Mittwoch, 23. September 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #9: ZFF-Programm, "Kiki’s Delivery Service", "I’m Thinking of Ending Things" und Rückblick auf Allianz Drive-In Cinema»

© Olivier Samter

Nur eine Woche nach Episode 8, bei der ich ferienbedingt nicht dabei war, kommen Daniel, Lola, Olivier und ich wieder zusammen, um in Folge 9 das Programm des 16. Zurich Film Festivals genauer unter die Lupe zu nehmen (Stichwort: Schnitzel). Ausserdem an der Tagesordnung stehen Diskussionen über Hayao Miyazakis Ghibli-Animationsklassiker Kiki's Delivery Service und Charlie Kaufmans Netflix-Kuriosum I'm Thinking of Ending Things.

Mittwoch, 16. September 2020

Hexenkinder

© Calypso Film AG, Edwin Beeler

★★★★

"Es ist kein erbauliches Bild des eigenen Landes, das sich dem Schweizer Publikum hier bietet, auch weil Hexenkinder nicht davor Halt macht, den Fall des Ingenbohler Netzwerks in einen umfassenden Kontext zu stellen. Denn für Beeler, der sich in seinem Schaffen schon mit dem Sonderbundskrieg (Grenzgänge, Der vergessene Krieg) und, im Rahmen der Doku-Anthologie L’histoire c’est moi (2004), mit Nazis in der Schweiz auseinandersetzte, ist das Schicksal seiner Hauptfiguren nicht nur eine bedauernswerte Episode in der finsteren Vergangenheit."

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Montag, 7. September 2020

I'm Thinking of Ending Things

© Cr. Mary Cybulski/NETFLIX © 2020

★★★★

"I’m Thinking of Ending Things ist ein beängstigender Film über Männer, die das Leben und die Werke von Frauen für sich beanspruchen. Über die absurde Hilflosigkeit, Teil eines grossen Ganzen und letztlich trotzdem auf sich allein gestellt zu sein. Doch es ist auch ein faszinierender, bisweilen erschreckender, stellenweise aber auch seltsam erbaulicher Film über die Erkenntnis, dass jede Äusserung, jede Tat, vielleicht sogar jeder Gedanke und jedes Gefühl nur eine plumpe Annäherung an ein vorgefasstes Ideal ist – eine Imitation von etwas, das man bereits erlebt, gesehen, gehört oder gelesen hat."

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Samstag, 5. September 2020

The Personal History of David Copperfield

© Ascot Elite Entertainment Group


★★★★

"Dickens beanspruchte tausend Seiten für diese Reise, Iannucci nicht einmal zwei Stunden. Es überrascht nicht, dass der Film ins Straucheln gerät, sobald es auf das Ende – und damit auf die Auflösung jedes noch so überkandidelten Handlungsstrangs – zugeht. Das lässt sich jedoch mühelos verkraften. Nach der etwas blutleeren schwarzen Komödie The Death of Stalin (2017) zeigt sich Iannucci in seiner Inszenierung ungewohnt experimentierfreudig und legt ein hochgradig vergnügliches Ensemblestück voller Wortwitz und Slapstick vor."

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Mittwoch, 2. September 2020

Schwesterlein

© Vega / Praesens Film

★★★

"Starke Darbietungen von Nina Hoss, Lars Eidinger, Jens Albinus und Marthe Keller – vier der besten Darsteller*innen, die das deutschsprachige Kino derzeit zu bieten hat – heben ein unspektakuläres, gewollt theaterhaftes Drehbuch über den melodramatischen Durchschnitt, können letztlich aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Chuat und Reymond hauptsächlich vorgefasste Handlungselemente abhaken. Das ist das Problem mit Schwesterlein: Das Ganze ist kompetent gemacht, hinkt aber – wie so viele andere Schweizer Produktionen – dem internationalen Kinogeschehen weit hinterher."

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Dienstag, 1. September 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #7: "Tenet", "The Batman"-Trailer, "The Personal History of David Copperfield" und Fantoche-Interviews

© Olivier Samter

Nach monatelangem Warten können Daniel Frischknecht, Olivier Samter und ich in Episode 7 des Maximum Cinema-Podcasts endlich über Christopher Nolans Tenet reden – Gesprächsstoff liefert der "Inception auf Steroiden" jedenfalls genug. Zudem unterhalten wir uns über den ersten Trailer zu The Batman, Olivier stellt die diesjährige Ausgabe des Animationsfilmfestivals Fantoche vor und spricht zu diesem Zweck mit Dustin Rees und Géraldine Cammisar, und zuletzt erzähle ich, warum mir The Personal History of David Copperfield so gut gefallen hat.

Sonntag, 23. August 2020

ONE FOR YOU: "Sibyl" & "Kingdom of Heaven" (Director's Cut)


In my latest appearance on the One for You podcast, Olivia and I find ourselves at a bit of a loss for words regarding the French drama Sibyl, which we make up for by talking a lot about the medieval politics on show in the 194-minute director's cut of Ridley Scott's 2005 epic Kingdom of Heaven. You can listen to the episode on Spotify or on the podcast app of your choice.

Samstag, 22. August 2020

Undine

© Filmcoopi Zürich AG

★★★

"Die metaphorische Stossrichtung ist für Petzold, zu dessen Werk die sogenannte 'Gespenster-Trilogie' gehört, kein Neuland: Die Geschichte lässt niemanden los, und ihre Echos verhallen niemals – gerade in Deutschland nicht. Trotz dieser weitreichenden historischen Dimension bleibt der narrative Ausblick von Undine enttäuschend beschränkt."

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Freitag, 21. August 2020

Tenet

© Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

★★★★

"Aber Nolan ist immer noch Nolan: Obwohl er seinen eigenen Hang zum eigentümlichen Erzählstil überreizt, lohnt sich der Blick auf das Resultat allemal. «Tenet» bietet trotz seines allzu theoretischen Rahmens zweieinhalb Stunden der Unterhaltung – nicht zuletzt dank seiner grossartig inszenierten Actionsequenzen, die einmal mehr die Vorzüge von Nolans Philosophie illustrieren, so oft wie möglich zugunsten von Stunts und praktischen Effekten auf CGI zu verzichten."

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Dienstag, 18. August 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #6: "Scott Pilgrim vs. the World", "Artemis Fowl", "Animal Crackers" und Interview zu "Volunteer"

© Olivier Samter

In Episode 6 des Maximum Cinema-Podcasts gibt es Tickets für die Premiere von Christopher Nolans Tenet am 26. August zu gewinnen. Zudem feiern Olivier Samter und ich das zehnjährige Jubiläum von Edgar Wrights Scott Pilgrim vs. the World, von dem Daniel Frischknecht bis vor Kurzem noch nie etwas gehört hat. In den aktuellen Filmkritiken mache ich meinem Ärger über Disneys Romanverfilmung Artemis Fowl Luft, und Olivier erzählt von der chaotischen Produktionsgeschichte des neuen Netflix-Animationsfilms Animal Crackers.

Dienstag, 11. August 2020

Days of the Bagnold Summer

© Ascot Elite Entertainment Group

★★★★

"Innerhalb dieses konventionellen Rahmens jedoch glänzt der Film mit seinem sympathischen Sinn für Humor und seiner feinfühligen Darstellung der zentralen Mutter-Sohn-Beziehung. Days of the Bagnold Summer handelt vom Ineinandergreifen von Pubertät und Midlife-Crisis; davon, wie jugendliches Rebellieren dazu führen kann, dass ein Elternteil den eigenen Lebenswandel zu hinterfragen beginnt – und damit den eigenen Nachwuchs noch mehr verunsichert."

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Freitag, 7. August 2020

Trailer: "Judas and the Black Messiah"



"Im Rahmen einer virtuellen Pressekonferenz standen Regisseur Shaka King (Newlyweeds), die Produzenten Charles D. King (Sorry to Bother You) und Ryan Coogler (Black Panther) sowie Hamptons Sohn, der Black-Panthers-Aktivist Fred Hampton Jr., der CNN-Journalistin Laura Coates kürzlich Rede und Antwort zum Film. Einen Balanceakt zwischen bildgewaltiger Unterhaltung und gewichtigem politischen Kino habe man hinlegen wollen, so Coogler und Charles D. King – eine ebenso respektvolle wie publikumswirksame Aufarbeitung der Themen, die Hampton zeit seines Lebens umtrieben."

Ganzer Artikel auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Dienstag, 4. August 2020

The Souvenir

© A24 / Agatha Nitecka

★★★

"Diese Vision ist anregend, franst in der Praxis aber leider etwas aus. Zwar überzeugen sowohl Honor Swinton Byrne – Tilda Swintons Tochter – als auch Tom Burke mit faszinierend enigmatischen, aber zu keinem Zeitpunkt vagen Darstellungen; und auch das visuelle Konzept, mit seinen körnigen, grau-blauen Bildern von gestreng-ordentlichen Innenräumen, weiss zu begeistern. Doch Hoggs Mischung aus impliziter Figurenentwicklung und reservierter Beobachtung aus der Distanz wirkt mitunter etwas gar kalt."

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Montag, 3. August 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #5: "The King of Staten Island", "Unhinged" und "The Roads Not Taken"

© Olivier Samter

In Episode 5 des Maximum Cinema-Podcasts beschäftigen sich Daniel Frischknecht, Olivier Samter, Lola Funk und ich gleich mit drei neuen Filmen: Wir fragen uns, ob in The King of Staten Island die Mischung aus Komödie und Drama funktioniert, ob das Russell-Crowe-Vehikel Unhinged ein guter Exploitation-Film ist, und ob die Darstellung von Demenz in The Roads Not Taken gelungen ist.

Mittwoch, 29. Juli 2020

The King of Staten Island

In den letzten 20 Jahren hat wohl kaum jemand die amerikanische Filmkomödie so nachhaltig verändert wie Judd Apatow. Während sich um die Jahrtausendwende diverse Humorphilosophien langsam zu Tode liefen – darunter die überzeichnete Unflätigkeit eines Eddie Murphy und der aufwändige Slapstick des Frat Packs um Ben Stiller und Owen Wilson –, liess sich der Regisseur und Drehbuchautor vom Fernsehen leiten: Er übertrug in The 40-Year-Old Virgin (2005) und Knocked Up (2007) die lakonische Ausschlachtung von peinlichen Situationen, wie man sie aus TV-Sitcoms wie Seinfeld, Curb Your Enthusiasm oder Ricky Gervais' The Office kannte, auf die Grossleinwand und erntete damit kritischen Beifall und klingelnde Kinokassen.

Hollywood spurte: Die klassische 90-minütige Komödie mit einem traditionellen Witzverständnis wurde zunehmend durch die Apatow'sche Dekonstruktion abgelöst. Die Filme wurden länger, der Humor abstrakter; kuriose Schimpfwortkombinationen und Cameo-Auftritte von Berühmtheiten, die ihr eigenes Image unterliefen, hatten Hochkonjunktur. Eine besonders einflussreiche Strategie, die Apatow selber in This Is 40 (2012) und Trainwreck (2015) auf die Spitze trieb, war, Darsteller*innen minutenlang improvisieren zu lassen und den Schnitt so lange wie möglich hinauszuzögern: Die unangenehmen Pausen, die sich unweigerlich zu häufen begannen, wenn aus einer Szene die komödiantische Luft raus war, wurden selbst zu einem essenziellen Quasi-Gag.

Diese – keinswegs unnötigen – Innovationen avancierten rasch zum inflationär verwendeten Stilmittel. Die Erhebung der faktischen Witzverweigerung zum humoristischen Konzept führte zu einer veritablen Flut von Filmen, die Fremdscham und allzu detaillierte Popkultur-Referenzen zur zentralen Quelle von Lachern erklärten: Late Night (2019) und Long Shot (2019) sind nur die jüngsten Beispiele dieses Trends, der auch vor gelungeneren Komödien wie etwa Michael Showalters The Big Sick (2017) nicht Halt macht.

Scott (Pete Davidson) ist 24 Jahre alt, depressiv und wohnt bei seiner Mutter (Marisa Tomei) auf Staten Island.
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Dass sich seine Werke als stilbildend erwiesen haben, ist nicht spurlos an Apatow vorbeigegangen. Spätestens seit Funny People (2009) – einer zweieinhalbstündigen Tragikomödie über einen depressiven, krebskranken Stand-Up-Comedian – haben seine Filme einen ambitionierten Hang dazu, nicht jugendfreie Blödel-Komik mit ernsthaften Elementen anzureichern. Auf einen ersten Akt, in dem in aller Regel genüsslich mit ungehobelten Sprüchen und verschmitzten Verweisen auf Sex und Fäkalien jongliert wird, folgt früher oder später ein markanter Tonfallwechsel: Der pubertäre Humor bleibt zwar bestehen, muss sich fortan aber das Rampenlicht mit dem Porträt einer Person teilen, die sich mit den Verpflichtungen des Erwachsenseins herumschlägt.

In This Is 40 etwa sieht sich Paul Rudd mit seiner Midlife-Crisis konfrontiert, während in Trainwreck Amy Schumer über die langfristige Nachhaltigkeit eines party- und sexorientierten Lebensstils nachdenkt. Leider fehlt Apatow jedoch das nötige Feingefühl für diese emotional anspruchsvollen Spielereien: This Is 40 und Trainwreck sind plumpe, oberflächliche Musterbeispiele für einen Regisseur, der sich erzählerisch und thematisch überwirft.

Insofern ist The King of Staten Island wohl ein ungewöhnliches Projekt. Obwohl Apatows Filme häufig nicht allzu weit von der Realität entfernt sind – This Is 40 ist eine Überhöhung seines eigenen Ehelebens, derweil in Amy Schumers Drehbuch zu Trainwreck viel von ihrer Stand-Up-Persona steckt –, ist King wohl jener mit der diffizilsten Thematik. Denn neben Apatow war auch der aus Saturday Night Live bekannte Komiker Pete Davidson am Skript beteiligt, das eine fiktionalisierte Version seines eigenen, mühseligen Werdegangs erzählt.

Scott geht den meisten Menschen in seinem Umfeld auf die Nerven, inklusive seiner Schwester (Maude Apatow).
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Davidson spielt hier ein Alter Ego namens Scott – ein 24-jähriger Staten Islander, der noch bei seiner Mutter (Marisa Tomei) wohnt, viel kifft, gerne mit seinen Kumpeln rumhängt und davon träumt, eines Tages ein Restaurant/Tattoostudio zu eröffnen. Dass es in seinem Leben nicht vorwärts zu gehen scheint, schreibt er einem Kindheitstrauma zu: Sein Vater, ein Feuerwehrmann, starb bei einem Einsatz, als Scott sieben Jahre alt war. Das ist denn auch die konkreteste Parallele zwischen Davidson und seinem Protagonisten: Davidsons Vater kam ebenfalls im Dienst ums Leben, beim Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001.

Das klingt nicht nach einem idealen Rahmen für kotzende Kinder, unausgegorene Raubüberfälle und Sprüche über Davidsons blassen Teint ("You look like an anorexic panda"). Und tatsächlich scheitert The King of Staten Island, wie so manches Apatow-Vehikel, letztlich an der wenig überzeugenden Mischung aus vulgärer Komödie und aufrichtigem Drama.

Im Vergleich zu Apatows letzten beiden Komödien kommt dies aber wenigstens merklich bodenständiger daher: Wirkten This Is 40 und Trainwreck wie geradezu provokant triviale Geschichten aus der sich selbst bemitleidenden Hollywood-Oberschicht – reichlich ausgestattet mit prahlerischen Cameo-Auftritten –, belässt es King bei einem überschaubaren Cast und einer Handlung mit grösserem Identifikationspotenzial.

Am liebsten hängt Scott mit seinen Kumpeln am Strand von Staten Island herum.
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Scott ist, auch dank einer nuancierten Performance von Pete Davidson, ein durchaus sympathischer Protagonist, den man als Zuschauer*in gerne reüssieren sehen würde. Seine Probleme sind nicht die eines überprivilegierten Profis aus der Entertainment-Branche, sondern diejenigen eines depressiven Mittelstands-Millennials, der den Einstieg ins Erwachsenenleben verpasst hat. Sein Umfeld besteht nicht aus Drehbuchautor*innen, Promi-Fitnessgurus und Sportprominenz, sondern aus seinen Kiff-Kumpanen, seiner Freundin (Bel Powley), seiner Mutter und deren neuem Partner (hervorragend: Bill Burr). Die einzigen Cameos, die sich Apatow erlaubt, sind ein wunderbar seltsamer Auftritt des Rappers Action Bronson sowie eine Feuerwehrmann-Nebenrolle für Steve Buscemi, der wie Davidson Senior am 11. September für die New Yorker Feuerwehr im Einsatz stand.

Unter diesen Voraussetzungen funktioniert auch die implizite Komik, mit der sich Apatow einen Namen gemacht hat, etwas besser als zuletzt. Zwar überzeugen das peinlich berührte Schweigen und die halbherzigen Witzansätze noch immer nicht restlos, doch gerade während der ersten halben Stunde – bevor der Film den obligaten Tonfall-Spurwechsel vollzieht – laden die einfühlsamen Darbietungen dazu ein, müdere Kalauer nicht als Drehbuchschwäche, sondern als stimmige Charaktermomente aufzufassen.

Ray (Bill Burr) ist der neue Partner von Scotts Mutter – sehr zu dessen Leidwesen.
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Dass King letztlich aber vielleicht doch am Skript kranken könnte, suggeriert der besagte Übergang ins Dramatische. Scotts Kampf gegen Ray, seinen Stiefvater in spe, wird zum Hauptschauplatz seiner Lebenskrise, zeichnet sich aber vor allem durch repetitive Szenen – Streit, Beziehungssabotage, Streit, Beziehungssabotage – und abgedroschene Anzeichen persönlichen Wachstums aus. Die Binsenweisheiten, die Scott schlussendlich zum Optimismus bekehren – Kameradschaft ist wichtig, Arbeit kann erfüllend sein, alle tragen Verantwortung füreinander, man muss den Menschen ihr Glück gönnen –, stehen sinnbildlich für die emotionale Oberflächlichkeit, mit der Apatow, Davidson und Co-Autor Dave Sirus in ihrem Drehbuch zu Werke gehen. Am Ende der zähflüssigen 137 Minuten könnte es klarer nicht sein, dass das Wohlwollen gegenüber den Figuren in erster Linie das Verdienst ihrer Darsteller*innen ist.

Das mag genügen, um The King of Staten Island zu Apatows menschlich ansprechendstem Werk seit mehr als einem Jahrzehnt zu machen; doch die tiefgreifenden Widersprüche seines Schaffens werden damit nicht aufgelöst. Er hat auch in seinem sechsten Spielfilm noch kein passendes Rezept gefunden, um seine dramatischen Aspirationen innerhalb einer dreckigen Cringe-Komödie auszuleben. Vielleicht ist er einfach nicht der richtige Mann dafür.

★★

Mittwoch, 22. Juli 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #4: Ennio Morricone, "Hamilton" und "The Old Guard"

© Olivier Samter

In Episode 4 des Maximum Cinema-Podcasts blicken Daniel Frischknecht, Lola Funk, Olivier Samter und ich auf das Werk des kürzlich verstorbenen Filmkomponisten Ennio Morricone zurück, besprechen das ebenso erfolgreiche wie umstrittene Hit-Musical Hamilton, das neu auf Disney+ verfügbar ist; und wir unterhalten uns über die Höhen und Tiefen von Gina Prince-Bythewoods Netflix-Actionfilm The Old Guard.

Sonntag, 19. Juli 2020

The Roads Not Taken

© Filmcoopi

★★

"Diese Momente der fast gelungenen Kommunikation sind die Höhepunkte eines Films, der insgesamt zu stark von emotionaler Kurzschrift lebt. Der demente Leo wird mit fast schon voyeuristischem Eifer auf jede nur erdenkliche Weise gedemütigt, doch Javier Bardem stehen wegen der pathologischen Apathie seiner Figur keine sonderlich aussagekräftigen Reaktionen zur Verfügung."

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Montag, 13. Juli 2020

Family Romance, LLC

© MUBI / Lena Herzog

★★★★

"In einer fünfminütigen Einführung, die Herzog für die Arthouse-Streaming-Plattform MUBI aufgenommen hat, erzählt in seinem markanten, bayrisch akzentuierten Englisch voller Stolz: 'Some reviewers, professional ones, believed that the film must be a documentary. But of course, it’s all staged.' Das ist denn auch der Clou von Family Romance, LLC: In der Manier von Abbas Kiarostamis doppelbödigen Performance-Filmen – insbesondere Close-Up (1990), Copie conforme (2010) und Like Someone in Love (2012) – sucht Herzog nach der Wahrheit in der Fälschung."

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Sonntag, 12. Juli 2020

ONE FOR YOU: "The Old Guard" & "Certain Women"


After a number of guest appearances on the One for You podcast, I have joined fellow film critic Olivia Tjon-A-Meeuw as a regular rotating co-host. In my debut in this capacity, Olivia and I talk about Gina Prince-Bythewood's Netflix action film The Old Guard and Kelly Reichardt's Montana elegy Certain Women. You can listen to the episode on Spotify or on the podcast app of your choice.

Donnerstag, 9. Juli 2020

Scoob!

“Scooby-Doo” and all related indicia are trademarks and copyright of Hanna-Barbera Productions © 2020 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

★★

"Während Scoob! sich in seinen ersten zehn Minuten ziemlich erfolgreich als eine Adaption verdingt, die sich mit den Eigenheiten des Quellenmaterials auseinandersetzt, bedient der Rest austauschbare Kinderfilmelemente, die wenig bis gar nichts mit dem zu tun haben, was Scooby-Doo zu einem Klassiker des Samstagmorgen-Cartoons gemacht hat."

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Dienstag, 7. Juli 2020

Maximum Cinema Filmpodcast #3: (No) Will Ferrell Special

© Olivier Samter

In Episode 3 des Maximum Cinema-Podcasts sprechen Lola Funk, Olivier Samter, ein mysteriöser Gast und ich über Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga, Burhan Qurbanis Neuverfilmung von Alfred Döblins "Jahrhundertroman" Berlin Alexanderplatz sowie die anhaltende Blockbuster-Krise in Zeiten von COVID-19.

Samstag, 4. Juli 2020

Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga

© Elizabeth Viggiano/NETFLIX 2020

★★

"Doch so viel Herzblut auch im Kern dieses Projekts stecken mag, so wenig gelingt es Regisseur David Dobkin (Wedding Crashers) und das EBU-Produktionsteam, dieses spürbar zu machen. Eurovision wirkt wie ein zweistündiger Kompromiss zwischen verschiedenen Ansätzen, die sich letztlich nicht vereinen lassen."

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Mittwoch, 24. Juni 2020

Maximum Cinema Filmpodcast

© Olivier Samter

Maximum Cinema hat einen neuen Podcast auf die Beine gestellt, in dem ich zusammen mit Olivier Samter, Lola Funk und Daniel Frischknecht Knörr alle zwei Wochen über das Neueste aus der Filmwelt sprechen werde. Die ersten beiden Episoden sind bereits auf allen üblichen Podcast-Plattformen verfügbar: In Folge 1 breite ich mich vor einer längeren Diskussion über COVID-19 und die Schweizer Kinolandschaft über meine derzeitige Werner-Herzog-Faszination aus, während Lola, Olivier, Daniel und ich uns in Folge 2 mit Richard Jewell, Da 5 Bloods und der Online-Ausgabe des Locarno Festivals befassen.

Dienstag, 16. Juni 2020

Da 5 Bloods

© David Lee/Netflix

★★★★

"Letztlich mögen diese überwältigende Dichte an Referenzen und Diskursen sowie der immer explosiver werdende Plot den Rahmen des Films sprengen; doch auch das ist Lee in Reinform: Da 5 Bloods ist eine engagierte, empathische und zornige Auseinandersetzung mit all den sich überlagernden Ungerechtigkeiten, die sich Amerika seit seiner Entstehung hat zuschulden kommen lassen."

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Montag, 8. Juni 2020

Notre dame

© Frenetic Films



"Es ist fast schon beeindruckend, mit wie vielen Mitteln Donzelli und Charbit hier versuchen – und daran scheitern –, ihr Publikum zum Lachen zu bringen. Stummfilm- und Musicaleinlagen, instabile Lügengebilde, Feministenwitze, bizarrer Slapstick, nackte Hintern, durchgeknallte Nebenfiguren – die beiden ziehen alle Register und provozieren damit vor allem Augenverdrehen."

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Samstag, 30. Mai 2020

Clint Eastwood: Eine widersprüchliche Ikone wird 90

© 2020 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

"Um mit der 65-jährigen Schauspiel- und 49-jährigen Regiekarriere von Clint Eastwood fertigzuwerden, reicht eine Stimme nicht aus. Also habe ich kurzerhand meinen Vater, den Eastwood-Fan und langjährigen Luzerner Filmkritiker Urs Mattli, aus dem Ruhestand geholt, um mit ihm über das Geburtstagskind zu plaudern. Herausgekommen ist eine Mischung aus Geschichtslektion, Karriere-Durchleuchtung und Filmempfehlungsliste."

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Donnerstag, 21. Mai 2020

Une colonie

© Outside the Box

★★★

"Somit bleiben sowohl Jimmy als auch der programmatische Titel letztlich leere Gesten in einem anderweitig allzu gewöhnlichen Drama. Dass die wohlbekannten Stationen der Handlung aber dennoch überwiegend funktionieren, ist den beiden Jungschauspielerinnen im Zentrum von Une colonie geschuldet. Émilie Bierre überzeugt mit ihrer Interpretation von Mylias Kampf, Camille trotz ihrer Unsicherheit und ihrer pubertären Ausbrüche eine gute Schwester zu sein."

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Montag, 18. Mai 2020

Switzerlanders

© Praesens Film

★★

"Das sind grosse Worte für ein Werk, das an genormter, hemdsärmeliger Biederkeit kaum zu überbieten ist. Ein paar zerhackstückelte Aufnahmen des 'Fridays for Future'-Umzuges, eine Stammtisch-Tirade über Lithiumbatterien, eine Bestandsaufnahme der schwindenden Alpengletscher und ein Harry-Hasler-Verschnitt, der gegen 'das linke und grüne Pack' in Zürich wettert – und das war es dann auch schon in Sachen Aktualitätsbezug. Der Rest von Switzerlanders bedient mehrheitsfähige Gemeinplätze, die zu keinem Zeitpunkt ein spezielles Gefühl von Zeit und Ort evozieren."

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Freitag, 15. Mai 2020

Roman J. Israel, Esq.

© Sony Pictures Entertainment, Netflix / 2017 Columbia Pictures Industries, Inc., CCP Inner City Film Holdings, LLC, Bron Creative Corp., Macro Content Fund I, LLC and IN Splitter, L.P.

★★★

"Entsprechend ist Roman J. Israel – ganz im Sinne seiner faszinierend widersprüchlichen Hauptfigur – eine lohnenswerte Enttäuschung. Getragen von einer einnehmenden Darbietung von Denzel Washington, stösst der Film zahlreiche essenzielle Gedankengänge an, ohne aber sein beträchtliches Potenzial zu erfüllen. Die Bausteine eines grossartigen Werks sind da, doch Gilroy vermag sie nicht zusammenzusetzen."

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Donnerstag, 30. April 2020

A Beautiful Day in the Neighborhood

© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH

★★★★

"Vielmehr geht es Heller darum, ihr Publikum, wie Lloyd, von seinem antrainierten Argwohn gegenüber aufrichtig kommunizierten Emotionen zu befreien und zum Kern des Phänomens Mister Rogers vorzudringen, der so relevant wie eh und je ist. Dass der geduldige Moderator mit seinen zerzausten Handpuppen und simpel gestrickten Lebensweisheiten ein aussergewöhnlicher Mensch war, steht ausser Frage – doch er war, wie er selbst immer wieder zu sagen pflegte, weder ein Wunderheiler noch ein Heiliger."

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Dienstag, 28. April 2020

Dr. Mabuse, der Spieler

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

★★★★★

"Langs Flair für das mitreissende visuelle Geschichtenerzählen ist durchgehend evident. Die Eröffnungsszene – ein gewagter Raubüberfall auf einen Zugpassagier, der über viele Ecken in eine Börsenpanik mündet – und die finale Schiesserei, welche die Brutalität unzensierter früher Hollywood-Gangsterfilme wie Little Caesar (1931) und Scarface (1932) vorwegnimmt, sind ebenso eindrückliche Beispiele dafür wie die vielen kleinen Witze und Spielereien, für die Lang inmitten von Mord und Totschlag immer wieder Platz findet."

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Samstag, 18. April 2020

Meek's Cutoff

Was passiert, wenn man den Frontier-Western seiner Grundlagen beraubt? Kelly Reichardt, die Regisseurin von Certain Women (2016) und dem an der diesjährigen Berlinale gefeierten First Cow (2019), hat 2010 genau das versucht und ist in Meek's Cutoff auf faszinierende Antworten gestossen.

Wenn das amerikanische Kino davon erzählt, wie das Land "gezähmt" und der Kontinent "from sea to shining sea" geeint wurde – wenn es darum geht, "How the West Was Won" –, gelten zwei Grundregeln: Der Wilde Westen war ein Ort des Heldentums, und seine Sprache war die Gewalt. Ob klassischer oder revisionistischer Western, ob Stagecoach (1939) oder The Man Who Shot Liberty Valance (1962), ob Rio Bravo (1959) oder Unforgiven (1992), ob Glorifizierung des "Pioniergeistes" oder Eingeständnis, dass das amerikanische Projekt Millionen von Afrikanern und Ureinwohnern die Freiheit und das Leben kostete – letzten Endes kehrt das Genre, das in fast jeder seiner Ausprägungen herausragende Filme hervorgebracht hat, immer wieder zu diesen beiden Funktionen zurück.

Meek's Cutoff stellt das Modell auf den Kopf: Unter seinen Figuren, die während der 1840er Jahre durch die Wüste des pazifischen Nordwestens irren, finden sich weder Helden noch Antiheldinnen; und das Potenzial der tödlichen Gewalt ist zwar omnipräsent – immerhin ist der sogenannte "Oregon Trail" nicht zuletzt dafür berüchtigt, einige der ihn abwandernden Pioniere in den Kannibalismus getrieben zu haben –, eskaliert aber nie zu tatsächlichem Totschlag. So höhlt Reichardts Dramatisierung eines vom Unglück verfolgten Planwagenzugs den Western aus, bis nur noch die hässliche Essenz der Frontier übrig bleibt.

Drei Ehepaare kämpfen sich unter der unsicheren Leitung des überforderten Trappers Stephen Meek (Bruce Greenwood) mit schwindenden Wasservorräten durch ein von Salzpfannen und Natronseen durchsetztes Gebiet. Die mitgebrachten Behaglichkeiten aus dem Osten – Stühe, Tische, Schränke – bleiben eine um die andere auf der Strecke; von der einen Szene auf die andere ist der Kanarienvogelkäfig leer. Während die Frauen (Michelle Williams, Shirley Henderson, Zoe Kazan) in der Bibel lesen, stricken, kochen und im Stillen mit der Führungsschwäche ihrer Ehemänner hadern, versinken diese (Paul Dano, Neal Huff, Will Patton) in frustrierter Uneinigkeit darüber, in welche Richtung es gehen soll, ob man auf den stärker befahrenen Pfad im Norden zurückkehren könnte und ob es helfen würde, Meek für seinen unzureichenden Rat zu hängen.

Der Weg nach Westen birgt viele Gefahren.
© Oscilloscope Laboratories
Doch der schwelende Zorn über das gegenseitige Versagen findet ein neues Ziel, als es der Gruppe gelingt, einen einsamen Cayuse-Indianer (Rod Rondeaux) einzufangen, der sie seit Tagen zu verfolgen scheint. Fortan sind es sein Leben und seine Menschlichkeit, die zur Debatte stehen. Dass er nur in seiner eigenen Sprache kommuniziert und für die weissen Siedler unentzifferbare Petroglyphen anfertigt, ist für sie nicht nur ein logistisches Problem, sondern auch ein Beleg für ihre eigene Überlegenheit. Gleichzeitig jedoch macht sich aber auch die Angst breit, dass sich hinter jedem Felsen und jedem Hügelkamm ein Heer von blutrünstigen "Wilden" versteckt halten könnte.

In Meek's Cutoff ist die Frontier – die sagenumwobene Wurzel der modernen Vereinigten Staaten – geprägt von Rassismus, universeller Wut, hohlem männlichem Draufgängertum, kolonialer Selbstüberschätzung und besatzerischer Inkompetenz. Doch Reichardt inszeniert dieses trostlose Trauerspiel nicht als Satire oder verkappten psychologischen Horrofilm, sondern nähert sich Meeks Gefolge mit der ihr eigenen Sachlichkeit.

Emily Tetherow (Michelle Williams) steigt allmählich zu einer Autorität im Planwagenzug auf.
© Oscilloscope Laboratories
Sie ersetzt eine klassische Dramaturgie mit sprechenden, zeitlich unklar umrissenen Episoden, in denen Chris Blauveldts Kamera eine ruhige, neutrale Beobachterin bleibt. Bebildert wird das Ganze in erster Linie mit anonymisierenden Totalen: Die Figuren werden überragt vom Land, das sie gestohlen haben; die Gesichter der bekannten Darsteller*innen Williams, Greenwood, Dano, Henderson und Kazan sind nur selten klar erkennbar und verschwinden nachts beinahe im Dunkeln; die sich beratenden Männer sind nur aus der Ferne – aus dem Blickwinkel der auf Distanz gehaltenen Frauen – zu sehen.

In Kombination mit Jeff Graces gespenstischer Musikuntermalung verwandelt sich der voranschleichende Wagenzug so von einer Reise der Hoffnung zu einem Trek ins Verderben, zu einer Art Totentanz – Ingmar Bergman via William Wellmans Ox-Bow Incident (1943) und Delmer Daves' Jubal (1956). Es sind unbequeme Visionen wie diese, die Reichardt zu einer der besten amerikanischen Filmemacherinnen der Gegenwart machen.

★★★★★

Sonntag, 5. April 2020

Le milieu de l'horizon

© Outside the Box

★★★

"Zwar begegnen sie dem aufbegehrenden Gus mit der angebrachten Empathie, inszenieren ihn aber niemals so, als würde das Schlagwort 'Pubertät' sogleich sein ganzes, irgendwann nicht mehr nur latent frauenfeindliches Verhalten entschuldigen. Vielmehr loten sie mit viel Feingefühl aus, wie viel Selbsterkenntnis, Demut und Arbeit nötig ist, um diesen allzu alltäglichen Pfad wieder zu verlassen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Montag, 30. März 2020

Jeanne

© Outside the Box

★★

"Prudhomme und ihr Gefolge rezitieren ihren Dialog ohne Leidenschaft und ohne Anspruch auf Naturalismus, als befänden sie sich in Rainer Werner Fassbinders Effi Briest (1974) oder einem Stück des epischen Theaters. In der Theorie ist das ein mustergültiger Verfremdungseffekt, mit dem Dumont seine eigene Inszenierung ironisch aufs Korn nimmt. Doch in der Praxis führt dieser Gimmick ins Nichts."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar)

Samstag, 28. März 2020

Lady and the Tramp

© Disney

★★

"Man könnte sich die Rezensionsarbeit im Grunde sparen, läuft doch letztlich jeder dieser Filme mehr oder weniger auf dasselbe Fazit hinaus: Wozu soll man sich das inferiore Remake antun, wenn – gerade in Zeiten von Disney+ – das geliebte Original nur einen Klick entfernt liegt? Das gilt auch für Lady and the Tramp, das vom Animationsexperten Charlie Bean inszenierte Remake des gleichnamigen Disney-Klassikers von 1955."

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Samstag, 21. März 2020

The Two Popes

© Netflix

★★★

"So muss sich der amüsante, theologisch und kirchenhistorisch anregende, mitunter sogar berührende Blick auf eine ungewöhnliche päpstliche Zwangsheirat das Scheinwerferlicht mit einem bruchstückhaften Franziskus-Biopic teilen, das sich auf der Bühne wohl besser ins Gesamtkonzept integrieren lässt. Damit ist der Film der zwei ungleichen Päpste ein Werk mit zwei ungleichen Teilen: Einer zeichnet sich durch ungeschickte, aber letztlich sympathische Leichtfüssigkeit aus; der andere wirkt knorrig, steif und altbacken."

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Montag, 16. März 2020

Emma.

Sitting decorously at the intersection of stately and irreverent, photographer Autumn de Wilde's debut feature – an adaptation of Jane Austen's 1815 novel Emma – is neither as idiosyncratic as it could be nor as stuffy as these kinds of adaptations of prestigious source material often are.

On the whole, director de Wilde and screenwriter Eleanor Catton, herself a Booker Prize-winning novelist (The Luminaries), prove a fine duo to tackle one of the most enduring works of English literature, as they display a keen understanding for what makes Austen such a perennial favourite. Their Emma – stylised as Emma. on the title card, the full stop allegedly marking it as a "period piece" – is a romantic comedy with the emphasis on the comedy; a decision perfectly in tune with Austen's tendency to mock rather than lionise her protagonists' comparatively low-stakes misadventures among the Regency period's landed gentry.

Emma is a case in point: the titular heroine, played with wit, panache, and bubbly naïveté by Anya Taylor-Joy (The Witch, Split), is, in Austen's own words, "handsome, clever, and rich ... and had lived nearly twenty-one years in the world with very little to distress or vex her." So when Emma's governess and best friend (Gemma Whelan) is married off to a kindly neighbouring landlord (Rupert Graves), the young woman befriends a parentless girl (Mia Goth) and starts fancying herself a master matchmaker.

Naturally, this claim will soon come to haunt both her and the sizeable supporting cast, which features some choice performances: Bill Nighy is a phlegmatic delight as Emma's shivering father; Josh O'Connor's foppish vicar feels like a more youthful spin on Rowan Atkinson's Father Gerald from Four Weddings and a Funeral (1994); and Miranda Hart delivers an arrestingly multi-layered turn as Miss Bates, a hilarious caricature of a blissfully oblivious bore, who comes to signify Emma's realisation that her view of the world may not actually correspond to the real state of things all that much.

Emma (Anya Taylor-Joy) tries her hand at being a matchmaker – with mixed results.
© Universal Pictures International Switzerland
That the story's primary love interest – gallant George Knightley, played by folk musician Johnny Flynn – ultimately finds himself among the less interesting figures vying for narrative attention here is par for the course for a film based on an 1810s novel of manners. And although this weakens the development of the romance that eventually emerges, Flynn is affable enough to make the inevitable resolution seem sweet rather than anticlimatic – something Matthias Schoenaerts, for instance, wasn't quite able to convey in Thomas Vinterberg's Far from the Madding Crowd (2015), which dampened the impact of an otherwise majestic Thomas Hardy adaptation.

De Wilde's Emma, in short, is a lark – an upbeat, frequently very funny, and visually pleasing take on an established classic. But as the film keeps piling on the minor disturbances in the characters' supremely bearable slightness of being, it starts to beg the question whether all of this really warrants a runtime of over two hours, also given its extremely leisurely pace. This impression is compounded by the fact that neither de Wilde nor Catton go as far in their engagement with (literary) history as one feels they could, for while issues of class and gender do crop up – as they are wont to do in an Austen plot – they are never subjected to the kind of modern scrutiny Greta Gerwig employed so incisively in Little Women (2019). Still, as romantic comedies go, Emma is unquestionably among the better offerings in recent memory.

★★★

Sonntag, 8. März 2020

ONE FOR YOU: "About Endlessness" & "My Neighbor Totoro"


This week, I once again joined fellow critic Olivia Tjon-A-Meeuw in studio to talk about movies on the One for You podcast. Our main topics this week were Roy Andersson's beautifully strange About Endlessness, which I'd already reviewed on Maximum Cinema, and Hayao Miyazaki's animated classic My Neighbor Totoro from 1988. Listen to the episode on Soundcloud or on the podcast app of your choice.

Dienstag, 3. März 2020

About Endlessness

© Xenix Filmdistribution GmbH

★★★★★

"Der Zusammenhang dieser Momente offenbart sich im Kontext der titelgebenden Endlosigkeit: Ob historischer Kriegsausgang oder scheinbar unwichtiges Alltagsdetail – die Zeit wird jeglichen Unterschied zwischen diesen Ereignissen im Endeffekt zur Bedeutungslosigkeit zerreiben. Zugleich unterstreicht About Endlessness hiermit auch die fundamentale Unzulänglichkeit menschlichen Strebens: Ziele und Endpunkte sind eine Illusion; die einzige Hoffnung liegt in der Vorwärtsbewegung; Stillstand ist fatal."

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Freitag, 28. Februar 2020

J'accuse

Roman Polanski, der einst gefeierte Regisseur von Filmen wie Rosemary's Baby (1968), Chinatown (1974) und The Pianist (2002), der 1977 die 13-jährige Samantha Gailey vergewaltigte, verhaftet wurde und sich vor der Urteilssprechung ins sichere Frankreich absetzte, widmet sich der Dreyfus-Affäre, einem der berühmtesten Justizirrtümer der Geschichte. Es ist ein Projekt, das in seiner kalkulierten Dreistigkeit und verschmitzten Selbstzufriedenheit auf dem Papier wie das Werk eines besonders kühnen Internettrolls wirkt.

Fast schon folgerichtig, dass Polanski im Zuge der Premiere von J'accuse, wie die Romanadaption nach Robert Harris heisst, jegliche Zweifel über seine Affinität zu diesem Stoff aus der Welt schaffte: "Ich finde Momente, die ich selber erlebt habe", gab er in einem Interview mit einem befreundeten französischen Polemiker, der die #MeToo-Bewegung mit nationalsozialistischem und stalinistischem Terror gleichsetzt, zu Protokoll. Er kenne "die Mechanismen der Verfolgung", denen der jüdische Armeeoffizielle Alfred Dreyfus im Frankreich der 1890er Jahre ausgesetzt war: "dieselbe Entschlossenheit, die Fakten zu leugnen", dieselbe Bereitschaft, ihn "für Taten zu verurteilen, die ich nicht begangen habe".

Doch die Fakten sind, nach allgemeiner Einschätzung, offenkundig: Polanski hatte Sex mit einem nicht einwilligungsfähigen 13-jährigen Mädchen – im Volksmund auch "Vergewaltigung" genannt – und entzog sich der Rechtssprechung, als klar wurde, dass der Richter seine rechtliche Übereinkunft mit der Klägerin nicht berücksichtigen würde. Und obwohl Samantha Gailey, deren Nachname inzwischen Geimer lautet, seither anderweitig entschädigt wurde und den Fall als erledigt betrachtet, ist Polanskis öffentliches Auftreten in den 42 Jahren seit seiner Flucht nicht eben ein Bild von persönlicher Reifung und vollzogener Rehabilitierung im Sinne des Gesetzes. Vor seinen Äusserungen zu J'accuse liegen Jahrzehnte der lautstarken Entrüstung über "Political Correctness", Feminismus und die Bestrebungen, ein besseres Klima für Menschen zu schaffen, die vergewaltigt wurden.

Alfred Dreyfus (Louis Garrel, links) wird unschuldig des Landesverrats bezichtigt.
© Frenetic Films
Vor diesem Hintergrund ist es schlicht nicht vertretbar, wie der Venedig-Festivaldirektor Alberto Barbera auf der strikten Trennung zwischen Kunstwerk und Künstler zu beharren. Wenn Polanski es nicht tut, warum dann sein Publikum? Überdies sind die Persönlichkeit und die Umstände des Künstlers in diesem Fall sehr wohl von Bewandtnis für das Werk: Denn trotz der grundlegenden Frivolität der Affiche hätte J'accuse durchaus Relevantes zu sagen, wäre da nicht der selbstreferenzielle Tunnelblick des Regisseurs.

Der Film setzt 1895 ein, mit der rituellen Degradierung von Alfred Dreyfus (Louis Garrel), dem zur Last gelegt wird, dem feindlichen deutschen Reich wertvolle Informationen über das französische Militär zugespielt zu haben. Vor den Toren der Kaserne rufen ihm Passanten wüste, antisemitische Beschimpfungen zu, während man sich unter den versammelten Offizieren und Generälen herzlich zur Beseitigung des "Fremdkörpers" gratuliert. Bald darauf findet sich Dreyfus in Einzelhaft auf einer kleinen Insel vor Französisch-Guyana wieder.

Georges Picquart (Jean Dujardin) kommt der Verschwörung gegen Dreyfus auf die Schliche.
© Frenetic Films
Auftritt Georges Picquart (Jean Dujardin), ein militärischer Senkrechtstarter, der zum neuen Chef des Geheimdienstes ernannt wird und in dieser Position entdeckt, dass die Beweislage gegen seinen einstigen Schüler Dreyfus ausserordentlich dünn ist. Doch seine Bemühungen, die Wahrheit trotz seiner eigenen antisemitischen Überzeugungen ans Licht zu bringen, werden von Kollegen und Vorgesetzten gleichermassen behindert.

In Polanskis Vision ist die Dreyfus-Affäre eine geradlinige Angelegenheit – ein harter, gewissenhafter Kampf des Ehrenmannes Picquart gegen die missgünstige, bigotte Armee-Elite, welche tiefgreifende institutionelle Fäulnis auf einen gesellschaftlich und politisch verträglichen Sündenbock abwälzte. Entsprechend schnörkellos – wenn man von den geradezu amateurhaft in die Handlung integrierten Rückblenden absieht – fällt die Erzählung aus: Die Jahre vergehen, und Picquart, dessen angeblich virulente Ressentiments gegen Dreyfus' Religion noch schneller unter den Teppich gekehrt werden als die rassistischen Ansichten von Viggo Mortensens Hauptfigur in Green Book (2018), durchforstet Papiere, lässt Verdächtige beschatten, fördert neue Erkenntnisse zutage und wird von den Männern an den Hebeln der Macht erst ignoriert, dann angefeindet, später selbst zum Täter erklärt.

Picquarts Nachforschungen stossen der französischen Militärelite – etwa den Generälen Billot (Vincent Grass, links) und Boisdeffre (Didier Sandre) – sauer auf.
© Frenetic Films
Das verfügt über einen gewissen Unterhaltungswert, keine Frage. Zwar stürmen Polanski und Co-Autor Robert Harris dermassen ungestüm durch die Historie, dass Subtilität und emotionale Feinheiten auf der Strecke bleiben – es gilt, die Stationen von Picquarts Untersuchung geschichtsbuchmässig abzuhaken, derweil ein lustloser Subplot über seine skandalöse Affäre mit Pauline Monnier (Emmanuelle Seigner, Polanskis Ehefrau) als Ersatz für nuancierte Figurenzeichnung hinhalten muss. Doch die Dreyfus-Affäre ist selbst in dieser blutleeren Inszenierung faszinierend genug, um die Aufmerksamkeit zwei Stunden lang zu beanspruchen, auch weil es Jean Rabasses detailgetreuem, aber unaufdringlichem Setdesign gelingt, das Paris der tiefsten Belle Epoque einnehmend lebhaft abzubilden.

Doch die eindeutige, hochgradig uninspirierte erzählerische Stossrichtung verschenkt das wahre Potenzial von J'accuse. Denn sosehr Polanski auch der Meinung ist, die anhaltende Relevanz der Dreyfus-Affäre beruhe auf der Rolle, die haltlose Anschuldigungen, Medien-Hypes, Massenhysterie und Mobjustiz darin spielten: Die evokativsten Momente seines Films suggerieren etwas anderes.

Es sind die Szenen, in denen Picquart die sturen Inhaber der Macht zur Rede stellen will – Oberstleutnant Henry (Grégory Gadebois), die Generäle Billot (Vincent Grass) und Gonse (Hervé Pierre) – und auf koordinierte Verschleierungstaktiken stösst. Es sind die Bilder der uniformierten Herren, die in den diversen Gerichtsverhandlungen gegen Dreyfus und Picquart als verschworene Einheit auftreten. Es ist der heilige Zorn, mit dem sie jeden Zweifel an der Redlichkeit ihres Tuns als Verrat an der französischen Republik verurteilen.

Die Presse und die öffentliche Meinung spielten während der Dreyfus-Affäre eine grosse Rolle.
© Frenetic Films
Mit anderen Worten: Rückblickend entlarvt die Dreyfus-Affäre die totalitären Tendenzen einer ausgeprägten Militärkultur, wie sie im Frankreich der Jahrhundertwende existierte – einer Armee, die nicht das Instrument einer diplomatisch agierenden Regierung, sondern ihr eigener Befehlshaber sein will. Das beharrliche Beschwören des konstanten Kriegszustandes kündigt die Herausbildung von modernen Militärdiktaturen an, während der populistische Schulterschluss mit den ausschliesserisch-nationalistisch gesinnten Teilen der Bevölkerung die genozidale faschistische Politik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt. Doch J'accuse ist zu beschäftigt damit, auf seiner simplen, unübersehbaren und frustrierend oberflächlichen These herumzureiten, um diese weitaus interessanteren Ansätze in irgendeiner Form zu verfolgen, sodass die groben Gesten in diese Richtung letztlich nur wie glückliche Zufälle wirken.

Hätte Polanski diesen Weg eingeschlagen, hätte er die Einsicht und die Demut gehabt, die jahrelange Tortur des Alfred Dreyfus nicht als Anlass zu einem selbstgefälligen historisierten Selbstporträt zu nehmen, sondern sich einer seriösen filmischen Auseinandersetzung mit den dornigeren gesellschaftspolitischen Aspekten der Geschichte zu widmen, hätte ihn das nicht rehabilitiert. Die Kunst entschuldigt nie die realen Übergriffe des Künstlers. Aber es hätte vielleicht eine schwierige, polarisierende, fruchtbare Debatte darüber losgetreten, wie mit einem scharfsichtigen, luziden Spätwerk eines in Ungnade gefallenen Regisseurs umzugehen ist. Insofern macht es einem J'accuse beinahe zu einfach: Es ist das fantasielose Werk eines mutwillig Uneinsichtigen, dessen künstlerischer Blick nur noch auf sich selbst gerichtet ist.

★★

Freitag, 14. Februar 2020

The Peanut Butter Falcon

© Impuls Pictures AG

★★★

"Das klingt wie ein hoffnungslos zerkochtes Konzept, gerade auch angesichts einer Unterhaltungsbranche, die immer noch lernen muss, die Geschichten von Menschen mit Behinderung angemessen zu erzählen. Doch The Peanut Butter Falcon ist diesbezüglich eine positive Überraschung, denn es gelingt den Regisseuren, die Freundschaft zwischen Zak und Tyler ebenso sensibel wie humor- und respektvoll zu inszenieren."

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Donnerstag, 13. Februar 2020

Sonic the Hedgehog

© The Walt Disney Company (Switzerland) GmbH

★★

"Ein bisschen Flachwitz-Situationskomik hier, ein paar Explosionen da – fertig ist das familienfreundliche Abenteuer, mit dem man sich mit Kind und Kegel den Samstagmorgen vertreiben kann. Dafür muss sich ein Film aus dem notorisch unterirdischen Kanon der Game-Adaptionen sicherlich nicht schämen. Es kann ja nicht jede dieser Produktionen ein abstruser Neo-Noir wie der wunderbare Detective Pikachu (2019) sein. Zugleich ist es aber auch schwer, allzu viel Begeisterung für einen Film aufzubringen, dessen prominentestes Merkmal der Verzicht auf jegliche Aussergewöhnlichkeit ist."

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Dienstag, 11. Februar 2020

Moskau einfach!

© Vinca Film

★★

"War Die Schweizermacher auch so etwas wie eine Aufarbeitung der helvetischen Kleingeistigkeit – acht Jahre nach der ausländerfeindlichen 'Schwarzenbach-Initiative' –, sind der Fichenskandal und die damit verbundenen Fragen von Rechtsstaatlichkeit und ideologisch befangenen Behörden in Moskau einfach! wenig mehr als historische Staffage ohne erkennbare Dringlichkeit, überragt von amüsant-harmlosem Klamauk."

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