Thursday, 12 July 2012

Ice Age: Continental Drift

Kaum eine Filmserie illustriert den Satz "Zuviele Fortsetzungen verderben die Franchise" so trefflich wie die Ice Age-Reihe der Fox-Studios. Vier Jahre nach dem Überraschungserfolg des 2002 erschienenen ersten Teils wurde mit The Meltdown ein Sequel produziert, das weit weniger anspruchsvoll war als sein Vorgänger und dessen Charaktere schon empfindlich überzeichnet waren. 2009 folgte mit Dawn of the Dinosaurs der Tiefpunkt der Franchise. Trotz guter Einspielergebnisse wurde im Hinblick auf das dritte Sequel Regisseur Carlos Saldanha durch das Duo Steve Martino und Mike Thurmeier ersetzt. Obwohl sich dies zumindest einigermassen ausgezahlt hat, ist Ice Age: Continental Drift immer noch ein mittelmässiges Familienabenteuer. Die krude Vermenschlichung der Charaktere ist vollständig, die emotionalen Zwischentöne werden auf die übelsten Klischees reduziert und die Hoffnung auf das Ende der Reihe ist ungebrochen.

Einige Jahre, nachdem Mammut Manny (Stimme: Ray Romano), Säbelzahnkatze Diego (Denis Leary) und Faultier Sid (John Leguizamo) ihr Abenteuer im Land der Dinosaurier erlebt haben – Sid: "It didn't make sense but it was exciting!" –, haben sie sich nun alle zusammen an einem ruhigen Plätzchen niedergelassen. Diego pflegt seinen Ruf als furchtloser Jäger, Manny kümmert sich mit seiner Frau Ellie (Queen Latifah) um seine mittlerweile im Teenager-Alter angelangte Tochter Peaches (Keke Palmer), und Sid bekommt unverhofft seine zahnlose, in einem fort redende Grossmutter (Wanda Sykes) aufgehalst. Als das Urzeithörnchen Scrat (Chris Wedge) in seiner unstillbaren Gier nach Eicheln versehentlich die Kontinentalplatten zum Brechen bringt, stranden Manny, Sid, Diego und Oma Faultier auf einer Eisscholle und treiben ins offene Meer hinaus, derweil Ellie und Peaches, die zum Leidwesen ihres Igel-Freundes Louis (Josh Gad) um die Gunst des Mammut-Schönlings Ethan (Drake) kämpft, die restlichen Bewohner ihrer Heimat an einen sicheren Ort führen. Das Eisschollen-Trio wird seinerseits von Piraten aufgelesen, die sich unter dem Kommando des blutrünstigen Affen-Kapitäns Gutt (Peter Dinklage) befinden. Unter Gutts Mannschaft befindet sich die gerissene Säbelzahnkatze Shira (Jennifer Lopez), die Diego den Kopf verdreht.

In zehn Jahren und drei Fortsetzungen hat sich Ice Age sehr weit von seinem ursprünglichen Konzept entfernt. Im Original figuriertern nomadisch lebende Menschen, die in einer eher jüngeren Steinzeit zugeordnet werden konnten; die Tiere, obgleich nicht alle wirkliche Zeitgenossen, verhielten sich mindestens stellenweise so, wie man es von ihnen erwarten würde; und es wurden durchaus erwachsene Motive wie Einsamkeit, Familienwunsch, ja sogar die Auswirkungen der menschlichen Evolution auf den Rest der Fauna angesprochen. Die Zerstörung dieser Bemühungen nahm in The Meltdown ihren Lauf, als mit Ellie ein Mammut eingeführt wurde, welches in einer Sippe von Opossums aufgewachsen ist. Die animierte Eiszeit wurde zum prähistorischen Jekami: Die Menschen verschwanden spurlos, die Autoren ersannen Schneeschmelzen, versteckte Dinosaurierhöhlen und gegen tropische Temperaturen resistentes Eis. Und nun gründet der neueste Eintrag in die Reihe darauf, dass Sid, Manny, Diego und ihre tierischen Freunde in Tat und Wahrheit bis anhin auf Pangäa lebten. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei Ice Age um eine Franchise handelt, in der ein Smilodon, ein Wollmammut und ein zu kurz geratenes Riesenfaultier gemeinsam Abenteuer bestehen, ist es müssig, über Sinn und Unsinn derartiger historischer Unstimmigkeiten zu debattieren. Doch diese bringen andere Unstimmigkeiten mit sich.

Und wieder wird gewandert: Faultier Sids (Stimme: John Leguizamo) Gequassel geht Mammut Manny (Ray Romano) und Smilodon Diego (Denis Leary) immer noch auf die Nerven.
Da Manny neuerdings nicht nur die Rolle des Ehemanns, sondern auch die des Familienvaters zu spielen hat, ist es verständlich, dass sich Continental Drift eines Generationenkonflikts annimmt. Zwischen Manny, der sich drei Filme lang in Lebensgefahr begeben hat – wobei ein hungriges Rudel von Säbelzahnkatzen noch das kleinste Übel war –, und seiner Tochter, welche die Waghalsigkeit ihrer Mutter geerbt hat, eine Coming-of-Age-Geschichte aufzuziehen, hätte durchaus Potenzial – selbst wenn Pixar dies 2003 bereits in ähnlicher Form tätigte (Finding Nemo) und es dezeit neu auflegt (Brave). Die Beziehung zwischen Clownfisch-Vater und -Sohn funktioniert nicht zuletzt deswegen, weil die Reibungen auf natürliche Weise zustande kommen und die Streitpunkte universell genug sind, um auf umständliche und peinliche Vermenschlichung verzichten zu können. Manny und Peaches hingegen streiten sich, weil die Autoren Michael Berg, Jason Fuchs und Mike Reiss (The Simpsons, The Critic) der Auffassung waren, die beiden Handlungsstränge bräuchten eine engere Verbindung. Manny blamiert seine Tochter, also spricht sie die Konflikt garantierenden Worte, die auf den Index für Autoren gehören – "I wish you weren't my father!" –, traurige Musik setzt ein und das verheerende Erdbeben folgt sogleich, sodass beide Seiten fürchten, sich im Streit von einem Familienmitglied verabschiedet zu haben. Die obligate Charakterentwicklung von Manny und der liederlich geschriebenen Peaches wird mit je einem Satz abgewickelt, was nur noch einmal unterstreicht, wie überflüssig dieser Subplot ist. Noch schlimmer aber ist der Versuch des Films, Romantik Einzug halten zu lassen. Auf der einen Seite stehen Diego und Shira, deren klischeehafte Hassliebe zu manchem schmerzhaften Austausch führt. Auf der anderen agieren Peaches, Louis und Ethan mitsamt der an die Protagonisten von Jersey Shore erinnernden Mädchen-Entourage, komplett mit Blumen im Fell und "kecken" Kommentaren.

Liebestoller Nachwuchs: Mannys Tochter Peaches (Keke Palmer) berät sich mit ihrem besten Freund Louis (Josh Gad).
Und doch findet sich inmitten des Durcheinanders aus nervtötenden Figuren, unsinnigen Elementen – mit Blättern segelnde Schliefer, Piratenschiffe aus Eis –, uninspirierten Anspielungen, zu vielen Handlungen, überhasteten Problemlösungen, schlechten Dialogen, unbrauchbaren Subplots, einer plötzlich auftretenden Gesangseinlage und einer inzwischen überbeanspruchten Botschaft – das Credo "Familie ist wichtig" generiert eine begrenzte Anzahl von Geschichten – etwas, das in Dawn of the Dinosaurs schmerzlichst vermisst wurde: Humor. So ärgerlich, so vorhersehbar, so abgedroschen der Plot auch sein mag, Continental Drift profitiert von einigen wirklich gelungenen Witzen, die wohl hauptsächlich auf Mike Reiss' Mitwirken zurückzuführen sind. Rohrkrepierer sind immer noch vorhanden, aber die Gag-Dichte hat gegenüber dem letzten Teil deutlich zugenommen. Wanda Sykes' Faultier-Grossmutter ist köstlich, die Selbsterkenntnis von Ellies Opossum-Geschwistern trifft den Nagel auf den Kopf ("We're very, very stupid") und sogar Scrat kann wieder einige Lacher für sich verbuchen. Zudem scheinen die meisten Sprecher – im Gegensatz zum dritten Teil – wieder Spass an der Sache gehabt zu haben; besonders Denis Leary und Peter Dinklage laufen zu Höchstform auf. Und selbst Patrick Stewarts Kürzest-Gastauftritt überzeugt.

Ice Age: Continental Drift ist nach dem katastrophalen dritten Teil zweifellos ein Schritt nach vorne. Doch der Hauptgrund für Erwachsene, sich ins Kino zu begeben, liegt beim Vorprogramm – einem Simpsons-Kurzfilm. Dieser trägt den Titel The Longest Daycare und zeigt Maggie, wie sie in der Kindertagesstätte eine Raupe vor dem Hammer ihres Erzfeindes Gerald, dem Baby mit nur einer Augenbraue, retten muss. Der fünfminütige Film, der wie ein klassischer Disney-Cartoon aufgezogen ist, ist fantasievoll, lustig, mitreissend, berührend und wunderschön. Wenn ein Animationsabenteuer in Spielfilmlänge einer fast zwanzigmal kürzeren Beigabe in sämtlichen Belangen unterlegen ist, dann ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, ob man die Franchise nicht besser zu Grabe tragen sollte.

★★½

4 comments:

  1. Did you write a review of Ice Age 3?

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  2. I did: http://facing-the-bitter-truth.blogspot.ch/2009/08/ice-age-dawn-of-dinosaurs.html

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  3. I should add that it also struck me that the best thing about the first film (people don't talk; animals do) disappeared immediately in the second film. Many lost opportunities there. In this one, it was the talking orangutan-pirate that made me wonder where the people have gone.

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  4. One more thing crossed my mind just now: whatever problems the second movie might have, it has the fantastic parody of "Food Glorious Food," which is simply brilliant.

    (Still, it is something when the short is better than the feature ...)

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