Thursday, 29 March 2018

The Great and Terrible Beauty of "Annihilation"

© Netflix

★★★★★

"An ambitious and overwhelming tale of biological hybrids and a cinematic hybrid itself, a curious case of Apocalypse Now-meets-Under the Skin, Alex Garland's sci-fi horror film Annihilation, a Netflix exclusive outside of North America and China, is something of a masterpiece. Based on the eponymous novel by Jeff VanderMeer, Garland's sophomore directing effort expands upon the subdued, slow-burning intensity of his 2015 debut, the brilliant Ex Machina, and fully commits to the idea that in some stories, suggestiveness, abstraction, and open questions trump neat resolutions."

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Wednesday, 21 March 2018

Lady Bird

© Universal Pictures Switzerland

★★★★

"Zwar wird Greta Gerwig in ihrer hoffentlich noch langen Karriere Grösseres vollbringen als Lady Bird. Doch diese aufrichtige, ungemein menschliche, zutiefst persönliche Tragikomödie ist mehr als nur ein wichtiger Schritt in diesem Prozess: Sie ist zusammen mit Jordan Peeles Get Out (2017) und Julia Ducournaus Grave (2016) eines der vielversprechendsten Regiedebüts der letzten Jahre."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Wednesday, 14 March 2018

The Purge

Als James DeMonacos dystopischer Horrorthriller The Purge 2013 in die Kinos kam, liess er die Kritik ziemlich kalt. Die Prämisse – dass die USA in naher Zukunft Kriminalität und Arbeitslosigkeit auf ein Minimum reduziert, indem während zwölf Stunden pro Jahr jedes Verbrechen legal ist – sei absurd, meinten viele, die Logik dahinter haltlos, der darauf aufbauende Film schlecht konzipiert und erzählt.

Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, die Welt ist in vielerlei Hinsicht eine andere geworden, The Purge mittlerweile auf Netflix verfügbar. Und wer sich im Jahr 2018 auf dessen Netflix-Seite verirrt und trotz seines Rufes Play drückt, wird mit einem bizarren Filmerlebnis belohnt: einer an sich durchschnittlichen Genre-Produktion, die, nach Jahren der Reifung, weitaus intelligenter wirkt als ihr viele zugestehen wollen.

Im Zentrum von DeMonacos Film steht die Familie Sandin: Nach Jahren der Geldsorgen ist das Ehepaar James (Ethan Hawke) und Mary (Lena Headey) endlich in der Oberschicht angekommen – dank James' hervorragenden Leistungen als Verkäufer von Haus-Sicherheitssystemen, welche die Reichen und Schönen vor den plündernden und mordenden Teilnehmern der alljährlichen Gesetzeslosigkeit, genannt "The Purge", schützen sollen.

Zusammen mit ihren beiden Kindern, dem rebellischen Teenager Zoey (Adelaide Kane) und dem schüchternen Charlie (Max Burkholder), verschanzen sie sich auch in diesem Jahr wieder in ihrer Villa. Aber als ein verwundeter Obdachloser (Edwin Hodge) vor der Tür um Einlass bettelt, hat Charlie ein Einsehen und lässt ihn herein. Doch das entgeht dessen Verfolgern nicht: Bald schon ist das Sandin-Anwesen umstellt von maskierten jungen "Purgern", deren Anführer (Rhys Wakefield) droht, ins Haus einzudringen und die ganze Familie umzubringen, wenn ihnen "das obdachlose Schwein" nicht ausgeliefert wird.

Einige der Vorwürfe, die 2013 gegen The Purge erhoben wurden, haben kaum an Gültigkeit verloren – insbesondere jene, die sich gegen DeMonacos filmemacherische Qualitäten richten. Sein Film ist eine seltsame Mischung aus der Art von staatlich sanktionierter Gewalt, wie wir sie in der Hunger Games-Trilogie zu sehen bekommen, und David Finchers Einbruchsthriller Panic Room (2002). Während Amerika zwischen sieben Uhr abends und sieben Uhr morgens im blutigen Chaos versinkt, setzt DeMonaco auf klaustrophobisches Erzählen und zeigt, wie die Sandins in den eigenen vier Wänden eine Nacht lang ums nackte Überleben kämpfen.

Mary (Lena Headey) und James Sandin (Ethan Hawke) versuchen, mit ihren beiden Kindern die gesetzeslose "Purge" in ihrem befestigten Anwesen auszusitzen.
© Universal Pictures Switzerland
Daraus ergeben sich mehrere Probleme. Zum einen verschenkt The Purge damit einen Teil seiner Innovation: Das Spannende an diesem Film ist seine Prämisse – die Welt, die er entwirft. Amerikanische Vorzeigefamilien, deren McMansion sich in eine Todeszone verwandelt, hingegen ist ein Eckpfeiler des modernen Horrorgenres.

Zum anderen tappt DeMonaco, der auch das Drehbuch schrieb, in die Genre-Falle, seine Figuren unentwegt schreckliche Entscheidungen treffen zu lassen, damit er sie möglichst einfach in Horrorszenarien verwickeln kann. Zoey, die zum Zweck eines frustrierend kurzlebigen und letztlich bedeutungslosen Nebenplots einen Freund (gespielt vom farblosen Tony Oller) zur Seite gestellt bekommt, verbringt den Grossteil der Laufzeit damit, entrüstet aus Zimmern zu stapfen und sich vor ihren bewaffneten Eltern zu verstecken. Charlie, eingeführt als Technik-Genie, verliert seinen Scharfsinn und seine Beobachtungsgabe, sobald eine Szene nach Dramatik verlangt. Und auch bei James und Mary sucht man vergebens nach konsequenten Charakterzügen.

Als ein Obdachloser bei den Sandins Zuflucht sucht, ist ihr Haus plötzlich von bewaffneten "Purgern" umstellt.
© Universal Pictures Switzerland
Alles in allem ist The Purge die Definition von Horror-Massenware, über deren formale Defizite man noch lange reden könnte. Purger-Angriffe werden nicht weniger als dreimal auf dieselbe Art und Weise aufgelöst. Die Dunkelheit, welche die meiste Zeit herrscht, soll Atmosphäre schaffen, macht das Geschehen aber vor allem unnötig unübersichtlich. Und anstatt einer ernstzunehmenden Gefahr wird den Sandins der lächerliche Rhys Wakefield als Antagonist entgegengestellt, dessen Vorstellung einer beängstigenden Darbietung eine minderwertige Imitation von Heath Ledgers Joker zu sein scheint.

Trotzdem ist das Ganze leidlich unterhaltsam und – so unglaublich es auch scheinen mag – überraschend weitsichtig. Schien die Vision einer US-Regierung, welche die gesamte Bevölkerung eine Nacht lang für vogelfrei erklärt, 2013 vielleicht noch weit hergeholt, hat sie inzwischen einen anderen Effekt.

Gesetze für zwölf Stunden auszuhebeln, um den Menschen zu erlauben, "ihr inneres Biest" zu besänftigen und ihre angestaute Wut loszuwerden – mit der Begründung, die Massnahme steigere die nationale Produktivität –, klingt verdächtig wie republikanische Politik in der Ära Trump. Immerhin vertreten inzwischen Parteivertreter auf der nationalen Bühne weissen Nationalismus. Die solidarische Grundidee des sozialen Sicherheitsnetzes wird als unfair bezeichnet. Steuererleichterungen für Superreiche und deren Firmen werden dem Volk als Triumph der Arbeiter- und Mittelklasse verkauft. Schiessereien an Schulen sollen verhindert werden, indem man Lehrerinnen und Lehrer bewaffnet.

Der Anführer der Purge-Bande (Rhys Wakefield) stellt den Sandins ein Ultimatum: Gebt uns den Obdachlosen oder wir bringen euch um.
© Universal Pictures Switzerland
Dieser Hang zu unüberlegter, hyperkapitalistischer, realitätsferner Politik, die in erster Linie Partikularinteressen dient, existierte bei den Republikanern – der Partei, die nicht daran glaubt, dass Barack Obama ein Amerikaner ist – schon vor Trumps Wahl zum US-Präsidenten. Es liegt also nahe, dass DeMonaco an die "Grand Old Party" dachte, als er eine totalitäre, theokratisch-nationalistische Partei ersann, die im Purge-Universum die Macht an sich reisst und die Purge einführt.

So liegt denn der Clou des Films auch nicht darin, dass es die angebliche Katharsis einer jährlichen Mordorgie ist, die Arbeitslosigkeit und Kriminalität praktisch ausgerottet hat. Vielmehr ist dies die Folge finanzieller Ungleichheit: Wer reich ist, kann sich Sicherheitssysteme, Waffen und kugelsichere Westen kaufen. Wer arbeitslos ist, wird während der Purge zu Freiwild. Es ist der radikalkapitalistische US-Individualismus, bis zu seinem logischen Ende gedacht – der sich selbst regulierenden Gesellschaft.

In der Villa der Sandins beginnt eine nervenaufreibende Jagd auf Leben und Tod, vor der auch James' und Marys Kinder, Charlie und Zoey (Adelaide Kane) nicht sicher sind.
© Universal Pictures Switzerland
Es dürfte kein Zufall sein, dass die Rolle des designierten Purge-Opfers – des namenlosen Obdachlosen – dem afroamerikanischen Schauspieler Edwin Hodge zugedacht wurde. Dies spitzt die Satire des Films zu, indem darauf angespielt wird, dass der republikanische Traum vom bewaffneten Individualisten weissen Amerikanern vorbehalten ist. Besonders symbolträchtig wirkt in diesem Zusammenhang die Szene, in der James und Mary sich zum Widerstand gegen die Purger vor der Tür entschliessen – und Hodge verwundet und an einen Stuhl gefesselt zurücklassen.

So sehr The Purge auf der narrativen Ebene enttäuschen mag, so spannend ist es, sich über seine politische Dimension Gedanken zu machen. Seine Ideen, gerade vor dem Hintergrund der Entwicklung, welche die USA – und die Welt – in den letzten fünf Jahren durchlebt haben, erheben einen bestenfalls durchschnittlichen Genrefilm zu einem spannenden und streckenweise sogar nuanciert argumentierten Zeitdokument.

★★★

Saturday, 3 March 2018

Matar a Jesús

© Xenix Filmdistribution GmbH

★★★★

"Je länger der Film dauert, desto offenkundiger werden die komplexen Mechanismen, die in Medellín den Alltag bestimmen: Mora zeichnet das Bild einer Stadt, in der soziale Gräben, Klassenunterschiede, marode Institutionen, der Drogenhandel und die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Gangs und Kartellen untrennbar miteinander verbunden sind."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Wednesday, 28 February 2018

Ex Libris: The New York Public Library

Die Dokumentarfilme von Frederick Wiseman eignen sich nur bedingt zu mehreren durchgehenden Visionierungen. Oft dauern sie länger als drei Stunden, sie bleiben konsequent im stummen Beobachtermodus, und sie sind von einer fast schon obsessiven Gründlichkeit, die grossen Wert auf sich wiederholende Mechanismen legt. Wer einen Wiseman ein zweites Mal erleben will, tut dies zumeist in Ausschnitten.

Und das ist völlig in Ordnung so. Denn dieses eine Mal, wo man einen von Wisemans sogenannten "Institutionsfilmen" von A bis Z erlebt, genügt, um zu merken, dass man es hier mit einem unangefochtenen Meister seines Fachs zu tun hat. Der Guardian-Kritiker Peter Bradshaw nannte es "film-making which works from the ground up".

Das ist Wisemans Stil, perfektioniert im Laufe einer inzwischen über 50 Jahre währenden Karriere: Er erarbeitet einen Ort "von Grund auf" – fragt sich, was sich in einer öffentlichen Institution abspielt, zeigt dies in minutiösem Detail und tastet sich so langsam an eine höhere Wahrheit heran. Seine Filme tragen ebenso simple wie expressive Titel: High School (1968), Hospital (1970), Juvenile Court (1973), Racetrack (1985), Central Park (1989), Zoo (1993), Ballet (1995), Public Housing (1997), State Legislature (2006), At Berkeley (2013), National Gallery (2014), In Jackson Heights (2015). Sie gehen der Frage nach, wie moderne Gesellschaften funktionieren.

Gerade in den letzten Jahren wurde der 88-jährige Wiseman so zu einem stillen Verfechter von Bildung, Kunst und Diversität – in einer Zeit, wo alle drei unter politischem Dauerbeschuss stehen. At Berkeley setzt der altehrwürdigen Universität Berkeley, einem intellektuellen Zentrum der 68er-Bewegung, ein 244-minütiges Denkmal. National Gallery befasst sich mit der Bedeutung des Museums als Ort der Erinnerung und der Instruktion. Und In Jackson Heights, der als einer der besten Dokumentarfilme des laufenden Jahrhunderts gefeiert wird, ist ein Liebesbrief an eine der buntesten, multikulturellsten Ecken New Yorks.

Ex Libris: The New York Public Library setzt diesen Strang von Wisemans Schaffen nahtlos fort. Über 197 Minuten – ohne Off-Kommentar, ohne Namenseinblendungen, ohne explizite zeitliche und räumliche Verortung – erhält das Publikum Einblick in den Alltag der New York Public Library (NYPL): in ihre zahlreichen Lesesäle, ihre multimedialen Archive, ihre Kinderecken, ihre öffentlichen Veranstaltungen, ihre Vorstandssitzungen, ihre Gala-Dîners.

Die New York Public Library und ihre Zweigstellen sind unentbehrliche kulturelle Zentren in der US-Metropole.
© Xenix Filmdistribution GmbH
"Eine Bibliothek ist mehr als nur ein Bücherlager", mahnt eine niederländische Rednerin während der Präsentation eines neuen NYPL-Gebäudes, und Ex Libris trägt dieser Mahnung Rechnung. Nicht nur beschäftigt sich die Bibliothek mit weitaus mehr als nur Büchern; sie beschränkt sich auch nicht auf ein einziges Gebäude. Mittels Einstellungen von Strassenschildern und Hausfassaden schlängelt sich Wisemans "Narrativ" durch die Streets und Avenues von New York, von Zweigstelle zu Zweigstelle, markiert durch rote Flaggen mit einem Löwen-Logo – feste Bestandteile des urbanen Gefüges: chinesischer Waschsalon, dominikanischer Fast-Food-Laden, NYPL-Filiale.

So entsteht nach und nach das Bild der Bibliothek als limbisches System einer informierten und aktiven Bevölkerung. Das beginnt mit ihren Bücher- und Kunstsammlungen, ihren Kunstdarbietungen und den von ihr organisierten Diskussionen mit Persönlichkeiten wie Richard Dawkins, Elvis Costello, Patti Smith oder Ta-Nehisi Coates.

"Mehr als nur ein Bücherlager": In der NYPL entsteht die aufgeklärte Gesellschaft von morgen.
© Xenix Filmdistribution GmbH
Doch das ist nur die Oberfläche. Tausende von New Yorkern sind auf das Gratis-WLAN oder die Laptop- und Modem-Ausleihprogramme der NYPL angewiesen, um Zugang zum Internet zu haben. Sie stellt ihre Räumlichkeiten für Blindenschrift-Kurse zur Verfügung, für Informationsveranstaltungen für Behinderte, für Kinder-Förderprogramme, Seminare, Lesezirkel und Senioren-Tanzgruppen. Einwanderer erhalten hier Zugriff auf Ressourcen, die ihnen bei der Integration und der Einbürgerung helfen, sowie auf Zeitungen, Magazine und Filme, die sie aus ihrer Heimat kennen. Zwischen den Bücherregalen ist Platz für Debatten unter Gemeinschaftsarbeitern und Aktivisten.

Durchsetzt ist dieses NYPL-Panoptikum, wie schon National Gallery, von den trockenen, aber unentbehrlichen Gesprächen in unspektakulären Sitzungszimmern, wo Budgets, fiskalische Jahre, Sponsoren, Gönner und die Zusammenarbeit mit der Stadtregierung das Thema sind. Dies sind nie die attraktivsten Szenen in Wisemans Filmen, doch es ist bedeutsam, dass er immer wieder, in jedem erdenklichen Kontext, zu ihnen zurückkehrt: Eine Institution ist kein Elfenbeinturm; sie kann ihren Beitrag nur dann leisten, wenn sie sich an die äusseren Umstände anpassen und auf Veränderungen reagieren kann. Eine gesunde Institution, wie auch eine gesunde Gesellschaft, wächst an ihren Herausforderungen. (Hier liegt ein unerwarteter Berührungspunkt zwischen einer Wiseman-Dokumentation und der NBC-Sitcom Parks and Recreation.)

Die NYPL ermöglicht Introspektion.
© Xenix Filmdistribution GmbH
Insgesamt ist die Botschaft von Ex Libris natürlich nicht dem Zufall überlassen. Wiseman, der im Abspann als Produzent, Regisseur, Schnittmeister und Tontechniker aufgeführt ist, weiss, dass es keine neutrale Kamera gibt – und somit vertritt auch dieser Film, bei aller stiller Beobachtung, eine Weltanschauung, wenn auch keine explizit vertretene Meinung. Das Material, das es in die Endfassung geschafft hat, betont Gleichberechtigung und Emanzipation, Chancengleichheit und aufrichtiges Nachdenken über Privilegien, Kunst und Kultur, Wissenschaft und Forschung, Recherche und Geschichtsbewusstsein, Bildung und bürgerliches Engagement.

Ohne die Nennung auch nur eines einzigen Politikernamens stellt sich Ex Libris gegen mentale und physische Mauern, gegen Antiintellektualismus und die wieder in Mode gekommene Stimmungsmache gegen angebliche "Küsteneliten". Introspektion, wie sie Bibliotheken wie die NYPL ermöglichen, ist trotz des politisch feindseligen Klimas weder elitär noch arrogant. Sie ist das Fundament einer offenen, integrativen Gesellschaft.

★★★★★

Tuesday, 27 February 2018

Call Me by Your Name

© Praesens Film AG

★★★★★

"'Meisterwerk im Kleinformat' – im Grunde trifft diese Beschreibung auch auf den Film als Ganzes zu. Call Me by Your Name ist eine unspektakuläre Kinoperle – ein gemächlich erzähltes Drama, das den alltäglichen Erlebnissen seiner Figuren, auch dank Sayombhu Mukdeeproms Kameraarbeit und den betörenden Original-Songs von Sufjan Stevens, eine poetische Dimension verleiht."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).