Freitag, 3. Januar 2020

Jojo Rabbit

Spätestens seit er mit dem Flight of the Conchords-Mitbegründer Jemaine Clement die herrliche Vampir-Mockumentary What We Do in the Shadows (2014) drehte, geniesst der Neuseeländer Taika Waititi internationales Renommee als König des skurril-abseitigen Humors. Es war dieser Ruf, der es ihm ermöglichte, im "Marvel Cinematic Universe" mitzumischen und mit Thor: Ragnarok (2017) einen der kritisch erfolgreichsten Teile der Avengers-Saga vorzulegen. Entsprechend gespannt durfte man sein, was Waititi darauf folgen lassen würde: Immerhin erlauben derartige Auftragsblockbuster eigensinnigen Filmemachern wie ihm eine Phase der finanziellen und damit auch künstlerischen Freiheit.

Diese investierte Waititi denn auch in ein charakteristisch kurioses Projekt: Inspiriert vom Roman Caging Skies (2008) der belgisch-neuseeländischen Autorin Christine Leunens, erzählt Jojo Rabbit vom zehnjährigen Johannes "Jojo" Betzler (Roman Griffin Davis), der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in einer deutschen Kleinstadt lebt und von den Nazis dermassen begeistert ist, dass sein imaginärer Freund kein Geringerer ist als Adolf Hitler höchstpersönlich – gespielt von Waititi selbst, seines Zeichnes Sohn eines Maori und Enkel eines russischen Juden.

In Leunens' Buch gibt es keinen eingebildeten "Führer", dafür eine echte Jüdin im buchstäblichen Oberstübchen – und auch die findet Platz in Waititis Leinwandadaption: Elsa (Thomasin McKenzie), deren Familie dem Holocaust zum Opfer gefallen ist, wird von Jojos Mutter (Scarlett Johansson) in einer Geheimkammer in der Wand versteckt, was den titelgebenden Hitlerjugend-Rekruten in eine tiefe Gewissens- und Identitätskrise stürzt.

Waititi nennt Jojo Rabbit eine "anti-hate satire" – eine Satire gegen den Hass – und nimmt damit wohl auch Bezug auf die beunruhigenden globalen Bemühungen gewisser Kreise, nationalsozialistisches Gedankengut wieder salonfähig zu machen. Sein Rezept dagegen ist simpel und altbewährt: Wie Charlie Chaplin (The Great Dictator), Ernst Lubitsch (To Be or Not to Be) und Mel Brooks (The Producers) vor ihm versucht er, seine Nazis der Lächerlichkeit preiszugeben, angefangen mit seiner eigenen Interpretation von Hitler als kindischem Psychopathen. Anderswo ist Sam Rockwell als einäugiger Wehrmacht-Rambo Captain Klenzendorf zu sehen, der zur Arbeit an der Heimatfront verdonnert wurde und nun ohne Rücksicht auf Sicherheitsvorkehrungen Jojo und seinen Hitlerjugend-Kameraden das Schiessen beibringt. An seiner Seite steht Rebel Wilson als Fräulein Rahm, die sich auf das Bücherverbrennen und die Verbreitung von Gruselgeschichten über Juden spezialisiert hat. Beides sind hemmungslos überzeichnete Karikaturen, welche die nazistische Vorstellung vom arischen "Übermenschen" ad absurdum führen.

Adolf Hitler (Taika Waititi) ist der imaginäre Freund des begeisterten Jung-Nazis Jojo (Roman Griffin Davis).
© 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation
Gleichzeitig nährt der Film aber auch die Hoffnung, dass selbsternannte Nazis nicht unwiederbringlich an den blinden Hass verloren sind. Denn trotz seinen quietschfidelen Hitlergrüssen, den Hitler-Postern an der Wand und den Träumen davon, Deutschland von menschenfressenden Juden zu befreien, ist Jojo, nach Ansicht von Waititis Drehbuch, kein Nazi, sondern, in Elsas Worten, einfach nur "ein verängstigter kleiner Junge, der sich gerne verkleidet und unbedingt dazugehören will".

Das mag alles sehr erbaulich und gut gemeint sein, doch Waititis saloppe Herangehensweise an die Thematik entwertet jeglichen satirischen Anspruch, den Jojo Rabbit hat. Natürlich ist es kathartisch und vielleicht sogar nötig, über Hitler und seine Fangemeinde lachen zu können, um sie ihrer Aura zu berauben. Natürlich ist es legitim, Kinder als Opfer von Gruppendruck und Mitläufertum darzustellen. Natürlich muss man an der Hoffnung festhalten, dass die Anhänger hasserfüllter, gewaltsamer, genozidaler Ideologien von ihrem Weg abgebracht und in die Gesellschaft reintegriert werden können. Doch ist das das Beste, was Satire im Zeitalter von Charlottesville und Björn Höcke zustande bringt? Trottelige Faschisten, ein quengelnder Varieté-Hitler und die Implikation, dass Nazis tief drinnen nur bemitleidenswerte Kinder mit Minderwertigkeitskomplexen sind?

Schockiert muss Jojo feststellen, dass seine Mutter die Jüdin Elsa (Thomasin McKenzie) im Haus versteckt hält.
© 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation
Das ist enttäuschend zahnlos – und beisst sich zugleich mit den ernsteren Ansätzen, die Waititi aus Leunens' Roman übernimmt. Während Chaplin, Lubitsch und Brooks den Holocaust allesamt wohlweislich umschifften, machen ihn Elsa und die antifaschistische Frau Betzler zu einer mehr oder minder offenkundigen Präsenz. Doch weil sich Jojo Rabbit primär als Komödie geriert, wirken diese Elemente wie unbeholfene Fremdkörper – zu tragisch, um mit der allgemeinen Stimmung der genüsslichen Persiflage vereinbar zu sein; zu vage und beiläufig, um als seriöse Auseinandersetzung mit dem Schrecken des Nationalsozialismus durchzugehen.

Somit ist nun wenigstens klar, wo Waititis Hang zum emotional aufrichtigen, mit liebevollem Unsinn angereicherten Coming-of-Age-Film an seine Grenzen stösst – nicht beim einsamen Halbwaisen, der sich in Boy (2010) mit seinem verantwortungslosen Vater herumschlagen muss; nicht beim Problemkind, das in Hunt for the Wilderpeople (2016) mit seinem mürrischen Onkel den neuseeländischen Busch auf den Kopf stellt; sondern beim Nazi-Kind, das sich zwischen Maori-Hitler und der Jüdin in der Wand entscheiden muss. Es ist der erste grosse Fehlgriff in Waititis bislang beachtlicher Karriere.

★★

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