Thursday, 26 July 2012

Bullhead

Erstmals seit dem Jahr 2000 und Dominique Derudderes Everybody's Famous! schaffte es 2012 wieder ein belgischer Film in die Endausscheidung für den Fremdsprachen-Oscar. Obwohl zweifellos ein Erfolg für die ganze Nation, ist Bullhead – der flämische Originaltitel lautet Rundskop – für belgische Staatsbürger eine eher zwiespältige Angelegenheit. Regisseur Michaël R. Roskam lässt, ähnlich wie Nicolas Winding Refn in Drive, die Filmhistorie subversiv in seine Gangster-Erzählung mit einfliessen und zeichnet ein düsteres Bild eines innerlich tief zerrissenen Landes.

Sein Geschäft ist die Rinderzucht. Schon als Kind wurde Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts, der sich für die Rolle 27 Kilo Muskelmasse antrainierte) in die illegalen Machenschaften der limburgischen Landwirtschaft eingeführt. Den Tieren werden Wachstumshormone und andere Steroide gespritzt; Einschüchterungen und Preisabsprachen gehören zum Geschäft. Doch auch der hünenhafte Jacky ist auf Drogen angewiesen. Seit er im Kindesalter seine Hoden verlor, spritzt er sich Testosteron, nach dem er heute süchtig ist. Als die Familie Vanmarsenille mit einem dubiosen Rindfleischhändler aus Westflandern einen Handel eingeht, fühlt sich Jacky nicht mehr wohl; er misstraut der mafiösen Rindfleisch-Connection, die mitunter auch zwielichtige Wallonen ihre Drecksarbeit verrichten lässt. Eine Schlüsselrolle bei den Flamen spielt der schweigsame Diederik (Jeroen Percevall), die rechte Hand des mächtigen Händlers. Die Angelegenheit spitzt sich dramatisch zu, als ein auf die Hormon-Mafia angesetzter Polizist ermordet wird.

Michaël Roskam eröffnet seinen Film mit prächtigen Breitbildaufnahmen der Limburger Landschaft. Der Morgen dämmert, Vanmarsenilles Stimme ist zu hören. Kurz darauf erhält die Stimme ein Gesicht und – fast noch wichtiger – einen Körper. Jacky atmet schwer, sein Gang könnte etwas sicherer sein, doch man möchte mit ihm nicht den Weg kreuzen, wenn er wütend ist; äusserlich ist er ein Tier von einem Mann, muskelbepackt und scheinbar immer am Rande eines Wutausbruchs, ein Bulle, wie seine Zuchtrinder vollgespritzt mit Hormonen. Roskam und Hauptdarsteller Matthias Schoenaerts, dessen Leinwandpräsenz schlicht grossartig ist, schaffen es aber, in ihm einen durchaus menschlichen, tragischen Kern zu finden, den er sich nicht einmal selber eingesteht. Eine der gegen ihn und seine Geschäftspartner ermittelnden Polizistinnen folgt dem persönlichen Motto "Zufälle gibts nicht"; dabei beweist Jackys Leben das genaue Gegenteil. Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er nicht an den aggressiven Sohn eines Drogenhändlers geraten wäre? Was wäre geschehen, wenn er sich nicht mit der flämischen Mafia angelegt hätte? Fragen, die der Film nicht beantworten muss, weil sie letztendlich nebensächlich sind. Es sind lediglich weitere Dimensionen in Jackys Kampf mit sich selber.

Ein Leben mit dem künstlich gestählten Körper: Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts).
Parallel zu den Einzelschicksalen, auf die er in Bullhead eingeht, inszeniert Roskam einen kompromisslosen, überaus brutalen Krieg der Interessen, Banden und, provokativerweise, Ethnien. Die Flamen tragen Schals von Club Brugge und fluchen über die Wallonen, die Wallonen tragen Sportjacken von Standard Liège und fluchen über die Flamen – "Diese Faschisten!" –, die Limburger trauen beiden nicht über den Weg. Dabei vertraut Roskam auf die Ästhetik der Siebzigerjahre, die Mise en scène erinnert an die ausstatterische Meisterleistung Maria Djurkovics in Tinker Tailor Soldier Spy: viele Schatten, verrauchte Hinterzimmer, prominente Brauntöne. Man wähnt sich in einem amerikanischen Mafia-Film des New Hollywood, einem Werk wie Francis Ford Coppolas The Godfather. Und doch wird Flämisch und Limburger Dialekt gesprochen, was die Illusion interessanterweise noch verstärkt; beides sind Sprachen, die freimütig mit englischen Einschüben operieren. Dabei wird aber auch offensichtlich, dass Roskams Qualitäten eher in seiner virtuosen Regie denn in der Entwicklung einer Erzählung liegen. Die Geschichte vermag ihre 124 Minuten Laufzeit nicht vollständig zu rechtfertigen und das Wechselspiel zwischen Handlung und Rückblenden in Jackys Kindheit sorgt für eine stellenweise allzu lose Dramaturgie. Diverses wirkt zusammengewürfelt.

Dennoch ist die Nomination für den Oscar vollauf verdient. Bullhead orientiert sich am klassischen Gangster-Kino des Kalten Krieges, stellt dessen Konventionen aber auf den Kopf und interpretiert sie mit einem so kaum je gesehenen Milieu, frisch wirkenden Figuren in bekannten Konstellationen und einem speziell auf das Land Belgien zugeschnittenen Subtext neu. Der Konflikt der Landesgruppen schwingt im belgischen Film schon seit geraumer Zeit mit, doch noch selten war das Porträt derart schonungslos, tief greifend, vernichtend – und faszinierend.

★★★★½

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