Samstag, 8. Dezember 2018

Climax

Neben dem diesbezüglich wohl unantastbaren Lars von Trier ist Gaspar Noé die vielleicht umstrittenste Persönlichkeit in der Welt des Arthouse-Kinos. Kein Wunder, steht der Name des Argentiniers doch mindestens ebenso für konfrontativ-überhebliche öffentliche Auftritte wie für schonungs- und kompromisslose Filme, in denen nicht selten Sex und Gewalt in geradezu verstörendem Detailreichtum abgebildet werden. Die Karriere des Wahlfranzosen, die bereits Mitte der Achtzigerjahre mit Kurzfilmprojekten begann, fusst auf virtuosem Filmhandwerk, seine internationale Bekanntheit auf unablässiger Provokation und gekonnt inszenierter Publikumsverachtung.

Vor diesem Hintergrund wirkt es beinahe albern, Noé so etwas wie Altersmilde attestieren zu wollen; und doch schlägt sein neuestes Werk, der psychedelische Musik-Horrorfilm Climax – verglichen mit seinen Vorgängern Seul contre tous (1998), Irréversible (2002), Enter the Void (2009) und Love (2015) –, ungewohnt freudige, bisweilen sogar sanfte Töne an.

Der Film spielt 1996 in einem alten Internatsgebäude irgendwo in Frankreich. Während draussen ein Schneesturm tobt, feiert im Innern eine moderne Tanztruppe das Ende eines Probewochenendes kurz vor dem Aufbruch zu einer US-Tournee. Doch schon bald verkommt die feuchtfröhliche Party zu einem regelrechten Höllentrip: Jemand hat Drogen unter die Sangría gemischt, woraufhin alle Tänzerinnen und Tänzer nach und nach auf ihre eigene Weise die Kontrolle verlieren.

Doch auch ohne den rabenschwarzen Pessimismus eines Irréversible – berüchtigt für seine neunminütige, ungeschnittene Vergewaltigungsszene – ist Climax nichts für schwache Nerven. Schon in der ersten längeren Szene – einer Reihe von aufgezeichneten Interviews, in denen die Mitglieder der Gruppe über ihre Beziehung zum Tanzen sprechen – legt Noé offen, in welcher Tradition er hier arbeitet, welche Themen ihn umtreiben. Zu sehen sind die Gespräche auf einem Fernseher, flankiert von Büchern über Drogen, Selbstmord und menschliche Augen, sowie von Videokassetten einschlägiger radikaler Kinoklassiker, von Andrzej Żuławskis Possession (1981) über Dario Argentos Suspiria (1977) bis hin zu Pier Paolo Pasolinis Salò (1975).

Vive la danse!
© Xenix Filmdistribution GmbH
So durchzieht Noés Party – neben Sofia Boutella (Star Trek Beyond, Atomic Blonde) ausschliesslich bevölkert von professionellen Tänzerinnen und Tänzern ohne Leinwanderfahrung – von Anfang an das Gefühl, dass die Sache kein gutes Ende nehmen kann. Noch bevor ein Kind die psychoaktive Sangría getrunken hat, bevor eine Tänzerin zur Selbstverletzung getrieben wird, bevor jemandes Haare Feuer fangen, fällt die Bemerkung "Ich glaube, hier spukt es." Grund für dieses Unbehagen ist eine schillernd glitzernde Tricolore hinter dem DJ-Pult – eines von diversen Details, die suggerieren, dass man es hier mit einer hinterhältigen Allegorie auf La Grande Nation zu tun hat. Oder aber Noé will sein Publikum auf eine falsche Fährte locken.

Fest steht, dass Climax auch ohne soziopolitischen Subtext ein fulminantes Kinoerlebnis ist. Die langen, ausgeklügelt inszenierten Einstellungen, in denen sich die Kamera von Benoît Debie (Irréversible, Spring Breakers) durch schummrig beleuchtete Korridore und grell geschmückte Nebenzimmer voller berauschter Tänzer schlängelt, sind schlichtweg brillant; derweil die Szenen, in welchen zum permanenten Soundtrack tatsächlich getanzt wird, mitreissende Liebeserklärungen an die moderne Choreografiekunst sind. (Tänze aus der Vogelperspektive sind ein faszinierender Anblick.) Und inmitten dieses visuell brillanten Horrortrips findet Noé wider jeglicher Erwartung Momente der Schönheit, der Kameradschaft und der zwischenmenschlichen Zärtlichkeit: Für einmal hält die Menschlichkeit dem blutigen Verderben stand.

★★★★

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