Dienstag, 9. Oktober 2018

Venom

Wenn die akademische Filmwissenschaft dereinst ihre Bücher über das Superheldenkino des frühen 21. Jahrhunderts schreibt, wird sie Sam Raimis Spider-Man 3 (2007) als Meilenstein identifizieren. Nicht etwa, weil der von Kritik und Publikum für mässig befundene Film in irgendeiner Form stilbildend war, sondern weil er mit seiner überfrachteten Handlung und seinen bisweilen lächerlichen Szenen das Ende jenes Proto-Superheldenbooms besiegelte, der 2000 mit Bryan Singers X-Men begonnen hatte.

Auf Spider-Man 3 folgte die Zeitenwende. 2008 war sowohl das Jahr von Christopher Nolans Genre-Meisterstück The Dark Knight als auch von The Incredible Hulk und Iron Man – den Filmen, mit denen das "Marvel Cinematic Universe" seinen Anfang nahm. Es war das Jahr, in dem sich die Verhältnisse in Hollywood wirtschaftlich und ästhetisch zu verschieben begannen.

Und nun, so scheint es, wird Spider-Man 3 endgültig zu Grabe getragen – und seine Ära mit ihm. Nachdem seit 2007 bereits zwei neue Schauspieler ins Spider-Man-Kostüm geschlüpft sind – im Dezember wird ein dritter hinzukommen – gerät in Ruben Fleischers Venom noch die letzte grosse Eigenheit von Raimis Film in die Recyclingmaschinerie des Superheldengeschäfts: der Marvel-Schurke Venom, ein amorphes Alien, genannt Symbiont, das andere Lebensformen besetzen muss, um zu überleben.

Fleischer (Zombieland, Gangster Squad) erzählt dessen Herkunftsgeschichte ohne jeden Verweis auf Spider-Man, Venoms traditionellen Gegenspieler. Stattdessen konzentriert er sich auf Eddie Brock (Tom Hardy), in dessen Körper sich Venom (gesprochen von Hardy) besonders wohlfühlt, und der mithilfe seines ausserirdischen "Untermieters" die finsteren Pläne des milliardenschweren Wissenschaftlers Carlton Drake (Riz Ahmed) durchkreuzen will.

Darin steckt Potenzial. Wie Deadpool und Logan vor ihm ist Venom überwiegend von der Pflicht befreit, eine über sich selbst hinausweisende Franchisengeschichte zu erzählen, und kann sich somit ganz auf seine eigenen Angelegenheiten konzentrieren. Zudem ist Venom mehr ein blutrünstiges Monster als ein klassischer Comic-Bösewicht, was den Drehbuchautoren Kelly Marcel, Jeff Pinkner und Scott Rosenberg allerlei spannende Erzählansätze ermöglicht.

Eddie Brock (Tom Hardy) ist vom Alien Venom (gesprochen von Tom Hardy) besessen.
© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH
Doch das Potenzial bleibt unerfüllt. Venom ist ein dröges, zahnloses und frustrierend unfokussiertes Werk, das es zu vielen Fansegmenten auf einmal recht machen will. Der Tonfall des Films schwingt hin und her zwischen düsterem Grusel-Superheldenfilm und schwarzer Buddy-Komödie Marke Deadpool.

Zwar funktioniert gerade Letzteres mitunter recht gut – vor allem dank Tom Hardys aberwitziger Doppeldarbietung –, doch Eddie Brocks beleidigungsreicher innerer Dialog mit Venom wird immer durch den austauschbaren, auf ernst getrimmten Plot ausgebremst, bevor er richtig in Schwung kommt. Es beschleicht einen der Verdacht, Hardy sei der einzige Mitwirkende, der sich in einer Komödie wähnt. Er ächzt, feixt und setzt sich in Hummeraquarien, als wäre er Jim Carrey, während um ihn herum betretene Blicke und humorlose Gespräche das Geschehen dominieren.

Zusammen mit Venom geht Eddie gegen die düsteren Machenschaften des Milliardärs Carlton Drake (Riz Ahmed) vor.
© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH
Natürlich ist Ruben Fleischer nicht dazu verpflichtet, eine Komödie zu machen. Ebenso wenig darf man von ihm und seinem Autorenteam verlangen, sich vollauf dem Horrorgenre zu verschreiben. Das Problem jedoch ist, dass Venom beides zugleich tun will – vielleicht nicht in der Theorie, wohl aber in der Praxis. Den Zuschauerinnen und Zuschauern wird keine Horrorkomödie geboten – kein Ghostbusters (1984), kein The Frighteners (1996) –, sondern eine Komödie, in der die Lacher zu kurz kommen, sowie ein Gruselfilm, dem die nötige Atmosphäre fehlt.

Letztlich enttäuscht dieses dissonante, unsauber zusammengeschusterte Konstrukt mehr als es ärgert. Trotz eines stellenweise grässlichen Drehbuchs ("like a turd in the wind") sind die Zutaten für einen anregenden eigenständigen Superheldenfilm da – einfach nicht in der richtigen Dosis und Reihenfolge. Was bleibt, ist der Eindruck, dass hier, mit Ausnahme von Tom Hardy, niemand so richtig bei der Sache war.

★★

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