Montag, 22. Juli 2013

Pacific Rim

Viele Filmemacher aus dem japanischen Kino der Fünfzigerjahre haben sich als wegweisende Künstler erwiesen: Kenji Mizoguchi drehte 1953 den als sein Meisterwerk geltenden Ugetsu monogatari, ganz zu schweigen von Yasujiro Ozu und Akira Kurosawa, welche in jener Dekade der Filmkunst Höhepunkte wie Early Summer und Tokyo Story respektive Rashomon, Seven Samurai und Throne of Blood schenkten.

Den Namen Ishiro Honda findet man hingegen selten in einen Zusammenhang mit dieser hehren Gruppe gestellt. Doch obwohl zweifelsfrei ein Cineast leichteren Kalibers, hat auch Honda Filmgeschichte geschrieben, als er, unter anderem inspiriert durch King Kong von Cooper/Schoedsack, mit Gojira quasi eigenhändig jenes Genre schuf, welches Bill Watterson in einem seiner Calvin and Hobbes-Comicstrips einst so treffend zusammenfasste: "Grosse gummiartige Monster prügeln sich in wichtigen grossstädtischen Zentren um die Weltherrschaft". Der Kaiju-Film mit seinen überdimensionierten, oft atomar verseuchten Kreaturen wie Godzilla, Mothra, Rodan oder Gamera wurde, analog zum US-Horrorkino der gleichen Ära, zu einer ikonischen Stilrichtung, in der sich haarsträubende Action und die durchaus legitime Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Ängsten ergänzten.

Jahrzehntelang blieben diese Werke, mit der (fehlgeschlagenen) Ausnahme von Roland Emmerichs Godzilla (1998), dem japanischen Kino vorbehalten. Nun aber hat sich Guillermo del Toro in seiner ersten Regiearbeit seit 2008 – dazwischen lagen zahlreiche Engagements als Produzent – dazu entschlossen, seiner umfassenden Fantasy-Filmografie (Hellboy, Hellboy II: The Golden Army, El laberinto del fauno) einen Kaiju-Blockbuster hinzuzufügen.

Obgleich die Werbekampagne für Pacific Rim dies nicht explizit aussprach, so wurde der Film schon Monate vor seinem Erscheinen als "gute" Alternative zu Michael Bays Transformers-Reihe gehandelt, als Ehrenrettung für sämtliche Filme, in denen gigantische Roboter eine Rolle spielen. Bei del Toro kämpfen diese ausschliesslich auf der Seite der Menschheit, riesige, von zwei Piloten gesteuerte Blechmonster namens "Jaeger". Ihnen gegenüber stehen ebenso gewaltige Ungeheuer, die Kaijus, welche in den 2020er Jahren durch ein Dimensionstor auf dem Grund des Pazifischen Ozeans zur Erde gelangen und dort San Francisco, Sydney, Hongkong, Lima und allerlei andere "wichtige grossstädtische Zentren" verwüsten.

Die Bedrohung: Riesige Monster, die Kaijus, entsteigen dem Pazifik.
© 2013 Warner Bros. Ent.
Der menschliche Plot, in dem sich der Film in seinem Mittelteil leider verfängt, dreht sich um einen Jaeger-Veteranen (Charlie Hunnam) und eine junge Rekrutin (Rinko Kikuchi), welche unter der Aufsicht des Jaeger-Programm-Chefs (Idris Elba) die Verbindung zwischen den Dimensionen kappen sollen. Bevor das Ganze aber so weit fortgeschritten ist, müssen die Protagonisten Selbstzweifel, Krebserkrankungen und die Trauer über verlorene Familienmitglieder überwinden. Erweitert wird der Figurenkreis durch zwei grotesk stereotype Wissenschaftler (Charlie Day, Burn Gorman), den obligaten Emporkömmling unter den Jaeger-Soldaten (Robert Kazinsky) sowie einen skrupellosen Hongkonger Schwarzmarkt-Händler (Ron Perlman, del Toros Hellboy) – eindeutig die interessanteste Person des Films.

Dass Pacific Rim in überbordenden Klischees handelt, ist angesichts seines Genres und dessen begrenzten Anspruchs darauf, ernsthafte Filmware zu sein, keine Überraschung. Die Figuren sind Typen, die Dramaturgie verläuft in bekannten Bahnen; und mit zunehmender Spieldauer beschränken sich Idris Elbas Linien immer mehr auf trailerfreundliche Deklarationen, was in einer klassischen Inspirationsrede kulminiert ("Today we are cancelling the apocalypse!"), die unverhohlen auf die "St Crispin's Day Speech" in Shakespeares Henry V zurückgreift, die Basis für praktisch jeden Monolog dieser Art.

Doch es stellt sich dabei die Frage, wie del Toros Gebrauch von Klischees zu werten ist. Macht er sich hinter vorgehaltener Hand über sie lustig? Ist Pacific Rim ein "ironischer" Film wie jüngst Harmony Korines Spring Breakers, in dem etablierten Formeln gehuldigt wird, nur um dabei auf ihre Lächerlichkeit hinzuweisen? Oder erweist del Toro ihnen seine Reverenz und erfreut sich an ihrer naiven Aufrichtigkeit?

Die Retter: Mit überdimensionierten Robotern, den Jaegers, wehrt sich die Menschheit.
© 2013 Warner Bros. Ent.
Letzten Endes scheint tatsächlich letztere Lesart zuzutreffen, nicht zuletzt deshalb, weil sich der Film mit zu viel offenkundiger Begeisterung mit seiner lapidar-lächerlichen Prämisse befasst, um als Genre-Dekonstruktion zu überzeugen. Einen weiteren Hinweis liefert del Toros Regie-Register, vorab seine beiden Hellboy-Adaptionen, welche mit ähnlicher Verve eine Fantasie-Welt mit all ihrem Camp und all ihren Ungereimtheiten auf die Leinwand brachten. So repräsentieren die beiden Forscher Geiszler (Day) und Gottlieb (Gorman) keine Persiflagen, sondern Hommagen an den reichen Fundus an verrückten Wissenschaftlern, welche neben dem Kaiju-Genre auch das amerikanische Kino der Dreissiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre bevölkerten. Idris Elbas Ansprache ist auch keine zynische Verballhornung der Monologkultur; vielmehr zelebriert sie diese einnehmend in ihrer ganzen Bandbreite, von Henry am St. Crispin's Day bis Bill Pullman am Independence Day.

Ohnehin ist "einnehmend" ein Schlüsselwort in der Diskussion um Pacific Rim. Obwohl die Figuren dünn und ihre Konflikte konstruiert sind, der Film Fragen darüber offen lässt, ob es in 15 Jahren überhaupt eine Welt jenseits der Pazifik-Anrainerstaaten gibt, der Subtext sich auf wenige karge Kommentare über Umweltverschmutzung beschränkt und die Chose rund zwanzig Minuten zu lange dauert – wenn sich Jaeger und Kaiju Auge in Auge gegenüber stehen, ist man bereit, diese Defizite nachsichtig zu akzeptieren. Denn wenn del Toro eines seiner impliziten Versprechen einlöst, dann jenes, Michael Bay und seine Transformers zu übertrumpfen.

Die Piloten: Gesteuert werden die Jaeger von speziell ausgebildeten Kämpfern wie Raleigh (Charlie Hunnam, rechts), Stacker (Idris Elba) und Mako (Rinko Kikuchi).
© 2013 Warner Bros. Ent.
Jeder Kampf wird so eingeführt, dass keinerlei Zweifel darüber aufkommen, wer wo warum gegen wen antritt. Das Gefühl von Umfang und Gravitas der handfesten Auseinandersetzungen – stilistisch beeinflusst von so unterschiedlichen Künstlern wie Goya und Hokusai – zwischen den Robotern und den individualisierten Monstern bleibt dank makellosem CGI und Guillermo Navarros Kameraführung, die auf desorientierende und somit unnötige Schwenks verzichtet, erhalten; die ursprünglich nicht eingeplante Konvertierung in die dritte Dimension, obschon der Sache nicht besonders dienlich, sieht davon ab, den Zuschauer mit Trümmern zu bewerfen. Maximalisiert wird die Wirkung dieser souveränen Actionsequenzen durch einen brausenden Rock-Score von Ramin Djawadi. Pacific Rim kommt nicht ohne Probleme aus, doch wer sehen will, wie sich gigantische Roboter und gargantueske Ungeheuer gegenseitig verdreschen, wird von Guillermo del Toro vorzüglich bedient.

★★★

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