Mittwoch, 11. November 2015

Dheepan

Es war wohl kein Zufall, dass sich im Mai 2015, inmitten der anhaltenden internationalen Flüchtlingskrise, die Cannes-Festivaljury um Joel und Ethan Coen dazu entschloss, die Goldene Palme einem Beitrag zu verleihen, der sich um die Erlebnisse einer Familie von Kriegsmigranten dreht. Doch Jacques Audiards Dheepan bewegt sich weit abseits von moralisierendem Betroffenheitskino oder warnendem Konservatismus. Für ihn ist das Phänomen kein Politikum, für das eine Lösung gefunden werden muss, sondern eine Realität, mit der es sich zu arrangieren gilt.

Audiard (De battre mon cœur s'est arrêté, Un prophète, De rouille et d'os) macht es einem nicht einfach, seinen Film durch die verzerrte Optik vorgefasster Meinungen zu sehen, da er von Anfang an auf altbekannte Figurenstereotypen verzichtet. Als Protagonist dient ihm Sivadhasan (grossartig: Antonythasan Jesuthasan), ein Soldat der militant-separatistischen tamilischen Gruppierung Tamil Tigers, der am Ende des srilankischen Bürgerkriegs nach Europa emigriert, um der Verfolgung durch die Regierung zu entgehen. Er erhält den Namen eines Toten, Dheepan, und bekommt eine Frau (Kalieaswari Srinivasan) und ein neunjähriges Mädchen (Claudine Vinasithamby) zur Seite gestellt, die sich als Dheepans dem Krieg zum Opfer gefallene Ehefrau Yalini und Tochter Illayaal ausgeben sollen.

Das Identifikationsbild der sich den Schrecken des Krieges widersetzenden Familie ist damit grundsätzlich ausser Kraft gesetzt; im Zentrum stehen ein mutmasslicher Kriegsverbrecher und zwei ihm unbekannte Menschen, die ihre Angehörigen bei seinem Kampf verloren haben. Simpel ist am Krieg nichts, und auch mit der Flucht davor ist sein Schatten nicht aus der Welt geschafft. Für Dheepan, Yalini und Illayaal trifft das nicht nur in Form von Trauma und der fundamental problematischen neuen Familiensituation zu, sondern auch auf noch viel sichtbarere Art und Weise.

Unter dem falschen Namen Dheepan flieht der Tamil-Tigers-Soldat Sivadhasan (Antonythasan Jesuthasan) von Sri Lanka nach Frankreich. Um als Familienvater durchzugehen, wird ihm ein neunjähriges Mädchen (Claudine Vinasithamby) zur Seite gestellt.
© filmcoopi
Nachdem die Drei in Frankreich aufgenommen worden sind, werden sie in einen verfallenden Häuserblock am Ortsrand einer Pariser Banlieue verfrachtet. Dort erhält Dheepan Arbeit als Hausmeister; Yalini betreut einen älteren Herrn (Faouzi Bensaïdi); und Illayaal besucht in der nahen Grundschule eine Integrationsklasse. Doch auch der "friedliche" Westen erweist sich als alles andere als konfliktfrei: Sowohl Dheepan als auch Yalini finden schnell heraus, dass ihr neues Zuhause im Brennpunkt eines Problemviertel-Bandenkriegs steht.

Mehr noch als in Un prophète interessiert sich Audiard wenig für dramatische Verstrickungen und eine Handlung im klassischen Sinne. Getragen von Eponine Momenceaus prägnanter, stellenweise aber dennoch verträumt ausschweifender Kameraführung, bewegt sich Dheepan anmutig vorwärts; der Wechsel der Jahreszeiten und die graduelle Anpassung der Figuren an die französischen Gepflogenheiten werden nicht explizit gezeigt, sondern fein angedeutet.

Auch eine Frau (Kalieaswari Srinivasan), die sich als Dheepans Frau Yalini ausgeben muss, begleitet den traumatisierten Kämpfer nach Europa.
© filmcoopi
In eindringlichen, im Stile Asghar Farhadis und Ken Loachs geschriebenen und inszenierten Episoden gräbt der Film tief in die Wunden, die Krieg, Flucht und Neuanfang bei den Protagonisten hinterlassen haben. Sowohl innen als auch aussen tobt der Krieg, in den Köpfen und im Handeln, in den eigenen vier Wänden und draussen auf dem Hof. Nicht selten spielen sich zwischen Dheepan, Yalini und Illayaal uneingespielt wirkende, von ungelenken Pausen durchsetzte Dialoge ab; in der Wohnung herrscht Schweigen; derweil vor den Fenstern des Hausmeister-Appartements Besucher von Baseball-Schläger tragenden Türstehern kontrolliert werden und ab und zu sogar Schüsse abgefeuert werden. In einer der besten Szenen skandiert ein betrunkener Dheepan im Keller seines Wohnblocks mit verzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen eine Schlachthymne der Tamil Tigers.

Die Eskalation des unverdrängbaren Traumas, die sich den ganzen Film über abzeichnet, tritt schlussendlich in überraschend schockierender Weise ein, mündet daraufhin aber in einen irritierend antiklimaktischen Epilog, der sich ebenso als idealistische Kapitulation Audiards wie auch als ironisierter Traum deuten lässt. Nicht zuletzt deswegen ist Dheepan ein (noch) weniger leicht verdauliches Werk als Un prophète und De rouille et d'os – und ist aus gerade aus diesem Grund wohl auch der beste Film, den Audiard in den letzten zehn Jahren gedreht hat.

★★★★

Sonntag, 8. November 2015

The Martian

© 2015 Twentieth Century Fox Film Corporation

★★★★

"Ultimately, however, The Martian succeeds by embracing what Cuarón and Nolan seemed so at pains to avoid: unlike their films, Scott’s movie does not see cinematic technology as something that is to be overcome by the plot but as a valuable supporter of the experience as a whole. Scott and DP Dariusz Wolski offer sweeping CGI vistas of Mars, perfectly exploiting the planet’s picturesquely barren plains, plateaus, mountains, and canyons, drawing on a rich archive of Mars rover footage to make the Red Planet come alive."

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Dienstag, 27. Oktober 2015

Black Mass

Regisseur Scott Cooper interessiert sich für die düsteren Ecken Amerikas – die gegen den drohenden Untergang kämpfenden Institutionen, die mafiösen Strukturen hinter dem Schleier amerikanischer Geschäftstüchtigkeit, die allzu einfach ausser Kraft gesetzten Prinzipien Moral und Rechtschaffenheit. Drei Filme hat der 45-jährige bislang gedreht, allesamt Psychogramme gescheiterter, verzweifelter Existenzen.

In Crazy Heart (2009), der Jeff Bridges seinen ersten Oscar einbrachte, kämpft ein alternder Countrymusiker gegen Alkoholmissbrauch und die eigene Obsoleszenz. Out of the Furnace (2013) spielt vor dem Hintergrund der bröckelnden Stahlindustrie Pennsylvanias – ein Hauch von Peter Bogdanovichs The Last Picture Show –; im Fokus stehen ein perspektivloser Ex-Sträfling und ein bösartiger Redneck-Drogenbaron.

Black Mass stellt zwar in gewisser Hinsicht einen Bruch mit seinen Vorgängern dar, doch auch hier verfolgt Cooper jene Motive und Themen, mit denen er sich als viel versprechender Filmemacher in Hollywood etabliert hat. Sein neuester Film ist eine faktenbasierte Chronologie des kriminellen Imperiums, das Mafiaboss James "Whitey" Bulger (Johnny Depp), ab den Siebzigerjahren in Boston errichtete.

Es ist eine Geschichte ganz im Sinne Coopers, eine Geschichte, in der Staat und Unterwelt miteinander verschmelzen, in der jenste Ur-Amerikanismen – der erfolgreiche Immigrant, die Macht der Eigeninitiative, das Misstrauen vor regulierender Autorität – aufeinander prallen. 1975 führt Bulger die irische Mafia, die Winter-Hill-Gang, im Süden Bostons an; sein Ziel ist es, den Bandenkrieg mit den Italienern im Norden der Stadt endlich für sich zu entscheiden. Dabei hilft ihm nicht nur sein Bruder, Senator Billy Bulger (Benedict Cumberbatch – als Bostoner überzeugender denn als Südstaatler in August: Osage County), sondern auch sein Jugendfreund John Connolly (Joel Edgerton), der mittlerweile beim FBI arbeitet und ihm einen Handel anbietet: Whitey soll zum Informanten werden. Somit kann er John nicht nur die Italo-Mafia ausliefern, sondern geniesst selber auch eine gewisse Immunität, was es ihm erleichtert, das Diktat in Boston zu übernehmen.

Der irischstämmige Mafiaboss James "Whitey" Bulger (Johnny Depp) schwingt sich während der Siebziger- und Achtzigerjahre zum mächtigsten Kriminellen Bostons auf.
© 2015 Warner Bros. Ent.
Obwohl der Film unaufhaltsam in der Zeit voranschreitet – er bleibt Whitey im Laufe der Achtziger- und Neunzigerjahre auf den Fersen und verliert ihn sodann, wie der Rest der Welt, bis zu seiner Verhaftung 2011 aus den Augen –, bewegt er sich durchgehend in der Tradition des "paranoiden" Watergate-Kinos der Siebzigerjahre, begründet durch Sydney Pollack und Alan J. Pakula und in der jüngeren Vergangenheit wiederentdeckt in Produktionen wie Ben Afflecks Argo oder David O. Russells American Hustle. Verwaschene Grau- und Brauntöne dominieren die körnigen Bilder, die Masanobu Takayanagi im postindustriellen Massachusetts einfängt; die Musik Tom "Junkie XL" Holkenborgs (Mad Max: Fury Road) suggeriert eine Welt, in der in jedem Moment mit Mord und Totschlag gerechnet werden muss.

Die Handlung bestätigt diese Stimmung. Es ist kein sentimentaler Blick, den Cooper hier in die Vergangenheit wirft, kein buntes Treiben unerhörter Frisuren- und Kleidermoden wie noch in American Hustle. Ein falscher Schritt, ein falsches Wort, eine falsche Investition – und schon blickt man in den Pistolenlauf von Whiteys Vollstrecker Johnny Martorano (W. Earl Brown); die Macht des Winter-Hill-Syndikats erstreckt sich – dank freiwilliger und unfreiwilliger Unterstützung von Politik und Justiz von Verkaufsautomaten – von der Organisation ganzer Sportarten. Whiteys Aufstieg zum König von Boston ist zugleich ein Porträt gesellschaftlichen und moralischen Verfalls. Amerika gehört den Gangstern – und das nicht erst seit dem letzten Wall-Street-Kollaps.

Erzählerisch hat Cooper die goldene Mitte zwar immer noch nicht gefunden: Crazy Heart geriet bei aller Ernsthaftigkeit letztendlich doch zum Märchen, Out of the Furnace zur allzu konturenlosen Milieustudie. Black Mass wiederum versucht, die GoodFellas-Dramaturgie zu emulieren, gewinnt daraus aber wenig Neues. Entsprechend wirkt der Film episodenhaft und nur streckenweise wirklich fesselnd; diverse Entwicklungen in der Winter-Hill-Expansion gehen unter in einem etwas allzu gedämpften Skript.

Einen beträchtlichen Anteil an Whiteys Erfolg hat der FBI-Agent John Connolly (Joel Edgerton), der den Gangster als Edel-Informanten anheuert.
© 2015 Warner Bros. Ent.
Somit bleibt schliesslich neben der stimmig und hervorragend eingefangenen Atmosphäre und der Hitchcock'sch inszenierten Brutalität – Mord ist und bleibt harte Arbeit – vor allem ein Aspekt in Erinnerung: Johnny Depps Darbietung als Whitey Bulger. Vielleicht liegt es daran, dass die Erwartungen an den Superstar nach Flops wie The Tourist, Transcendence oder Mortdecai geschrumpft sind; doch seine durch famose Make-up-Kunst noch verstärkte Interpretation des fast schon apathischen Gangsters gehört, zusammen mit seinen Leistungen in Ed Wood, Dead Man, Fear and Loathing in Las Vegas und Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl, zu den Höhepunkten seiner Karriere. Mit der gespenstischen Ruhe und der kalten Konzentration eines Hais – als Präzedenzfall bietet sich Anthony Hopkins in The Silence of the Lambs an – wandelt Depp durch einen Film, der von unausgeglichenen, impulsiv agierenden Figuren nur so wimmelt; selbst seine joviale Seite hat etwas zutiefst Beunruhigendes und Verstörendes.

Den ganz grossen Wurf konnte Cooper also auch mit Black Mass nicht landen. Doch das soll die beträchtlichen Qualitäten dieses überaus eindringlichen Films keineswegs überschatten. Auch wenn es sich dabei nicht um den künftigen Klassiker handelt, zu dem sein Regisseur durchaus fähig scheint, besticht er doch – neben Depps grandioser Darbietung – auch durch seine grundlegende Hollywood-Solidität, deren Reiz sich zu entziehen fast nicht möglich ist.

★★★★

Sonntag, 25. Oktober 2015

The Little Prince

Je populärer das Quellenmaterial, desto einfacher ist es, ein breites Publikum für eine Adaption davon zu begeistern. Somit dürfte es Mark Osbornes The Little Prince an den Kinokassen vergleichsweise leicht haben: Antoine de Saint-Exupérys Kinderbuch wurde seit seinem Erscheinen 1943 in mehr als 250 Sprachen übersetzt und gehört zu den meistverkauften Büchern aller Zeiten.

Die Kehrseite des Ganzen ist die Gefahr, Millionen von Menschen, die mit der Geschichte des kleinen Prinzen vom Asteroiden B-612 aufgewachsen und vertraut sind, zu enttäuschen. Dutzende von Adaptionen auf Papier, Zelluloid, Bühne und Tonträger sind Osbornes Animationsfilm vorausgegangen; es gilt, der Erzählung aus einem neuen Blickwinkel zu begegnen, ohne sich dabei zu sehr über Sinn und Geist Saint-Exupérys hinwegzusetzen.

Mit Ausnahme eines dritten Akts, der die magische Subtilität von Le petit prince in einen banalen physischen Kampf zwischen Protagonisten und Antagonisten übersetzt, gelingt dies Osborne und den Drehbuchautoren Irena Brignull und Bob Persichetti recht gut. Der kleine Prinz (gesprochen von Riley Osborne) und seine Begegnung mit dem in der Sahara notgelandeten Piloten (Jeff Bridges) werden in eine kontemporäre Handlung integriert, in deren Zentrum ein Schulmädchen (Mackenzie Foy) steht.

Dieses lebt in einer Welt, die wie ein Traum des Sterne zählenden Geschäftsmannes wirkt, dem der Prinz auf seiner Reise von Asteroid zu Asteroid begegnet (und der hier von Albert Brooks mit der gebührenden ernsthaften Monotonie gesprochen wird): Zahlen bestimmen das tägliche Leben; den Kindern wird ein Lebensplan aufgezwungen, der sie zu "essenziellen" Mitgliedern der Gesellschaft formen soll. Das Mädchen lebt mit seiner arbeitswütigen Mutter (Rachel McAdams) in einem kantig-symmetrischen Haus in einer retortenhaften Vorstadt; die Sommerferien verbringt es damit, für seine neue Schule wirtschaftlich relevante Formeln zu lernen.

In einer allzu ernsthaften Welt freundet sich ein Mädchen (Stimme: Mackenzie Foy) mit einem ehemaligen Piloten (Jeff Bridges) an.
© Impuls Pictures AG
Doch im windschiefen Holzhaus nebenan wohnt ein wunderlicher alter Kerl (Jeff Bridges), der versucht, ein schrottreifes Flugzeug in Gang zu bringen. Und auch sonst scheint er wenig zum ökonomischen Wohl der Gemeinschaft beizutragen: Er bastelt, malt und beobachtet die Tiere in seinem Garten und die Sterne am Himmel. Seiner neuen jungen Nachbarin schickt er, Blatt für Blatt, die Geschichte vom kleinen Prinzen, der ihn in der Wüste einst nach einer Zeichnung von einem Schaf gefragt hat. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist das Mädchen – wie könnte es auch anders sein? – fasziniert.

Gewisse Botschaften aus Saint-Exupérys Buch wendet The Little Prince äusserst gekonnt auf das gegenwärtige soziale Klima an. Die grassierende Obsession auf Wirtschaftslehre und Algebra, die in der Welt der Protagonistin herrscht, erinnert unverkennbar an den zunehmend schweren Stand, den die "nicht rentablen" Künste und Geisteswissenschaften gerade in Europa derzeit haben. Weder die Liebe zur Ästhetik noch der bewundernde Blick zum Sternenhimmel – beides Ausdrucksformen der von Saint-Exupérys so hervorgehobenen neugierigen Fantasie – mögen wirtschaftlich relevant sein, doch kommen sie dem "Wesentlichen", dem Kern der menschlichen Existenz, um ein Vielfaches näher als die Frage, wie eine Aktion das Bruttoinlandprodukt beeinflusst.

Osborne, Brignull und Persichetti sind hier einer ebenso löblichen wie stimmigen Moral auf der Spur, doch strapazieren sie diese während der 110 Minuten Laufzeit des Films übermässig. Ihre Überspitzung hat nicht die kindliche Eleganz von Saint-Exupérys Original; die Entscheidung, in der letzten halben Stunde die allegorische Dimension der Petit prince-Geschichte hinter sich zu lassen, entzieht dem Ganzen ein Stück seiner grundlegenden Magie.

Der Pilot erzählt ihr die Geschichte vom kleinen Prinzen (Riley Osborne) und seiner Reise, auf der er unter anderen einen Fuchs (James Franco) kennen lernt.
© Impuls Pictures AG
Damit wird schlussendlich leider auch die technisch markierte Trennung der Handlungsstränge aufgehoben. Während die primäre, hinzu gedichtete Handlung in sauberer, aber unspektakulärer CGI-Animation gehalten ist, begeistern die Darstellungen von Saint-Exupérys Originalpassagen dank ihrer simplen Stop-Motion-Ästhetik. Hier spielen abstrahierte Holzpuppen vor liebevoll gestalteten Karton-Kulissen die Gespräche zwischen Prinz und Pilot nach, ganz im Sinne der surrealen Entrücktheit des Romans.

Trotz seines eher missglückten Endes hat Osborne mit The Little Prince eine würdige Interpretation von Le petit prince geschaffen, die diverse bekannte Figuren, auch mit Hilfe herausragender Sprecher (Jeff Bridges, Ricky Gervais als der Eitle, Bud Cort als König, James Franco als Fuchs), zu einnehmendem Leinwandleben erweckt. Saint-Exupérys Genie blitzt zumindest sporadisch auf.

★★★

Samstag, 17. Oktober 2015

White God

Der grassierende Rechtspopulismus in Ungarn ist auch an der nationalen Filmkultur nicht spurlos vorüber gegangen. 2011 kündigte Meisterregisseur Béla Tarr (Sátántangó, Werckmeister Harmonies) nach The Turin Horse seinen Rücktritt vom Filmemachen an; die Einmischung der Regierungspartei Fidesz in die Kulturförderung soll einer der Gründe für die Entscheidung gewesen sein.

Die soziale Dimension dieses wieder erstarkten Nationalismus, in dessen Namen die faschistoide Jobbik-Bewegung Xenophobie und Isolationismus zur Tagespolitik erhoben hat, hat sich nun Kornél Mundruczó in seinem parabelhaften Tier-Drama White God zum Thema gemacht. Entstanden ist der Film zwar 2014 – und damit vor der Eskalation der europäischen Flüchtlingssituation, auf die nicht zuletzt in Ungarn mit gewaltsamen Übergriffen gegenüber Asylbewerbern reagiert wurde. Doch Mundruczó assoziiert hier unzweifelhaft seine Erzählung mit der Lage des Landes; die prominente und wiederholte Inszenierung von Franz Liszts zweiter Ungarischer Rhapsodie unterstreicht den nationalen Charakter der Handlung.

Diese dreht sich um die 13-jährige Lili (Zsófia Psotta), die nach dem arbeitsbedingten Umzug ihrer Mutter mit ihrem geliebten Hund Hagen (Luke) vorübergehend bei ihrem Vater Dániel (Sándor Zsótér) einziehen muss. Doch nicht nur möchten weder Dániel noch sein Vermieter einen Hund im Haus haben; die Regierung hat vor kurzem eine Steuer auf nicht "reinrassige" Hunde erhoben, die zu bezahlen sich Lilis Vater weigert. Es dauert nicht lange, bis er die Geduld mit Hagen verliert und ihn am Strassenrand aussetzt.

Die Prämisse würde ein heldenhaftes Hundeabenteuer nach Disney-Art ermöglichen, in dem Hagen den Gefahren der Budapester Strassen trotzt und nach Hause zu Lili zurückfindet. Doch White God ist weniger The Incredible Journey und Homeward Bound als The Plague Dogs; Hagen wird nicht zum gefeierten Rückkehrer, sondern zum mörderischen Rebell. Auf der Flucht vor Hundefängern gerät er an einen Obdachlosen (Tarr-Veteran János Derzsi, der unter anderem die männliche Hauptrolle in The Turin Horse spielte), der ihn an einen Hundekampf-Ring verhökert. Hier wird Hagen unter dem neuen Namen Max (und "gespielt" von einem zweiten Hund namens Body) zum blutrünstigen Kampfhund abgerichtet. Er flieht jedoch nach seinem ersten Kampf und wird schliesslich ins Tierheim verfrachtet. Dort vereinigt er die anderen "Köter" hinter sich, um Rache an den Menschen zu nehmen.

Wegen einer Steuer auf Mischlinge muss Lili (Zsófia Psotta) von ihrem geliebten Hund Hagen (gespielt von Luke und Body) Abschied nehmen.
© Magnolia Pictures
Mundruczó realisiert diese packende Geschichte um tierische Auflehnung und Rache, die in den apokalpytisch-gespenstischen Bildern vom menschenleeren Budapest ihren ästhetischen Höhepunkt erreicht, enorm stimmungsvoll; Musik und Kameraführung verleihen diesen Szenen ein absolut gerechtfertigt wirkendes Pathos. Nicht minder atemberaubend sind in diesem Zusammenhang die Leistungen der tierischen Darsteller, insbesondere von Luke und Body. Oft scheitern vergleichbare Tier-Darbietungen daran, dass ihnen das wochenlange Training nur zu deutlich anzusehen ist; doch die Arbeit von Trainer Árpád Halász, verantwortlich für die insgesamt 280 im Film vorkommenden Hunde, bleibt hier praktisch unsichtbar; Mimik und Bewegung von Luke/Body ist ungemein expressiv, wirkt aber durchgehend völlig instinktiv.

Im Vergleich zu diesem eindringlichen Handlungsstrang droht die menschliche Ebene stellenweise fast zu gewöhnlich zu erscheinen. Lilis Suche nach dem verschwundenen Hagen verläuft in bekannten Bahnen – sie beklebt Wände mit Vermisstmeldungen und lässt sich bis spätabends nicht zuhause blicken –, ihr pubertärer Widerstand gegen ihren Musiklehrer (László Gálffi) funktioniert nur sporadisch als Parallele zu Hagens Entwicklung. Doch Mundruczó bettet auch diese Elemente elegant in seinen Film ein; gerade die schrittweise Wieder-Annäherung Lilis an Dániel macht White God zu mehr als einer nackten politischen Parabel.

Auf sich allein gestellt, schart Hagen eine Armee von Mischlingen um sich, um sich an seinen Peinigern zu rächen.
© Magnolia Pictures
Dennoch bleibt der ideologische Subtext bleibt der kraftvolle Fokus und Motor dieses Films. Seine englische Tagline "The unwanted will have their day" taugt auch als Warnung. In einer Polit-Kultur, die schon länger mit Juden-Registern und Konzentrationslagern für Roma liebäugelt, haben dystopische Visionen einer faschistischen Zukunft nur wenig Zugkraft. Stattdessen dreht Mundruczó den Spiess um: Er ersetzt Immigranten und Asylbewerber mit süssen, wenn auch nicht verniedlichten, Hunden und hetzt sie auf die Bevölkerung der Hundezüchter-Nation Ungarn – ja auf die Mitte der Gesellschaft, denn obwohl Hagen mit seiner Armee zwar gezielt Jagd auf seine Peiniger macht, stoppt sein Aufstand trotzdem nicht vor Passanten.

Es ist eine provokante Meinung, die White God zu vertreten scheint: Der staatliche Rechtsrutsch mag auf die Regierung zurückzuführen sein, doch mit einem entschiedenen Gegenstoss aus der gemässigten Bevölkerung hätte es nicht so weit kommen müssen. Ohne dieses Engagement, so scheint es, ist Ungarn dazu verdammt, im Konflikt zwischen autoritärer Politik und dem (gerechtfertigten) Widerstand der Benachteiligten unterzugehen. In der betörenden letzten Szene ortet Mundruczó das "wahre" Magyarentum weder im Nationalismus noch in der Anarchie, sondern in der reichen kulturellen Vergangenheit Ungarns, am Leben erhalten durch die Jugend, seiner demografischen Zukunft.

★★★★

Freitag, 16. Oktober 2015

The Wolfpack

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die Crystal Moselle in ihrem Regiedebüt The Wolfpack erzählt: Die Dokumentation handelt von den Angulo-Geschwistern – sechs Teenager-Jungs und einer kaum in Erscheinung tretenden, behinderten Schwester –, die den Grossteil ihres Lebens in einem Sozialbau-Appartement im Lower-East-Side-Quartier New Yorks verbracht haben. Um sie vor den Gefahren von Stadt und Aussenwelt zu schützen, hat ihr Vater Oscar, ein peruanischer Einwanderer und begeisterter Anhänger der Hare-Krishna-Religion, ihnen und ihrer Mutter Susanne verboten, die Wohnung zu verlassen.

Entsprechend sind Moselles Protagonisten Mukunda, Narayana, Govinda, Bhagavan, Krisna und Jagadesh auch nicht durch die sporadischen, von Oscar beaufsichtigten Kurz-Ausflüge nach draussen an die Welt gewöhnt worden, sondern durch ihre Liebe zum Film; die Sammlung der Angulos umfasst rund 5'000 DVDs und VHS-Kassetten. Was The Wolfpack also letztlich zeigt – befreit von allen zusätzlichen Informationen, die es ausserhalb des filmischen Rahmens nachzuschlagen gilt –, ist der einstige amerikanische Albtraum: eine Generation, die vom Fernsehen aufgezogen wurde.

Unter diesem Gesichtspunkt offeriert Moselle ein erfrischendes Gegen-Narrativ zum gängigen Klischee des abgestumpften, verdummten Medienkindes. Die Angulo-Brüder, allen voran ihr Quasi-Anführer Mukunda, sind ausnahmslos einnehmende Persönlichkeiten – freundlich, humorvoll, selbstironisch und einfühlsam. Nicht ihre Liebe zu den die Eintönigkeit vertreibenden Hollywood-Filmen – die sie als Erweiterung ihres Hobbys gerne selber nachspielen, insbesondere den wie für sechs Brüder gemachten Reservoir Dogs – hat ihnen geschadet, sondern ihr übermächtiger Vater, der Moselle gegenüber zwar keine Reue erkennen lässt, seinen Kindern ihren unumgänglichen Ausbruch aber auch nicht übel zu nehmen scheint ("I taught them to make their own decisions").

Die Angulo-Brüder haben fast ihr ganzes Leben im New Yorker Appartement ihres Vaters verbracht.
© Xenix Filmdistribution
Der Bruch im System Oscar Angulo – und damit Moselles Freundschaft mit der Familie – begann im Jahr 2010, als Mukunda, damals 15, beschloss, die Wohnung verkleidet zu verlassen, wenig später von der Polizei aufgegriffen wurde und vorübergehend in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses verfrachtet wurde. Im Laufe der darauf folgenden Monate bröckelte Oscars Regime weiter; die Geschwister begannen, gemeinsam Manhattan zu erkunden; Moselle ist dabei, als sie in einem Park am East River die Bäume und den Fluss bestaunen, als sie die Touristen-Attraktion Coney Island besuchen, als sie das allererste Mal einen Film im Kino sehen (David O. Russells The Fighter).

Das ist alles durchaus interessant und dank der charismatischen Menschen im Fokus – trotz der schwierigen Thematik – sogar höchst unterhaltsam; doch das Gefühl, The Wolfpack enthalte einem gewisse Punkte vor, lässt sich nur schwer abschütteln. Wie Moselle die Angulos kennen gelernt hat, wird so gut wie gar nicht beleuchtet; noch weniger die Frage, unter welchen Bedingungen Susanne und vor allem der inzwischen von seinen Söhnen entfremdete Oscar dem Porträt zugestimmt hatten. Die Identifikation der zentralen Figuren erweist sich besonders zu Beginn als Herausforderung; das Fehlen von Zeit-Einblendungen erschwert die Einordnung gewisser Szenen, da der Film offenkundig nicht chronologisch geschnitten ist.

Eines der grössten Hobbys der Angulos ist das Nachspielen ihrer Lieblings-Hollywoodfilme.
© Xenix Filmdistribution
In Anbetracht der zu Drehbeginn allesamt minderjährigen Protagonisten, der behinderten Visnu sowie des wahrscheinlich alkoholkranken und mental instabilen Oscar drängt sich auch die Frage nach ethischen Bedenken auf: War es richtig – oder zumindest journalistisch integer –, diesen Film zu machen? Liegt auf dem Grund von Moselles Projekt ein entmenschlichender "Guck mal, die da"-Impuls?

Zumindest teilweise vermag der fertige Film derartige Zweifel auszuräumen. Es darf angenommen werden, dass Moselles Anwesenheit den Angulos bei ihrer Sozialisation geholfen hat. Und gerade Mukunda und Narayana, deren Traum eine Arbeit im Filmgeschäft zu sein scheint, dürften bei der Stellensuche einen gewissen Vorteil aus Moselles Vernetztheit ziehen können. Die Offenheit, mit der die Geschwister wie auch Susanne die Regisseurin in ihr Leben aufnehmen, bildet den Kern des Reizes von The Wolfpack. Er ist nicht viel mehr als ein solider Dokumentarfilm, der genauso in einen Arte-Themenabend wie auf die Kinoleinwand passen würde; doch der natürliche Charme der Figuren im Mittelpunkt lässt einen bisweilen vergessen, dass ein Film höhere Ambitionen haben könnte.

★★★★