Freitag, 9. Oktober 2009

Inglourious Basterds

Nun schlagen die Juden zurück: Der "Bärenjude" Donny Donowitz (Eli Roth, links) und Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) knöpfen sich mit ihrem Trupp Nazis vor.

4.5 Sterne

Dass Quentin Tarantino ein Legastheniker ist, sehen wir für einmal schon dem Titel seines Films an. Dabei es handelt sich nicht einmal um einen Fehler seinerseits. Es ist lediglich eine Hommage an den Videoverleih, in welchem er einmal gearbeitet hat, wo das Vorbild für Inglourious Basterds, der "Makkaroni-Kriegsfilm" The Inglorious Basterds - Originaltitel: Quel maledetto treno blindato - mit dem "ou"-Schreibfehler im Verzeichnis stand. Das Vorbild war bereits mehr oder weniger eine B-Film-Verarbeitung von Robert Aldrichs Klassiker The Dirty Dozen und wurde nun durch den Kultregisseur Tarantino noch einmal aufgepeppt. Viele Stars haben sich zusammengefunden, um einen Film zu drehen, der sich überhaupt nicht ernst nimmt, eine Seltenheit bei Tarantino, und Filmanspielungen en masse zu bieten hat. Leider kommen sich die beiden Plots stellenweise arg in die Quere.

Quentin Tarantinos Filme sind Geschmackssache. Die einen sehen in ihm den Messias des post-postmodernen Films, während andere ihn als klauenden Filmkenner verdammen. Beide Standpunkte haben ihre Berechtigung, doch die Verfechter der beiden werden sich bei ihrem Verdikt über Inglourious Basterds wohl einig sein. Denn Tarantinos neuster Film verbindet geschickt opulenten Stil mit Anleihen aus der Filmhistorie. Dies fängt schon beim Prolog an. Sieht man sich diesen genau an, ist er im Prinzip nichts anderes als eine Neuinterpretation und eine Mischung gleichermassen aus den berühmten Eingangssequenzen von The Good, the Bad and the Ugly und Once Upon a Time in the West - Vorlagen, die während des ganzen Films immer wieder aufgegriffen werden. Und selbst Louis de Funès ist vor einer Verneigung Tarantinos nicht sicher, da der Plan, der im letzten Akt im Zentrum steht, doch starke Ähnlichkeit mit La grande vadrouille hat.

Auch der Rest des Films ist gespickt mit vor Spannung knisternden Szenen und zuweilen genialen Dialogen. Diese sind die wahre Stärke von Tarantinos Skript. Der Dialogfilm wurde aus Hollywood quasi verbannt. Inglourious Basterds aber bringt diese Form des Drehbuchs in einer Extremform zurück auf die Leinwand. Der Film besteht grundsätzlich aus nichts anderem als spannenden Gespräche, die mitunter auch länger als eine Viertelstunde dauern und den Zuschauer überhaupt nicht langweilen. Zu einem fantastischen Skript fehlt dem Film aber leider die überzeugende Handlung. Die beiden Plots, die Tarantino präsentiert, passen nicht wirklich zueinander und verleihen Inglourious Basterds eine gewisse Dissonanz. Neben der frech und rebellisch wirkenden Basterds-Geschichte wirkt der etwas ernstere und getragenere Plot der auf Rache sinnenden Jüdin teilweise etwas schwerfällig. Wie das Ganze aber zu Ende geführt wird, ist stilvoll, brutal, historisch absolut verkehrt, filmgeschichtlich einwandfrei und unglaublich unterhaltsam.

Die illustren Charaktere und die Schauspielleistungen sind eine Sache für sich. Hans Landa zum Beispiel ist ein kühler, kalkulierender, blitzgescheiter Opportunist, der ohne mit der Wimper zu zucken sein Land verkauft. Gespielt wird er von einem hervorragend aufspielenden Christoph Waltz, der, egal ob er Deutsch, Englisch, Französisch oder Italienisch spricht, den Kinozuschauer an seinen Sitz fesselt. Waltz ist ein Filmschauspieler par exellence. Aus zurückhaltender Mimik und Gestik holt er das Maximum heraus. Seine Performance wird ihm mindestens eine Oscarnomination einbringen (ja, es ist wieder soweit, Filme müssen mit den Academy Awards im Hinterkopf besprochen werden). Während Waltz' Leistung jeden Filmkenner erfreut, unterhält Brad Pitt das gesamte Publikum. Aldo Raine ist ein selbstbewusster Yankee mit Apachenblut, der in jeder Lage cool wirkt. Egal ob er seine Männer à la The Dirty Dozen - mit den haargenau gleichen Einstellungen, wohlgemerkt - auf ihren Auftrag einschwört ("We'll be doing one thing and one thing only: Killing Nazis.") oder sich mit fürchterlichem Italienisch durch ein Gespräch mit Hans Landa ringt - die lustigste Szene des Films. Pitt hatte offensichtlich Spass an diesem Part und spielt Raine entsprechend enthusiastisch. Er und Waltz sind definitiv die schauspielerischen Highlights von Inglourious Basterds. Doch der Reigen der Stars hört bei diesem Duo noch längst nicht auf. Diane Kruger spielt eine waschechte Femme fatale, die Aldo Raine in Sachen Coolness in fast nichts nachsteht - ihr Schauspiel wirkt stellenweise aber leider etwas gestellt -, Eli Roth verkörpert Raines rechte Hand, den "Bärenjuden", der seine Opfer mit einem Baseballschläger bearbeitet - die entsetzten Geräusche und Gesichter im Kino sind vorprogrammiert - und Til Schweigers Figur Hugo Stiglitz, welche wie Giulio Andreottis Kabinettsmitglieder in Il divo vorgestellt wird, scheint ihm auf dem Leib geschrieben zu sein - ein überdurchschnittlich gewalttätiger deutscher Deserteur, der kaum einen Ton von sich gibt. Wer Schweigers relativ beschränktes schauspielerischers Talent kennt, weiss, dass er gut daran tut, wenn er wenig zu sagen hat. Daniel Brühl hingegen macht seine Sache nur mässig gut, was zur Folge hat, dass einem sein Frederick Zoller nach kurzer Zeit schon auf die Nerven geht. Entsprechend feuert man Shosanna Dreyfus, stark gespielt von Mélanie Laurent, innerlich an, als sie schliesslich die Waffe auf ihn richtet. Auch die zahlreichen Gastauftritte tragen zum Reiz des Films bei. So gibt Martin Wuttke Hitler der Lächerlichkeit preis - und das mit einer Stimme, die ganz eindeutig an Bruno Ganz in Der Untergang erinnert -, Mike Myers mimt einen britischen General und Bela B. Felsenheimer durfte einen Platzanweiser spielen, während der Regisseur von Quel maledetto treno blindato, Enzo G. Castellari "sich selbst" zum Besten gibt.

Inglourious Basterds ist überdies fantastisch bebildert und geschnitten. Robert Richardson beweist beim Versuch, Aufnahmen, die man in einem Western vermuten würde, mit typischen Kriegsfilmeinstellungen zu verbinden, ein gutes Händchen. Es ist nicht zuletzt seinen Einstellungen zu verdanken, dass man den langen Dialogen eifrig folgt. Unterstützt wird diese Leistung von Sally Menkes Schnitt, der mehrmals sehr fantasievoll Szenen miteinander verbindet. Und um die Lobgesänge abzurunden, soll auch noch der von Tarantino ausgewählte Soundtrack/Score erwähnt werden. Dieser ist wie immer sehr eklektisch, verfehlt seine Wirkung aber überhaupt nicht. Allein schon "The Verdict" von Ennio Morricone ist das Eintrittsgeld wert. Zwar hätte Morricone ursprünglich den ganzen Score komponieren sollen, musste aus Zeitgründen aber absagen. Schade drum.

Ja, Inglourious Basterds ist ein mehr als nur guter Film, man könnte sogar sagen, er sei Quentin Tarantinos bester. Der Regisseur hat sich für einmal nicht bei anderen Filmen bedient, sondern die Anspielungen wirklich als Hommagen eingesetzt. Man ist sich stellenweise zwar nicht sicher, ob man sich nun in einem Pseudokriegsfilm, einer Parodie oder einem Thriller befindet, doch diese Unentschlossenheit des Films wird durch herrlich gestreckte Dialoge, grösstenteils gute Schauspielleistungen und genüsslich gezeigter Gewalt wettgemacht. Zudem bietet Inglourious Basterds eine gelungene Umschreibung der Geschichte, die jedem gefallen wird, der genug von den historisch korrekten Filmen über den Zweiten Weltkrieg hat.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

The Hurt Locker

Gezeichnet vom Krieg: Staff Sergeant William James (Jeremy Renner, vorne) und Sergeant J.T. Sanborn (Anthony Mackie) sind bei jedem ihrer Aufträge in akuter Gefahr. Dass James so etwas wie ein Outlaw ist, macht die Sache nicht einfacher.

5 Sterne

Der Irakkrieg wird im amerikanischen Kino erstaunlich wenig als Thema aufgegriffen. Der Respekt und die Angst vor dem Missgriff scheinen selbst die streitlustigen Filmemacher abzuschrecken. Michael Moores subversive Doku Fahrenheit 9/11, die sich grundsätzlich mit den Fehlern von George W. Bushs Administration auseinandersetzt, Paul Haggis' Drama In the Valley of Elah und Robert Redfords Thesenfilm Lions for Lambs, der sich sowohl mit dem Irak als auch mit dem Konflikt in Afghanistan beschäftigt, markieren die filmischen Höhepunkte in sechs Jahren Krieg. Kathryn Bigelows neustes Werk, The Hurt Locker, geht einen nicht gerade einfachen Mittelweg zwischen dokumentarisch angehauchtem Drama, Thesenfilm und Actionstreifen. Die gefeierte Regisseurin von Filmen wie Point Break, Blue Steel oder Strange Days liefert eine rohe, zuweilen ungemütliche Interpretation einer einzelnen Facette des Krieges. Eine Oscarnomination für "Bester Film" wäre alles andere als eine Überraschung.

Eingeführt wird The Hurt Locker mit einem Zitat von Chris Hedges, seines Zeichens Korrespondent der New York Times und Autor des Bestsellers War Is a Force That Gives Us Meaning. "The rush of battle is a potent and often lethal addiction, for war is a drug.", heisst es zu Beginn des Films. Und diese Aussage ist Programm. Die ganze Sache trägt immer wieder Züge eines Horrortrips. Aber nicht auf unangenehm-verquere Weise wie in Terry Gilliams überdrehter Sci-Fi-Distopie-Satire Brazil, sondern auf eine eloquente, cineastisch höchst elegante Weise. Zu verdanken ist diese Art des Erzählens unter anderem Mark Boal, dem Drehbuchautor, der schon mit Paul Haggis zusammen das Skript zu In the Valley of Elah verfasst hat. Boal hat im Irak Erfahrungen aus erster Hand sammeln können, da er dort als Journalist gemeinsam mit einem Bombenentschärfungstrupp, wie er auch in The Hurt Locker beschrieben wird, unterwegs war. Seine Erlebnisse und die Aussagen der Soldaten arbeitete er akribisch ins Drehbuch hinein. So überrascht es nicht, dass The Hurt Locker stellenweise gnadenlos echt wirkt. Doch auch die satirische Note kommt keineswegs zu kurz. Etwa wenn der neue GI im EOD (Explosive Ordnance Disposal) fragt, weshalb das Camp nicht mehr Camp Liberty, sondern Camp Victory heisst, und Sergeant J.T. Sanborn ihm antwortet, dass Camp Victory ermutigender klinge - dem Zuschauer bleibt das Lächeln da irgendwie im Halse stecken. Das muss die Lakonie sein, die man bekommt, wenn man zu lange im Krieg ist. Mark Boal muss es schliesslich wissen. Und er vermittelt diese Lakonie, die, zumindest im Falle der Hauptfigur, William James, schon fast an bedingungslose Selbstaufgabe grenzt, schmerzhaft realistisch. Der einzige Vorwurf, der Boal gemacht werden könnte, ist das etwas übertriebene Vertrauen ins eigene Talent. So wirkt The Hurt Locker an einigen Stellen doch etwas aufgesetzt, beispielsweise die ganze Beziehung zwischen William James und dem kleinen irakischen Jungen, den wir nur als "Beckham" kennenlernen (er spielt für sein Leben gern Fussball) - ein starker Kontrast zum ansonsten vorherrschenden Realismus.

Aber ein gutes Drehbuch garantiert bekanntermassen noch keinen guten Film. Ebenso wichtig ist die Schauspielleistung. Stars hat The Hurt Locker nur in den Nebenrollen zu bieten. Ralph Fiennes gibt sich als britischer Soldat die Ehre, während Guy Pearce in den amerikanischen Kampfanzug geschlüpft ist. In weiteren Rollen sind auch noch David Morse und Christian Camargo zu sehen. In der Hauptrolle glänzt Jeremy Renner, der Staff Sergeant William James die nötige Tiefe verleiht. Sein William James ist nicht die klischeehafte Kampfmaschine, vielmehr lebt er die Auffassung, dass der Krieg eine Droge ist. Er mag seine lebensgefährliche Arbeit und ist schlichtweg zu begeisterungsfähig, als dass er merken würde, wie er andere in Gefahr bringt. Gleichzeitig ist er aber auch ein durchaus verletzlicher und schuldbewusster Mensch, dessen Trophären ihn nicht davon ablenken können, dass er dem Krieg hoffnungslos verfallen ist. An seiner Seite überzeugen Brian Geraghty und vor allem Anthony Mackie als Bombenspezialisten. Mackies Monolog gegen Ende des Films ist in jeder Hinsicht berührend und zeigt besser als jede Explosion den Horror des Krieges auf.

Apropos Explosion: Dem Team, welches Bigelow mit den nötigen Spezialeffekten versorgt hat, gebührt ein dickes Lob. Die Minenexplosionen sind frei von jeglicher Pyromanie, sondern beschränken sich in erster Linie auf Schall und Rauch. Und das ist im Endeffekt viel kraftvoller als grosse Feuerwerke. Actionfilm ja, aber ein mit professioneller Hand geführter.

Ebenso beeindruckend ist die Kameraarbeit von Barry Ackroyd, der von Looking for Eric bis United 93 schon Filme fast jeden Genres bebildert hat. Seine Bilder sind roh, aber, wie der Film selbst, nicht ohne Eleganz.

Bleibt eigentlich nur noch die Interpretation des Titels. Sieht man sich The Hurt Locker an, dann dürfte der Fall nach dem mit 131 Minuten etwas lang geratenen Film klar sein. Wer sich mit Pirates of the Caribbean auskennt, sollte mit "Davey Jones' Locker " vertraut sein. Es handelt sich um die See, die alles verschlingt, was sie zu fassen bekommt. Und in Kathryn Bigelows Film? Es ist der Irak, in welchem immer noch Kinder als Bomben missbraucht werden, Familienväter bedroht werden, damit sie sich den Bombengurt umschnallen, und in dem jeder Soldat nach und nach im eigenen Schmerz ertrinkt - wie Sergeant J.T Sanborn, der zwei Tage vor der Heimkehr quasi zusammenbricht.

Wieder einmal hat Kathryn Bigelow ihrem Namen alle Ehre gemacht. The Hurt Locker ist ein realistisches und streckenweise beklemmendes Stück Spannungsfilm, welches seine Wirkung überhaupt nicht verfehlt. Wer Apocalypse Now als den definierenden Film zum Vietnamkrieg interpretiert, der sollte auch The Hurt Locker als die ultimative Verarbeitung des Irakkriegs, eines seit sechs Jahren andauernden amerikanischen Traumas, ansehen. Die Oscarnominationen für Bigelows Film dürften mehr als nur im Bereich des Möglichen liegen. Ob eine Goldstatuette für "Bester Film" angezeigt ist, mag bezweifelt werden, doch es wäre der Academy problemlos zuzutrauen, wieder einmal einen bitteren Kriegsfilm als Film des Jahres auszuzeichnen.

Sonntag, 20. September 2009

Public Enemies

Love in the Time of the Great Depression: John Dillinger (Johnny Depp) hat sich in Billie (Marion Cotillard) verliebt, wird aber andauernd verfolgt. Dies ist Billie (Marion Cotillard) aber herzlich egal, da er sie fasziniert.

4 Sterne

Die Amerikaner sind ein illustres Völkchen. Während der grossen Wirtschaftskrise, die von 1929 bis in die frühen 1940er Jahre andauerte, machten brutale Gauner das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unsicher. Ähnlich wie die Outlaws aus dem 19. Jahrhundert, die vom Westerngenre schon unzählige Male abgefeiert und verklärt wurden, raubten sie Banken aus und töteten dabei auch unschuldige Menschen. Doch die Symbolkraft dieser Aktionen schien wichtiger zu sein als die Anzahl toter Zivilisten. Die Auflehnung gegen die reiche Obrigkeit beeindruckte in den frühen 30er Jahren ein ganzes Land und die Gangster wurden bejubelt - die Todesopfer machten alles nur dramatischer. Michael Mann erzählt mit seinem Film Public Enemies diesen turbulenten Abschnitt der amerikanischen Geschichte am Beispiel von John Dillinger. Diese routinierte Aufarbeitung kommt episch, aber chaotisch daher.

Dass Michael Mann ungewöhnliche Geschichten erzählen kann, hat er schon mehrfach bewiesen. So inszenierte er zum Beispiel den Kultfilm Heat oder den spannungsgeladenen Thriller Collateral. Aber Mann hat in seiner Karriere nicht nur Hits produziert. Immer mal wieder wurde der Kinozuschauer mit mehr oder minder mittelmässigen Streifen wie Miami Vice oder The Insider abgespeist. Ob Public Enemies in die Kiste des Mittelmasses gehört oder der grösste Film über die Outlaws der Great Depression seit Bonnie and Clyde ist, wird unter Kinofans zurzeit eifrig diskutiert. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den beiden Polen, da der Film grandiose und mittelmässige Aspekte gleichermassen zu bieten hat.

Es ist wahrscheinlich das Beste, bei den Schauspielern anzufangen. Der Cast von Public Enemies spielte nämlich bei der Promotion des Films eine zentrale Rolle. Und es kann wohl niemand abstreiten, dass die beiden männlichen Hauptfiguren - zumindest vom finanziellen Standpunkt aus gesehen - perfekt gecastet sind. Es gibt momentan wohl keinen beliebteren Hollywood-Schauspieler als Johnny Depp. Damit ist es schon so gut wie sicher, dass seine gesamte Fangemeinde ins Kino strömt. Ob es den vornehmlich weiblichen Fans letztendlich gefällt, kann dem Studio herzlich egal sein. Depps Gegenpart ist ebenfalls eine potentielle Goldgrube. Christian Bale hat mit seiner Rolle als Batman in Batman Begins und The Dark Knight den Durchschnittskinogänger auf sich aufmerksam gemacht. Seitdem lässt sich sein Name problemlos vermarkten. Sind die beiden Akteure aber auch das Geld wert, welches sie die Produzenten kosteten (denn grosse Namen sind, wie man weiss, nicht gratis)? Die Frage kann man ohne weiteres mit Ja beantworten. Vor allem Johnny Depp liefert eine Performance ab, die John Dillinger ein durchaus menschliches Antlitz verleiht. Der stetige Gefühlswechsel zwischen Selbstsicherheit und Selbstzweifel wird von Depp sehr gut interpretiert. Doch auch Bale macht seine Sache mehr als gut. Als rastloser FBI-Inspektor weiss der Schauspieler zu glänzen. Neben diesem Duo, welches sich auf der Leinwand einen glaubwürdigen Psychokrieg liefert, geht die zurückhaltend wirkende Marion Cotillard beinahe unter. Aber trotzdem beweist sie auch in Public Enemies ihr enormes Talent. Für La Môme bekam sie einen Oscar, für Manns Film dürfte zumindest eine Nomination im Bereich des Möglichen liegen. Abgesehen vom Trio Depp/Bale/Cotillard gibt es keine erwähnenswerte Leistungen, wohl aber nennenswerte Auftritte. So verkörpert Billy Crudup den legendären FBI-Chef J. Edgar Hoover, was sich auf jedem Bewerbungsschreiben sehen lässt, und Giovanni Ribisi ist in der Rolle des Gauners "Creepy Karpis", der erst 1979 starb und als letzter "Public Enemy" gilt, zu sehen.

Der Grund, weshalb das Gros der Schauspielleistungen aus Public Enemies nicht im Gedächtnis haften bleibt, ist die Indifferenz, mit der die verschiedenen Figuren angegangen werden. Dies zeigt sich bei den Schiessereien besonders stark. Wer wen umbringt und ob jemand von Bedeutung erschossen wurde, bleibt fast gänzlich im Dunkeln. Da täuscht auch die stellenweise eingesetzte Wackelkamera, die eines Epos nicht würdig ist, nicht über den Fakt hinweg, dass der Zuschauer wirklich nur Zuschauer ist. Zwar findet diese Kameraführung in den meisten positiven Rezensionen zu Public Enemies Erwähnung, doch die Dissonanz zur opulenten Fotografie, die man im Rest des Films vorfindet, ist zu gravierend. Wenn der Kamerameister Dante Spinotti mit der Handkamera auffährt, fühlt man sich trotz aller Nähe hoffnungslos verloren. Logisch, die Anonymität der Opfer, egal ob Ganove oder Ordnungshüter, ist Teil des Konzepts des Streifens. Die verwirrende Ära der Wirtschaftskrise und der Prohibition wird mit filmischen Mitteln dargestellt. Doch mehr als ein anerkennendes Nicken wird dieser Kunstgriff dem Publikum nicht entlocken. Es stellt sich die Frage, ob eine zuschauerfreundlichere Umsetzung nicht lohnenswerter gewesen wäre.

Zugegeben, schlecht ist Michael Manns neuster Streich überhaupt nicht. Sieht man von den erwähnten Mängeln ab, ist Public Enemies ein unterhaltender und meisterhaft gemachter Gangsterfilm. Dante Spinottis Kameraführung ist, wenn sie nicht wackelt, einsame Klasse und versetzt einen mühelos in die USA von 1933. Auch William Ladd Skinners und Patrick Lumbs Ausstattung ist schlichtweg brillant. Autos, Gebäude und Inneneinrichtungen sehen unglaublich echt aus, schreien nach Oscar und erfreuen das Herz des nostalgischen Kinogängers. Und auch die Kostümdesignerin Colleen Atwood darf auf ein Goldmännchen, es wäre bereits ihr drittes, hoffen. Neben diesen eher kleinen Vorzügen glänzt Public Enemies aber auch in einer grösseren Disziplin: Das Drehbuch, basierend auf Bryan Burroughs Buch, geschrieben von Ronan Bennett, Ann Biderman und Michael Mann selbst, ist voll von Verweisen auf die amerikanische Kriminellenszene der 1930er Jahre. Persönlichkeiten wie "Baby Face" Nelson, den man vielleicht noch aus O Brother, Where Art Thou? kennt, "Pretty Boy" Floyd oder Tommy Carroll wurden bravourös in das Skript eingearbeitet. Zudem wird einem die Liebesgeschichte zwischen John Dillinger und Billie Frechette ganz ohne Kitsch präsentiert.

Mit Public Enemies verhält es sich ähnlich wie mit Watchmen: Der neutrale Kritiker wird den Film gut finden, mehr nicht. Als Ganzes handelt es sich sicher nicht um ein Meisterwerk, dazu geht es an einigen Stellen zu schnell und zu unübersichtlich zu und her. Doch in Einzelteilen beweist Public Enemies nichts anderes als Brillanz (Ausstattung, Kamera). Geschichtlich Interessierte werden Gefallen am Plot finden, Actionliebhaber werden die Schiessereien lieben und Cinephile werden sich an Dante Spinottis wunderbar komponierten Bildern nicht sattsehen können. Michael Mann hält einmal mehr für jeden etwas bereit.

Montag, 7. September 2009

Alle Anderen

"Och, hattu dir dat Köpfchen angehauen...?" Gitti (Birgit Minichmayr) neckt ihren Freund Chris (Lars Eidinger) nach dessen Missgeschick, was ihm nicht besonders gefällt. Kann die Entfremdung noch gestoppt werden?

3 Sterne


Es ist tragisch, wenn einem Film der Erfolg deswegen verwehrt wird, weil er zu publikumsunfreundlich gemacht ist. Klar, es gibt Werke, die zwar mehr oder minder bewusst am Zuschauer vorbeiproduziert sind - Michael Manns Thriller Public Enemies oder Tony Gilroys Anwaltsdrama Michael Clayton zum Beispiel -, aber dennoch einen genug fesselnden Inhalt haben, um zu beeindrucken. Bei dermassen grossen Themen ist die Distanz zum Publikum auch als fortgeschrittenes Stilmittel zu interpretieren. Doch man braucht kein Filmkenner zu sein, um zu erraten, dass solche Extravaganzen einem deutschen Independentfilm nicht allzu gut zu Gesicht stehen. Entsprechend ist Maren Ades neuster Film, Alle Anderen, in welchem fast über die ganze Länge nur zwei Personen zu sehen sind, nicht der grosse Renner, als solcher er einem von verschiedenen Seiten angepriesen wurde.

Der Plot von Alle Anderen ist weder neu noch sonderlich originell: Ein Pärchen macht Ferien. Sie pflegt einen eher verrückten Lebensstil, während er der Langweiler aus dem Bilderbuch ist. Reibungen und Spannungen sind vorprogrammiert. Hm, hat man diese Ausgangssituation nicht schon mindestens zehnmal in ähnlicher Form gesehen? Doch, aber die veraltete Geschichte von Alle Anderen ist für einmal nicht der Grund, weshalb man das Kino mit gerunzelter Stirn verlässt. Aber der Reihe nach: Man kann viel über die Fehler von Ades Film schreiben, doch es ist nicht so, dass er nicht auch seine positiven Aspekte hat. Zwar sind diese vornehmlich in der Form zu finden, doch sie sorgen immerhin dafür, dass sich Alle Anderen auf keiner Flop-Liste am Ende des Jahres wiederfinden muss.

Symptomatisch für Maren Ades Film ist das von ihr selbst geschriebene Skript. Einerseits brilliert dieses durch lebensechte und beklemmende Dialoge, andererseits aber wird dieser Vorzug derart überstrapaziert, dass - das prägnante Modewort sei dem Schreibenden verziehen - der Fremdschämfaktor die Schmerzgrenze übersteigt. Natürlich ist dies das kleinere Übel als, sagen wir, schlechte Schauspieler oder eine übertrieben wackelige Kamera. Aber es tut dem Filmgenuss dennoch einen Abbruch. Die Kunst des realistischen Schreibens liegt nicht zuletzt darin, es nicht zu übertreiben. Doch abgesehen davon kann man sich über die Dialoge von Ade nicht weiter aufhalten. Die teils recht kryptische Handlung ist eher ein Grund zur Kritik. Alle Anderen wechselt den Tonfall quasi im 5-Minuten-Takt. Damit wurde zwar eine schöne Brücke zur dargestellten Beziehung geschaffen - eine, formal gesehen, gekonnte Parallele - doch es verleiht dem Film eine ganz eigene Art der Sprunghaftigkeit und Inkohärenz. Im einen Moment schäkert sie mit einem Kind herum, in einem anderen läuft er ohne Vorwarnung ungespitzt in eine Glastüre. Eine Szene, die besser in einen Slapstick-Film als in ein Beziehungsdrama passen würde.

Auch schauspielerisch überzeugt Alle Anderen nicht zu 100%. Birgit Minichmayr, zuletzt herrlich in Der Knochenmann, macht das Beste aus ihrer sehr verqueren Figur - sie wurde an der Berlinale dafür mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet - und verleiht dem Film eine gewisse schauspielerische Klasse. Ihr Partner jedoch, Lars Eidinger, macht kaum etwas. Er steht apathisch in der Landschaft herum, er mahnt seine Freundin, sich nicht so seltsam aufzuführen, und er läuft in Glastüren und schlägt sich dabei die Stirn auf (siehe oben). Man kann zwar zumindest halbwegs die Figur dafür verantwortlich machen, doch auch so spielt Eidinger das Talent, welches ihm zweifelsohne innewohnt, überhaupt nicht aus. Die weiteren für die Handlung wichtigen Schauspieler sind nicht besonders zahlreich, sodass sie hier auch noch den ihnen zustehenden Platz erhalten. Hans-Jochen Wagner spielt Hans, die etwas unsympathische Nemesis von Chris (Lars Eidinger). Er macht seine Sache relativ gut und ist bei jedem seiner wenigen Auftritte eine Bereicherung, was aber vielleicht auch daran liegt, dass man als Zuschauer froh ist, für einmal jemand anderen als Eidinger und Minichmayr auf der Leinwand zu sehen. Hans' schwangere Frau Sana wird von Nicole Marischka verkörpert. Sie ist eine blasse Bourgeoise, die von Marischka ebenso blass dargestellt wird. Die Figur Sana ist wohl auch der satirischste Teil von Alle Anderen. Die langweiligste Figur von allen - ja, sie schlägt sogar Chris - wird als die Traumpartnerin per se hingestellt, was einer Birgit Minichmayr selbstredend nicht in den Kram passt.

Ein zweifelhaftes Kompliment muss dem Kameramann Bernhard Keller gemacht werden. Seine Bilder sind zwar stimmig, haben aber den Anschein, als würde sich auf Sardinien, wo der Film spielt, hinter jeder Ecke ein Killer lauern, so roh ist Alle Anderen fotografiert. Vergleichbare Kameraführungen findet man in der Regel in amerikanischen Schlitzerfilmen. Auch schafft Keller es, dem Ferienparadies Sardinien jegliche Idylle zu nehmen. Ein farbloser Himmel und flimmernde Luft erinnern überraschend stark an Filme über den Irakkrieg.

Es muss bemerkt werden, dass Alle Anderen für eine Altersgruppe gemacht ist, der der Schreibende noch lange nicht angehört. Die gemeinsamen Ferien, der Wunsch, wie "alle Anderen" zu sein, gegenseitiges Desinteresse und Unverständnis, dies sind alles Themen, mit denen sich jemand, der auf der Schwelle zur Volljährigkeit steht, nur bedingt identifizieren kann. Aber trotzdem darf die Frage gestellt werden, warum sich Alle Anderen fast jeglicher erzählerischer Ästhetik entzieht. Maren Ade verzichtet auf viel Dramaturgie und erzählt dafür lieber von abstrusen und unfreiwillig komischen Missgeschicken, überempfindlichen Charakteren und einer ungeschnittenen Outdoor-Sexszene, welche einfach nur obsolet wirkt. Und Gespräche über Geschlechtsteile sind auch nur ansatzweise interessant.

Stark gekürzt wäre Alle Anderen als Bewerbungsfilm für eine Filmakademie zweifellos geeignet. Doch als abendfüllender Kinofilm fällt Maren Ades dritter Film in wichtigen Punkten durch. Einige Stilmittel werden zu exzessiv bemüht, andere zu wenig; sinnvollen Konventionen, wie zum Beispiel einem Handlungsmotor, wurde getrotzt und als Helden wurden zu unsympathische Schnittmuster benutzt. Kurz: Alle Anderen hat auf der formalen Ebene viel Gutes zu bieten, versagt aber letztendlich beim Versuch des Spagats zwischen akademischem Kunst- und unterhaltendem Kinofilm.

Sonntag, 16. August 2009

The Limits of Control

Exzentrische Geheimnistuerei: Der einsame Mann (Isaach de Bankolé) bekommt von der cinephilen Blondine (Tilda Swinton) eine weitere Nachricht. Was das wohl bedeutet?

4.5 Sterne
[nach wiederholtem Schauen auf 6 Sterne aufgebessert]

Eine tragische Tendenz, die sich beim heutigen Kinopublikum durchzusetzen scheint, ist die Weigerung, einen undurchsichtigen Film selber zu durchschauen. Man sitzt im Kinosaal und ärgert sich darüber, wenn ein Film bis zum Ende nicht alle seine Geheimniss offenbart hat. Dies mag ein Grund sein, weshalb Jim Jarmuschs neuestes Werk, The Limits of Control, von Publikum und Kritikern gleichermassen verachtet wird. Selbstgefälligkeit, Langeweile, Leere und Verhöhnung des Publikums sind Begriffe, welche im Zusammenhang mit dem schwer zugänglichen Film gern genannt werden. Doch bewirkt The Limits of Control nicht genau das, was ein deratiger Kunstfilm bewirken soll? Man kratzt sich nach der Vorstellung am Kopf und redet, diskutiert, debattiert über das, was da gerade über die Leinwand flackerte. Jeglicher Interpretationsansatz könnte der Entschlüsselung des Rätsels dienen und jeder Kinogänger kann sich seine eigenen Gedanken dazu machen - solange er sich nicht vor diesem Kraftakt scheut.

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Jim Jarmusch das personifizierte Grauen für den durchschnittlichen, amerikanischen Actionliebhaber ist. Seine Filme kommen häufig ohne viel Dialog aus, zelebrieren die Langsamkeit, sie haben offene Enden und handeln meistens von einer Reise ohne sicheres Ziel. Dieser Radikalismus grenzt den Regisseur auch von seinen Kollegen aus dem amerikanischen Independentfilm ab, weshalb man ihn wohl oder übel in einem Atemzug mit seinen europäischen Pendants Michael Haneke oder Aki Kaurismäki nennen muss. Bezeichnenderweise spielt The Limits of Control, eine Ode an den filmischen Minimalismus und Anti-Perfektionismus, auch in Europa, in Spanien, genauer gesagt. Der Film dreht sich um einen einzelnen Menschen, der kaum ein Wort sagt, sich seltsam aufführt und Leute trifft. Die Eingangsszene lässt einen vermuten, dass er einen Auftrag zu erledigen hat, doch worum es sich dabei handelt, darauf muss man von selbst kommen. Jarmuschs Drehbuch ist so angelegt, dass jeder, der in das Geheimnis der namenlosen Hauptfigur eingeweiht ist, The Limits of Control mühelos folgen kann. Da der Zuschauer sich aber nicht unter den Eingeweihten befindet, entfacht fast jede einzelne Szene, die meisten davon sind, laut Jarmusch, Abwandlungen anderer Szenen, einen angestrengten Denkprozess. Ansonsten lässt sich über das Drehbuch nicht allzu viel sagen, nicht zuletzt weil Jarmusch seine Drehbücher fortlaufend ändert und gewisse Dinge erst am Set entschieden werden. Somit werden seine Skripts oft zum Bestandteil des Drehprozesses degradiert und dienen nicht als Grundpfeiler eines Projekts.

Der Anti-Perfektionismus von The Limits of Control wurde bereits angetönt. Dies schlägt sich in der Auswahl der verwendeten Aufnahmen nieder. Insgesamt ist der Film stimmig gefilmt, lebt von Bildern, die man aus Spionagethrillern kennt, und vermittelt dem Zuschauer alles, was er über die Schauplätze wissen muss. Doch hin und wieder wird die scheinbare Bildharmonie durch körnige Bilder gebrochen. In diesen Szenen hat Jarmusch, wie er offen zugegegben hat, gegen die Konvention, die sogar er in der Regel befolgt, gearbeitet, und diejenigen Aufnahmen benutzt, die sonst im Abfall gelandet wären. Daraus folgt eine atmosphärische Stimmung, welche einen neue Umgebungen mit den Augen der Hauptfigur sehen lässt. Diese Hauptfigur, im Abspann "Lone Man" genannt, ist auch die eine oder andere Betrachtung wert. Gespielt wird der Mann von Isaach de Bankolé, ein alter Freund von Jarmusch, mit dem er bereits drei Filme gedreht hat (Coffee and Cigarettes, Night on Earth, Ghost Dog: The Way of the Samurai). Der Ivorer ist die ideale Besetzung für den geheimnisvollen Killer (?), der sich beinahe stumm durch den Film arbeitet. Auf seinem Weg begegnet de Bankolé verschiedenen Charakteren, die ihm alle eine Streichholzschachtel mit einem für den Zuschauer unleserlichen Code zustecken. Diese Ritual geschieht aber erst nach einem kurzen, höchst einseitigen Dialog. Tilda Swinton sinniert über alte Filme, John Hurt redet über die Kunstrichtung der Bohème, das Leben und Aki Kaurismäki und Gael García Bernal äussert seine Meinung über Gitarren. Isaach de Bankolé hört jeweils geduldig zu, trinkt seine beiden Espressi (kein doppelter Espresso, zwei Espressi in zwei Tassen!) und hört Weisheiten wie "The best films are like dreams you're never really sure you had." oder "La vida non vale nada." - scheinbar das Leitmotiv des Films - an. Überdies wird er von einer nackten Schönheit besucht, deren sexuellen Wünschen er nicht entgegenkommt - "Not while I'm working." -, und hebt hie und da seinen Blick gen Himmel, um einen kreisenden Hubschrauber zu erblicken.

Zugegeben, das Gefühl des Überdrusses schleicht sich auch beim beflissensten Zuschauer ein. Zudem ist The Limits of Control mit zwei Stunden Laufzeit auch etwas zu lang geraten. Sein Ende jedoch, über welches getrost gesprochen werden kann, denn in diesem Film gibt es keine echten Spoiler (Wer anderer Meinung ist, kann diesen Teil überspringen.), ist der Auslöser für wildeste Spekulationen. Der Einsame ist im spanischen Niemandsland und findet ein schwer bewachtes Gebäude. Der Helikopter, vielleicht derjenige, den er mehrfach gesehen hat, landet und Leute steigen aus. Er beobachtet das Anwesen. Schnitt. Er sitzt im mit einer Panzertüre gesicherten Büro eines Amerikaners, herrlich gespielt von Bill Murray, der über die Bohème und die junge Generation flucht. Auf die Frage, wie er überhaupt hier reingekommen sei, antwortet de Bankolé "I used my imagination.". Er erwürgt den Amerikaner mit einer Gitarrensaite und geht. Ein Interpretaionsansatz sei diesem Kritiker erlaubt: Wir leben in einer rundum kontrollierten Welt. Die Kontrolle liegt in The Limits of Control metaphorisch in den Händen des Amerikaners, während der "Lone Man" den normalen Menschen darstellt. Doch etwas lässt sich nicht kontrollieren: die Fantasie. Durch Fantsie dringt der normale Mensch in den Elfenbeinturm des Kontrollierenden ein. Die menschliche Vorstellungskraft ist "The Limit of Control". Oder ist The Limits of Control, wie Jarmusch insinuiert hat, eine Selbstreflexion der exzentrischsten Art? Wir werden es wohl nie ganz wissen können. Aber solange sich jeder sein Bild macht, dann müssen wir uns um unsere Vorstellungskraft nicht sorgen.

The Limits of Control ist ein seltsamer Film, der es offensichtlich darauf anlegt, Diskussionen zu provozieren. Die Schauspielleistungen stimmen, die Bilder begeistern und die Geschichte regt zum Überlegen an. Dass dafür die Spannung etwas zu kurz kommt, lässt sich problemlos verschmerzen. Eine letzte Betrachtung ist der hier Schreibende seinen Lesern aber noch schuldig. Der Streifen endet nämlich nicht mit dem Mord am Amerikaner. Isaach de Bankolé ist auf einem Flughafen zu sehen, die Kamera folgt ihm, er verlässt das Gebäude. Kaum ist auch die Kamera im Freien, wackelt sie, schwenkt ins Nirgendwo und die Leinwand ist schwarz. Was sagt uns diese letzte Einstellung? "Ätschbätsch, es war nur ein Film."

Freitag, 7. August 2009

Ice Age: Dawn of the Dinosaurs

Beim Kampf der grossen Animationsstudios DreamWorks und Pixar geht die Animationsabteilung von Fox gerne vergessen. Dass es diese aber auch noch gibt, daran erinnert uns Ice Age: Dawn of the Dinosaurs, in welchem der Cast wieder einmal vergrössert, die Animationen einmal mehr verfeinert und das Niveau erneut gesenkt wurde. Es scheint zwar eine gute Idee zu sein, nach zwei grob animierten Schneeabenteuern ein hervorragend animiertes Dschungelabenteuer zu machen, doch auch ein Schauplatzwechsel kann die Serie nicht mehr aus dem Loch von Ice Age: The Meltdown (2006) herausholen. Die Storyidee hätte Potential gehabt, doch anstatt glorios zurückzukehren, ist die Marke Ice Age sang- und klanglos abgesoffen. Und sichert sich trotzdem den Titel "Erfolgreichster Animationsfilm ausserhalb der USA".

Wie bei vielen schwachen Trickfilmen ist auch bei Dawn of the Dinosaurs der Hauptgrund für das Misslingen beim Drehbuch zu suchen. Dieses steckt voller Löcher und ist, nimmt man es etwas genauer unter die Lupe, der reinste Witz – aber leider kein sonderlich lustiger. Wussten die Autoren bei Ice Age (Michael J. Wilson, Michael Berg, Peter Ackerman) noch einigermassen gut mit Storyaufbau, Slapstick, Drama und Action umzugehen, scheinen die Urheber des Skripts von Teil drei (Peter Ackerman, Michael Berg, Yoni Brenner) die kitschigen und unlustigen Szenen aus den Vorgängern besonders genial gefunden zu haben. Es gibt in der Fangemeinde der Filme erwiesenermassen auch Menschen, die älter als acht Jahre sind. Und dennoch scheinen 70% von Dawn of the Dinosaurs daraus zu bestehen, dass Faultier Sid einen Hang hinunterrutscht oder sich sonst irgendwie höchst uninspiriert zum Deppen macht. Haha. Die restlichen Prozente werden vom Lieben und Leiden von Manny und Ellie, den Sorgen von Diego – so unglaublich es klingt: der beste Subplot! – und dem Kitsch-Overkill, der Liebesgeschichte von Scrat und Scratte, eingenommen.

Der Film krankt ausserdem daran, dass einem die unzähligen Hauptfiguren inzwischen auf die Nerven gehen. Selbst Scrat verspielt sich hier sämtliche Sympathien. Dass dem Ice Age-Universum zu allem Überfluss noch eine weitere Figur aufgezwungen wird, fällt dabei nicht einmal mehr allzu stark ins Gewicht, zumal dieser Charakter, der völlig durchgeknallte Buck, eine Auflockerung des ansonsten komplett verkrampften Films darstellt. Dementsprechend ist Simon Pegg, den man aus den britischen Komödienhits Hot Fuzz (2007) und Shaun of the Dead (2004) kennt, auch der einzige Sprecher, der wirklich etwas zu bieten hat. Mit einer Mischung aus britischem und australischem Dialekt sprüchelt er sich in die Herzen der gelangweilten Zuschauer. Aber auch Buck kann einem hin und wieder auf die Nerven gehen. Doch sein letzter einprägsamer Einzeiler – "The buck stops here", eine Anspielung auf den ehemaligen US-Präsidenten Harry Truman – zaubert einem tatsächlich so etwas wie ein Lächeln auf die Lippen, da dieser Spruch in krassem Gegensatz zum Niveau, welches im Rest von Ice Age: Dawn of the Dinosaurs zelebriert wird, steht. Über die Leistungen der restlichen Sprecher muss kaum ein Wort verloren werden. Sie wirken zwar nicht unmotiviert, sind aber fast ausnahmslos dröge. Einzig Queen Latifah und Denis Leary bewegen sich in Bahnen, die man als "witzig" bezeichnen könnte.

© Twentieth Century Fox Film Corporation
Wohlwollendere Kritiker als der hier schreibende würden anführen, dass Dawn of the Dinosaurs, wenn schon kein cineastisches Meisterstück, dann wenigstens ein unschuldiges Kinderabenteuer für die ganze Familie ist. Mag sein, doch ein echtes Kinderabenteuer hält auch etwas für diejenigen Kinogänger bereit, die noch lange nicht unterhalten sind, wenn einem Akteur fünfmal hintereinander eine Kokosnuss auf den Schädel fällt. Doch nach Wortwitz, verstecktem Biss oder inspirierten Filmanspielungen, die beispielsweise in Horton Hears a Who! (2008) im Überfluss vorhanden waren, sucht man im dritten Teil von Ice Age vergebens.

Auch der Wechsel in die farbige Unterwelt täuscht nicht über die langweilige Geschichte und die platten Slapstick-Szenen hinweg. Man muss die Szenen bei den Dinosauriern nicht einmal allzu genau betrachten, um festzustellen, dass dort im Prinzip das Gleiche passiert wie oberhalb des Eises. Anstatt Eisschollen im Wasser gibt es bei den Dinosauriern einfach Steine in Lava. Die Wandergruppe wird nicht von Säbelzahntigern oder Menschen, sondern von Fleischfressern und einem Ankylosaurus gejagt. "Zurück zur Scholle" kann man da nur sagen.

© Twentieth Century Fox Film Corporation
Wenn man jemandem ein Kompliment machen muss, dann dem Animationsteam, welches sich für Dawn of the Dinosaurs wirklich ins Zeug gelegt hat. Die Unterwelt erscheint lebendig, was in 3D vermutlich auch den einen oder anderen Skeptiker milde stimmen dürfte, und besticht durch beinahe makellose Formen und Konturen. Damit ist das Studio insofern ungefähr auf der Höhe von Pixars Ratatouille (2007) angekommen – immerhin.

Nach DreamWorks scheitert somit aber auch Fox kläglich beim Versuch, Pixar das Wasser zu reichen. Doch sieht man sich Dawn of the Dinosaurs an, dann fragt man sich, ob sich die Produzenten wirklich grosse Mühe gegeben haben. Die spannungs- und humorfreie Story, gespickt mit kitschigen Szenen en masse, sieht danach aus, als ob man sich im Hauptquartier von Fox auf die Beliebtheit der Marke verlassen und einen Prakitkanten dafür bezahlt hätte, schnell ein Drehbuch zusammenzuschustern. So sehnt man sich während dieses viel zu langen Films ständig nach dem Abspann. Dass in demselben grundlos getanzt wird, ist einem dann auch egal.

★★