Sonntag, 6. Februar 2011

Welcome to the Rileys

Vatersein verlernt man nicht: Klempner Doug (James Gandolfini) hilft der Stripperin Mallory (Kristen Stewart), besser mit ihrem Leben zurechtzukommen.

3.5 Sterne

Kristen Stewart ist einer der aufstrebenden Hollywood-Stars. Dank ihrer Hauptrolle in der Hit-Filmserie Twilight kennt fast jeder durchschnittliche amerikanische Teenager ihren Namen, was wiederum dazu führt, dass sie von Independent-Produzenten gerne als Publikumsmagnet eingesetzt wird. Auf diese Weise eröffnete sich Filmen wie Adventureland, The Yellow Handkerchief oder The Runaways eine ganz neue demografische Interessengruppe. Doch ob Stewart den ganzen Rummel tatsächlich verdient, ist eine ganz andere Frage. Sie hat ein gewisses schauspielerisches Talent, ohne Frage, ist aber weder vielseitig noch charismatisch genug, um jemals zu Hollywoods Grossen zu gehören. Allerdings ist sie das Quotenmädchen der Stunde, welches man gerne castet, wenn man die allgemeine Aufmerksamkeit auf einen kleinen Film lenken will. So geschehen mit Welcome to the Rileys, der zweiten Regiearbeit von Ridley Scotts Sohn Jake, einem netten, schnell vergessenen Indie-Film.

Wirklich originelle Geschichten sind im Kino rar. Nun haben aber Drehbuchautoren den Kniff entdeckt, bekannte Storys miteinander zu verweben, sodass die bekannten Szenarien in neuem Licht gezeigt werden können. So ist Welcome to the Rileys eine Kombination der Konzepte "Erlösung einer Prostituierten" und "Entfremdetes Ehepaar findet wieder zueinander". Dies mag in der Theorie funktionieren, doch in der Praxis - mit anderen Worten: in Ken Hixons Drehbuch - wollen die beiden Stränge nicht so recht zusammenpassen. Obwohl Hixon ein paar unterhaltsame Dialoge zu bieten hat, fehlt es seinem Skript an Sorgfalt und Feinfühligkeit. Viele Dinge werden angedeutet, aber nicht beleuchtet; etwa wenn Stripperin Mallory sich über ihren tyrannischen Vermieter beklagt und man den Rest des Films auf dessen Erscheinen wartet. Auch spielen sich gewisse Charakterentwicklungen in unrealistisch übersetztem Tempo ab. Die schiere Unmöglichkeit, dass eine seit acht Jahren an Agoraphobie leidende Frau innert 24 Stunden in der Lage ist, nicht nur das Haus zu verlassen, sondern auch gleich 1'300 Kilometer mit dem Auto zu fahren und auf sämtliche Medikamente zu verzichten, überschreitet schlichtweg die Grenze filmischer Logik. Dabei wären die Figuren an sich, auch wenn sie alles andere als neu sind, nicht uninteressant. Mallory hätte mit mehr Hintergrund eine zwar sonderliche, aber irgendwie sympathische Figur werden können, doch Hixon belässt es bei Sprüchen, die sich stellenweise wie ein billiger Juno-Abklatsch anhören. Die Beziehung des Vorstadt-Ehepaars Doug und Lois, deren Tochter bei einem Autounfall starb, erhält durch Lois' Agoraphobie, die aber leider schon viel zu früh überwunden wird, zusätzliche Tiefe. Zudem beweist Hixon mehrfach, dass er durchaus Szenen von emotionaler Tragweite schreiben kann. Viel zu selten sind Auseinandersetzungen wie diejenige, als Doug seine Frau damit konfrontiert, dass sie für sie beide bereits einen Grabstein hat aufstellen lassen. Es wären Szenen wie diese, die dem Zuschauer vermitteln, was die Charaktere antreibt und auf diese oder jene Art handeln lässt, und ihm so die Chance gäben, sich mit ihnen zu identifizieren. Doch Hixons vager Schreibstil verhindert eine echte Identifikation mit den Figuren. Aber sein Drehbuch weist auch positive Aspekte auf: Es vermag die Geschichte immerhin so zu erzählen, dass niemals Langeweile aufkommt und dass einem der Ausgang des Films nicht egal ist. Im Gegenteil, das Ende von Welcome to the Rileys ist in mancherlei Hinsicht äusserst befriedigend. Einerseits weist es auf eine nachvollziehbare Charakterentwicklung bei allen Beteiligten hin, und andererseits widersteht Hixon dem momentanen Indie-Trend, Filme nicht abgeschlossen enden, sondern einfach irgendwie ausklingen zu lassen. Nein, er ist konsequent und führt den Film zu einem würdigen Ende, das mit den geschickt inszenierten Familienmomenten von Mallory, Doug und Lois des dritten Akts sehr gut harmoniert. Letzten Endes hat Ken Hixon mit seinem Skript keine unbefriedigende Arbeit geleistet. Es ist ein nicht weiter bemerkenswertes Buch, das im Detail viele Fehler macht, im Grossen und Ganzen aber als passabel bezeichnet werden darf.

Wie gehen nun die Schauspieler mit dem durchwachsenen Drehbuch um? Melissa Leo hat definitv die undankbarste Rolle erwischt. Aus Lois' "Ausbruch" aus ihrer Agoraphobie werden ein paar unpassend anmutende Lacher gewonnen, die der Figur die Tragik nehmen könnten. Aber Leo ist nicht umsonst eine vorzügliche Charakterdarstellerin. Der etwas künstlich geratenen Lois haucht sie so viel Leben wie möglich ein und macht sie zu einer Frau, die sich trotz ihrer Unsicherheit niemandem unterordnet. Schon gar nicht ihrem Mann Doug, der von James Gandolfini hervorragend verkörpert wird. Doug ist der "nicht perfekte Mensch mit dem Herz aus Gold", den wir aus zu vielen Filmen kennen, der aber dank Gandolfinis bodenständigem Charme erfrischend sympathisch wirkt. Er ist auch die am besten entwickelte Figur in Welcome to the Rileys, der man den Bruch mit dem alltäglichen Trott gönnt und deren Frustration über Lois' Depression man nachvollziehen kann. Die letzte Hauptfigur im Bunde ist die 16-jährige Stripperin Mallory, gespielt von Kristen Stewart. Stewart ist sicher nicht die schlechteste Besetzung für die naive und zugleich frivole Tänzerin. Obwohl man Stewart in einer derartigen Rolle nicht kennt, hat sie keine Mühe, sie glaubwürdig zu interpretieren. Das Problem ist aber, dass man ihr die gutherzige Seite von Mallory nicht so richtig abkauft, die freche dafür umso mehr, was einem in einigen Szenen ein bisschen auf die Nerven gehen kann.

Was nicht direkt nervt, aber einem immerhin negativ auffällt, ist die Musik von Marc Streitenfeld. Es ist offensichtlich, dass der Score an erfolgreiche Independent-Produktionen wie Juno oder The Kids Are All Right angelehnt ist. Nur fehlt ihm leider die Abwechslung. Das musikalische Hauptthema von Welcome to the Rileys ist ein einzelner Takt, bestehend fünf Tönen, der sich ständig wiederholt. Er mag illustrieren, wie sich Doug und Lois in ihrer Trauer über den Tod ihrer Tochter festgefahren haben, doch das macht ihn nicht spannender.

Zugegeben, das Fazit dieser Rezension scheint zu sein, dass Welcome to the Rileys ein schlechter Film ist. Aber das ist er keineswegs. Er begeht viele Fehler und gefällt sich als gänzlich unspektakuläres Stück Film ist. Er beleidigt nicht, er langweilt nicht und er nimmt auch keine weit hergeholten Wendungen. Regisseur Jake Scott verzettelt sich, weil er zu bemüht scheint, möglichst viele Aspekte in einen 110-minütigen Film zu packen, anstatt sich voll und ganz auf seine Kerngeschichte zu konzentrieren. Hinzu kommt Ken Hixons unausgegorenes Drehbuch, das bei den Charakteren, die, vor allem wenn sie von Schauspielern wie Melissa Leo oder James Gandolfini gespielt werden, durchaus Potential hätten, nur an der Oberfläche kratzt. Welcome to the Rileys ist nichts anderes als eine kleine, möglicherweise willkommene und schnell vergessene Ablenkung während der Oscar-Saison.

Samstag, 5. Februar 2011

Black Swan

Ungewöhnliche Methoden: Regisseur Thomas (Vincent Cassel) versucht, Tänzerin Nina (Natalie Portman) dazu zu bringen, ihre dunkle, unkontrollierte Seite zu entdecken, um die Rolle des schwarzen Schwans in "Schwanensee" überzeugend zu tanzen.

5 Sterne

Ballett und Psychothriller. Man lasse sich diese Paarung einmal auf der Zunge zergehen. Was wie eine unmögliche Kreuzung klingt, vermochte Regisseur Darren Aronofsky (Requiem for a Dream, The Wrestler) auf faszinierende Weise filmisch zu realisieren. In Black Swan entführt er uns in die Welt einer Profi-Ballerina, die an ihrer Doppelrolle in "Schwanensee" zerbricht. Der Film ist ein hochklassig stilisiertes cineastisches Experiment, das den Zuschauer mit seiner überwältigenden Bildsprache, seinen grandiosen Darstellern, seiner Spannung, die Erinnerungen an Meister wie Stanley Kubrick oder Alfred Hitchcock wach werden lässt, und seiner schonungslosen erotischen Kraft das Staunen und Fürchten lehrt. Und doch ist er nicht perfekt. Aber vielleicht ist Black Swan gerade deshalb ein in jeder Hinsicht wunderschöner Film, der eine derartige Faszination ausübt, dass man ihn nicht enden sehen will.

Die Voraussetzungen für Black Swan scheinen kaum vielversprechend: Ballett ist nun wahrlich kein Thema, das die Massen anzusprechen vermag. Entsprechend ist es auch schwierig, sich mit Charakteren, deren Leben dem Tanz gewidmet ist, zu identifizieren. Tatsächlich hat man Mühe, sich emotional an die Haupfigur Nina zu binden. Ihr zwanghafter Drang nach Perfektion ist anfänglich schwer nachvollziehbar. Doch Natalie Portman hilft einem mehr als nur darüber hinweg. Portman, Favoritin für den Hauptrollen-Oscar, liefert eine Performance ab, an die man noch in kommenden Jahren zurückdenken wird, über deren Genialität man noch lange sprechen wird. Obwohl sie schon seit ihrer ersten grossen Rolle - als 13-Jährige in Luc Bessons Léon - zu den besten jungen Schauspielerinnen Hollywoods gehört, blieben ihr die ganz grossen Preise bisher verwehrt, abgesehen von einem gewonnenen Golden Globe und einer Oscar-Nomination (beide für Closer). Black Swan müsste ihr nun eigentlich einen hoch verdienten Academy Award bescheren. Ihre Darstellung Ninas ist von einer Urgewalt, die man im Kino nur selten miterleben darf, und dabei frei von jeglichem Overacting. Jede Bewegung und jeder Gesichtsausdruck hat Subtext und wenn sie tanzt, dann strahlt sie ein unglaubliches Feuer aus. Kein Wunder, dass Portman als Kind selber Ballett tanzte, denn sonst wäre sie wohl kaum in der Lage gewesen, grösstenteils auf Doubles zu verzichten und sich so grazil und energisch zu bewegen. Und wenn sich Nina schliesslich komplett in ihrer Rolle verliert und den Tanz ihres Lebens abliefert, bleibt einem der Atem weg - eine Performance für die Ewigkeit.

Es wäre nun gut möglich, dass Nebendarsteller von Natalie Portman von der Leinwand gefegt würden. Aber das ist glücklicherweise nicht der Fall, da alle Schauspieler ideal gecastet sind. So brilliert Vincent Cassel als Regisseur Thomas, der Nina dazu drängt, sich gehen zu lassen, um so den schwarzen Schwan in sich zu entdecken. Thomas ist der Inbegriff des Inszenators zwischen Genie und Wahnsinn, der seinen Tänzerinnen mit ebenso fragwürdigen wie wirksamen Methoden zu der Leistung drängt, die ihm vorschwebt. Cassel verkörpert diesen ambivalenten Charakter mit der ihm eigenen Art von Zynismus. Auch Mila Kunis überzeugt, obwohl sie dem Rest des Ensembles in Sachen schauspielerischer Klasse rein theoretisch unterlegen ist. Doch für die Rolle von Ninas intriganter und gespielt freundlicher Gegenspielerin Lily ist sie bestens geeignet. Kunis mag keine vielseitige Schauspielerin sein, doch in den richtigen Rollen weiss sie durchaus zu glänzen - so wie hier. Die dritte sehr gute Darstellerin im Bunde ist Barbara Hershey als Erica, Ninas Mutter. Hershey verleiht der sattsam bekannten Figur der Mutter, die durch ihr Kind zu leben versucht, eine spannende neue Dimension. Ihre Erica ist eine dreidimensionale Figur, der man trotz ihrer an Tyrannei grenzenden Überfürsorglichkeit und Bevormundung die Liebe zu ihrer Tochter anmerkt. Und schlussendlich ist in der kleinen Rolle des "Sterbenden Schwans", der abtretenden Primaballerina, Winona Ryder zu sehen, in deren zwei Szenen man sich unweigerlich an Gloria Swansons Norma Desmond in Billy Wilders Sunset Boulevard erinnert fühlt.

Die Geschichte von Black Swan lehnt sich zu einem gewissen Grad an "Schwanensee" an. Dies wird von den Drehbuchautoren Mark Heyman, Andres Heinz und John McLaughlin sehr geschickt eingefädelt und vorangetrieben, wird jedoch mehrmals, vor allem während des ersten Akts, durch etwas allzu offensichtliche Symbolik ihrer Raffinesse beraubt. Man könnte dies nun auf Darren Aronofskys (möglicherweise berechtigtes) mangelndes Vertrauen ins durchschnittliche Popcornkino-Publikum oder auf den Hitchcock'schen Einfluss zurückführen. So oder so fühlt sich der Film während der Exposition manchmal so an, als ob er für einen das Mitdenken übernehmen würde. Doch im weiteren Verlauf werden Bildsprache und Symbolismus flüssiger und subtiler und die fortschreitende innere und äussere Verwandlung Ninas immer eleganter angedeutet. Portmans geniale Darstellung von Ninas innerer Unruhe, ihrer wachsenden Paranoia und ihrem Versinken im Wahnsinn wird durch Aronofskys Regie und die technischen Aspekte von Black Swan hervorragend ergänzt. Es wird eine enorm dichte Atmosphäre der Unruhe und der Verfolgungsangst konstruiert, gespickt mit stellenweise verstörenden Wahnvorstellungen von Nina. Unterstützt wird das unheimliche Ambiente von wunderbar unaufdringlichen und kunstvollen Spezialeffekten, die an vergleichbare Werke von David Cronenberg - etwa The Fly - angelehnt zu sein scheinen. Auch die verdientermassen oscarnominierte Kameraarbeit von Matthew Libatique trägt das Ihre zur stimmigen Milieu-Atmosphäre bei. Libatique hat die Tänze aufregend eingefangen; er spielt effektiv mit Licht und Schatten und er weiss sich den kalten Backstage-Bereich des Theaters zu Nutzen zu machen, indem er ihn beinahe schwarz-weiss erscheinen lässt. Und schliesslich soll auch noch besonderes Augenmerk auf Andrew Weisblums Schnitt gelegt werden, da seine Editierkünste so manch schaurigem Moment den letzten Schliff geben.

Alles in allem ist Black Swan, was Filmmaking und Filmsprache angeht, ein quasi fehlerfreier Film, dem bei den Oscars ein Triumph in den Kategorien "Bester Film" und "Beste Regie" - obwohl eher unwahrscheinlich - zu gönnen wäre. Black Swan ist ein schrecklich schöner Film, der dem etwas in der Versenkung verschwundenen Genre des Psychothrillers neuen Auftrieb verleiht.

Darren Aronofsky scheint seinen Stil gefunden zu haben. Nach The Wrestler hat er erneut einen Film gemacht, der nicht auf einer effekthascherischen, verquer erzählten Geschichte basiert, sondern auf fesselnde Art und Weise den Niedergang und tragischen Wiederaufstieg seiner Hauptfigur beschreibt. Black Swan mag, wie auch The Wrestler, ein unvollkommenes Stück Filmkunst sein, welches aber mit seinen Tugenden nicht nur zu bestechen, sondern sogar zu überwältigen vermag. Letztendlich ist Black Swan eine grossartige filmische Etüde im Stile von Klassikern wie Vertigo oder Eyes Wide Shut, getragen von einer fantastischen Natalie Portman.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Hereafter

Eine normale Beziehung? Medium George (Matt Damon) versucht, Melanie (Bryce Dallas Howard), die er im Kochkurs kennen gelernt hat, den Wunsch nach einer Seance abzuschlagen.

4.5 Sterne

Der Tod und seine Konsequenzen für die Lebenden war schon immer ein grosses Thema in Clint Eastwoods Filmen, egal ob die betreffende Figur William Munny, Walt Kowalski, Frankie Dunn oder Jimmy Markum heisst. Doch in Hereafter, einem von der Kritik mit gemischten Gefühlen aufgenommenen Film, wirft der Regie-Altmeister erstmals einen Blick darauf, was einen nach dem Tod denn erwartet, oder wenigstens erwarten könnte. Obwohl er dabei thematisch Neuland betritt, überzeugt Eastwood durch seine gewohnten Qualitäten und holt aus Peter Morgans (The Queen, The Last King of Scotland, Frost/Nixon) unvollkommenem Drehbuch sehr viel heraus. Unterstützt wird er dabei durch einen grösstenteils starken internationalen Cast. Hereafter mag kein Meisterwerk wie Gran Torino, Mystic River oder Million Dollar Baby sein, doch ein grundsolider Film, von dem sich weniger begabte Regisseure eine Scheibe abschneiden könnten, ist es allemal.

Trotz aller negativen Rezensionen ist Hereafter immerhin bei den Oscars für die besten Spezialeffekte nominiert, eine Nomination, die er überraschenderweise dem Favoriten für den Gewinn - Tron: Legacy - abgeluchst hat. Obwohl Clint Eastwood und die Kategorie "Best Visual Effects" nicht wirklich kompatibel scheint, hat die Entscheidung der Academy doch ihre Berechtigung. Der Film beginnt nämlich mit einer wuchtigen Inszenierung des verheerenden Tsunamis, der Ende 2004 den Indischen Ozean heimsuchte. Wer sich bei Videospielen auskennt, weiss, dass die Animation von Wasser nach wie vor die Achillesferse der SFX-Industrie ist. Doch hier wirkt das nasse Element für einmal unglaublich echt. Die Szene ist hervorragend choreografiert und gefilmt (von Eastwoods Hauskameramann Tom Stern) und ist in jeder Hinsicht wesentlich effektiver als jede vergleichbare Sequenz in 2012. Der Schrecken der Welle ist fühlbar und macht die Anfangsszene umso packender. Im weiteren Verlauf verzichtet Clint Eastwood allerdings auf jedwede Effekthascherei. Auch beschäftigt ihn weniger die Frage, wohin der Tod eigentlich führt, sondern mehr wie Sterbeerfahrungen, seien sie nun primärer oder sekundärer Natur, sich auf die Lebenden auswirken. Zu diesem Zweck ist Hereafter auf drei Charaktere fokussiert: auf die Journalistin Marie, die während des Tsunamis kurzzeitig tot ist und dabei eine mögliche Nahtod-Erfahrung macht; den Bauarbeiter George, der versucht, seine Gabe - oder sein "Fluch", wie er es nennt - mit Toten zu kommunizieren, hinter sich zu lassen; und den Jungen Marcus, dessen geliebter Zwillingsbruder von einem Auto angefahren wurde und seinen Verletzungen erlag. Peter Morgans Drehbuch gelingt es zwar, überwiegend eine stimminge Atmosphäre der Neugierde zu zelebrieren, gerät aber ein paar Mal in allzu sentimentale Fahrwasser, besonders in Marcus' Geschichte, über die einen dann aber sowohl die guten Schauspielleistungen, als auch Eastwoods meisterhafte Regie hinweghelfen. Doch Morgans Skript ist keineswegs schlecht. Seine Charaktere sind interessant und wie er sie mit ihrer jeweiligen Situation umgehen lässt, ist überaus elegant gemacht. Vor allem in den ruhigen Momenten ergänzen sich seine Dialoge, Eastwoods inszenatorischer Spürsinn und Tom Sterns unverkennbarer Filmstil perfekt. Vor allem in Georges Nebenplot entstehen so einige spannungsgeladene, berührende Szenen.

Ohne eine hochkarätige Besetzung hätten diese Szenen aber wohl kaum diese Aussagekraft. Vor allem Matt Damon, der den Spagat zwischen Action- und Drama-Schauspieler, der seine Karriere zu dominieren scheint, weiterhin vorzüglich schafft, übertrifft sich einmal mehr selbst mit seiner Darstellung des Ex-Berufsmediums George. Er vermittelt einem seine Einstellung, dass seine Fähigkeit, mit Toten zu reden, ein Fluch sei, äusserst glaubwürdig. George ist wahrlich nicht zu beneiden, da das Besondere an ihm eine normale Beziehung zu jemand anderem vollkommen unmöglich macht. Diese andere Person ist Melanie, die er im Kochkurs, der von einem herrlichen Italo-Stereotypen, gespielt von Steve Schirripa (The Sopranos), geleitet wird, kennen lernt. Die Möglichkeit einer Beziehung ist in dem Moment dahin, in dem sie George um eine Seance bittet, woraufhin sie auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Melanies relativ kurzer Auftritt ist ein besonders denkwürdiger, weil sie von der superben Bryce Dallas Howard dargestellt wird. Howards Performance ist der Inbegriff einer guten Nebenrolle und verhilft Melanie dazu, nicht nur ein Love-Interest vom Fliessband zu sein, sondern wirklich einen Eindruck zu hinterlassen.

Doch Cécile de France, wunderbar in Xavier Giannolis Quand j'étais chanteur, braucht sich überhaupt nicht hinter Damon und Howard zu verstecken. Ihre Faszination mit dem, was hinter dem Vorhang des Todes liegt, spiegelt in gewisser Weise die Neugierde des Films wider. Im Unterscheid zu Hereafter ist de Frances Marie aber darauf aus, Belege für ein Leben nach dem Tod zu finden, was ihre Herausgeber, die ein Buch über François Mitterand erwarten, aber nicht gut heissen. De France, stets eine kluge Schauspielerinnen-Wahl, überzeugt auch unter Eastwoods Regie. Die schwächsten Glieder im Bunde sind - wenig überraschend - auch gleichzeitig die jüngsten. Frankie und George McLaren spielen den kleinen Marcus bzw. seinen Zwillingsbruder Jason. Obwohl die beiden keine schlechte Leistung bieten, zeigt sich ihr Schauspiel etwas inkonsistent. Soll heissen, es variiert zwischen sehr guten Szenen und Szenen, wo die Emotionen etwas gezwungen scheinen. Dennoch haben beide McLarens Potential als Schauspieler und mindern den Wert von Hereafter kaum.

Auf den ersten Blick scheint Hereafter ein für Clint Eastwood untypischer Film zu sein. Das Thema mag nicht eines sein, das spezifisch für Eastwood geschrieben wurde (Peter Morgans erste Ansprechperson war Steven Spielberg); aber er weiss, wie er einem Stoff seine eigene persönliche Note verleihen kann. Einerseits natürlich mit seiner souveränen Inszenierung. Doch andererseits auch mit der Betonung von Aspekten, die während seiner Regie-Karriere immer wieder aufkeimten. Denn Eastwood ist ein unverbesserlicher Romantiker, der in seinen Filmen immer wieder Platz für Liebe und Zuneigung findet. Auch in Hereafter. Trotz aller Trauer, mit der sich die Charaktere hier auseinandersetzen müssen, obsiegt am Ende die Liebe. Und nur einem Weltklasse-Regisseur wie Clint Eastwood gelingt es, den Kitsch von dieser Erkenntnis fernzuhalten.

Montag, 31. Januar 2011

Des hommes et des dieux

Richtungsweisendes Gespräch: Père Christian (Lambert Wilson, Mitte) bespricht mit seinen Ordensbrüdern, ob sie die Klosteranlage im algerischen Tibhirine verlassen sollen oder nicht.

5.5 Sterne

In der Nacht vom 26. auf den 27. März 1996 wurden sieben Trappisten-Mönche aus der Klosteranlange Abbaye Notre-Dame de l'Atlas in Tibhirine, im Norden Algeriens, entführt und am 21. Mai desselben Jahres tot aufgefunden. Wer hinter dem Massaker steckt, ist umstritten, obwohl die radikalislamische Groupe Islamique Armé sich dazu bekannt hat. Doch es gibt Berichte, nach denen die algerische Regierung ihre Finger im Spiel gehabt haben soll. Xavier Beauvois interessiert sich aber nur am Rande für die tatsächlichen Begebenheiten in seinem Film Des hommes et des dieux und benutzt die Tragödie als Parabel auf Glauben, Humanismus und interreligiöses Verständnis. Wie in seinem bisher erfolgreichsten Film - dem eindringlichen Polizeidrama Le petit lieutenant - vertraut er auch hier auf eine minimalistische Vorgehensweise: Es herrschen Ruhe und Stille vor, ganz dem Setting des Klosters entsprechend. Eine Oscarnomination blieb ihm verwehrt, doch für die Césars wurde Des hommes et des dieux ganze elfmal nominiert - hochverdient.

Das filmische Beschreiben christlich-muslimischer Beziehungen ist seit dem 11. September 2001 nichts Neues mehr. Doch Xavier Beauvois geht einen Schritt weiter: Bei ihm steht nicht nur die Beziehung der beiden grössten Weltreligionen im Zentrum, sondern auch die Koexistenz - ein kleiner, aber feiner Unterschied. Besonders während der ersten halben Stunde beeindruckt Des hommes et des dieux mit der kitschfreien Darstellung des Credos "Wir sind alle Menschen": Die Mönche nehmen an muslimischen Feiern teil, lesen den Koran und behandeln die algerischen Dorfbewohner in der Arztpraxis des Klosters, während die muslimischen Dorfchefs mit ihnen über die politische Lage sprechen, Islamisten als unreligiöse Heuchler bezeichnen und zum Gemeinschaftsgebet einladen. Keine der beiden Seiten hat missionarische Absichten. Einerseits differenziert diese Exposition zwischen islamistischen Eifereren und der durchschnittlichen muslimischen Landbevölkerung, andererseits erinnert sie einen daran, dass die katholische Kirche nicht nur aus pädophilen Priestern und Holocaustleugnern besteht. Es wird einem bewusst, dass Mönche eigentlich bewundernswerte Menschen sind, die ihr Leben einer Sache widmen, an die sie glauben und die sie erfüllt. Wie weit diese Hingabe gehen kann, gehen soll, ist Thema mehrerer Diskussionen unter den acht Mönchen, da das Kloster immer mehr Gefahr läuft, das Ziel terroristischer Akte zu werden. Beauvois' und Etienne Comars Drehbuch lässt die Figuren sehr durchdacht die pragmatische sowie die ethisch-moralische Seite des Dilemmas abwägen: Verlassen sie das Kloster, lassen sie die Dorfbewohner im Stich und kapitulieren vor dem Terrorismus; bleiben sie, werden sie vielleicht früher oder später einen gewaltsamen Tod finden. Letztendlich bleiben sie alle und geben sich weiterhin ganz ihren Idealen und ihrem Auftrag hin: Sie helfen den Menschen, wo sie nur können - sie behandeln selbst verwundete Guerilla-Kämpfer -, sie beten, singen und halten das Prinzip der Nächstenliebe und der Treue hoch. Die Kulmination ist der Vorabend der Entführung: Die Mönche sitzen an einem Tisch, trinken Wein und lauschen Tschaikowskis "Schwanensee" - neben ihren Chorälen die einzige Musik in Des hommes et des dieux. Die Szene, eine gut platzierte Allegorie auf das letzte Abendmahl, ist - abgesehen von der überwältigenden Musik - stumm und konzentriert sich voll und ganz auf die Gesichter der Charaktere, die langsam ihr Lächeln wiederfinden; denn sie wissen, dass das, was sie tun, das Richtige ist.

Überhaupt ist die Schlussviertelstunde des Films eine Meisterleistung der Inszenierung und Grund genug für einen César-Gewinn in der Kategorie "Bester Regisseur" für Xavier Beauvois. In diesem letzten Teil wird kaum gesprochen und beim Zuschauer herrscht ein Gefühl des bangen Wartens vor. Eine gewisse Versöhnlichkeit ist dem Ende aber auch nicht abzusprechen: Nicht nur die Szene des "letzten Abendmahls" veranschaulicht dies, sondern auch die Mönche, die sich als geschlossene Einheit der Gewalt, die in Form eines Kampfhubschraubers ihre Kapelle umkreist, stellen; oder Vorsteher Christian, der sein Quasi-Testament in Gebetform verliest, während auf der Leinwand winterliche Bilder von Notre-Dame de l'Atlas zu sehen. Schlussendlich schliesst Des hommes et des dieux mit einem tief bewegenden letzten Bild, das man so schnell nicht mehr vergisst. Doch Beauvois' Regie trägt während des ganzen Films meisterhafte Züge. Die Gegenüberstellung des ruhigen und geregelten Klosterlebens mit der sich der Anarchie ergebenden Aussenwelt ist äusserst wirkungs- und stimmungsvoll gehalten. Ebenso die Messen der Ordensbrüder, deren Gesänge ein wiederkehrendes Thema des Films ist. Abgerundet wird das Ganze durch die tolle Kameraarbeit von Caroline Champetier, deren lange Einstellungen das Klosterleben und die Gemütslage der Figuren optimal einfängt.

Wer kein Freund von langsamen und ruhigen Inszenierungen ist, ist bei Des hommes et des dieux definitiv an der falschen Adresse. Beauvois lässt sich für jedes Element der Geschichte genug Zeit und gibt den Schauspielern die Chance, ihre Charaktere Schritt für Schritt zu entwickeln. Der bei den Césars als Hauptdarsteller gelistete Lambert Wilson, Sohn des 2010 verstorbenen Georges Wilson, einer franzöischen Schauspiel-Legende, spielt den Père Christian, auf dessen Schultern eine enorme Verantwortung lastet. Er spricht sich von Anfang gegen das Verlassen des Klosters aus und erntet dafür von seinen Brüdern einige Kritik. Doch man merkt ihm an, dass er wirklich bereit ist, für seine Ideale - Liebe und Treue - einzustehen und sie gewaltlos zu verteidigen. Wilsons Performance ist zurückhaltend, überzeugt aber durch eine Ausdrucksstärke erster Güte. An seiner Seite glänzen vor allem Olivier Rabourdin als Christophe, der jüngste Mönch im Bunde, und Michael Lonsdale, der die stärkste Leistung des Casts abliefert, als Bruder Luc. Lonsdale, ein bekanntes Gesicht im internationalen Kino (Munich, Ronin, Der Name der Rose), spielt den asthmatischen Kloster-Arzt mit ergreifender Menschlichkeit, gemischt mit einer Prise gallischen Humors. Luc ist eine Art Vaterfigur für die Dorfbewohner und seine Brüder und verliert nicht mal dann die Ruhe, wenn er einen Terroristen behandeln muss. Ein spannender Charakter, hervorragend gespielt von einem begnadeten Schauspieler. Der Rest des Casts, obwohl mit weniger Screentime, vermag ebenfalls sehr zu überzeugen, allen voran der 83-jährige Jacques Herlin als Bruder Amédée, einer von zwei Mönchen, die der Entführung entgingen (Amédée starb 2008 im Alter von 88 Jahren). Herlins Amédée lässt, wie auch Lonsdales Luc, mehrfach Humor aufblitzen und fungiert auch einige Male als Stimme der Besinnung. Sein von Tränen begleitetes Lächeln beim "letzten Abendmahl" ist besonders kraftvoll und kann sinnbildlich für das ganze Ende verstanden werden.

Es ist sicherlich einfach, Des hommes et des dieux als kitschigen Gutmenschenfilm über die humanistische Seite der Religion abzutun. Doch das wäre eine bemitleidenswert oberflächliche, ja ignorante Sichtweise. Xavier Beauvois hat einmal mehr sein cineastisches Talent eindrucksvoll bewiesen und liefert einen intimen, vorsichtigen und starken Film ab, der mit seiner Menschlichkeit und seinem Sinn für Zurückhaltung bewegt und zum Nachdenken anregt. Des hommes et des dieux ist grossartiges französisches Kino, das den Mönchen der Abbaye Notre-Dame de l'Atlas die verdiente Bewunderung entgegenbringt und ihnen ein würdiges filmisches Denkmal setzt.

Sonntag, 30. Januar 2011

Another Year

Unter Freunden: Mary (Lesley Manville, Mitte) ist wieder einmal zu Gast bei Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen).

★★★★★★

Mike Leigh gehört zu den grossen Realisten des Kinos. In seinen Filmen agieren Figuren, die direkt aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen und die in ihrer Alltäglichkeit so vollendet sind, dass man sie irgendwoher zu kennen glaubt. Doch damit nicht genug: Leigh widersteht der Versuchung, seine Charaktere in eine aussergewöhnliche Situation hineinzuversetzen, sondern belässt es dabei, sie zu beobachten und sie ein Eigenleben entwickeln zu lassen. Das Ergebnis sind jeweils episodenhafte Filme, die im Grunde nur lose zusammenhängen, durch ihre Protagonisten jedoch zusammengehalten werden und trotz allem als geschlossene Einheit funktionieren. Another Year ist ein weiterer Beleg für Leighs diesbezügliches Talent. Sein erster Film seit dem Hit Happy-Go-Lucky (2007) ist eine kleine Perle des britischen Kinos.

Der Name ist bei Another Year Programm. Man könnte sogar so weit gehen und dem Filmtitel ein "Just" anhängen. Denn so verhält sich die Geschichte und so fühlt sie sich auch an. Charaktere kommen und gehen, sind im einen Moment wichtig, nur um im nächsten wieder komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Und im Zentrum stehen Tom und Gerri, ein glückliches Ehepaar um die 60, er ein Geologe, sie eine Psychologin, in deren Schrebergarten sich der Fortlauf der Jahreszeiten und des Lebens widerspiegelt. Tom und Gerri sind der ruhende Pol in einem kleinen Ensemble von Menschen, die auf die eine oder andere Weise - manche mehr, manche weniger - unglücklich sind. Jim Broadbent und Ruth Sheen strahlen in ihren jeweiligen Rollen eine bewundernswerte Gemütsruhe und Einfühlsamkeit aus, jedoch immer gewürzt mit sanfter britischer Ironie; etwa wenn Gerri sich erkundigt, wie Tom bei seiner Arbeit vorankommt, worauf er schmunzelnd mit "Inexorably!" antwortet. Sie sind kein aussergewöhnliches Paar, aber immerhin eines, das man nur zu gerne kennt. Entsprechend gehen diverse Freunde und Bekannte in ihrem Haus aus und ein: Mary, gespielt von der starken Lesley Manville, ist geschieden, hat die Suche nach dem "Richtigen" allerdings noch nicht aufgegeben und hat ein Problem mit dem Alkohol; doch sie gaukelt sich vor, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Zu allem Überfluss scheint sie sich in Tom und Gerris erwachsenen Sohn Joe, der von Oliver Maltman sehr nuanciert dargestellt wird, verguckt zu haben, trotz des erheblichen Altersunterschieds. Entsprechend verstimmt reagiert sie, als Joe zum ersten Mal seit Jahren in einer Beziehung ist; in einer, die in Sachen Glück der seiner Eltern in nicht viel nachsteht. Manvilles kraftvollste Szene ist ihr Dialog mit Ronnie, Toms Bruder, hervorragend gespielt von David Bradley (den man als Hausmeister Argus Filch aus den Harry Potter-Filmen kennen könnte). Der frisch verwitwete Ronnie sagt kaum ein Wort und steht immer noch unter Schock. Doch dank ihrer Hilfe findet er ganz langsam seinen Lebenssinn wieder. Für Mary hat das ausgedehnte Gespräch einen leicht kathartischen Charakter, da sie für einmal keine Hilfe annehmen muss, sondern jemandem helfen kann, möglicherweise sogar unbewusst.

Der Grossteil der Handlung dreht sich um Tom, Gerri, Mary und Joe und ihre Beziehung untereinander. Doch wie auch im richtigen Leben verläuft diese Geschichte nicht ohne andere Menschen und Ereignisse. Seien es trivial anmutende Dinge wie Marys neues Auto, der Besuch eines alten Freundes von Tom oder der Auftritt einer todunglücklichen Patientin Gerris, gespielt von Imelda Staunton (Mike Leighs Vera Drake), die aber doch alle Einfluss auf die Protagonisten üben, oder sei es ein tragischer Anlass wie der Tod und die Beerdigung von Ronnies Frau - es findet alles Erwähnung.

Letztendlich sind die Charaktere die grösste Stärke von Another Year. Es überrascht nicht, dass Mike Leigh und sein Cast sie über Monate hinweg gemeinsam entwickelt haben. Selten wurden einem in jüngerer Zeit so abgerundete und vollendete Figuren präsentiert. Es ist ein kleines Sammelsurium echter Menschen, mit denen man sich problemlos identifiziert und für deren Leben man grenzenloses Interesse verspürt. Und genau wie sie sind auch Leighs Dialoge und Situationen frei von Klischees und unrealistischen Kunstgriffen. Die Dialoge sind Alltagsgespräche, denen man vermutlich so oder in ähnlicher Form auch schon beiwohnte, doch man verfolgt sie sehr gerne, vielleicht gerade deshalb. Zudem ist Leigh nicht nur ein Meister des Realismus und der feinen Beobachtung, sondern auch einer des britischen Humors. Besonders wenn Tom, Gerri und Joe sich miteinander unterhalten, herrscht stets eine angenehme Atmosphäre der freundlichen und lockeren Ironie (Stichwort: "Basically he just digs holes.").

Ein Wort, welches einem im Zusammenhang mit Another Year immer wieder einfällt, ist "Understatement". Dies bekommt man in vielen Filmen zu sehen, doch in Another Year wirkt es völlig natürlich. Es scheint so, als ob es ganz von alleine den Ton und die Art des Films bestimmen würde. Kameramann Dick Pope hat hier sicherlich auch einen Teil dazu beigetragen. Seine langen, unaufgeregten Einstellungen lassen den Schauspielern Zeit, viel mit Mimik zu arbeiten. Ausserdem verfährt Pope mehrmals nach dem Prinzip, einer Szene einen festen Rahmen zu geben und die Figuren ihn durchqueren, verlassen und wieder betreten zu lassen. Auch darf man seine Farbschemen nicht vergessen: besonders während des im Winter spielenden dritten Akts herrschen kalte Farben vor, die perfekt zur Beerdigung von Ronnies Frau und Marys Gemütslage passen.

Another Year
ist ein Film, der nur schwer zu beschreiben ist. Er ist genial in seiner Einfachheit und seiner Bescheidenheit. Obwohl er mehr Beobachtung als Erzählung ist und sich so einer konventionellen Story widersetzt, fasziniert und berührt er mit seinen Figuren, die, gemeinsam mit Tom und Gerris Schrebergarten, die einzige Konstante in den vier Kapiteln - Frühling, Sommer, Herbst und Winter - sind. Mike Leigh weiss, wo seine Stärken liegen, und die spielt er hier grandios aus. Sein brillantes Drehbuch, welches die Oscarnomination mehr als nur verdient hat, kreiert ein eigenes kleines Universum, das von überwiegend nachfühlbaren und sympathischen Charakteren bevölkert wird, für die wir uns wirklich und wahrhaftig interessieren. Another Year ist ein intimer, humorvoller und ehrlicher Blick auf normale Menschen in alltäglichen Situationen. Wieder einmal zeigt Mike Leigh, dass auch gerade ein einfaches Konzept einen wunderbaren Film ergeben kann.

Montag, 10. Januar 2011

Kinojahr 2010: Top 10

1. The Social Network
2. Toy Story 3
3. A Serious Man
4. Scott Pilgrim vs. the World
5. Inception
6. Up in the Air
7. L'illusionniste
8. Moon
9. Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1
10. Mademoiselle Chambon

Very Honourable Mention: Des hommes et des dieux

Das Video zur Liste gibt es hier zu sehen.