Montag, 6. Januar 2020

1917

Das Hollywood-Remake ist ein wohlbekanntes Phänomen: Kaum erhält ein Werk des Weltkinos – vorzugsweise aus dem westeuropäischen oder ostasiatischen Raum – genug Beachtung in den USA, kommen die grossen Studios ins Rechnen und bemühen sich um eine "massentaugliche", thematisch oft vereinfachte Übersetzung des fremden Erfolgsrezepts ins Amerikanische. Der Trend, der sich in den Dreissigerjahren im grossen Stil durchzusetzen begann, gehört zu den langlebigsten der US-Filmindustrie. Derzeit befinden sich Remakes von international gefeierten Filmen wie Ruben Östlunds Force Majeure (2014) und Maren Ades Toni Erdmann (2016) in verschiedenen Phasen der Realisierung.

Das Erstweltkriegsdrama 1917 von Sam Mendes (American Beauty, Skyfall) mag eine überwiegend britische Produktion sein, die sich um britische Figuren in einem britischen Kontext dreht; doch in gewisser Hinsicht trägt es auch die untrüglichen Merkmale eines klassischen Hollywood-Remakes: ein erst kürzlich bearbeiteter Stoff, der mit grossem Produktionsaufwand zu einem vergleichsweise leicht verdaulichen Narrativ umfunktioniert wurde.

Zugegeben, Mendes und Co-Autorin Kyrsty Wilson-Cairns beziehen sich nicht explizit auf ein bestehendes Werk. Die Geschichte der in Nordfrankreich stationierten Soldaten Schofield (George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman), die am 6. April 1917 den Auftrag erhalten, ein nahegelegenes Regiment vor einem deutschen Hinterhalt zu warnen, basiert auf den mündlich überlieferten Kriegserinnerungen von Mendes' Grossvater, dem trinidadischen Autor Alfred Mendes.

Die Soldaten Schofield (George MacKay, links) und Blake (Dean-Charles Chapman) brechen im April 1917 zu einer gefährlichen Mission auf.
© Universal Pictures International Switzerland
Doch allerspätestens als die beiden Protagonisten im zerbombten Niemandsland der Picardy in einem Krater in Deckung gehen und Schofield seine verwundete Hand versehentlich in den von Ratten ausgehöhlten Bauch einer aufgedunsenen Leiche steckt, drängt sich der Vergleich mit Peter Jacksons Archiv-Dokumentarfilm They Shall Not Grow Old (2018) auf. Die neuseeländisch-britische Koproduktion, für die der Lord of the Rings-Regisseur zeitgenössisches Filmmaterial aus dem Grossen Krieg minutiös restaurieren, kolorieren und vertonen liess und mit Veteranen-Interviews hinterlegte, ist voll von grausigen Details dieser Art – Geschichten vom Gequieke der allesfressenden Ratten, vom Versinken im Schlamm der Schützengräben, vom Gestank der im Schlachtfeld-Stacheldraht verrottenden Toten.

Bei Jackson sind diese Anekdoten Teil einer ebenso immersiven wie erschütternden Form der Oral History. Bei Mendes, der auf einen ähnlich viszeralen Effekt abzuzielen scheint, bleiben die Wasserleichen, die halbverwesten Pferde, die aus dem Schutt ragenden Gliedmassen ein blosses ästhetisches Stilmittel – eine Strategie, um die blutige Historie zum künstlerischen Schnörkel zu erheben. Das ist aber weniger ein Problem der Pietät als eines der emotionalen Wirkung: They Shall Not Grow Old rüttelt trotz dokumentarischem Filter auf; 1917 lässt trotz dramatischer Immersion kalt.

Die Mission führt Schofield und Blake durch feindliches Territorium.
© Universal Pictures International Switzerland
Dies rührt zum einen daher, dass Mendes' und Wilson-Cairns' Drehbuch nicht über alle Zweifel erhaben ist: Eine frühe Sequenz erinnert unglaublicherweise an einen Indiana-Jones-Film; die Tatsache, dass Schofields und Blakes Mission mit dem Kriegseintritt der USA zusammenfällt, ist thematisch nicht von Bedeutung; mit zunehmender Filmdauer häufen sich die unwahrscheinlichen Zufälle. Zum anderen aber fällt 1917 auch ein wenig seiner eigenen technischen Virtuosität zum Opfer: Zusammen mit Kameramann Roger Deakins (No Country for Old Men, Blade Runner 2049) inszeniert Mendes den Botengang seiner Hauptfiguren quasi in Echtzeit – ein Effekt, der mittels zweier langer, mit unsichtbaren Schnitten versehener Einstellungen erreicht wird. Beeindruckend ist das allemal, und Mendes setzt den Gimmick sogar besser um als Alejandro González Iñárritu in Birdman (2014); doch das choreografische Experiment glückt auf Kosten der emotionalen Eindringlichkeit.

Dass 1917 trotzdem fasziniert, zeigt, wie gut Mendes und Deakins ihr Kunstgriff gelingt. Die Kamera schlängelt sich durch grossartig rekonstruierte und ausgestattete Schützengräben und Schlachtfelder, deren unheimliche Stille durch das Fehlen klar erkennbarer Schnitte umso schauerlicher wirkt. Und obwohl das Drehbuch Schofield und Blake keine grossen Gefallen tut, schafft es insbesondere George MacKay immer wieder, die Verlorenheit des Individuums im gigantischen Theater des Krieges fassbar zu machen. Insofern erweist sich 1917 trotz allem als würdiges Begleitwerk zu They Shall Not Grow Old: Wo Jackson sein Publikum den Krieg fühlen liess, macht Mendes ihn sichtbar.

★★★

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