Dienstag, 14. August 2018

The Rider

In atemberaubenden Bildern aus den Badlands von South Dakota erzählt Chloé Zhao keine Geschichte über die Unbeugsamkeit des amerikanischen Cowboy-Archetyps, sondern ein stilles, nachdenkliches Drama über den inneren und äusseren Druck, diesem Archetyp entsprechen zu müssen.

Diesen Kampf ficht Brady Blackburn (Brady Jandreau) aus, der gemeinsam mit seinem verwitweten, alkoholkranken Vater Wayne (Tim Jandreau) und seiner autistischen Schwester Lilly (Lilly Jandreau) in einfachsten Verhältnissen lebt. Geld verdienen er und Wayne mit dem Pferdehandel; mit Rodeos und Pferdetraining verdient der junge Mann sich ein Zubrot. Doch seit einem Unfall beim Rodeo hat Brady eine Stahlplatte im Kopf und leidet an motorischen Störungen. Die Ärzte raten ihm dringend vom Reiten ab.

Wie bereits Zhaos Debüt, das Lakota-Drama Songs My Brother Taught Me (2015), spielt auch The Rider im Pine-Ridge-Reservat im Südwesten von South Dakota. Und auch dieses Mal verbrachte die in China geborene Regisseurin Monate an ihrem Drehort – nicht nur um ein Gefühl für den Ort zu erhalten, sondern auch um ihre Darsteller und Figuren kennen zu lernen.

Denn ein Blick hinter die Kulissen – und auf den Cast – verrät: Hier spielen alle eine fiktionalisierte Version ihrer selbst. Brady Jandreau arbeitet tatsächlich als Pferdetrainer in den Badlands; Tim ist sein Vater, Lilly seine Schwester. Einer der besten Freunde seiner Figur ist das einstige Rodeo-Jungtalent Lane Scott, der bei einem Sturz schwere Hirnschäden davontrug und mittlerweile im Pflegeheim lebt. Gespielt wird er vom einstigen Rodeo-Jungtalent Lane Scott, der bei einem Autounfall schwere Hirnschäden davontrug.

Zhao vermischt Authentizität mit künstlerischer Freiheit. Sie spitzt die Persönlichkeiten, die sie an ihrem Schauplatz vorfindet, poetisch zu, wodurch ihr Film sowohl als intime Milieustudie als auch als emotional resonantes Charakterdrama funktioniert. (Es wird interessant sein, wie sie diesen Stil in ihr nächstes Projekt – ein historisches Biopic über Bass Reeves, den ersten schwarzen U.S. Marshal westlich des Mississippi – einbringen wird.)

Erzählerisch zeichnet sich The Rider durch seinen expressiven Minimalismus aus. Szenen und Sequenzen gehen nicht fliessend ineinander über. Vielmehr vermittelt Zhao ihre Geschichte in Vignetten, in sich geschlossenen Miniaturen, in denen subtil auf das Innenleben der Figuren verwiesen wird – und welche dank der Nähe zwischen Fiktion und Realität tief berühren. Gerade Bradys Besuche bei Lane sind von unbeschreiblicher emotionaler Kraft.

Seit einem Unfall darf Brady (Brady Jandreau) nicht mehr reiten.
© Cineworx
Und inmitten dieses empathischen Porträts vom Leben der Badlands-Cowboys und Rodeo-Helden, denen der Film auch gewidmet ist, findet Zhao den Platz, um sich mit der destruktiven Seite dieser ikonischen Figuren auseinanderzusetzen. Wenn der leidenschaftliche Reiter Brady seine Hand am Zügel ungewollt zur Faust ballt, dann ist das mehr als ein Symptom seiner beeinträchtigten Bewegungskontrolle.

Es symbolisiert die Macht der Erwartungen, die gerade in diesem doch so quintessenziell amerikanischen Setting an Männlichkeit gestellt werden – und den Kraftakt, der nötig ist, um dagegen anzukommen. In seinem Kern dreht sich The Rider um den durch Gruppendruck angeheizten inneren Konflikt zwischen dem chauvinistischen, vermeintlich individualistischen Western-Ideal – "Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss" – und wahrem Individualismus: der Idee, dass Geschlechterrollen nicht ausgelebt werden müssen; dass dem einen oder anderen Westernhelden etwas mehr Emotionalität, Fürsorglichkeit und Demut gut zu Gesicht gestanden hätten.

★★★★★

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