Freitag, 10. August 2018

Kulenkampffs Schuhe

"Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln … und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben" – Adolf Hitler, "Reichenberger Rede" (1938)

"Hitler und die Nationalsozialisten sind nur ein Vogelschiss in 1'000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" – Alexander Gauland (2018)

Am 8. August zeigte die ARD im späteren Abendprogramm die Essay-Dokumentation Kulenkampffs Schuhe von Regina Schilling. Grosse Wellen wird der Film, der noch bis zum 15. August in seiner ganzen Länge online verfügbar ist, angesichts dieser Ausstrahlungsart im allgemeinen Kino-Diskurs wohl nicht schlagen. Umso wichtiger, dass dieses einfühlsame Psychogramm der deutschen Nachkriegszeit von möglichst vielen Menschen gesehen wird.

Regina Schilling ist in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren in Köln aufgewachsen – im goldenen Zeitalter der deutschen Samstagabendunterhaltung. Wie Millionen andere Mittelstandsfamilien in der Bundesrepublik sass auch sie mit Mutter, Vater und Geschwistern Woche für Woche gebannt vor dem Fernseher, um den grossen Showmastern und Entertainern Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander dabei zuzusehen, wie sie mit ihren gutbürgerlichen Gästen und Kandidaten plauderten, höfliche Witzchen machten und im Studio und den Wohnzimmern gute Laune verbreiteten. "Die Wellness-Kur am Wochenende, damit man am Montagmorgen wieder fit ist", so Schilling, im Film vertreten durch die Stimme der Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader (Vor der Morgenröte).

Doch in der heiteren Wirtschaftswunder-Fassade waren immer wieder Risse erkennbar: Freud'sche Versprecher, ungemütliche Anspielungen – als läge hinter dem schneeweissen Lächeln etwas Ungesagtes, das nach draussen dringen wollte. Doppelbödige Sprüche über das Militär waren Kulenkampffs Spezialität. Ein etwas schief singender Studiogast, geschätzte 60 Jahre alt, meint, "Ich habe bei Juden gelernt". Am 9. November 1978, dem 40. Jahrestag der Kristallnacht, trägt der Jude Hans Rosenthal schwarz – ein Verschieben der Sendung erlaubte ihm das ZDF nicht. Beredtes Schweigen in der Röhre.

Hans-Joachim Kulenkampff in Einer wird gewinnen.
© ARD
Und natürlich gab es da Ungesagtes. Nicht umsonst heisst Schillings Film, der aus Archivmaterial und Familienaufnahmen zusammengesetzt ist, Kulenkampffs Schuhe: Im Scheinwerferlicht der ARD-Quizsendung Einer wird gewinnen erstrahlten Kulenkampffs blitzsaubere Lackschuhe; doch darunter verbargen sich die verstümmelten Überreste der vier Zehen, die er sich in der Eiseskälte des Russlandfeldzugs mit einem Taschenmesser abschneiden musste.

Schilling, wie die meisten Vertreter ihrer Generation, kennt diesen Deckmantel des Schweigens. Wie so viele wurde sie in eine Bilderbuchfamilie hinein geboren, in welcher der Blick streng nach vorne gerichtet war. Ihre Eltern führten eine Drogerie, man wählte CDU, sonntags ging man spazieren. Was es mit den Fotoalben auf sich hatte, in denen Vater Alfons – zwölf Jahre älter als Mutter Irmtrud – in Uniform zu sehen war, darüber wurde nie gesprochen.

Für die Regisseurin waren Kulenkampff, Rosenthal und Alexander wie Familienmitglieder, erinnerten sie an ihren Vater – zunächst, weil sie ungefähr im gleichen Alter waren: Alfons wurde, wie Rosenthal, 1925 geboren, Kulenkampff 1921, Alexander 1926. Dass die Parallelen tiefer gehen, versteht sich von selbst: Kulenkampff kämpfte an der Ostfront, Alexander diente in der Ostsee-Marine, Alfons träumte von einer Karriere als Wehrmacht-Pilot und rückte begeistert ein. Indessen landete Rosenthal in einem jüdischen Waisenhaus; sein kleiner Bruder wurde nach Riga deportiert und dort erschossen.

Hans Rosenthal in Dalli Dalli.
© ARD
Kulenkampffs Schuhe handelt vom langen Schatten der nationalsozialistischen Diktatur, der selbstauferlegten Vergnügungskur der jungen Bundesrepublik und dem empfindlichen Contrat social, der ihr zugrunde lag. Wieso empfand Kulenkampff das Verlangen, bis an sein Lebensende Militärwitze zu reissen? Worüber sprachen Alfons und seine gleichaltrigen Freunde, als sie Anfang der Fünfzigerjahre auf Europatour gingen? Und wie muss sich Rosenthal gefühlt haben, der Spassmacher für ein Publikum zu sein, in dem fast zwangsläufig Menschen sitzen, die ihn in seiner Jugend bespuckt, verprügelt oder umgebracht hätten?

Schilling verflechtet Zeit-, Kultur- und Familiengeschichte zu einem faszinierenden, tief berührenden und vielschichtigen Deutschland-Porträt, das auch ein essenzieller Beitrag zur anhaltenden, gerade von AfD-Seite her neu befeuerten Debatte über Erinnerungskultur und Erbschuld ist. Der Film beleuchtet sowohl die soziopolitische Funktion des Vergessens und Verdrängens –"Hätte man überhaupt miteinander arbeiten können, wenn man gewusst hätte, was der andere getan hatte?" – als auch die psychischen und physischen Konsequenzen dieses Schweigens. Anstatt sich auszusprechen, wurde geraucht, getrunken, fröhliche Unterhaltung produziert und konsumiert. Es war eine optimistische Zeit – und trotzdem nahm um 1970 die Zahl der Herzinfarkte in Deutschland stark zu; Alfons und zwei seiner Freunde fielen dem Trend zum Opfer.

Regina Schillings Vater Alfons.
© ARD
Die Bundesrepublik war traumatisiert. Vielleicht ist sie es immer noch. In einem alten Interview ist Konrad Adenauer zu sehen, wie er von der "moralischen Verwüstung" spricht, die während Hitlers Regime Einzug hielt. Schilling gelingt es hervorragend – und ohne erhobenen Zeigefinger – zu zeigen, dass weder die Entnazifizierung durch die Alliierten, noch die Amnestie für Jungsoldaten wie Kulenkampff, Alexander und Alfons, noch der wirtschaftliche Aufschwung, noch die importierten Fernsehformate ein adäquater Ersatz für echte Bewältigungsarbeit waren.

Manche, darunter die drei Entertainer im Fokus des Films, haben sich in irgendeiner Form dennoch ausgesprochen, haben Interviews gegeben und Bücher geschrieben. Andere behielten es Zeit ihres Lebens für sich: Alfons zum Beispiel, aber auch Fernsehlegenden wie Horst Tappert, nach dessen Tod bekannt wurde, dass er der Waffen-SS angehört hatte. Und dann war da ja auch noch Martin Jente, der Kulenkampffs Einer wird gewinnen produzierte und darin regelmässig als Butler auftrat: Posthum stellte sich heraus, dass er ein SS-Mitglied der ersten Stunde gewesen war.

Schilling ist nicht wütend auf diese Männer. Dafür ähnelt deren Geschichte zu sehr der ihres Vaters, ihrer Familie. Vielmehr stellt sie sich in ihrem meisterhaften Dokumentarfilm die Frage, was deren Existenz für ihr Land und ihre Landsleute bedeutet – inwiefern die Gesellschaft und die Kultur der Bundesrepublik das Erbe des Nationalsozialismus in sich tragen. Ein Vogelschiss ist das nicht.

★★★★★

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