic Blonde primär ein Vorwand für David Leitch ist, seine stilisierten Actionchoreografien vorzutragen. Doch die haben es in sich und entschädigen für die schnell vergessene Handlung. Leitch zieht bei seiner Inszenierung alle Register: Begleitet von einem grossartig eingesetzten 'Deutschland ’89'-Soundtrack ("Der Kommissar", "Major Tom", "99 Luftballons"), rechnet Lorraine mal in einem fahrenden Auto, mal in Zeitlupe in einem Hotelzimmer, mal in einer langen, ungeschnittenen Plansequenz in einem Wohnblock mit der sowjetischen Unterwelt Berlins ab. Dass Therons mitreissend dargestellte Lorraine bisexuell ist, ist eine weitere, höchst willkommene Absage an die Genrekonvention."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Thursday, 17 August 2017

Locarno Festival 2017: 12. August

Fotograf: Howard Darlington.
Nach einem Jahr Pause war es am letzten Wochenende wieder einmal so weit: Zum inzwischen dritten Mal verbrachte ich mit einem Freund – Deckname Howard Darlington – einen Tag am Filmfestival Locarno. Es war der Tag der Preisentscheidungen; die Trophäenvergabe durften wir abends auf der Piazza Grande mitverfolgen. Doch trotz einer gewissen Star-Begeisterung, Jury-Mitglieder wie Sabine Azéma und Olivier Assayas am Rednerpult zu sehen, waren die Filme das Herz des Festivaltags – wie es sich gehört.

Obwohl sich unter dem Gesehenen keine unerwartete Perle befand wie noch 2015 – die neuseeländische Rugby-Dokumentation The Ground We Won haftet immer noch in bester Erinnerung –, bot Locarno einen spannenden, bisweilen auch herausfordernden Querschnitt des internationalen Filmschaffens, das seit 1946 am Lago Maggiore gefeiert wird. Grund genug, die zwei Lang- und vier Kurzfilme, die wir am 12. August zu Gesicht bekamen, kurz zu besprechen.

Der Tag begann mit Germano Maccionis Gli asteroidi, einem italienischen Sozialdrama, dessen Programm-Synopsis eine Geschichte über "weite Felder und verlassene Lagerhallen … Diebstähle in Kirchen, begangen von der unauffindbaren 'Kandelaber-Gang', und einen grossen Asteroiden" verspricht.

© Stray Dogs
Das alles kommt in Maccionis Film zwar vor, wird aber weit weniger spektakulär präsentiert als man hätte erwarten können. Im Zentrum stehen vier junge Menschen um die 20, desillusioniert und mit einer Ausnahme scheinbar perspektivlos: Pietro (Riccardo Frasari) und Ivan (Nicolas Balotti) hängen gerne herum und tendieren zur Kleinkriminalität; Teresa (Chiara Caselli) studiert Medizin, jobbt aber weiterhin in der provinziellen Heimat, um über die Runden zu kommen; derweil der Dorfsonderling Cosmic (Alessandro Tarabelloni) glaubt, der nahende Asteroid werde die Erde nicht verfehlen, sondern einschlagen und den Weltuntergang einläuten.

Gli asteroidi nimmt sich viel vor, wird aber, wenig überraschend, seinen diversen Handlungssträngen nicht vollumfänglich gerecht. Maccionis Vision eines postindustriellen, von zahlreichen politischen und finanziellen Krisen gebeutelten Italien orientiert sich stilistisch und erzählerisch an Werken wie Daniele Luchettis La nostra vita (2010) und Francesco Munzis Anime nere (2014), lässt aber deren klaren Fokus vermissen.

Gli asteroidi.
© Stray Dogs
Eine unscharf umrissene Liebesgeschichte hier, ein angedeuteter Immigranten-Hintergrund dort, eingestreute Verweise auf Kindheitstraumata und unsichere Männlichkeit – das alles ergibt einen Film, der gut gemacht ist und durchgehend spannende Ansätze bietet, in seinem Porträt eines Landes und einer Generation im Umbruch aber schlicht zu wenig spezifisch ist.

Doch der atmosphärische Gli asteroidi sollte dennoch einer der filmischen Höhepunkte des Tages bleiben – und sei es, weil mindestens zwei der vier Einträge im Kurzfilmprogramm, welches Howard und ich am späteren Nachmittag besuchten, mit ihrer beschränkten Länge enttäuschten.

Der erste Eintrag, Han Yumengs 19-minütiger Crossing River, zeigt einen Tag im Leben eines chinesischen Bauarbeiters (Yang Yanfeng). Bisweilen hart an der Grenze zum Halbdokumentarischen, begleitet Han seine Hauptfigur auf dem Weg zur Arbeit, ins Innere der Baustelle, in die Mittagspause, wo ihm die Suppenverkäuferin (Du Qiaomei) eine Mandarine zusteckt, und in eine Schlägerei zwischen verfeindeten Arbeitern.

Crossing River.
© Future Image
Mit seinen langen Totalen, welche die Figuren in einen Zusammenhang mit der sie umgebenden Architektur stellen und sie damit anonymisieren, kreiert Han ein anregendes Stimmungsbild und liefert einen weiteren Beitrag zum chinesischen Kino, das sich für den wirtschaftlichen Umbruch der Volksrepublik interessiert. Doch Crossing River, wohl auch wegen seiner losen Struktur und seiner kurzen Dauer, fehlt ein gewisses Mass an Spezifität, um das Projekt wirklich nachhallen zu lassen.

Etwas besser schneidet der rumänische New-Wave-Kurzfilm Black Clothes (Originaltitel: Haine negre) von Octav Chelaru ab. Die Verwandtsachft zu den Filmen Cristian Mungius (4 Months, 3 Weeks and 2 Days, Graduation) und Cristi Puius (The Death of Mr. Lăzărescu, Sieranevada) sowie zu Andrey Zvyagintsevs Leviathan (2014) ist unübersehbar. Im Zentrum steht ein orthodoxer Priester (der hervorragende Adi Carauleanu), dessen Predigt gegen Scheinheiligkeit mit seinem eigenen Handeln kontrastiert wird.

Black Clothes.
© deFilm
Den gewichtigsten Vorwurf, den sich Black Clothes gefallen lassen muss, ist, dass mit dem Kurzfilmformat eine grossartige Hauptfigur verschwendet wird. Es ist faszinierend, Carauleanus Pfarrer dabei zuzusehen, wie er sich in einem Krisenmoment von einem umgänglichen, weltoffenen, grundsätzlich liberal scheinenden Gottesmann in einen wütenden, frustrierten Eiferer verwandelt. Doch wenn nach 20 Minuten der Abspann einsetzt, ist keiner der aufgeworfenen Konflikte auch nur ansatzweise gelöst. Black Clothes ist ein eindringlicher erster Akt, dem zur Vollendung einzig zwei weitere Akte fehlen.

Eine ganz andere Erfahrung als Crossing River und Black Clothes liefert Jodie Macks Wasteland no. 1: Ardent, Verdent, ein Experimentalfilm im klassischen Sinne. Wasteland ist weniger ein Film als eine fünfminütige Diashow ohne Ton, in der sich Bilder von Mohnblumen und verschieden beleuchteten Computerchips in zunehmender Geschwindigkeit abwechseln. Es mag nicht das aufregendste Werk sein, doch wer Sympathie für die konzeptuellen Filme von Walter Ruttmann, Bruce Conner und Stan Brakhage hegt, wird auch an Macks ureigenem Spaziergang durch das Mohnfeld Gefallen finden.

Wasteland no. 1: Ardent, Verdant.
© Dartmouth College – Film and Media Studies
Was feststeht, ist, dass Wasteland der weitaus erfolgreichere Film ist als derjenige, mit dem diese Locarno-Kurzfilmsammlung ihr Ende fand. Mit António and Catarina (Originaltitel: António e Catarina) mag Cristina Haneş am Abend des 12. August den Leoparden für den besten Kurzfilm gewonnen haben, doch sonderlich triftige Gründe für diese Entscheidung liefert ihr Porträt des 70-jährigen Lissabonners Augusto nicht.

Zum Einen ist die Laufzeit von António and Catarina mit 40 Minuten deutlich zu lang bemessen. Dafür sind ihre weichen Nahaufnahmen des alten "Charmeurs" zu repetitiv – sowohl ästhetisch als auch inhaltlich. Mehrmonatgie Zeitsprünge mögen persönliche Entwicklungen suggerieren, doch Haneş' Konversationen mit Augusto drehen sich letztendlich immer um das Gleiche: Liebe, Sex, jung sein, jung bleiben, Tod.

António and Catarina.
© Terratreme
Zum anderen setzt der Film einem Mann ein anerkennendes Denkmal, der den Grossteil des Drehs damit verbracht zu haben scheint, Haneş über ihr Liebesleben löchern und sie unentwegt zu fragen, ob sie nicht mit ihm schlafen wolle. Es lässt sich argumentieren, dass António and Catarina zeigt, dass auch Menschen jenseits des Rentenalters sexuelle Lust verspüren. Tatsächlich wird diese Tatsache allzu oft beschämt unter den Teppich gekehrt. Doch ein alternder Casanova, der die Bedeutung des Wortes "Nein" nicht zu verstehen scheint, ist wahrlich nicht die beste Symbolfigur für dieses Anliegen.

Und somit neigte sich der Tag schon fast dem Ende zu. Howard und ich begaben uns zwecks Abendverpflegung von L'altra Sala zur Rotonda und anschliessend zur legendären Piazza Grande, um die Preisverleihung und den letzten Open-Air-Film des Programms zu sehen: die Schweizer Musikdokumentation Gotthard – One Life, One Soul, die in Locarno Weltpremiere feierte.

© Filmcoopi
Für die Titel gebende (Hard-)Rockband, der Regisseur Kevin Merz mit One Life, One Soul ein 95-minütiges Porträt widmet, war die Visionierung ein Heimspiel. Gotthard, 1989 unter dem Krak gegründet von den Luganesi Steve Lee und Leo Leoni, geriert sich als Tessiner Urgestein – als freche, laute Provokation an die das Tessin gerne vergessende Schweizer Alpennordseite. Ihre Auftritte auf der Piazza Grande figurieren prominent bei Merz.

Auch wer keine besondere Beziehung zur Band pflegt, wird in diesem kompetent gemachten Dokumentarfilm gut unterhalten. One Life, One Soul arbeitet sich durch die wichtigsten Stationen der Gruppe, von den allerersten Gehversuchen Mitte der Achtzigerjahre bis zum riskanten Neubeginn nach dem Unfalltod Lees im Jahr 2010.

Gotthard – One Life, One Soul
© Filmcoopi
Allerdings wirkt der Film oft wie eine ernsthaft gemeinte Version von Rob Reiners bitterböser Heavy-Metal-Mockumentary This Is Spinal Tap (1984) – eine verehrende, fast gänzlich unkritische Darstellung, die sich darum bemüht, selbst die tiefsten Punkte der Bandgeschichte schön zu reden. Das Dekret von Manager und Ex-Krokus-Bassist Chris von Rohr, den originalen Drummer in die Wüste zu schicken, wodurch dessen Freundschaft zu Lee und Leoni zerrüttet wurde? Der Beginn der Professionalität. Der Stilwechsel zu Country-Pop, um während der Akustik-Welle Ende der Neunzigerjahre erfolgreich zu bleiben? Ein brillanter Schachzug, um ein breiteres Publikum dazu zu gewinnen. Die Entscheidung, dieser musikalischen Richtung mehr als fünf Jahre lang treu zu bleiben und Leoni damit an den Rand der Kündigung zu treiben? Konsequenter Ehrgeiz.

In Merz' Narrativ klaffen unübersehbare Lücken, doch es gelingt diesenletztendlich nicht, den Film fallieren zu lassen. One Life, One Soul befasst sich mit der nötigen Begeisterung mit einem sehr spezifischen Thema und weiss dieses recht wirkungsvoll zu präsentieren. Was das Gotthard-Porträt allemal schafft, ist, das Publikum wieder an das Potenzial der Schweizer Dokumentarszene glauben zu lassen.

Gli asteroidi – ★★★
Crossing River – ★★★
Black Clothes – ★★★★
Wasteland no. 1: Ardent, Verdant – ★★★
António and Catarina – ★★
Gotthard – One Life, One Soul – ★★★