Mittwoch, 30. September 2020

Never Rarely Sometimes Always

Eine bearbeitete Version dieser Kritik ist auch auf Maximum Cinema erschienen.

Rückblickend mutet es fast schon grotesk an, unter welchen Vorwänden sich in der jüngeren Vergangenheit amerikanische Filme über ungewollt schwangere Teenager aus der Abtreibungs-Affäre zogen.

In Jason Reitmans Juno (2007) etwa wird die Frage, warum die rotzfreche Titelheldin mit ihrer aufgeschlossenen Weltanschauung und ihren liebevollen Eltern sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, mit einer Schulfreundin aus der Welt geschafft, die vor einer Planned-Parenthood-Klinik einen einsamen Protest abhält und Juno darauf hinweist, dass das werdende Kind in ihrem Bauch bereits Fingernägel habe. "Babies have fingernails?", wundert sich Juno, bevor sie kurz darauf aus dem Wartezimmer stürzt, enthusiastisch bejubelt von ihrer Altersgenossin – einer witzigen Verharmlosung der lauten, oftmals beängstigend aufgebrachten Menschenmassen, die man vor so mancher US-Abtreibungsklinik findet und die Teil einer Bewegung sind, in deren Namen schon Mordanschläge auf Planned-Parenthood-Ärzt*innen verübt wurden.

Etwas würdevoller, aber nicht weniger unbefriedigend, nahm Micah Magees Petting Zoo (2015) die Hürde, die es für einen Film über eine komplette Teenager-Schwangerschaft zu nehmen gilt. Hier endet der erste Akt mit der Protagonistin, die ihren eher konservativen Eltern vorsichtig das Thema Abtreibung zu unterbreiten versucht: "You’re not having an abortion", so die klare Ansage ihres Vaters. Und der Film scheint sich damit zufriedenzugeben: Im weiteren Verlauf wird kein weiterer Gedanke an diese Verneinung der körperlichen Integrität der Hauptfigur verschwendet.

Keines der beiden Werke wird durch diesen Umgang mit Abtreibung zu Fall gebracht. Beide wollen Geschichten über junge Frauen erzählen, die letztendlich ein Kind zur Welt bringen. Und das Gegenstück zur konservativen "Pro Life"-Ideologie ist bekanntlich nicht "Pro Abortion", sondern "Pro Choice" – wer schwanger ist, soll selber entscheiden können, was mit dem eigenen Körper geschieht.

Doch sowohl Juno als auch Petting Zoo sind symptomatische Beispiele für eine Spielfilmbranche, die sich immer noch schwertut, sich seriös mit Abtreibung auseinanderzusetzen. Reitman und Drehbuchautorin Diablo Cody witzeln sich um das Thema herum; Magee erwähnt es und lässt es sogleich, beinahe peinlich berührt, wieder fallen.

Autumn (Sidney Flanigan) ist ungewollt schwanger.
© Universal Pictures Switzerland
Somit ist bereits die blosse Existenz von Eliza Hittmans Never Rarely Sometimes Always eine Wohltat: Autumn (Sidney Flanigan) ist 17 Jahre alt und schwanger – und will es nicht sein. Doch ihre Aussichten auf einen sicheren Schwangerschaftsabbruch sind im kleinstädtischen Milieu Pennsylvanias begrenzt. Die zuständige Praxis wirkt weniger wie eine medizinische Einrichtung und mehr wie Grossmutters Wohnzimmer. Die Frauen, die Autumn untersuchen, decken sie mit Beteuerungen ein, dass alle ihre Sorgen verflogen sein werden, wenn sie ihr Kind erst einmal in ihren Armen hält. Eine von ihnen fragt Autumn, ob sie "abortion-minded" sei und zeigt ihr daraufhin einen "Pro Life"-Film mit dem Titel "Hard Truth" – auf Videokassette.

Zusammen mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) nimmt Autumn die Recherche selber in die Hand, findet heraus, dass Minderjährige in Pennsylvania für Abtreibungen eine elterliche Erlaubnis vorweisen müssen, und organisiert ein Busticket nach New York, um von den liberaleren Gesetzen in jenem Staat Gebrauch zu machen. 

Im heimischen Pennsylvania braucht Autumn elterliche Erlaubnis für eine Abtreibung, also plant sie eine Busreise nach New York.
© Universal Pictures Switzerland
Doch Never Rarely Sometimes Always beschreibt keine ruhmreiche Flucht aus dem konservativen Hinterland ins urbane Paradies. Vielmehr illustriert Hittman in ihrer schonungslos direkten Art das Leben in einem Land, in dem Frauen nicht über ihren eigenen Körper verfügen können – eine gesellschaftliche Pathologie, in welcher der erschwerte Zugang zu sicheren Abtreibungen lediglich ein besonders gefährliches Symptom darstellt.

In der Schule wird Autumn als "Slut" ausgegrenzt, derweil ihre männlichen Klassenkameraden für ihren Playboy-Lebensstil gefeiert werden. An ihrem Supermarkt-Arbeitsplatz werden sie und Skylar von ihrem Chef sexuell belästigt. In New York müssen sie sich von einem Typen helfen lassen, der Skylars sichtliches Desinteresse an ihm partout ignoriert. Das herzzerreissende Bild von Autumn, die sich den eigenen Bauch grün und blau boxt, um eine Fehlgeburt auszulösen, steht sinnbildlich für eine Kultur, die nicht nur von frauenfeindlichen Mechanismen dominiert ist, sondern Frauen sogar dazu erzieht, die verzweifelte Wut auf diese Machtlosigkeit gegen sich selber zu richten.

Autumn wird von ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) begleitet, mit der sie unter anderem die Avancen von Jasper (Théodore Pellerin) bewältigen muss.
© Universal Pictures Switzerland
Hittman und Kamerafrau Hélène Louvart lassen sich in ihrer Darstellung dieses Zustands weder von erzählerischen noch visuellen Schnörkeln ablenken. Die eine oder andere dramatische Verkürzung in Hittmans Drehbuch – so etwa die etwas schablonenhafte Charakterisierung des Supermarkt-Vorgesetzten – ist zu verkraften, weil die Geschichte als Ganzes auf maximale Effizienz abzielt: Jede Szene ist zielführend, ein notwendiger Schritt auf der Reise von Autumn und Skylar. Die klassischen Ablenkungen des Teenager-Roadmovie-Genres werden gänzlich ausgelassen; selbst der Besuch in einer Spielhalle ist vorab ein verbissener Versuch, in der City That Never Sleeps wach zu bleiben, zur eigenen Sicherheit.

Louvart, die bereits in Hittmans Beach Rats (2017) die Kamera führte und spätestens seit ihren Arbeiten für Alice Rohrwacher (Corpo celeste, Lazzaro felice) die Meisterin der körnigen Lo-Fi-Ästhetik ist, benutzt gedämpfte Farben und lange, einfache Einstellungen, um diesen nachgerade physischen Kampf um die eigene körperliche Integrität in stimmiger Sachlichkeit zu bebildern.

Autumn wird auf ihrer Abtreibungs-Odyssee mit der ernüchternden Realität des ganz alltäglichen Frauenhasses konfrontiert.
© Universal Pictures Switzerland
Doch gerade darin liegt die Brillanz ihres Beitrags. Louvarts formal auffälligster Kniff ist ein minutenlanger Blick auf Autumn in einem persönlichen Gespräch mit einer Planned-Parenthood-Fachfrau. Die Kamera bewegt sich kaum, der Fokus liegt auf Sidney Flanigans grandiosem Schauspiel und Hittmans erschütterndem Dialog – das Fehlen von klassischem cinematografischem Bombast legt den aufwühlenden Kern der Sache frei. Das Resultat ist die titelgebende Szene – in ihrer geballten emotionalen Schlagkraft vergleichbar mit jener von Céline Sciammas Meisterwerk Portrait de la jeune fille en feu (2019) –, in der das nüchterne Fragebogen-Mantra "Never, rarely, sometimes, always" den schieren Horror der kulturellen Misogynie freilegt.

Während Juno und Petting Zoo Teenager-Schwangerschaft letztlich als erweiterte Metapher für das Erwachsenwerden benutzen, verfolgt Never Rarely Sometimes Always also ein konkreteres Projekt. Auch hier ist der lange Weg zur gewünschten Abtreibung zwar ein Schlüssel zu einem grösseren Diskurs. Doch Hittman gelingt es mithilfe einer eindrücklich simplen Erzählung, die Zusammenhänge zwischen Abtreibungsstigma und dem ganz alltäglichen Frauenhass aufzuzeigen – und das, ohne das Trauma ihrer Protagonistinnen zu einem distanzierten Lehrstück abzuwerten.

★★★★★

Keine Kommentare:

Kommentar posten