Samstag, 4. Januar 2020

The Report

Echte Politik – jene, die nicht am öffentlichen Rednerpult, sondern in anonymen Kommissionszimmern stattfindet – ist trocken wie Knäckebrot: ein Wust aus gesetzlichen Paragrafen, originellen Formulierungen und jeder Menge Beamtenchinesisch.

Kein Wunder, erfreut sich diese Welt im Kino weitaus weniger Beliebtheit als der politische Thriller (The Contender, The Ides of March) oder das politische Biopic (The Front Runner, Vice). Doch es ist ebendiese Politik, welche letztlich über die Geschicke einer Nation entscheidet – eine Tatsache, die zu Zeiten des medienwirksamen Populismus allzu gerne vergessen geht. Gerade vor diesem Hintergrund steht das politische Kino als meinungsbildendes Massenmedium in der Pflicht, auch diese weltbewegenden Mechanismen zu verhandeln, ungeachtet ihrer fehlenden Leinwandwirksamkeit. Es gilt, Mut zur (scheinbaren) Trockenheit zu zeigen.

Diesen legt Scott Z. Burns, der langjährige Drehbuchpartner von Steven Soderbergh (Side Effects, The Laundromat), in seiner erst zweiten Regiearbeit unverkennbar an den Tag, angefangen beim Quellenmaterial. The Report handelt vom Zusammenstellen der "Committee Study of the Central Intelligence Agency's Detention and Interrogation Program", einem 6'700-seitigen Bericht, der zwischen 2009 und 2012 unter der Aufsicht des US-Senatsmitarbeiters Daniel J. Jones verfasst wurde und haarklein rekonstruiert, wie die CIA nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 begann, Terrorverdächtige zu foltern, um an Informationen zu gelangen. (Eine geschwärzte Zusammenfassung von etwas mehr als 700 Seiten findet sich hier.)

Sonderlich prickelnd ist diese Prämisse nicht, bestand Jones' Arbeit doch hauptsächlich aus digitaler Archivrecherche. Davor schreckt Burns aber nicht zurück – im Gegenteil: Jones, gespielt vom wie üblich hervorragenden Adam Driver, verbringt den Grossteil des Films in einem versiegelten Büroraum irgendwo in einem Geheimdienst-Komplex, wo er mit seinem kleinen Team CIA-Akten nach Beschreibungen von "Enhanced interrogation techniques" – Foltereinsätzen – durchkämmt. In regelmässigen Abständen erteilt Jones Mitgliedern des zuständigen Kongressausschusses, insbesondere der vorsitzenden demokratischen Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening), zunehmend verstörende Berichte über die alltäglichen Menschenrechtsverletzungen der CIA.

Daniel Jones (Adam Driver) leitet die Arbeit an einem Bericht über die Folterpraktiken der CIA.
© Ascot Elite Entertainment Group
The Report ist ein journalistisches Drama von radikaler Nüchternheit, das zu jedem Zeitpunkt die Materie über das Einzelschicksal stellt. Was die Figuren charakterlich ausmacht, ist nur von begrenztem Interesse: Sie sind in erster Linie Gefässe, aus denen die brisanten Erkenntnisse des Berichts erklingen. Mikrohistorie ist nur dann von Belang, wenn sie sachdienlich, also berichtsrelevant, ist – etwa in den Rückblenden, in denen die Umstände einzelner Folterfälle visualisiert werden

Es ist schnörkellos-brutalistisches Kino, das Burns hier vorlegt – erzählerisch wie ästhetisch. Doch mit Ausnahme gewisser Redundanzen im Drehbuch – sowie einer unstimmigen Tendenz, die unrühmlichsten CIA-Handlanger zu Kinderfilm-Bösewichten zu stilisieren – ist The Report ein fesselndes Dialogstück auf den Spuren von Alan J. Pakulas Watergate-Klassiker All the President's Men (1976), dessen textliche Dichte von beträchtlicher thematischer Bedeutsamkeit ist.

Senatorin Dianne Feinstein (Annette Bening) ist Jones' primäre Ansprechperson.
Denn Burns, wie Robert Redford im unterbewerteten Lions for Lambs (2007) und Mike Leigh in seinem kollektivistischen Historiendrama Peterloo (2018) vor ihm, setzt sich hier nicht zuletzt mit der heiklen Unfassbarkeit politischer Sprache auseinander. "The language is built to choose sides", lautet einer der Schlüsselsätze des Films – ein Verweis auf die semantische Vagheit umfassender Gesetzesartikel und interner Richtlinien, welche der Interpretation bedarf und damit die ideologische Polarisierung in der Tagespolitik stärkt. So werden den perfiden Ränkespielen des militärisch-industriellen Komplexes Tür und Tor geöffnet. So kann es dazu kommen, dass der Öffentlichkeit Waterboarding und Schlafentzug – basierend auf den unbewiesenen psychologischen Theorien zweier Quacksalber – als seriöse Anti-Terror-Strategie verkauft werden. Im realen Kontext einer wieder verstärkt auf Konfrontation getrimmten amerikanischen Aussenpolitik – ein Blick auf Donald Trumps Twitter-Account genügt – ist The Report ein erschreckender Aufruf zur Wachsamkeit an alle, die etwas auf Demokratie und Menschenrechte geben.

★★★★

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