Montag, 11. Oktober 2010

The Social Network

Noch trifft man sich in der Realität: Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg, rechts) und sein Noch-Bester-Freund Eduardo Saverin (Andrew Garfield) planen ihren Internet-Coup schon auf dem Harvard-Campus.

6 Sterne

Facebook ist sicherlich die bahnbrechendste Neuerung, die das Internet in den letzten zehn Jahren erfahren hat. Die Idee, per sozialem Netzwerk mit der ganzen Welt verbunden zu sein, ist einfach, aber genial, und hat die vom Harvard-Studenten Mark Zuckerberg ins Leben gerufene Website quasi zum "Internet im Internet" gemacht. In letzter Zeit erhielt der inzwischen 26-jährige Zuckerberg, seines Zeichens der jüngste Milliardär der Welt, weniger Aufmerksamkeit seiner Genialität wegen, sondern eher, weil er gleich an mehreren Fronten gegen Plagiatsklagen kämpfen musste. Entsprechend verlor er innert kürzester Zeit enorm an Ansehen und musste erleben, wie auf seiner eigenen Website Myriaden von Hassgruppen gegen ihn gegründet wurden. Erschwerend hinzu kamen auch die Vorwürfe, Facebook nähme es mit dem Datenschutz nicht so genau und so wurde aus dem Internet-Wunderkind Amerikas der Buhmann einer ganzen Generation von Internet-Usern, die sich auf einmal um ihre Privatsphäre sorgten. Dass dieser Reaktion eine gehörige Portion Heuchelei anhaftet, soll hier nicht genauer unter die Lupe genommen werden, denn hier geht es um den neusten Film von David Fincher (Fight Club, Se7en) - The Social Network, basierend auf dem Buch The Accidental Billionaires von Ben Mezrich -, der sich mit der Person Zuckerberg auseinandersetzt und essentielle Fragen nach Gier, Freundschaft, Berühmtheit und, nicht zuletzt, nach der Illusion des virtuellen Freundeskreises stellt. Grosses Kino.

Auf dem Papier sieht das von Fincher und Drehbuchautor Aaron Sorkin (Charlie Wilson's War, A Few Good Men) initiierte Unterfangen eigentlich unmöglich aus. Wie soll man die Geschichte einer Website, in der Programmieren, Codieren und fortgeschrittene Computersprache eine wichtige Rolle spielen, in eine mitreissende Story verwandeln? Ganz zu schweigen von den Rechtsstreitereien, welche die Rahmenhandlung von The Social Network bilden. Die Antwort erscheint plump: Man verleiht dem Film das höchstmögliche Tempo. Das verlangt zwar die geistige Mitarbeit des Zuschauers, doch wie man seit Inception weiss, ist das keineswegs als Vorwurf zu verstehen. Sorkins Drehbuch ist voll von rasanten Dialogen und blitzschnellen Wendungen, doch niemals kommt die sorgfältige Charakterentwicklung zu kurz, die auch zu den Gründen gehört, warum The Social Network ein dermassen grandioses Stück Film ist. Exemplarisch dafür steht die Anfangsszene, die das Zeug dazu hat, einen unvorbereiteten Kinogänger zu überrollen. Das Jahr ist 2003, der Ort eine Studentenbar, in der Mark Zuckerberg mit seiner Noch-Freundin über gefühlte zehn Themen gleichzeitig spricht und sie dabei weder ansieht, noch, so scheint es, richtig ernst nimmt. Es wird nur geredet, und das in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit; doch diese Szene, eine Zelebrierung von Sorkins Schreibtalent, reicht vollauf, um den Zuschauer ins filmische Geschehen hineinzuziehen. Man sei gewarnt: Nach dieser Eröffnung brummt einem der Kopf. Das Gespräch mündet darin, dass sich die Noch-Freundin, Erica, plötzlich in eine Ex-Freundin verwandelt und Mark frustriert und wütend zurücklässt. Und so beginnt die grösste Erfolgsgeschichte des 21. Jahrhundert. Sorkin und Fincher ergeben sich aber nie der Versuchung, aus der Entwicklungsgeschichte von Facebook eine globale Handlung zu spinnen. Der Film ist voll und ganz auf Mark Zuckerberg und sein Umfeld fokussiert. Und wie es sich für eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert, eigentlich gehört, hält sich The Social Network mit der Moralkeule zurück und lässt den Zuschauer entscheiden, wer Pro- und wer Antagonist ist. Niemals wird Mark Zuckerberg als reiner Bösewicht aufgebaut, so wie es seine Hassgruppen auf Facebook wohl gerne gesehen hätten. Aber natürlich wird er auch nicht als Held stilisiert, was noch absurder gewesen wäre. Nein, er wird als eine tragische Figur, der nach und nach alle sozialen Kontakte abhanden kommen, dargestellt, die man bemitleidet und mit der man sogar ein wenig sympathisiert. Aber der Film ist nicht nur ein bedeutungsschwangeres Drama. Besonders dank Marks sozialer Unbeholfenheit, der schieren Selbstverständlichkeit, mit der er schwierige Probleme löst und seinem schmerzhaft köstlichen Zynismus provoziert Sorkins Drehbuch mehrfach herzhafte Lacher, die sich aber als hinterhältig und doppelbödig herausstellen, da ihnen meistens das Erkennen der Bitterkeit der Situation auf dem Fuss folgt.

The Social Network steckt voller tiefer Charaktere, deren Verkörperung äusserst anspruchsvoll ist. Umso mehr überrascht es, dass sich David Fincher für Jesse Eisenberg als Hauptdarsteller entschied. Eisenberg, ein typisches "Milchgesicht" à la Michael Cera, verdiente sich sein Geld zuvor in Independentfilmen (The Squid and the Whale, Adventureland) und Komödien (Zombieland). Doch wie der unverständlicherweise verhasste Cera scheint auch Eisenberg echte dramatische Fähigkeiten zu haben. Sein Mark Zuckerberg ist ein berechnendes, schweigsames Genie, das in den entscheidenden Momenten aber dennoch kein Blatt vor den Mund nimmt. Doch gleichzeitig ist er auch ein getriebener Mensch, der sich scheinbar nicht an soziale Kontakte binden kann, sondern sich in seinen eigenen Ideen ertränkt und seine Programmierfähigkeiten als einziges kreatives Ventil wahrnimmt. Dank Eisenbergs eindringlichem Schauspiel (Stichwort: "Do I have your full attention?") ist Mark ein dreidimensionales menschliches Wesen, dessen Entwicklung man mit Spannung verfolgt. So stimmt man am Anfang des Films Erica, intensiv gespielt von der beeindruckenden Rooney Mara, zu, wenn sie sagt "You're going to go through life thinking that girls don't like you because you're a geek. And I want you to know, from the bottom of my heart, that that won't be true. It'll be because you're an asshole.". Doch schlussendlich ist man doch eher geneigt, der Anwältin zuzustimmen, die Mark wissen lässt, dass er eigentlich gar kein so unausstehlicher Mensch ist, sondern dass er sich einfach so viel Mühe gibt, einer zu sein. Kein Wunder, dass es da für seine Freunde, wenn man sie denn so nennen will, nicht einfach ist, sich mit ihm zu arrangieren, allen voran für Eduardo Saverin, gespielt von Andrew Garfield (Lions for Lambs, The Imaginarium of Doctor Parnassus), einem Co-Gründer von Facebook und (ehemaligem) Freund von Mark. Dank seiner Hilfe konnte der ursprüngliche Prototyp der Seite, Facemash.com, richtig programmiert werden und mit seinem Geld finanzierte Zuckerberg seine frühen Facebook-Versuche. Doch das half Saverin letztendlich nichts, denn sein Markenanteil von 30% wurde nach dem Einsteigen von neuen Investoren auf 0,03% gesenkt, während der Anteil der anderen Gründer unverändert blieb, was für ihn de facto die Kündigung bedeutete. Garfield spielt Eduardo mit einer brillanten Authentizität. Er lässt das Publikum ohne grossen Aufwand merken, dass es ihm im tiefsten Inneren weh tut, seinen ehemals besten Freund auf 600 Millionen Dollar zu verklagen, doch gleichzeitig spürt man, dass Mark Zuckerberg ihn in seiner Ehre verletzt hat und dass er ihn dafür bezahlen lassen muss. Und obwohl man in den letzten Jahren in dieser Beziehung viele Enttäuschungen erlebt hat, muss man auch heuer wieder rufen "Sperr die Augen auf, Academy!", denn Eisenberg und Garfield hätten sich beide eine Oscarnomination mehr als nur verdient.

Doch die Schauspiel-Lorbeeren sind nicht nur für die beiden Hauptakteure reserviert. Auch Justin Timberlake zeigt als Sean Parker, Gründer zweier gescheiterter Websites, dass sich sein Talent nicht nur aufs Singen beschränkt. Er ist mit Abstand die unsympathischste Figur des Films - manipulativ, arrogant, gierig und paranoid - und Timberlake geniesst deren Darstellung ganz offensichtlich. Er interpretiert Parker als einen Neo-Yuppie, den illegale Aktionen nicht abschrecken, sondern herausfordern. Wie bei Jesse Eisenberg zeigt sich auch hier das Regietalent David Finchers, der selbst einem nicht unbedingt begnadeten Darsteller wie Justin Timberlake eine beeindruckende Performance entlocken kann. Ausserdem erwähnenswert ist das Trio Cameron Winklevoss/Tyler Winklevoss/Divya Narendra (zweimal Armie Hammer - die "Winklevi", wie Mark sie nennt, sind Zwillinge - und Max Minghella), das Zuckerberg wegen angeblichen Ideenraubs verklagt. Armie Hammer spielt zwei künftige Ruder-Olympioniken, die eine universitätsinterne Dating-Website entwickeln wollen und sich dafür Mark als Programmierer angeln. Das Besondere an Hammers Leistung ist, dass er einen das Jock-Klischee der amerikanischen Schulen völlig vergessen lässt. Denn die Winklevi sind alles andere als dumm und rücksichtslos. Und auch Max Minghella spielt seine kleine Rolle tadellos und überzeugt als Freund und Geschäftspartner der Winklevi.

All diese Aspekte ergäben für sich allein schon einen sehr guten Film. Doch The Social Network hat ein gewisses Etwas, das ihn zum Fast-Meisterwerk erhebt. Am spürbarsten kommt dieses Etwas wohl in der sagenhaften Schlussszene zur Geltung: Mark sitzt im leeren Verhandlungszimmer an seinem Laptop und bekommt mitgeteilt, dass sich seine Gegner wohl mit einer Abfindung zufrieden geben werden. Er nimmt dies ohne grosse Gefühlsregung zur Kenntnis, fragt die Anwältin, die ihm die Nachricht überbringt, ob sie mit ihm etwas essen gehen will, sie entschuldigt sich, lehnt ab und geht. Er starrt auf seinen Laptop, auf dem das Facebook-Profil von Erica, der Frau, mit der alles angefangen hat, zu sehen ist. Er klickt auf "Add as a friend" und bestätigt die Anfrage nach einigem Zögern. Er verharrt auf ihrem Profil und klickt auf "Refresh page". Und wieder, und wieder, und wieder. Und die Freundschaftsanfrage steht immer noch aus. Wie David Fincher soviel Tragik in diese Klicks hineinlegt, ist schlicht und ergreifend meisterhaft. Peter Travers hat es richtig gesagt: "The final image of solitary Mark at his computer has to resonate for a generation of users [...] sitting in front of a glowing screen pretending not to be alone." Fincher und Sorkin haben in einem einzigen Bild das grundlegende Problem der Generation Facebook festgehalten. Für einmal ist das Wort "genial" das passende.

Es gäbe noch viele Dinge, die man ansprechen könnte. Die hervorragende Musik von Trent Reznor und Atticus Ross etwa, der schnelle, aber dennoch sanfte Schnitt von Kirk Baxter und Angus Wall, die Tatsache, dass The Social Network erstaunlich kurzweilig ist und keinerlei Längen aufweist. Aber das würde die Kritik nur in die Länge ziehen. Darum soll hier ein Schlussstrich gezogen werden und nur noch einmal darauf verwiesen werden, dass David Finchers neustes Werk dank einer exzellenten Regiearbeit, einem spannenden Drehbuch und hochkonzentrierten Schauspielern eines der bisherigen Highlights des Kinojahres 2010 darstellt. The Social Network ist ein echtes Kinoerlebnis und einer der Filme, der einen wieder daran erinnert, wieso man diese Art Unterhaltung so sehr liebt. Oder um es mit Facebook sagen: "Gefällt mir"

Donnerstag, 5. August 2010

Inception

Traumspione: Dom Cobb (Leonardo DiCaprio, rechts) und Arthur (Joseph Gordon-Levitt) müssen sich mit ihrem Team durch den eingepflanzten Traum ihres Opfers navigieren.

5.5 Sterne

Film ist ein wunderbares Medium, dem aber leider die kreativen Köpfe ausgehen. Selten bekommt man im Kino wirklich neue Dinge zu sehen, stattdessen muss man sich mit mal guten, mal schlechten Derivaten von bereits Gesehenem begnügen. Sieht man aber einen Film wie Inception, das neuste Werk des Regisseurs der Stunde, Christopher Nolan, dann erinnert man sich daran, dass noch nicht alle Hoffnung verloren ist, zumindest im Thriller- und Science-Fiction-Genre, in welchem der Brite primär tätig ist. Nach dem Hit The Dark Knight fragten sich viele, ob sich Nolan wirklich noch verbessern kann. Inception beantwortet diese Frage auf eine beeindruckende Weise mit Ja und stillt gleichzeitig jene leisen Zweifel an der Qualität des Films, die sich nach dem gigantischen Hype im Vorfeld doch eingestellt haben. Nolan hat es sehr gut verstanden, die positiven Aspekte aus seinen vorherigen Filmen, vor allem aus seinen beiden Batman-Adaptionen, zu extrahieren und sie nun in eine eigene Vision zu integrieren. Was dabei herauskommt, ist ein enorm fantasievolles Fest für die Augen und das Gehirn.

Das Beste an Inception ist etwas, was viele Actionfilme heute vermissen lassen: Stringenz. Leute, die bei diesem Film zu spät kommen, sind nur zu bemitleiden, denn wenn man hier einen Moment verpasst, dann ist man nicht mehr fähig, das Ganze in all seiner Komplexität zu erfassen und zu geniessen. Inception ist einer dieser Filme, der keine Unaufmerksamkeit verzeiht und davon ausgeht, dass das Publikum bereit ist, sich zweienhalb Stunden zu konzentrieren. Ein Albtraum für die Popcorn-Industrie? Wohl kaum, da das Internet schon voll ist mit Berichten von Kinogängern, die sich beklagen, der Streifen sei zu kompliziert und verschachtelt. Stellen wir etwas klar: Das stimmt nicht! Wer dem Plot nicht folgen konnte, hat schlicht und ergreifend nicht aufgepasst. Diese Stringenz zeigt, dass Christopher Nolan bessere Geschichten entwerfen kann, wenn er sich auf kein Quellenmaterial verlassen muss und sich frei ausbreiten kann. Vor allem The Dark Knight hatte mit einer etwas allzu losen Story zu kämpfen. Nicht so Inception. Die Geschichte kommt sehr solide daher, überzeugt mit einem faszinierenden Thema und bietet eine vielschichtige Erzählweise.

In einem Film auf Träume einzugehen, ist keineswegs neu. Wir alle kennen Michel Gondrys poppigen Eternal Sunshine of the Spotless Mind oder Terry Gilliams dystopischen Brazil, doch Inception geht die Sache etwas anders an: Der Film setzt voraus, dass es möglich ist, Träume zu teilen, sodass man gemeinsam in den Traum einer Person eindringen kann. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, dem Unterbewusstsein Geheimnisse zu entreissen. Was nach Mystery und Psychologie klingt, hat in Christopher Nolans Film allerdings eine ganz banale und wahrscheinlich deshalb einigermassen plausible Anwendung: Werksspionage. Firmen lassen ihre Konkurrenten durch professionelle "Extraktoren" ausspionieren, sodass sie an ihre Geheimnisse kommen. Worum es im Film aber tatsächlich geht, ist "Inception", ein experimentelles Verfahren, mit dem einer Person eine Idee eingepflanzt werden kann. Daraus folgen natürlich erzählerische Kniffe, die man beinahe schon erwartet - die Kulmination davon ist ein Traum in einem Traum in einem Traum in einem Traum -, aber ebenso viele Dinge, die einen positiv überraschen. Da helfen selbstredend auch die fantastischen Spezialeffekte, die, egal ob einfache Explosionen, "gewöhnliches CGI" - ein sich zusammenfaltendes Paris - oder atemberaubende Actionsequenzen in einem Hotelflur mit sich stetig verändernder bis nicht mehr vorhandener Schwerkraft - mit Anspielungen auf The Matrix und Mission Impossible -, ihren Zweck niemals verfehlen. Mitverantwortlich dafür ist sicher auch Nolans Haus-Kameramann Wally Pfister, der inzwischen weiss, wie man einen Actionfilm wirkungs- und stimmungsvoll bebildert. Der Film verkommt zum Glück niemals zur reinen Materialschlacht. Die Effekte und die Action ordnen sich der Story unter, wie es sich gehört. Auch der persönliche Konflikt von Dom Cobb, der Hauptfigur, sehr gut gespielt von Leonardo DiCaprio, wirkt nicht aufgesetzt, sondern verleiht Inception einen glaubwürdigen dramatischen Touch, der einen besonders am Ende mitreisst. Was man Nolans Drehbuch eventuell ankreiden könnte, sind ein paar wenige, leicht gestellt wirkende Dialoge, die man aber mühelos erträgt. Das Ende hingegen ist eine Sache für sich. Es wurde bereits viel darüber geschrieben und diskutiert. Es lässt sich sagen, ohne den Film für jemanden, der ihn noch nicht gesehen hat, zu ruinieren, dass die Hauptfigur immer mehr Gefahr läuft, Realität und Traum nicht mehr auseinanderhalten zu können. So gesehen war es eine gute Entscheidung, den Film offen enden zu lassen. So kann jeder die Frage für sich selbst beantworten. Andernfalls wäre die Hälfte des Publikums enttäuscht und würde lamentieren, es habe ihnen schon gefallen, nur das Ende sei nicht gut.

Einer der Gründe, weshalb Inception dermassen sehnlich erwartet wurde, war der hochkarätige Cast. Leonardo DiCaprio, dessen Figur stark an seine Rolle in Martin Scorseses Shutter Island erinnert, wurde bereits erwähnt, aber er ist mit seiner guten Leistung nicht allein. Die Schauspieler sind ein Musterbeispiel für einen hervorragenden Ensemble-Cast. Joseph Gordon-Levitt zeigt nach (500) Days of Summer, dass er auch in einem Thriller glänzen kann - mit schelmischer Coolness -, Ellen Page spielt einmal mehr ihre Stärke in dramatischen Rollen aus, während Cillian Murphy der möglicherweise etwas künstlichen Figur des Robert Fischer - der vom Vater verschmähte Snob - einen angenehmen Tiefgang verleiht. Die beste Schauspielleistung des Films kommt allerdings von Ken Watanabe. Seine Performance ist kraftvoll und beeindruckt insbesondere in den Szenen, in denen er in Cobbs Seele zu blicken scheint. In weiteren Rollen sind eine wunderbar teuflische Marion Cotillard als Hauptantagonistin - Cobbs Projektion seiner toten Frau -, ein verschmitzt-sarkastischer Tom Hardy, der ein paar herrlich trockene Sprüchen zum Besten gibt, und Tom Berenger, der zum ersten Mal seit Training Day (2001) wieder bei einer Grossproduktion dabei ist, zu sehen. Auch erwähnenswert sind die Gastauftritte von Michael Caine, der sich in Nolans Filmen sehr wohl zu fühlen scheint, als Doms Schwiegervater, Lukas Haas als ursprünglicher Traumarchitekt des Teams DiCaprio/Gordon-Levitt und Pete Postlethwaite, der nicht viel mehr zu tun hat, als sterbend auf einem Bett zu liegen. Doch wir kennen ihn gut genug, um zu wissen, dass er auch in so einer Rolle die personifizierte Würde ist.

Neben Wally Pfister und einem grossen Teil des Casts von Batman Begins findet sich in der Crew von Inception noch eine weitere Person, für die das Arbeiten mit Christopher Nolan nichts Neues ist: Hans Zimmer. Der bereits legendäre Filmkomponist hat sich wieder einmal um den Score gekümmert. Seine Musik rundet den ohnehin schon düsteren Ton des Films hervorragend ab.

Ist es nicht schön, wenn ein Film zurecht gehypt wird? Wenn man mit hohen Erwartungen ins Kino geht und der Film diese sogar noch übertrifft? Das ist Inception. Sieht man ihn sich an, bekommt man Unterhaltung auf höchstem Niveau zu sehen. Verfolgungsjagden, Action und Effekte sind zwar da, aber sie ersetzen weder die Substanz noch die Geschichte. Wenn Christopher Nolan auf diesem Weg bleibt und es ihm weiterhin gelingt, die Balance zwischen Augenschmaus und filmischer Gehirnnahrung zu halten, dann hat er noch viel vor. Und das klassische Erzählkino wird noch lange nicht sterben. Im Gegenteil: Dank Nolans geschickten Modernisierungen könnte es ein regelrechtes Comeback feiern. Hoffen wir, dass das kein Traum ist.

Mittwoch, 4. August 2010

Toy Story 3

Es wird schon seit Jahren gemunkelt, Pixar sei einer der rechtmässigen Erben von den Grossmeistern des Kinos. Wir waren uns wohl alle bewusst, dass diese Meinung nicht verkehrt sein kann, angesichts der schieren Menge cineastischer Meisterwerke, die das Studio scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelt (Toy Story, Monsters, Inc., Ratatouille, WALL-E, Up), aber die Hemmung, das Studio ins Pantheon der Filmemacher zu erheben, war unverkennbar, vermutlich vor allem aufgrund zweier Tatsachen: Erstens handelt es sich dabei nicht um eine Einzelperson, sondern vielmehr um eine einzigartige Gruppe von Kreativen, und zweitens produziert diese Gruppe "nur" Animationsfilme.

Vor Toy Story 3 fiel es sicherlich schwer, sich die Pixar-Werke auf der gleichen Stufe wie Citizen Kane, Psycho oder The Bridge on the River Kwai vorzustellen. Aber das zweite Sequel des ersten vollständig am Computer entstandenen Films packt uns da, wo wir am empfindlichsten sind: an unserer Nostalgie. Und genau deshalb ist Toy Story 3 die Perfektion der Pixar-Magie.

Wieso ist Pixar seinen grossen Konkurrenten FOX und DreamWorks überlegen? Das Herz allein kann es nicht sein, denn wenn nur Herz die Kinokarten verkaufen würde, dann hätte Avatar nicht einmal die 10-Millionen-Dollar-Grenze geknackt. Nein, der Grund ist beim Zuschauerbild zu suchen. Im Gegensatz zu den meisten FOX- und DreamWorks-Kinderfilmen nimmt Pixar sein Publikum ernst. Wie Don Bluth in den 1980er Jahren zeigt das Studio aus Emeryville entschlossen Themen wie Tod oder die Grausamkeit der Zeit auf, während die Konkurrenz - man ist versucht, sie mit dem Disney der 1980er Jahre zu vergleichen - diese unschuldig pfeifend übergeht. Und dort endet die Kunst von Pixar nicht. Denn im selben Atemzug wird jeweils auf eine einzigartige Weise demonstriert, wie wunderbar die Welt doch sein kann - und das aus der Sicht von Ratten, Robotern, Ameisen, Fischen und, nicht zuletzt, Spielzeugen.

Toy Story wird leider nicht von allen Pixar-Fans geliebt. Heute lässt man sich gerne von den stellenweise etwas kruden Computeranimationen, vor allem wenn es um das Design der Menschen geht, ablenken, anstatt sich auf den Inhalt zu konzentrieren. Denn Toy Story und Toy Story 2 waren beide subtile, urkomische und gleichzeitig tragische Parabeln auf ein sich veränderndes Leben und Freundschaft. Ja, die Kapazität der Lebensnähe der Animationen steckte noch in den Kinderschuhen, aber der für Pixar inzwischen so typische Tiefgang war von Anfang an da. Und auch das ist ein Problem von DreamWorks: Die Animationen sind meistens so gut wie makellos, doch die Storys lassen doch stark zu wünschen übrig. Und wenn die Produzenten einmal eine einigermassen gelungene Geschichte haben (Shrek, How to Train Your Dragon), dann runieren sie diese mit unzähligen Fortsetzungen.

© Disney/Pixar
Und nun kommen wir endlich zu Toy Story 3, dem krönenden Abschluss der, zumindest laut dem Geschmack dieses Kritikers, besten Trilogie aller Zeiten. Wo soll man nur anfangen? Der Film ist ein Feuerwerk der Fantasie, der Technik, des Humors und der Melancholie. Das Beste wird sein, die negativen Punkte zuerst abzuhaken: Fertig. Toy Story 3 ist praktisch ein fehlerfreies Stück Kino. Zugegeben, es wird Leute geben, die ihm vorwerfen werden, er sei teilweise eine Spur zu dramatisch und kitschig geraten, doch das Wunderbare daran ist, dass sich diese "Mängel" aus dem Verlauf der Geschichte selbst ergeben und somit nur die Konsequenz des Regisseurs Lee Unkrich und seines Autorenteams (Story: John Lasseter, Andrew Stanton und Unkrich selbst, Drehbuch: Oscar-Gewinner Michael Arndt (Little Miss Sunshine)) unterstreichen. Und auch sonst ist das Skript nur zu loben. Die Balance zwischen Action, Humor und Sentimentalität wird exzellent gehalten. Man hält gespannt den Atem an, wenn die Spielzeuge Gefahr laufen, in der Kehrichtverbrennungsanlage verfeuert zu werden - eine Szene, die den kleineren Zuschauern mitunter sogar Angst machen könnte -, man schüttelt sich vor Lachen, wenn Buzz' Sprachmodus auf Spanisch umgestellt wird, und man kämpft mit den Tränen, wenn sich die Protagonisten in der Verbrennungsanlage, die quasi die Spielzeug-Hölle symbolisiert, in ruhiger Verzweiflung die Hände reichen oder wenn sich Andy von ihnen trennen muss. Und keins dieser Gefühle wird dem Zuschauer aufgedrängt.

Natürlich darf auch nicht die hervorragende Arbeit, die die Herren Lasseter, Stanton und Unkrich bei der Story geleistet haben, vergessen werden. Einmal mehr stellen sie Woody vor eine Wahl - Andy oder seine Freunde -, bei der es keinen Kompromiss gibt. Zudem verwandeln sie die scheinbar friedliche Kinderkrippe in ein brutales Spielzeug-Gefängnis, das sehr bewusst an POW-Filme über den Zweiten Welt- oder den Vietnamkrieg erinnert. Und selbstverständlich kommt der hoch geschätzte Pixar-Subtext auch nicht zu kurz. Nicht nur ist Toy Story 3 ein Film über Treue, Veränderung und Freundschaft wie seine Vorgänger; nein, er hält sich auch nicht zurück, die moderne Konsumgesellschaft anzuprangern. Dies ist zwar nicht ganz so offensichtlich gemacht wie in WALL-E, obwohl die finalen Szenen auf der Mülldeponie ganz offensichtlich darauf anspielen - es fehlte nur noch das "Buy n Large"-Logo auf den Lastwagen -, aber die Seitenhiebe sind doch sehr gut erkennbar, etwa wenn sich ein Charakter daran erinnert, wie der Bösewicht einst ein "besonderes Stofftier" war, verloren ging und anschliessend ganz einfach ersetzt wurde.

© Disney/Pixar
Einmal mehr überzeugen auch die Charakterzeichnung sowie die Leistungen der Synchronsprecher. Tom Hanks und Tim Allen reden Woody und Buzz so, als wären seit dem letzten Film keine elf Jahre vergangen, ebenso John Ratzenberger (Hamm), Joan Cusack (Jessie), Wallace Shawn (Rex) und Don Rickles (Mr. Potato Head). Und trotz des tragischen Todes von Jim Varney im Jahre 2000 hat auch Slinky, dank der Stimme von Blake Clark, seine typische Südstaatenstimme mit der rührenden Naivität beibehalten. Auch die Tiefe der Charaktere ist nach wie vor erstaunlich. Es sind Jahre vergangen seit Andy das letzte Mal mit seinen Lieblingsspielzeugen gespielt hat. Dies hat zur Folge, dass die Protagonisten einen gewissen Zynismus und sogar eine Art Antipathie gegen ihren Besitzer entwickelt haben. In den Anfangsszenen des Films wird auch klar, wie viel sich inzwischen verändert hat. Nach einer beeindruckenden Actionszene, in der gezeigt wird, was für ein Abenteuerszenario sich der noch kleine Andy ausgedacht hat - ausgeschmückt mit einigen feinen Anspielungen für den cinephilen Zuschauer -, finden wir uns in der Gegenwart wieder, die für die Spielzeuge wahrlich bedrückend ist: Viele ihrer Freunde wurden weggeworfen, verschenkt oder gespendet - sogar die Schäferin Bo Peep, der "Romantic Interest" von Woody, ist nicht mehr da - und sie fristen ein für sie langweiliges Leben. Abgerundet wird dieses Beispiel der kontinuierlichen Veränderung durch Buster, den Familienhund. Wer erinnert sich noch an die wunderbare Szene aus Toy Story 2, als Woody auf dessen Rücken dem Pinguin Wheezy, der inzwischen auch weg ist, zu Hilfe geeilt ist? Derselbe Buster ist nun alt, grau und langsam geworden, ein trauriges Zeichen für den Zahn der Zeit. Allerdings finden sich in Toy Story 3 auch leichtere Referenzen an die vorherigen beiden Filme; etwa ein Müllmann mit einem Totenschädel auf dem T-Shirt, bei dem es sich eigentlich nur um den Spielzeugfolterer Sid aus dem ersten Film handeln kann.

Gleichermassen beeindruckend ist aber auch der dreidimensionale Bösewicht, Lotso, überragend gesprochen von Ned Beatty. Zwar erinnert seine Überzeugung, dass Kinder letzten Endes Spielzeuge nur zerstören, stark an diejeinge Stinky Petes aus dem zweiten Teil, aber im Gegensatz zu diesem ist Lotso ein wirklich handelnder Charakter, der sich mit brutalen Schergen umgibt. Einer dieser Schergen, Ken, der von einem sehr witzigen Michael Keaton vertont wurde, liefert zusammen mit Barbie einen herrlichen Subplot, der mehr als nur einmal seine heterosexuelle Fassade in Frage stellt. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Figurenzeichnung, wie die Geschichte, fliessend von Komödie zu Tragödie und umgekehrt übergeht.

© Disney/Pixar
Worauf der Film auch sehr schön eingeht, sind die Emotionen der menschlichen Akteure. Zwischen Andy und seiner Mutter entwickelt sich eine rührende Interaktion, die schliesslich darin mündet, dass sich die beiden in den Armen liegen und Andy seiner weinenden Mutter sagt, dass sie immer für ihn da sein wird, auch wenn er nicht mehr zuhause wohnt. Hierbei wird das erste Mal in der Serie konkret darauf eingegangen, dass Andys Mutter alleinerziehend ist und sich langsam von ihren geliebten Kindern trennen muss.

Ein weiteres Überbleibsel aus den Vorgängern von Toy Story 3 ist Randy Newman, der für die Musik verantwortlich war. Erwartet man von ihm etwas anderes als gute Arbeit? Nein. Und das ist auch nicht nötig. Sein Score untermalt die rasanten, die dramatischen und die tragischen Momente jeweils optimal. Ihn nicht auszuwechseln war eine gute Entscheidung.

Der letzte objektive Aspekt, auf den hier eingegangen werden soll, ist die Animation. Wie jeder weiss, hat Pixar seit 1995 in dieser Beziehung grosse Schritte nach vorne gemacht. Mittlerweile stehen FOX und DreamWorks auch bei dieser Disziplin hinten an. Die Menschen in Toy Story 3 sehen, für Animationsfilm-Verhältnisse, verblüffend real aus, die Settings sind enorm detailverliebt und überzeugen zu hundert Prozent, und das dabei verwendete 3D ist alles andere als aufdringlich, sondern dient lediglich dazu, Raumtiefen hervorzuheben und den Zuschauer ins Geschehen miteinzubeziehen.

© Disney/Pixar
Toy Story 3 ist also ein rundum gelungener Film. Doch das, was ihn vollends zu einem Meisterstück der Filmgeschichte macht, ist die Nostalgie, die sich bei der Visionierung des Films einstellt. Ist man zwischen 18 und 30 Jahre alt, dann wird man sich mit Wehmut an die beiden Vorgänger erinnern, die man als Kind oder als Jugendlicher gesehen hat und sich bewusst werden, wie viel Zeit seither vergangen ist. Aber dennoch deprimiert einen diese Erkenntnis nicht, da Toy Story 3 - wie so viele andere Pixar-Filme - aufzeigt, dass es Dinge gibt, die nicht sterben. Freundschaft, Erinnerungen und Kindheit gehören dazu. Oder um es in Erich Kästners Worten auszudrücken: "Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch."

In den letzten drei Jahren hat Pixar jedes Jahr verdientermassen den Oscar für den besten Animationsfilm eingeheimst. Und sie hätten es immer noch nicht verdient, dass diese Serie reisst, denn alles andere als mindestens dieser ein Academy Award für Toy Story 3 wäre ein Skandal. Der Film ist beinahe perfekt und begeistert Kinder und Erwachsene gleichermassen. Das Studio mit der Lampe ist mit seinem neuesten Streich endgültig auf dem Olymp der Kinowelt angekommen und hat seinen Ruf als bestes Animationsstudio der Welt einmal mehr gerechtfertigt. Dass Toy Story 3 noch zwei Verneigungen an den grössten der legitimen Verfolger, das japanische Studio Ghibli, beinhaltet (ein Totoro-Plüschtier und ein "Special Thanks" für Hayao Miyazaki), macht es uns nur noch sympathischer. Film on, Pixar, film on.

★★★★★★

Mittwoch, 23. Juni 2010

Invictus

Auf Tuchfühlung: Nelson Mandela (Morgan Freeman) begrüsst zum ersten Mal die Spieler der südafrikanischen Rugbymannschaft. Captain François Pienaar (Matt Damon, Mitte) ist dem neuen Präsidenten gegenüber noch skeptisch.

4.5 Sterne

Will ein Sportfilm ein breites Publikum erreichen, muss er "menscheln". Mit anderern Worten, es müssen Kitsch, Pathos und viele, viele Emotionen darin vorkommen. In den Händen eines mittelmässigen Regisseurs - sagen wir: John Lee Hancock - würde dies zu einer klischeehaften Hollywood-Posse verkommen. Betraut man aber Clint Eastwood, den "besten lebenden Filmemacher" (Zitat aus Sight & Sound), damit, dann erlebt man eine Neudefinition des Begriffs. Bei ihm bedeutet menscheln nämlich nichts anderes als die Vermenschlichung eines Giganten der Historie - Nelson Mandela - trotz der stellenweise insinuierten Heiligkeit des südafrikanischen Aktivisten und Politikers. Der Film basiert auf dem Buch Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game That Changed a Nation von John Carlin und ist sicherlich kein Sportfilm aus dem Bilderbuch wie The Blind Side oder Oliver Stones Football-Drama Any Given Sunday. Abgesehen von ein paar wenigen Schlenkern in die Gefilde der Genre-Klischees ist es Eastwood mit Invictus hervorragend gelungen, ein Sportereignis in einen grösseren geschichtlichen Kontext einzuordnen.

Wie kommt Clint Eastwood dazu, sich filmischer Konvention zu ergeben? Zugegeben, gewisse Kritiker haben ihm das schon bei Changeling vorgeworfen (weshalb, sei dahingestellt). Aber im Vergleich zu gewissen Szenen in Invictus erscheint Changeling schon fast wie filmisches Neuland. Dem aufmerksamen Kinogänger wird aber nicht entgangen sein, dass Eastwood seine Filme nie selber schreibt. Das heisst, dass er jeweils seinen Drehbuchautoren ausgesetzt ist und diese einen schönen Teil des Tons seiner Filme bestimmen. Natürlich hat der alte Regie-Hase das Talent, jeden Stoff in seiner Handschrift umzusetzen. So auch Invictus.

Besonders die Actionsequenzen gegen Ende, von denen ein Grossteil in Zeitlupe gedreht wurde, sind alles andere als neu. Aber genau da macht sich das besondere Talent von Eastwood bemerkbar: Die Rugby-Spieler im Film sind echte Rugby-Spieler. Mit brillanten Aufnahmen von Spielzügen und Tacklings, unterstützt natürlich von seinem Hauskameramann Tom Stern, zieht Eastwood einen ins Geschehen auf der Leinwand und lässt einen vergessen, dass man derartige Sequenzen schon zigmal gesehen hat. Auch die Entscheidung, einen relativ kitschigen Song spielen zu lassen, während Mandela das südafrikanische Rugbyteam besucht, sorgt für Stirnrunzeln, da damit der Szene leider enorm viel Kraft geraubt wird.

Aber wie bei jedem Film, bei dem Sport eines der Hauptthemen ist, steht auch in Invictus das Menscheln im Mittelpunkt. Morgan Freeman ist elektrisierend als Nelson Mandela. Seine liebenswürdige und manchmal etwas naive Natur ist ebenso spürbar wie seine abgeklärte, berechnende und durchaus auch linkische Seite. Und wie wir es uns von Freeman inzwischen gewohnt sind, kommt auch der Humor der Figur nicht zu kurz. Vielfach lässt er mit seiner allseits beliebten Art einen Spruch fallen, über den man herzhaft lachen kann - etwa wenn er dem neuseeländischen Starspieler Jonah Lomu entgegentritt und lachend "Oh my, you frighten me!" sagt. Gleichzeitig beweist Freeman aber, dass er auch den anderen Typen Grossvater spielen kann. Seine Unterredung mit dem Captain der Rugbymannschaft, François Pienaar, sehr gut gespielt von Matt Damon, der hier einmal über seine schauspielerische Blässe hinauswächst, ist höchst eindringlich und hat tatsächlich echten Inspirationscharakter. Auch das Gedicht von William Ernest Henley, dem der Film seinen Titel zu verdanken hat, hat diese Wirkung, besonders wenn es von Morgan Freeman gelesen wird. Die Chance ist gross, dass es einem am Ende von Invictus kalt den Rück herunterläuft, wenn man ihn noch einmal "I am the master of my fate: I am the captain of my soul" zitieren hört.

Aber wo kommt denn da das Menscheln ins Spiel? Nun, etwa wenn Mandela in seinem Büro einen Spielplan der Rugby-WM aufgestellt hat und die Teams in der K.O.-Runde von Hand einträgt. Oder wenn er vor dem Finale mit dem neuseeländischen Präsidenten eine Wette abschliesst ("How about a little bet?" - "Okay, how about all your country's diamonds against all my country's sheep?" - "Heh, heh, I was thinking more along the lines of a crate of wine.").

Ein Problem des Drehbuchs von Anthony Peckham, bekannt als Co-Autor von Guy Ritchies Adaption von Sherlock Holmes, ist, dass es eine gewisse Ambiguität aufweist - Mandela betont stets, dass er nur ein einzelner Mann ist, doch im Verlauf des Films wird jeweils auf das Gegenteil angespielt. Man könnte dies allerdings auch als leichte Ironie interpretieren, wenn man bedenkt, dass der grosse Nelson Mandela vergeblich gegen seine Heiligsprechung ankämpft. Und es ist wohl nicht zu vermeiden, dass ein Film, der sich um "Madiba" dreht, aufzeigt, was dieser Mann in seinem Leben alles ertragen musste. Zudem kann man dem Umstand, dass Mandela den Leuten, die ihn ins Gefängnis steckten, fast bedingungslos vergab, einen faszinierenden Aspekt nicht absprechen.

Peckham verdient sich aber auch viel Lob. Der bis zu diesem Punkt angeführte Tadel fällt beim letztendlichen Filmgenuss kaum ins Gewicht. Mit diesen kleineren Mängeln lässt sich leben, vor allem wenn der Storyaufbau dermassen gut gelungen ist wie hier. Tatsächlich vermag Invictus durch seine Geschichte, deren Wendungen eigentlich alle schon kennen, zu glänzen. Der Film ist überaus spannend erzählt und besticht durch eine schöne Ausgewogenheit zwischen Charakterstudie Mandelas und Pienaars, actionreichen Sportszenen, hochinteressanten Subplots - hier sticht sicherlich die Mikrokosmos-Abhandlung des Post-Apartheid-Südafrikas hervor, in welcher schwarze Sicherheitskräfte auf afrikaanische treffen -, sowie historischen Fakten. Zwar wurde beispielsweise an der Episode des über das Ellis-Park-Stadion fliegenden Flugzeugs etwas herumgebastelt - die Leibwächter Mandelas waren über die Aktion informiert -, aber wenn daraus eine Szene gemacht wird, die auf wunderschöne Art und Weise den neugewonnenen Zusammenhalt des südafrikanischen Volkes illustriert, dann hat der Zuschauer eigentlich nicht das Recht, sich darüber zu enervieren. Auch die Dialoge, in denen über Südafrikas Scheideweg philosophiert wird, sind sehr interessant und geben einem eine Ahnung davon, vor was für einer riesigen Herausforderung Mandela nach seiner Wahl zum Präsidenten 1994 stand und wie bravourös er sie letztendlich gemeistert hat.

Die letzte Frage, die sich stellt, ist die nach der Integrität Clint Eastwoods. Nach seinen eher düster angehauchten Dramen des letzten Jahrzehnts (Mystic River, Million Dollar Baby, Changeling, Gran Torino) kam mit Invictus nun ein merklich leichterer Stoff in die Kinos. Man könnte sogar soweit gehen und sagen, dass es sich um einen Feelgood-Streifen handelt, vergleichbar mit Looking for Eric, zum Beispiel. Verwerflich ist dies keineswegs. Eastwood bleibt sich selber treu: Er nimmt sich der Stoffe an, die ihm als geeignet erscheinen. Und genau deswegen hat ihn wohl das Sight & Sound als "besten lebenden Regisseur" gefeiert.

Er mag den direkten Vergleich mit Gran Torino verlieren, aber dennoch ist Invictus ein höchst unterhaltsamer und bekömmlicher Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Für Sportfans hält er packende Rugby-Szenen bereit, für Historiker sind sicherlich die Exkurse in die politische Lage in Südafrika in der Zeit nach der Apartheid von Interesse. Trotzdem verliert Clint Eastwoods neustes Werk dadurch überhaupt nicht an Stringenz, vielmehr verwandelt es sich dadurch in ein äusserst vielschichtiges Erlebnis. Da freut man sich doch gleich auf das nächste Projekt des Regisseurs: Hereafter, ein übernatürlicher Thriller nach einem Drehbuch von Peter Morgan (The Queen, Frost/Nixon, The Damned United).

Samstag, 3. April 2010

Up in the Air

Wer ist hier effizient? Ryan Bingham (George Clooney) instruiert die naive Natalie Keener (Anna Kendrick), wie man seinen Koffer am besten packt.

5.5 Sterne

Mit der Finanzkrise 2008/2009 hat sich im US-Film ein ganz neuer Themenbereich aufgetan: die Problemstellung Arbeitswelt. Alte Strategien werden überdacht, "Effizienz" ist das magische Wort und die Person, die an Tradition festhält, ist persona non grata. Das zentrale Werk dieser neuen Thematik ist Up in the Air von Jason Reitman. Interessanterweise basiert sein Film nicht auf einer Originalidee, sondern ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Walter Kirn aus dem Jahr 2001, dem Jahr, in dem die Internetblase platzte. Wie schon in Thank You for Smoking und Juno schafft es Reitman auch hier, die ernste Grundlage mit Humor zu versehen, ohne sie jedoch ihrer Relevanz zu berauben. Doch Up in the Air ist weder eine heitere Komödie noch eine moralisierende Parabel über die heutige Zeit. Der Film geht vielmehr auf die verschiedenen urbanen Typen der Moderne ein und untersucht ihre Weltanschauungen und ihr Streben nach Glück. So schafft Jason Reitman einmal mehr den Spagat zwischen Gesellschaftskritik und leichtfüssiger Unterhaltung.

Hauptfiguren müssen sich entwickeln, heisst es. Sei es ein Buch, ein Theaterstück oder ein Film, die im Mittelpunkt stehende Person muss während des Werks eine Veränderung durchmachen. Ryan Bingham, Dreh- und Angelpunkt von Up in the Air, ist ein Musterbeispiel dafür. Er ist eine von diesen Figuren, die man hassen sollte, es aber nicht kann. Sein Lebensstil ist extravagant, seine Einstellung von Vorurteilen geprägt - oder, wie er selbst sagt: "I stereotype, it's faster." - und sein Ziel banal: 10 Millionen Vielfliegermeilen, um sich zu der exklusiven Gruppe der Leute, die dieses Kunststück fertiggebracht haben, zu gesellen. Er verdient sein Geld als Abgesandter einer Firma, die für andere Leute Angestellte entlässt. Nebenher hält Ryan auch Vorträge darüber, wie einfach man sich sein Leben machen kann, wenn man keinerlei Beziehungen pflegt und sich von Gefühlen distanziert. George Clooney brilliert in dieser Rolle. Kein anderer Schauspieler hätte Ryan Bingham spielen können. Wie einst Cary Grant weiss auch Clooney ganz genau, wie man das Publikum so manipulieren kann, dass sie auch noch das grösste Ekelpaket sympathisch finden. Und das liegt nicht nur daran, dass der Mann ein unwiderstehliches Lächeln hat. Das ist echte Schauspielkunst und hätte Clooney wohl verdientermassen seinen ersten Hauptrollenoscar eingebracht, wenn nicht im selben Jahr eine noch grossartigere Performance - Jeff Bridges in Crazy Heart - nominiert gewesen wäre. Seis drum. Ryan Bingham ist seine Rolle, daran gibt es nichts zu deuteln.

Wie war das mit der sich entwickelnden Hauptperson? Bessert sich Ryan etwa? Wird er wie Ebenezer Scrooge zu einem allseits beliebten Wohltäter? Nein, denn dazu ist das grossartige Drehbuch von Jason Reitman und Sheldon Turner zu raffiniert. Man kann dem Skript vielleicht vorwerfen, die Unterteilung in eine primäre Handlung pro Akt sei gesucht; doch die Souveränität, mit welcher alle Handlungsstränge zu einem überzeugenden Ende führen, zeugt von grosser Klasse. Aber das Duo Reitman/Turner überzeugt nicht nur mit einer originellen Erzählweise und brillant konstruierten Charakteren, sondern auch mit geistreichen und stellenweise rasend schnellen Dialogen. Wenn sich Ryan mit einer weiblichen Protagonistin ein Rededuell liefert, fühlt man sich ins Jahr 1940 zurückversetzt, als sich Cary Grant und Rosalind Russell in His Girl Friday die schnippischen Bemerkungen nur so um die Ohren schlugen. Das Meisterhafte an diesen Dialogen sind aber nicht nur die stellenweise urkomischen Wortwechsel, sondern auch das, was man zwischen den Zeilen findet. Hört man sich beispielsweise Ryans Vortrag über "What's in Your Backpack?" genau an, sieht man darin das Geständnis eines gebrochenen Mannes, der sein Leben seiner Arbeit widmet und noch nicht begriffen hat, wie sehr ihm dies schadet. Aber wie heisst es so schön? Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Und das tut man in Up in the Air wahrlich mehr als man es vom Thema erwarten könnte.

Ein grosses Verdienst des Drehbuchs ist auch die Schaffung starker Frauenrollen. Vera Farmiga glänzt als Alex, die sich selbst als weibliche Version von Ryan tituliert ("Just think of me as you with a vagina."). Sie fungiert als sein realistisches Liebesinteresse, welches sich letzten Endes aber auch als unglückliche Sackgasse entpuppt. Farmiga verkörpert das Gleichgewicht zwischen Ernsthaftigkeit und Witz, das Up in the Air dermassen bravourös hält. Auch die wesentlich jüngere Anna Kendrick liefert starkes Schauspiel. Ihre Natalie ist die Personifikation der jungen, dynamischen Generation, die zurzeit die Berufswelt auf den Kopf stellt. Ihr Glaube an die neuen Technologien wirkt anfangs extrem naiv und unverschämt und man gönnt es ihr fast, dass ihr geliebter Freund sie per SMS sitzen lässt. Aber nach und nach merkt man, dass auch Kendricks Charakter seine Gründe für dieses Vertrauen hat. Schliesslich macht auch Natalie eine tiefgreifende Veränderung durch, die sie am Ende vollends von Ryan, der mittlerweile zu einer Art Mentor geworden ist, trennt.

Up in the Air zeigt grundsätzlich, wie ein Mensch durch seine Umwelt, seinen Umgang damit und die damit verbundenen Konsequenzen beeinflusst wird. So begegnen uns im Laufe des Films viele flüchtige Bekanntschaften, die Ryan trotzdem irgendwie tangieren. Sei es Sam Elliott als Pilot, der hier im Prinzip seine Rolle als The Stranger aus The Big Lebowski wieder aufnimmt und damit für eine wunderbare Szene sorgt; sei es Jason Bateman, der als Ryans Chef zwischen Tradition und Fortschritt vermitteln muss; oder sei es Danny McBride, durch den Ryan in der wohl besten Szene des Films endgültig zum fühlenden Menschen mutiert - sie alle hinterlassen bei der Hauptfigur sowie beim Zuschauer einen bleibenden Eindruck. Auch die Leute, die als Entlassene herhalten müssen, ein Mix aus wahrer Geschichte und bekannten Gesichtern wie JK Simmons oder Zach Galifianakis - Alan aus The Hangover -, überzeugen mühelos.

Geht man auf die technischen Aspekte eines Films ein, fällt einem meistens die Kamera auf. Kein Zweifel, Eric Steelberg hat gute Arbeit geleistet, insbesondere beim Vorspann, in welchem einem die USA aus der Vogelperspektive gezeigt wird, überaus passend untermalt von Woody Guthries "This Land Is Your Land" in der Version von Sharon Jones & The Dap-Kings, doch der wahre Meister der Technik in Up in the Air ist Dana E. Glauberman, die Cutterin. Wie ihr eine Oscarnomination verwehrt blieb, ist ein Rästel. Ihre Klasse zeigt sich gleich in den Anfangsminuten, als im Stakkato-Stil Ryans Packritual vorgestellt wird. Ihr Schnitt gibt den Inhalt des Films wieder: Schnell und effizient muss alles sein.

Jason Reitman ist mit Up in the Air ein weiterer Volltreffer gelungen. Sein Film strotzt vor leichtfüssiger Satire und schnellen Screwball-Dialogen, lässt aber auch Herz, Charakterstudie und nachvollziehbares Drama nicht vermissen. Der Satz "Er hat den Zeitgeist getroffen" wird in letzter Zeit leider sehr inflationär gebraucht, hier ist er beinahe angebracht. Denn der Zeitgeist ist meistens der negative beladene Zeitungeist, weshalb man hier "Er hat den Zeitgeist mitten ins Herz getroffen" sagen sollte. Up in the Air ist wahrscheinlich der Film über unsere Zeit. Möglicherweise wird er schlecht altern und in Vergessenheit geraten, aber im Hier und Jetzt ist er nichts weniger als der essentielle Film über das noch junge 21. Jahrhundert. Und dafür zieht dieser Kritiker vor Jason Reitman den Hut.

Samstag, 27. März 2010

The Blind Side

Trautes Familienidyll: Leigh Anne Tuohy (Sandra Bullock) kümmert sich um ihren Sohn SJ (Jae Head, links) und den adoptierten Familienzuwachs Michael Oher (Aaron Quintin).

2 Sterne

Amerikaner mögen Sportfilme. Besonders wenn das Ganze auf wahren Begebenheiten beruht, kennt ihre Gier nach Aufsteigergeschichten keine Grenzen. John Lee Hancock hat mit der Buchverfilmung The Blind Side, welche den Beginn der Karriere des Footballstars Michael Oher beleuchtet, genau diese Sparte des Kinopublikums angesprochen - der finanzielle Erfolg liess entsprechend nicht lange auf sich warten. Sogar die Academy erbarmte sich seiner und nominierte den Streifen für "Best Picture", während die Hauptdarstellerin Sandra Bullock sogar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Dies sind wohl die einzigen Gründe, weshalb man sich als Cinephiler The Blind Side ansehen wollen könnte. Hat man ihn gesehen, kann man das Buch, in welchem die Fehler der Academy aufgelistet sind, um ein grosses Kapitel erweitern. Hancocks Film ist nichts anderes als ein schlechter Sportfilm - so einfach ist das.

Zugegeben, Sportfilme zu drehen ist nicht einfach. Kaum ein anderes Genre driftet so leicht in kitschiges Pathos ab. Lustigerweise ist dies aber nicht das Hauptproblem von The Blind Side. Im Gegenteil, die Footballszenen sind überraschend unspektakulär geraten, was dem Streifen gut zu Gesicht steht. Nein, das wahre Problem ist das Drehbuch von John Lee Hancock selbst. Dabei hat der Mann schon bewiesen, dass er schreiben kann. Aus seiner Feder stammt beispielsweise das Drehbuch zu Clint Eastwoods unterschätztem A Perfect World. Überhaupt könnte man denken, dass ein ehemaliger Mitarbeiter Eastwoods in der Lage wäre, einen ansprechenden Film zu drehen. Aber nein, es ist ihm nicht gelungen. Es mutet wie Ironie des Schicksals - oder besser Ironie der Academy - an, dass für Hancocks Schmonzette Eastwoods routinierter Sportfilm Invictus aus der Liste der Nominierten für "Best Picture" weichen musste.

Woran krankt das Skript von The Blind Side? Das gravierendste Problem sind wohl die Figuren. Denn der Film ist - oder sollte es zumindest sein - ein Stück weit eine Charakterstudie, die das Zusammenprallen zweier Gesellschaftsklassen unter die Lupe nimmt. Der arme Junge aus dem Ghetto wird von der moderat republikanischen Familie der gehobenen Mittelklasse aufgenommen. Anstatt sich sklavisch von Michael Lewis' Buch zu leiten, hätte The Blind Side einen anderen Weg gehen können und zu einem ernstzunehmenden Gesellschaftsdrama werden können. Aber das Infragestellen der sozialen Struktur in den USA verkauft keine Tickets. Stattdessen übergeht Hancock jegliche Charakterzeichnung und verlässt sich auf die üblichen Konventionen des Genres. Entsprechend ist dem Zuschauer das Schicksal der Protagonisten relativ egal. Auch werden viele Figuren ziemlich unmotiviert verheizt, ohne dass man auch nur ihre Namen erfährt. Zudem kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass in The Blind Side ein Hauch von Rassismus mitschwingt. Die Stereotypen der Gesellschaft spotten jeder Beschreibung. Der einzige rechtschaffene Schwarze ist Michael Oher, während alle anderen im Ghetto von Memphis sexistische Machos sind. Auch bei der weissen Bevölkerung findet keinerlei Nuancierung statt. Die Oberklasse-Republikanerinnen sind gackernde Hühner, die aussehen, als kämen sie vom Dreh der Senioren-Fassung von Sex and the City. Doch das ist bei weitem nicht der einzige Makel von Hancocks Drehbuch. The Blind Side fehlt es an Spannung und an Stringenz. Viele Szenen wirken dazugepappt und sinnlos. Interesse an der Storyentwicklung kommt nie auf. Und zu "guter" Letzt scheint sich der Streifen auch nicht entscheiden zu können, was er eigentlich sein will. Für ein Drama gibt es zu viele meist unlustige One-Liner und unangebrachte Slapstick-Einlagen, für eine Komödie wird die Fassade der Gesellschaftskritik zu vehement aufrechterhalten. Unausgegorenheit, dein Name ist The Blind Side.

Hält wenigstens Sandra Bullock, was ihr Oscar verspricht? Sie ist blond, sie hat ihren Südstaatendialekt schön brav gelernt und sie spricht in abgehackten Sätzen wie Rorschach in Watchmen. Es ist erstaunlich, was heute nicht alles einen Academy Award bekommt. Hinter der Auszeichnung stand wohl einfach die Idee, man sollte Bullock endlich auszeichnen, bevor sie nur noch in Rom-Coms wie The Proposal oder All About Steve mitwirkt. Sie ist keineswegs schlecht, aber sie hat doch arg mit der Farblosigkeit ihres Charakters zu kämpfen. Quinton Aaron macht sich ganz gut in der Rolle des Michael Oher und zieht schnell wenigstens ein bisschen Sympathie auf sich. Jae Head hingegen, der den Sohn von Leigh Anne Tuohy (Sandra Bullock) mimt, geht einem von Anfang bis Ende auf die Nerven. Dies geht sogar so weit, dass man sich wünscht, dass er während des Autounfalls in der Mitte des Films mindestens die Sprachgabe verliert, sodass man sich seine altklugen Bemerkungen und seine an eine Kreissäge erinnernde Stimme nicht mehr anhören muss. Man muss sich schon fragen, was ein Film falsch macht, wenn er einen zu derartigen Gedanken verleitet. Immerhin kommt während des dritten Akts noch Kathy Bates hinzu, die dem Film mit ihrer kecken Art etwas echte schauspielerische Klasse verleiht. Alle anderen Darsteller sind nichts anderes als Staffage und hinterlassen auch keinerlei Eindruck, weshalb auf sie auch nicht speziell eingegangen werden soll.

Die Klischees machen auch vor den technischen Aspekten nicht Halt. Der Mainstream-Kameramann Alar Kivilo (Year One, The Lake House) bietet zwar solide Arbeit, überzeugt aber nicht mit sonderlich innovativen oder kreativen Ideen. Auch der Cutter Mark Livolsi reisst einen nicht unbedingt vom Hocker. Diese Eintönigkeit im technischen Sektor geht sogar so weit, dass der renommierte Komponist Carter Burwell, Haus-Komponist für Joel und Ethan Coen, mit einem langweiligen Score vom Fliessband enttäuscht. Alle diese Punkte laufen letzten Endes auf ein Fazit hinaus: The Blind Side ist einfach ein uninspirierter Film, der zwar eigentlich Gutes will, dies aber überhaupt nicht schafft. Und so muss man sich wieder einmal die unangenehme Frage stellen: Darf man einen Film, dessen Anliegen prinzipiell gut ist, schlecht finden? Ja, denn es ist nicht nur der Wille, der zählt. So bewegt sich John Lee Hancocks Kitsch-Vehikel auf einer ähnlichen Schiene wie John Q oder Pay It Forward.

Ist The Blind Side ein typischer Gutmenschenfilm, der zwar filmisch enttäuscht, das Herz aber am rechten Fleck hat? Nicht wirklich, da der Streifen auch vor rassistischen Untertönen nicht zurückschreckt. Zudem versetzen einen gewisse Humorversuche in Rage und die gefühlvollen Momente wirken aufgesetzt und lächerlich. Grosses Kino, ja selbst grosses Sportkino, sieht anders aus. Fans des Genres und von Sandra Bullock werden wahrscheinlich ihre Freude daran haben, der Rest des Publikums wird sich wohl fragen, was der Film soll. Der Geschichte wird The Blind Side vor allem als weiteres Zeugnis für die Unergründlichkeit der Wege der Academy in Erinnerung bleiben. Etwas anderes hat John Lee Hancock nicht verdient.