Sonntag, 28. April 2019

Nach dem Sturm

Während 1968 die grossen Metropolen Europas – und sogar die Schweizer "Grossstadt" Zürich – von Studentenprotesten und Jugendkrawallen aufgemischt wurden, blieb es im Herzen der Schweiz, in den katholisch-konservativen Kantonen Luzern, Zug, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden charakteristisch ruhig. Hier herrschten Tradition und Gutbürgerlichkeit; nach Aufstand, so die weit verbreitete Annahme, stand hier niemandem der Sinn.

Umso grösser die Konsternation, als diese Unschuld in einer kalten Januarnacht 1969 verloren ging. Der Tod eines jungen Häftlings auf dem Polizeiposten der Stadt Luzern rief einige hundert Demonstranten auf den Plan, welche die Wache stundenlang einkreisten und mit Steinen und Eisklumpen bewarfen. Beendet wurde der medial landesweit ausgeschlachtete Krawall mithilfe von Wasserwerfern – bemannt von FDP-Stadtpräsident Hans Rudolf "HRM" Meyer höchstpersönlich, der in der Folge harte Worte für die "langhaarigen, halbstarken" Unruhestifter fand: "Bemitleidenswert" seien sie, ein trauriger, verwahrloster Haufen ohne erkennbaren Lebensinhalt, der die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen sollte.

Dieses Ereignis, so die These des Dokumentarfilms Nach dem Sturm von Beat Bieri und Jörg Huwyler, markiert den Anfang der Innerschweizer 68er-Bewegung, die es mit einem Jahr Verspätung dann doch noch in die Provinz schaffte. Spröde didaktische Texttafeln kündigen zu Beginn an, worauf man sich gefasst machen soll: einen Kunstskandal im nidwaldnerischen Stans, einen Armeegegner im militärindustriellen Kanton Uri, einen intellektuellen Aderlass in den Klosterschulen von Einsiedeln und Engelberg.

In ambitionierten zwei Stunden bemühen sich Bieri und Huwyler um einen Panoramablick dieser Zentralschweizer Zeitenwende, deren Einfluss weit über das Schicksalsjahr 1969 hinausgehen sollte. Tatsächlich dient den beiden Veteranen des Schweizer Fernsehens dieses Datum vor allem als Ausgangspunkt für die Biografien, an denen sie ihre Erzählung aufhängen.

Im Januar 1969 schockiert ein Krawall vor der städtischen Polizeiwache das ruhige Luzern.
© Mythenfilm
Es war das Jahr, in dem Otti Frey zum flächendeckend fichierten Wortführer der Luzerner Linken aufstieg, die gerade im Laufe der Siebzigerjahre grossflächig zu agitieren versuchte und so – mit leninistisch-maoistischem Sturm und Drang – konstruktiveren progressiven Kräften den Weg ebnete. 1969 war auch das Jahr des politischen Erwachens von Reto Gamma, dessen Zeitschrift, die Alternative, jahrzehntelang ein wichtiger Teil der Urner Medienlandschaft wurde; derweil avantgardistische Ausstellungen und eine aufkeimende Musikszene den Grundstein für die Kulturregion Zentralschweiz legten.

Doch obwohl Nach dem Sturm letztlich zum Schluss kommt, dass diese Unruhen zu einer freieren, offeneren Gesellschaft geführt haben, interessieren sich die Regisseure nicht für 68er-Nostalgie. Es ist ihnen hoch anzurechnen, wie nuanciert sie die Rolle des "Establishments" interpretieren – von den zwei Luzerner Polizisten, die sich im Zuge einer antiterroristischen Mission von traditionalistischer Engstirnigkeit abwenden, bis hin zum einstigen Revoluzzer Thomas Trüb, der sich heute als "menschlicher Kapitalist" im Sinne François Mitterands versteht.

Auch Otti Frey, einstiger Wortführer der Luzerner Linken, äussert sich in Nach dem Sturm.
© Mythenfilm
Es lässt sich darüber diskutieren, ob Bieri und Huwyler allen Themen, die sie hier anreissen, gerecht werden, liesse sich doch über jeden der sechs porträtierten Kantone mindestens eine einstündige Dokumentation anfertigen. Entsprechend würde man sich hie und da etwas mehr Tiefe, etwas besser ausgearbeitete Zusammenhänge wünschen, während die Ausflüge in den Andermatter Zweitweltkriegsbunker oder das Seelisberger Zentrum für Transzendentale Meditation wie vernachlässigbare Schnörkel wirken.

Und dennoch ist anzuerkennen, dass Nach dem Sturm einen wichtigen Schritt in der Aufarbeitung der Schweizer 68er-Bewegung darstellt. Nach Jahren des gefühlten Zürcher Monopols legen Bieri und Huwyler hier, untermauert von einer ungeahnten, ja begeisternden Fülle an Archivmaterial, ein beeindruckendes, immer wieder überraschendes Sittengemälde vor, das einen mit dem Gefühl hinterlässt, die Schweiz ein wenig besser zu verstehen als zuvor.

★★★★

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