Samstag, 2. Februar 2013

Flight

Nach mehr als einem Jahrzehnt hat sich Robert Zemeckis mit Flight wieder dem Realspielfilm zugewandt. Zwar kann das vielschichtige Drama seinen hohen Ansprüchen nicht ganz gerecht werden, doch der Regisseur von Forrest Gump kombiniert Versatzstücke des Hollywoods der Neunzigerjahre zu einem soliden Stück Kino.

Es tagt in Orlando und William "Whip" Whitaker (Denzel Washington) hat wieder einmal kaum geschlafen. Zum Frühstück genehmigt er sich einen Schluck Bier und eine Linie Kokain, danach verlässt er das Hotel und schleppt sich zum Flugzeug, welches er gleich als Pilot nach Atlanta manövrieren soll. 52 Minuten wird der Flug voraussichtlich dauern, das Wetter ist garstig, doch Whip ist ein erfahrener und geachteter Pilot, der, wie es scheint, schon Übleres gemeistert hat. Doch etwa nach der Hälfte der Reisezeit, bei klarem Wetter, zerfällt die Maschine buchstäblich in ihre Einzelteile. Dank einiger gewagter Massnahmen gelingt es Whitaker, das Flugzeug in einem Feld aufzusetzen. Eine Bruchlandung, ja, aber fernab jeglicher Wohngebiete; von 102 Passagieren überleben 96. Während Whip sich von seinen Verletzungen erholt und von den Medien als stiller Held gefeiert wird, bricht neues Unheil über ihn herein: Eine Blutprobe hat ergeben, dass er während des Flugs alkoholisiert war. Gemeinsam mit seinem Anwalt Hugh Lang (Don Cheadle) und seinem Freund Charlie (Bruce Greenwood) kämpft er gegen die Justiz, während er versucht, seinem Alkoholproblem Herr zu werden, wobei ihm die Ex-Drogenhabhängige Nicole (Kelly Reilly) zur Seite zu stehen versucht.

Der Titel ist in Flight gleich in mehrfacher Hinsicht Programm: Die ersten 25 Minuten des Films beschäftigen sich mit Whip Whitaker "Flug" ins Unglück, brillant gefilmt, packend inszeniert; fast glaubt man die sturmbedingten Turbulenzen im Kinosessel zu spüren. Auf beängstigende Art und Weise zeigen Robert Zemeckis und Drehbuchautor John Gatins, dass Flugzeuge, obwohl dies in der Welt nach 9/11 zur Marginalie geworden sein scheint, auch ohne menschliches Zutun abstürzen können. Doch diese furiose Eingangssequenz, eines hochkarätigen Katastophenfilms würdig, bleibt die einzige im ganzen Film, die Zemeckis' Gespür für die Inszenierung von Action erahnen lässt. Action ist hier bloss als der Stein des Anstosses für die menschliche Tragödie, Whitakers "Flucht" – vor Verantwortung, vor der Justiz, vor Schuldgefühlen, vor der Realität, vor den leer getrunkenen Flaschen.

Ein Trio von Rechtsverdrehern: Gewerkschafter Charlie Anderson (Bruce Greenwood, links), Anwalt Hugh Lang (Don Cheadle, Mitte) und der alkoholabhängige Pilot Whip Whitaker (Denzel Washington).
Hand in Hand mit dieser multiplen Flucht geht eine Vielfalt an Tönen, die Gatins anschlägt. Wie in den gewichtigen Dramen der Neunzigerjahre folgt Genre auf Genre: Während Whip in mehreren Tausend Metern Höhe um das Überleben seiner Passagiere kämpft, setzt sich Nicole in ihrer Wohnung einen Schuss. Whips Krankenhausaufenthalt erhält plötzlich eine fröhlichere Dimension, als sein Freund und Drogendealer, die aalglatte Quasselstrippe Harling auftaucht (John Goodman – das schiere Vergnügen, wie immer). Szenen erfolglosen Alkoholverzichts wechseln sich ab mit juristischen Besprechungen, alles verflochten mit der schwierigen Beziehung zwischen Whip und Nicole. Die Fülle an Aspekten bringt Flight, wie schon andere Filme von Zemeckis (Forrest Gump, Contact), auf eine übermässige Laufzeit von gut 140 Minuten. Langeweile kommt zwar nie auf, aber auch nicht Stringenz und uneingeschränkte Überzeugungskraft. Weder Zemeckis noch Gatins gelingt es gänzlich, Genres und Handlungsstränge zusammenzuführen, schon gar nicht mit dem allzu blitzsauberen Ende aller Ebenen – trotz eines unerwarteten (unbeabsichtigten?) Bob-Dylan-Zitats aus Pat Garrett and Billy the Kid.

Entsprechend ist es auch nicht explizit Zemeckis' Verdienst, dass Flight dennoch funktioniert. Was der womöglich allzu konstruierten Handlung die nötige Tiefe und Glaubwürdigkeit verleiht, ist eine Gruppe von talentierten und stellenweise überragend agierenden Schauspielern, angeführt von einem abgeklärten und durch und durch überzeugenden Denzel Washington, der das moralische Zwielicht seiner Figur punktgenau zu vermitteln weiss. Trotz Whips Zustand ist Washington nicht geneigt, dem theatralischem Schauspiel zu verfallen; Subtilität prägt seine Darstellung. Auch Kelly Reilly und Melissa Leo, die nur auf dem dramatischen Höhepunkt des Films zu sehen ist, hinterlassen einen starken Eindruck, wobei die intensivste Nebenrolle aber einer eher unerwarteten Quelle zuzuschreiben ist. James Badge Dale (The Departed) spielt einen namenlosen Krebskranken, der sich im Krankenhaus von Atlanta eine Zigarette lang mit Nicole und Whip unterhält. Er ist ein Enigma, er geht so plötzlich wie er gekommen ist, sein Schicksal ist unbekannt – und doch ist sein Kurzauftritt nur schwer zu vergessen. Dales feurige Performance ist eine Miniatur schauspielerischer Klasse in einem makellos gespielten Film.

Trautes Heim? Nicole (Kelly Reilly) versucht, Whip bei seinem Entzug beizustehen.
Schon oft wurde Robert Zemeckis mit Steven Spielberg verglichen, bei Erfolgen war er sein "Erbe", bei Flops sein "Nachahmer". Auch in Flight scheint sich die Gegenüberstellung aufzudrängen. Es ist durchaus möglich, dass Spielberg mit dem vorhandenen Stoff ein runderes, stimmigeres Drama gelungen wäre. Doch angetrieben von einer interessanten Prämisse und einem herausragenden Cast, vermag auch Zemeckis' neueste – unvollkommene – Regiearbeit zu überzeugen.

★★★

Freitag, 1. Februar 2013

Gangster Squad

Wie der Western stirbt auch der Film Noir mehrere Tode. Obwohl nach allgemeiner Ansicht seine grosse Zeit schon 1958 ein Ende fand, feierte er in den darauf folgenden fünf Jahzehnten immer wieder kurzlebige Comebacks. Ob der Genre-Aufwasch Gangster Squad ein weiteres einzuleiten vermag, darf bezweifelt werden.

1949: Los Angeles befindet sich im Würgegriff des Ostküsten-Mafioso Mickey Cohen (Sean Penn). Binnen weniger Jahre haben er und seine brutalen Schergen sämtliche lokale Konkurrenz ausgeschaltet; mit Frauenhandel, Prostitution, Drogenschmuggel, Geldwäsche und Wettgeschäften hat der ehemalige Boxer genug Geld eingestrichen, um schon bald die gesamte Westküste zu kontrollieren. Polizei und Gerichte können Cohen nichts anhaben, unterhält er doch gute Beziehungen bis in die höchsten Kader der Behörden. Doch Polizeichef Parker (Nick Nolte) will dem Treiben nicht mehr länger nur zusehen: Er beauftragt den rechtschaffenen Polizisten John O'Mara (Josh Brolin) damit, einen Trupp zusammenzustellen, der Cohens Niederlassungen überfällt und zerstört. Mit dabei sind Frauenheld Jerry (Ryan Gosling), der mit der Benimmlehrerin – und Mickeys Liebhaberin – Grace (Emma Stone) anbandelt, der Revolverheld Max (Robert Patrick), dessen Assistent Navidad (Michael Peña), der Technikexperte Conway (Giovanni Ribisi) und der Milieu-Polizist Coleman (Anthony Mackie).

Als Ruben Fleischer 2009 sein Regiedebüt feierte, war man geneigt, ihn als viel versprechendes neues Talent zu verbuchen. Zombieland war eine urkomische Horrorfarce, der es hervorragend gelang, spritzendes Kunstblut und abstruse Ideen zu maximalem komödiantischem Effekt zu verbinden. Das Nachfolgewerk des heute 38-Jährigen, die Komödie 30 Minutes or Less, wurde von Kritik und Publikum schon weniger enthusiastisch aufgenommen. In Gangster Squad wird nun offenkundig, dass Fleischers Regiequalitäten nur so gut wie sein Drehbuch sind. Das Kunstblut aus Zombieland wurde beibehalten, der Scharfsinn ist auf der Strecke geblieben. Will Bealls Skript, inspiriert von wahren Begebenheiten, ist hier die Wurzel allen Übels.

Sergeant John O'Maras (Josh Brolin, 2. v. l.) "Gangster Squad": Jerry (Ryan Gosling, links), Navidad (Michael Peña, Mitte), Max (Robert Patrick, 2. v. r.) und Coleman (Anthony Mackie).
Beall versucht verzweifelt, dem Erbe von Dashiell Hammett und Raymond Chandler gerecht zu werden und in die Fussstapfen von Neo-Noir-Erfolgen wie Chinatown, Bugsy oder L.A. Confidential zu treten. Er verfehlt die Essenz des Film Noir genauso wie den weitaus simpleren Anspruch, einen passablen Krimithriller, frei von jeglichen Genre-Assoziationen, zu machen. Seinen Figuren legt er abgedroschene Plattitüden in den Mund, welche das Niveau eines Pulp-Comics nicht übersteigen. O'Maras Frau – mit viel gutem Willen als eine geistige Nachfahrin von Jocelyn Brandos Katie Bannion in Fritz Langs The Big Heat erkennbar –, gespielt von der armen Mireille Enos, wird auf seelenlose Gemeinplätze wie "The war's over, stop fighting, come back to me" oder "You're kind, you don't talk too much" reduziert. Versucht sich Beall an humorvollen Einzeilern, fragt man sich, wo genau der Witz liegen soll ("I'm a bible salesman", ist Jerrys ironischer Anmachspruch); lobpreist er am Ende salbadernd die ehrenvolle Arbeit des Streifenpolizisten, wird man lediglich daran erinnert, wie gut End of Watch doch war.

Und Ruben Fleischer, anstatt Gegensteuer zu geben, ergibt sich dem uninspirierten und unüberlegten Zitieren von Scarface bis This Gun for Hire und vernachlässigt obendrein auch eine der wichtigsten Pflichten eines Regisseurs. Im Angesicht seines Schauspieler-Leitwolfs Sean Penn scheint Fleischer die Schauspielführung verlernt zu haben. Penn grimassiert, ächzt, stöhnt und fletscht seine Zähne nach allen Regeln der Kunst, was die meisten – die tapferen Josh Brolin und Robert Patrick widerstehen dem Drang, ebenso der lust- und farblose Ryan Gosling – seiner Mitspieler dazu veranlasst, mitzuziehen. So verkommt Nick Nolte zur knorrigen Selbstkarikatur, Emma Stone zur gescheiterten Femme fatale, die sich zu sehr bemüht, verführerisch zu wirken. Gangster Squad, ein Film, der vor allem dank seiner prominenten Besetzung die Zuschauer ins Kino lockt, ist peinliches Schmierentheater, ein Kostümfest, welches lediglich von Mary Zophres' Kleider- und Gene Serdenas Set-Designs veredelt wird.

Der König von Los Angeles: Mafiaboss Mickey Cohen (Sean Penn, Mitte).
Das triftigste Argument für Fleischers dritten Film ist wohl das der Unterhaltung. Gewalt in Zeitlupe bestimmt das Geschehen, in den diversen Schiessereien bersten die Blutpackungen im Akkord, Menschen finden ihren Tod in brennenden Aufzügen und Swimming Pools mit Bohrmaschinen, Messern und Schusswaffen aller Art. Tatsächlich ist das ganze Gemetzel hochgradig ästhetisch gefilmt und inszeniert, hinterlässt aber jedoch einen schalen Nachgeschmack. Einerseits überstrapaziert Fleischer seinen morbiden Bildwitz, den er in Zombieland noch spielend (und spielerisch) einzusetzen wusste; andererseits wirkt die Gewaltorgie wie ein billiges Ablenkungsmanöver. Pistolen knallen, Gewehrläufe qualmen, Menschen gehen zu Boden, die Leichen stapeln sich, doch dahinter fehlen Intelligenz, Charme und Sinn. Film Noir muss nicht zwingend intellektuell sein; oft genügen eine solide Geschichte und eine stilsichere Präsentation. Gangster Squad fehlt beides.

Donnerstag, 31. Januar 2013

Lincoln

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.


13 Jahre hat die Produktion von Steven Spielbergs neuem Film in Anspruch genommen; das Herzblut, das darin fliesst, ist nicht zu übersehen. Lincoln ist ein unaufgeregtes, aber spannendes politisches Kammerspiel, ein intimer Historienfilm.

Die Vereinigten Staaten von Amerika scheinen zum Jahresanfang 1865 an einem Tiefpunkt angelangt zu sein: Zwar wurde erst vor kurzem der 16. US-Präsident, Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis), im Amt bestätigt, doch der blutige Bürgerkrieg gegen die abtrünnigen Südstaaten, 1861 begonnen, tobt weiter und zehrt an den Kräften und Ressourcen beider Seiten. Zudem stockt in Washington die politische Maschinerie, da im Repräsentantenhaus jeglicher Konsens zwischen Republikanern und Demokraten ausgeschlossen scheint. Und ausgerechnet jetzt will Lincoln einen kontroversen Verfassungszusatz, das Verbot von jeglicher Sklaverei, durchsetzen. Seine Hoffnungen ruhen dabei vor allem darauf, den radikal-republikanischen Sklavereigegner Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones) in Schach zu halten, dessen Brandreden den konservativen Flügel der Partei zu vergraulen drohen, und auf der Unterstützung von abgewählten, aber noch bis Ende Januar aktiven Demokraten, denen er attraktive Regierungsposten anbietet. Dass aber gerade jetzt der Süden Friedensgespräche anbietet, kommt dem Präsidenten gar nicht gelegen, da ein Ende der Sklaverei nur dann mehrheitsfähig ist, wenn es als Druckmittel auf die Südstaaten benutzt werden kann.

Wer wissen will, wann und wo Abraham Lincoln geboren wurde, wie er zur Politik kam und wen er in seinen beiden Wahlen besiegte, wird in Steven Spielbergs Film keine Antworten finden. Er und Drehbuchautor Tony Kushner beschränken die biografischen Details auf ein Minimum: Er war gelernter Anwalt, seine Frau Mary (Sally Field) litt an Depressionen, zwei seiner Söhne starben jung, ein dritter, Robert (Joseph Gordon-Levitt), brannte darauf, in die Armee der Union einzutreten. Doch selbst diese Familienangelegenheiten spielen in Lincoln lediglich eine Nebenrolle. Der Fokus liegt hauptsächlich auf halblegalen Rechtsverdrehungen, Quasi-Bestechungen und Lagebesprechungen in stickigen Hinterzimmern. Kushners Dialoge sind lang, mitunter auch zu lang, und erzählen mal von bürokratischen Feinheiten, mal von taktischen Überlegungen: Lincoln verbringt während des Films mehr Zeit mit seinem Aussenminister (der hervorragende David Strathairn) als mit seiner Frau. Das Ganze wirkt fast wie eine Verteidigung der Zentralregierung, welche in den modernen USA gerne mit dem Stalinismus gleichgesetzt wird: Die brisanteste und gewichtigste Verfassungsänderung der amerikanischen Geschichte kam dank des Einsatzes präsidialer Macht zustande.

Der ikonische Präsident: Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis, Mitte) inspiziert ein Schlachtfeld.
Spielberg verzichtet auf Spektakel, er zeigt weder Schlachten noch andere Kriegshandlungen. Stellenweise mag die Inszenierung ins allzu Bühnenhafte, am Ende auch ins Hagiografische, abdriften, doch der Regisseur von Historiendramen wie Schindler's List und Saving Private Ryan weiss seinen Stoff – mit tatkräftiger Unterstützung des polnisch-amerikanischen Kamerameisters Janusz Kamiński – spannend und mitreissend zu präsentieren. Was Lincoln letztendlich aber unvergesslich macht, ist die brillante Darbietung seines Hauptdarstellers. Daniel Day-Lewis, der in der Vergangenheit oft durch bis ins Lächerliche gesteigertes Chargieren (My Left Foot, There Will Be Blood) aufgefallen ist, passt sich dem sachlichen Naturell seiner Figur an und begeistert mit dezentem, subtilem Schauspiel, in dem jede Bewegung, jeder Gesichtsausdruck, jede von Lincolns berühmten Anekdoten stimmig und natürlich wirkt. Er ist die Vollendung eines rundum befriedigenden Films, einer scharfsinnigen, lebendig und filmsprachlich virtuos vorgetragenen Geschichtslektion.

★★★

Mittwoch, 30. Januar 2013

Blancanieves

Die Möglichkeit, dass die Preise, mit denen das französische Stummfilm-Imitat The Artist 2012 überhäuft wurde, einen neuen Retro-Trend einläuten würden, war von Anfang an gering. Trotzdem veranschaulicht der neue Film des Spaniers Pablo Berger die Macht solcher Awards: Nicht nur behauptet sich Blancanieves, primär wohl dank des Erfolgs von Michel Hazanavicius, im internationalen Geschäft; die fantasievolle Nacherzählung des Schneewittchen-Märchens wurde auch für 18 Goyas nominiert.

Andalusien in den Zwanzigerjahren: Der Star-Torero Antonio Villalta (Daniel Giménez Cacho) wird während eines Stierkampfes von einem Bullen aufgespiesst und ist fortan querschnittsgelähmt. Als seine Frau Carmen (Inma Cuesta) wenig später bei der Geburt des gemeinsamen Kindes stirbt, wittert die Krankenschwester Encarna (Maribel Verdú) ihre Chance und ehelicht den Invaliden. Jahre später tötet Encarna Antonio und plant, auch dessen Tochter Carmen (Macarena García) auszuschalten. Diese entkommt, verliert aber ihr Gedächtnis. Gefunden wird sie schliesslich von einer Gruppe von Torero-Zwergen, die ihr den Namen "Blancanieves" geben und sie einladen, mit ihnen durchs Land zu ziehen.

Eines der irritierenderen Probleme, welches an The Artist nagte, war der unüberbrückbare Graben zwischen Anspruch und Realität. Michel Hazanavicius' Projekt gerierte sich als Verneigung vor dem Stummfilm, war jedoch in Tat und Wahrheit ein charmantes, aber letztlich asymmetrisches Hybridwesen aus dem eigentlichen Medium, dem klassischen Studio-Musical und zahllosen Versatzstücken aus den ersten 30 Jahren Hollywoods. Künstlichkeit dieser Art tritt Pablo Berger (Torremolinos 73) in seinem erst zweiten Langspielfilm entschieden entgegen. Blancanieves ist als Hommage an den europäischen Stummfilm der Zwanzigerjahre angelegt und es ist von der ersten Einstellung an offensichtlich, dass Berger weiss, wovon er spricht. Er eröffnet seine Märchenadaption in einem Kinopalast aus längst vergangenen Tagen, ganz in der Tradition von Dziga Vertovs Man with a Movie Camera: Das Publikum kommt zur Ruhe, das Live-Orchester spielt sich ein, der rote Vorhang öffnet sich, die Vorstellung beginnt.

Blancanieves (Macarena García) in der Stierkampfarena.
Was folgt, ist eine handwerkliche Meisterleistung. Bergers Wanderung durch die Geschichte des späten Stummfilms ist ein Leckerbissen für das filmhistorisch geneigte Publikum. Wie Murnau überblendet er virtuos und lässt die Kamera frei durch den Raum schweben. Wie Eisenstein und Pudovkin schneidet er zuweilen im Rhythmus eines Maschinengewehrs. Wie Dreyer spielt er mit Licht, Schatten und Grossaufnahmen. Wie Buñuel und Dalí bedient er sich der surrealen Bildsprache. Seine Schauplätze führt er mit Griffith'scher Grandeur ein. Einzig die Zwischentitel, obwohl stimmig deklarativ, sind streckenweise fast zu kindlich gehalten und bewegen sich gefährlich nahe an der Grenze zur Selbstparodie. Insgesamt aber sind die Zitate, zu denen auch die eine oder andere Tonfilm-Referenz gehört, kein Selbstzweck, sondern strikt die Untertanen des Gezeigten. Berger versteht den Stummfilm und lässt dessen Stilistik für ihn und seine Geschichte arbeiten; er vermengt die Innovationen alter Meister mit eigenen Ideen – sein Gebrauch der Lochblende ist ebenso pfiffig wie elegant.

Die Hürde, die Blancanieves aber nicht meistern kann, ist die der Handlung. Das Schneewittchen-Märchen der Gebrüder Grimm gibt seit jeher bloss einen begrenzt attraktiven Filmstoff ab, was neben den beiden anderen diesbezüglichen Produktionen mit Jahrgang 2012 – Mirror Mirror und Snow White and the Huntsman – auch schon der erste Langfilm der Disney-Studios, Snow White and the Seven Dwarves aus dem Jahr 1937, aufgezeigt hat. Bergers Änderungen und Anpassungen des Originalstoffs sind zwar willkommen – der hehre Prinz ist verschwunden, die Zwerge, sechs an der Zahl, sind kleinwüchsige Show-Toreros –, vermögen allein aber die Länge von 90 Minuten nicht zu rechtfertigen. Repetition prägt den ersten Akt; Bergers Mühe, formale Brillanz mit inhaltlicher Kohäsion zu verbinden, ist kaum zu übersehen.
 
Schneewittchen und die sechs Zwerge: Carmen reist mit einer Gruppe von kleinwüchsigen Toreros durch Spanien.
So ähnelt Blancanieves The Artist wenigstens in einem Aspekt: Beides sind Filme mit dem Potenzial, ein Mainstream-Publikum auf die Klassiker des Stummfilms hinzuweisen, ohne selber zu einem solchen zu werden. Doch auch wenn Berger letztendlich an seiner Geschichte scheitert, so ist es ihm immerhin gelungen, der Welt einen "echten" Stummfilm zu schenken, einen, der sein Medium lebt statt nur imitiert. Selten war "Stil über Substanz" dermassen befriedigend.

★★★

Dienstag, 29. Januar 2013

Quartet

Gut Ding will Weile haben. Besser lässt sich die Geschichte von Dustin Hoffmans Regiedebüt kaum umschreiben. Erstmals nahm der Schauspieler im Alter von 41 Jahren auf dem Regiestuhl Platz, 1978 auf dem Set des Krimidramas Straight Time. Nachdem dieses Experiment misslang und er seinen Posten an Ulu Grosbard weitergegeben hatte, vergingen 34 Jahre, bis er es erneut versuchte. Und dieses Mal hielt er durch. Quartet heisst der Film, eine milde Alterskomödie mit dem Herz auf dem rechten Fleck.

So wie es in Mailand die von Giuseppe Verdi höchstselbst gegründete Casa die Riposo per Musicisti gibt – das Thema von Daniel Schmids Dokumentation Il bacio di Tosca –, steht in Quartet irgendwo im ländlichen England das Beecham House, das es pensionierten Stars aus der Welt der klassischen Musik ermöglicht, ihren Lebensabend unter ihresgleichen zu verbringen. Unter den Bewohnern befinden sich auch die drei Freunde Wilf (Billy Connolly), Reg (Tom Courtenay) und Cissy (Pauline Collins), die sich, wie ihre Kollegen, auch dieses Jahr auf Giuseppe Verdis Geburtstag freuen. Zu dessen Ehren findet nämlich jeweils ein Konzert unter der Regie des selbstgefälligen Cedric (Michael Gambon) – Aussprache: "Ceedric" – statt, mit dessen Einnahmen das Fortbestehen von Beecham House gesichert wird. Als die berühmte Ex-Diva Jean Horton (Maggie Smith) einzieht, kommen Wilf und Cissy auf die Idee, mit ihr und Reg das Rigoletto-Quartett zum Besten zu geben. Doch nicht nur hat sich Jean geschworen, nie mehr zu singen; Reg ist seinerseits nie darüber hinweggekommen, dass Jean ihm einst das Herz gebrochen hat.

Das Alter ist jüngst unverhofft zu einem beliebten und überraschend lukrativen Filmthema geworden – von den Alters-WGs in The Best Exotic Marigold Hotel und Et si on vivait tous ensemble? bis hin zu ernsthaften Auseinandersetzungen wie Amour, A Late Quartet oder Quelques heures de printemps. Dustin Hoffmans Projekt gehört zu Ersteren. Die Adaption des Theaterstücks von Ronald Harwood, der auch gleich die Verantwortung für das Drehbuch übernahm, ist zwar voller bittersüsser Melancholie, doch wirkliche Konsequenzen werden nicht gezogen. Jean schmerzt zwar die Hüfte, Wilf kann seit einem leichten Schlaganfall nicht mehr kontrollieren, was er sagt – sagt er zumindest –, Cissy wird zunehmend vergesslicher und verwirrter; einzig Reg ist der Meinung, den Übergang vom Mann zum "Old Fart" einigermassen würdevoll hinbekommen zu haben – von der enttäuschten Liebe einmal abgesehen. Doch der Tod ist in Quartet so fern wie allfällige Verwandte: Man weiss, dass es ihn gibt und dass er eines Tages kommen wird, aber man weiss auch aus eigener Erfahrung, dass dies noch ein Weilchen dauern könnte.

Das ehemalige Ehepaar Jean (Maggie Smith) und Reg (Tom Courtenay) wird im Beecham House, einer Altersresidenz für Musiker, wieder zusammengeführt.
Doch zu sagen, der Film sei in seiner Leichtigkeit, Oberflächlichkeit und relativen Konfliktlosigkeit nicht mindestens unterhaltsam, würde der Wahrheit nicht gerecht. Der unerschütterliche britische Schauspiel-Adel, der sich hier die Ehre gibt, ist Grund genug, Quartet zu loben, auch weil Hoffman seinen Cast sinnvoller und weniger verschwenderisch einsetzt als etwa John Madden in The Best Exotic Marigold Hotel. Manche Witze sind nicht lustig, manche Situationen und Figuren sind längst ausgereizte Klischees und dem Ganzen haftet eine Atmosphäre des Antiquierten an, die mal für, mal gegen den Film spricht. Aber wenn Billy Connolly und Tom Courtenay (Billy Liar) wieder zu ihrem bewährten Geflachse anheben ("Rap's here to stay" – "I don't think so" – "That's what you said about The Beatles"), Pauline Collins und Maggie Smith sich über andere Operndiven auslassen oder der wunderbar unerträgliche Michael Gambon dem armen Andrew Sachs (Hotelpage Manuel aus Fawlty Towers, mittlerweile 82 Jahre alt) im Stile Basil Fawltys die Ideen klaut, dann fällt es schwer, nicht in gute Laune versetzt zu werden.

Trotz einiger wahrlich berührender Momente, überwiegend mit der streckenweise an Gloria Swansons Norma Desmond in Sunset Boulevard erinnernden Maggie Smith im Mittelpunkt, ist Quartet in erster Linie eine Komödie, eine laue Brise von einem Film: angenehm, unerheblich, harmlos. Als etwas anderes als Dustin Hoffmans lange verschobenes Regiedebüt wird sie nicht in die Filmgeschichte eingehen. Für seinen Regisseur darf der Film vorsichtig als Erfolg gewertet werden, wenn auch am Schluss, vor allem im Hinblick auf das abrupte Non-Ende, die – erhebende – Erkenntnis bleibt, dass man auch mit 75 Jahren noch Anfängerfehler machen kann.

★★★

Donnerstag, 24. Januar 2013

Django Unchained

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.


Nachdem er in seinem letzten Film den Zweiten Weltkrieg uminterpretiert hat, kombiniert Kult-Regisseur Quentin Tarantino in Django Unchained nun den Spaghetti-Western mit dem schwarzen Exploitationfilm der Siebzigerjahre. Was resultiert, ist zwar unterhaltsam, aber auch trivial.

Texas, 1858: Der deutsche Emigrant Dr. King Schultz (Christoph Waltz) ist gelernter Zahnarzt, hat sich aber schon vor Jahren einem weitaus lukrativeren Geschäft verschrieben. Als Kopfgeldjäger zieht er durch das Land, spürt gesuchte Verbrecher auf, tötet sie und liefert sie beim zuständigen Sheriff-Posten ab. Auf der Suche nach drei gerissenen Brüdern braucht er die Hilfe des Sklaven Django (Jamie Foxx), da nur dieser das Trio identifizieren kann. Also befreit er ihn kurzerhand aus den Fängen zweier Sklavenhändler und macht ihn zu seinem Partner. Bald schon erkennt Schultz das enorme Talent seines Schützlings im Umgang mit Schusswafen, woraufhin er ihm einen Handel anbietet: Begleitet Django ihn einen Winter lang, dann hilft er ihm im Frühling dabei, seine Frau Broomhilda (Kerry Washington) von der Plantage des exzentrischen Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) zu retten. Gesagt, getan: Unter einem Vorwand schleusen sich die beiden auf Candies Plantage ein, doch der Haussklave Stephen (Samuel L. Jackson) traut der Sache nicht.

Das Kerngeschäft des Quentin Tarantino ist nicht das Erzählen von guten Geschichten, sondern das Erfinden und Inszenieren von einzelnen Situationen und Szenen, die dem Publikum herzhaftes Gelächter und anerkennende Pfiffe entlocken. Erinnert man sich en détail an die Handlungen von Reservoir Dogs, Pulp Fiction oder auch Inglourious Basterds, dem wohl besten Film Tarantinos? Wahrscheinlich nicht. Hängen geblieben sind wohl eher der finale "Mexican Standoff", Samuel L. Jacksons bibelfester Killer oder die Exekution Adolf Hitlers. Dass Tarantino dieses Geschäft beherrscht, ist unbestritten, doch leider generiert er damit nicht sonderlich befriedigendes Kino. Der Grossteil seiner Filmografie ist geprägt von Zitaten und Hommagen; gerne imitiert er seine cineastischen Vorbilder. Das kann funktionieren, ja hervorragend unterhalten – knapp die Hälfte seiner Filme verdienen das Verdikt "Gut" –, doch Substanz, Innovation und positive menschliche Emotion bleiben meist aussen vor. Django Unchained bildet dabei (fast) keine Ausnahme.

Erfolgreiche Kopfgeldjäger: Django (Jamie Foxx, links) und Dr. King Schultz (Christoph Waltz) ziehen durch den Wilden Westen.
Zwar ist Tarantinos neues Genre-Epos der erste Film in seinem Werk, in dem so etwas wie Gefühl zu finden ist. King und Django, Christoph Waltz und Jamie Foxx, geben ein prächtiges Duo ab, das nicht nur zum Mitfiebern einlädt, sondern in gewissen Szenen sogar das Herz berührt, etwa wenn Schultz seinem kindlich interessierten Partner am Lagerfeuer die Legende der Nibelungen erzählt. Es sind Momente wie dieser, die erahnen lassen, wozu Tarantino mit seinem Schreibtalent fähig wäre, wenn er sich nicht so leicht vom simplen Knalleffekt ablenken liesse. Natürlich ist es ungerecht, einem Regisseur seinen Stil partout zum Vorwurf zu machen, doch Django Unchained tauscht seinen menschlichen Kern allzu bereitwillig gegen sensationslustige Schiessereien und letztlich leere, aber dafür nicht minder ausgedehnte – der Tod von Tarantinos langjähriger Schnittmeisterin Sally Menke macht sich schmerzlich bemerkbar –, Dialoge ein, welche in seiner Karriere über die Jahre mehr und mehr zum Selbstzweck verkommen sind.

Zweifellos ist die Farce lohnenswerter Kintopp: Wenn Django in der Tradition von The Legend of Nigger Charley oder Django – Franco Nero, der originale Darsteller der Figur, hat einen unnötigen, aber angenehm augenzwinkernden Gastauftritt – gegen seine Feinde zu Felde zieht, fällt es schwer, nicht mitgerissen zu werden. Doch dem Film fehlt es am Gespür für den Western, um wirklich zu begeistern, an der letzten Konsequenz, um restlos zu überzeugen – Ur-Django-Regisseur Sergio Corbucci wirkt im Vergleich wie ein Meister des Subtexts. Django Unchained ist, wie die meisten Tarantino-Streifen, eine Ansammlung von einprägsamen Szenen und filmischen Verneigungen, die sich nie zu einem substanziellen Ganzen zusammenfügen wollen.

★★★