Mittwoch, 22. Juli 2009

Harry Potter and the Half-Blood Prince

Nach einem beinahe tödlichen Anschlag auf eine Schülerin ist Vorsicht geboten: Severus Snape (Alan Rickman, links) und Minerva McGonagall (Maggie Smith) untersuchen den gefährlichen Artefakt, während Hermione (Emma Watson), Ron (Rupert Grint, Mitte) und Harry (Daniel Radcliffe) wieder zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

5 Sterne

Die Serie ist auf dem Papier zu Ende, auf Zelluloid geht es erst in die entscheidende Phase. Der zweitletzte Teil und drittletzte Film der Harry-Potter-Saga, Harry Potter and the Half-Blood Prince, ist in den Kinos angelaufen. Für den eingefleischten Fan der Bücher ist jetzt Skepsis das höchste Gebot. Nach dem soliden fünften Teil, der bereits schwierig zu verfilmen war, nahm sich Regisseur David Yates jetzt des als besonders unfilmisch geltenden sechsten Teils an. Das Problem bei diesem Stoff liegt in erster Linie darin, dass am Ende nicht wirklich etwas dabei herauskommt, was den Wald-und-Wiesen-Zuschauer möglicherweise verärgern könnte. Doch Yates hat trotz aller Widrigkeiten viel aus dem Buch, welches zwar als geschriebenes Werk funktioniert, als Film aber nicht zwingend reüssieren muss, herausgeholt. So viel sogar, dass man als Harry-Potter-Freak nun ungeduldig dem siebten Teil entgegenfiebert.

Es war von Anfang an eine gute Entscheidung, die sieben Harry-Potter-Filme nicht von einem einzelnen Regisseur drehen zu lassen. So lässt sich der Tonfall eines jeden Buches mehr oder minder genau mit dem Regisseur abstimmen. So übernahm der Familienfilmexperte Chris Columbus die Regie der ersten beiden Teile, Alfonso Cuarón, Meister der düsteren Erzählweise, drehte den dritten Teil, der den Fans der ersten beiden Filme ein Dorn im Auge war (in Wahrheit aber ganz klar der beste Film ist, so wie auch das dritte Buch als Meisterwerk aus der Serie heraussticht), Mike Newell drehte mit Harry Potter and the Goblet of Fire die schwächste Verfilmung und für den Rest der Serie hat Warner Bros. David Yates engagiert, der zuvor nicht durch allzu viele Regiearbeiten aufgefallen war und somit auch mit keinerlei Vorbelastung ans Werk gehen konnte. Gut möglich, dass Yates nach Harry Potter nie mehr etwas von Bedeutung drehen wird, aber seine Arbeit wird den Fans des Potter-Universums in ewiger Erinnerung bleiben. Warum? Nun, erstens hat er die Serie in der heiklen Phase übernommen, wo sich Harry und seine Freunde langsam, aber sicher den Fragen und Problemen der Pubertät stellen müssen. Und zweitens hat Yates den Filmen seine eigene Idee der Düsternis eingeflösst. Er weiss die Bedrohung durch Lord Voldemort und die Todesser sehr gut einzufangen.

Doch der Reihe nach. Die Regie von Yates ist insofern gelungen, dass er die Schauspieler richtig getrimmt hat, dazu später, und dass er der Geschichte einmal mehr Zeit gibt, sich zu entwickeln. Zwar hat man mehrfach das Gefühl, dass einige Schauspieler bei der schieren Grösse des Casts unterzugehen scheinen, andererseits aber verleiht dieser Umstand dem Film eine angenehme Vielfalt. Dass Yates nach dem etwas am Skript kränkelnden fünften Teil wieder Steven Kloves, der für die Drehbücher in den vorangegangenen vier Filmen verantwortlich war, verpflichtet hat, war sicherlich die richtige Entscheidung. Denn kombiniert man Yates' Art, einen Film zu inszenieren, mit Kloves' Art, eine Geschichte zu entwerfen, ist das Resultat mehr als nur zufriedenstellend. Das Drehbuch hat alles, was man für einen gelungenen Film braucht: Humor - viel davon! Harry Potter and the Half-Blood Prince hat gute Chancen, als lustigster Film der Serie in die Geschichte einzugehen -, Magie, dezentes Grauen, Charakterstudien, erzählerische Tiefe - Teil 5 hat diese etwas vermissen lassen - und, teilweise zwar etwas überkandidelte, Romantik. An einigen Stellen droht der Film zwar, sich in einen Teenie-Streifen zu verwandeln, doch zumeist verhindert ein guter Spruch oder das Auftauchen von Ron, der sich besonders in einer Szene als echter Lusttöter entpuppt (witzig!), das Aufkommen von echtem Kitsch. Ein ganz spezielles Vergnügen sind die Dialoge zwischen Ron und Harry, welche direkt aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen. Sie sind gleichzeitig lustig und von Grund auf ehrlich. Ein Opfer, welches Steven Kloves allerdings bringen musste, um ein kohärentes Skript anzufertigen, war der Verzicht auf erklärende Sequenzen. Harry Potter and the Half-Blood Prince führt fast nahtlos seinen Vorgänger weiter und dürfte den Zuschauer, der das Buch nicht gelesen hat, ziemlich ratlos zurücklassen. Beispiel gefällig? Rons Freundin wird lange nicht mit ihrem echten Namen angeredet - wer das Buch nicht gelesen hat, muss anderweitig dahinterkommen, dass es sich um Lavender Brown handelt. Überhaupt ist der Film mehr auf die echten Fans von Harry Potter ausgerichtet. Auf diejenigen, welche die Plots der sieben Bücher ohne weiteres aus dem Ärmel schütteln können. Wer zu dieser Gruppe gehört (der J.K. Rowling auch - zumindest zum Teil - Harry Potter and the Deathly Hallows gewidmet hat ("...and to you if you have stuck with Harry until the very end.")), wird zweifelsfrei unterhaltsame zweieinhalb Stunden hinter sich bringen. Der einzige diesbezügliche Wermutstropfen ist die unbeholfen, ja fast schon schäbig wirkende Szene, in welcher der Fuchsbau der Weasleys in Flammen aufgeht. Diese dazugepappte Stelle hat keine Bewandtnis im ganzen Film und wurde wohl hinzugedichtet, weil den Produzenten der Film wahrscheinlich zu arm an Action war. Überdies zerstört die Szene das gemächliche Tempo, in welchem Harry Potter and the Half-Blood Prince vorgetragen wird. Selbst in seinen Actionszenen verhält sich der Film durchaus bedächtig. Diese Bedächtigkeit bringt aber nicht nur Vorteile mit sich. Die finale Szene in der Höhle, in welcher Voldemort einen Horkrux aufbewahrt, ist etwas gar kurz geraten - vor allem wenn man bedenkt, wie viele Seiten des Buches dieser Aufgabe gewidmet sind. Derartigen Anpassungen sieht man auch das Bestreben an, den Film PG-tauglich zu machen.

Schauspielerisch stellt Harry Potter and the Half-Blood Prince einige seiner Vorgänger mühelos in den Schatten. Daniel Radcliffe war nie witziger, Rupert Grint nie verliebter - ergo: trotteliger -, Emma Watson nie sarkastischer. Und das wohl grösste Verdienst von David Yates: Das junge Trio wirkte nie lebendiger, nie lebensechter. Aus den drei fiktiven Charakteren sind endlich echte Menschen geworden. Doch nicht nur die drei Youngsters überzeugen. Wir können endlich etwas genauer auf Draco Malfoy, gut gespielt von Tom Felton, eingehen. Michael Gambon brilliert als plötzlich schwächelnder Albus Dumbledore, Alan Rickman begeistert wieder als Snape und Jim Broadbent ist der unterhaltsamste neue Lehrer seit Kenneth Branagh in Harry Potter and the Chamber of Secrets. Da David Yates ein gut 600-seitiges Buch in zweieinhalb Stunden pressen musste, bleiben anderen Darstellern leider nur Kurz- bis Kürzestauftritte. Julie Walters, Helena Bonham Carter, Timothy Spall, Robbie Coltrane, Maggie Smith, die einen herrlichen Satz zu sagen hat, und David Thewlis wurden zwar alle irgendwie eingebaut, doch ihr Einfluss auf das Geschehen ist verschwindend gering.

Woran es dem sechsten Harry-Potter-Film aber keinesfalls mangelt, ist visuelle Virtuosität. Kameramann Bruno Delbonnel hat es sehr gut geschafft, den Film in mehreren Szenen fast Schwarzweiss wirken zu lassen. Umso grösser ist die Wirkung des Kontrastes, wenn man sich im Scherzartikelladen von Fred und George Weasley oder auf der Weihnachtsparty von Horace Slughorn befindet. Unterstützt wurde Delbonnel in der Bebilderung des Films natürlich durch gute Spezialeffekte, die zwar die lebenden Toten wie Gollum aussehen lassen, welche ihre Wirkung aber keineswegs verfehlen.

Dass bei einer derartigen Geschichte der Hang zum Pathos unumgänglich ist, beweist die Musikuntermalung von Nicholas Hooper, die, besonders am Ende, vielleicht etwas zu dick aufgetragen ist. Dennoch beweist der Komponist, dass er problemlos in der Lage ist, einen Film atmosphärisch mit Musik zu versorgen.

Wie lässt sich Harry Potter and the Half-Blood Prince zusammenfassen? Der Film ist alles andere als perfekt, doch er ist gleichzeitig eine würdige Verfilmung eines nicht perfekten Buches. Die Vorlage ist die Vorbereitung auf den siebten Teil und dieser Vorgabe wird der Film auf jeden Fall gerecht. Das Ende ist offen, aber nichtsdestotrotz vorsöhnlich und befriedigend und ist, wenn man zwischen den Zeilen liest, auch eine Art Retrospektive auf die vergangenen sechs Jahre im Potter-Universum. Diese Attitüde ist auch den ganzen Film hindurch spürbar. Versinnbildlicht wird dies durch Rons Antwort auf Professor McGonagalls Frage "Why is it always when something like this happens you three have something to do with it?": "Professor, I've been asking myself this question for the past six years." In diesem Sinne: Projekt Harry Potter and the Half-Blood Prince ist geglückt, Harry Potter and the Deathly Hallows kann kommen - hoffentlich bald!

Der Knochenmann

Eine Person aus diesem Trio (v.l.: Gitti (Birgit Minichmayr), Löschenkohl Senior (Josef Bierbichler) und Brenner (Josef Hader)) wurde zum Kannibalen gemacht. Doch das ist erst die Spitze des Eisbergs. Na dann, Mahlzeit!

5.5 Sterne

"Drei Quadratmeter Frühlingswiese bieten oft mehr als fünf Jahre deutscher Film." hat der österreichische Allrounder André Heller einmal gesagt. Zwar befinden wir uns mittlerweile in einer Zeit, wo sich der deutsche Film langsam aus dem Sumpf der Geschmacklosigkeit erhebt und eher die schweizerische Filmindustrie mit Qualitätsproblemen zu kämpfen hat, doch im Vergleich mit den Österreichern hinken beide Länder filmisch hoffnungslos hinterher. Letztes Jahr begeisterten uns unsere östlichen Nachbarn mit der schwarzen Psychothrillerkomödie Immer nie am Meer, dieses Jahr liefern sie uns eine weitere Verfilmung eines Krimis von Wolf Haas. Auf der Leinwand hatte der gescheiterte Detektiv Simon Brenner bereits zwei Fälle - Komm, süsser Tod (2000) und Silentium (2004) - zu lösen, jetzt verschlägt es ihn in Der Knochenmann in die tiefste Provinz, wo es aber lebendiger zugeht als ihm lieb ist.

In Deutschland schockiert die Darstellung roher Jugendgewalt die Massen, in der Schweiz sorgen nackte Frauen und lüsterne Grafen für filmische Skandale und in Österreich wird munter gemordet und es kräht kein Hahn danach. Man stelle sich vor, ein Schweizer Regisseur dirigierte eine Szene, in der jemand mit einer kaputten Flasche abgestochen wird und die Leiche anschliessend ziemlich despektierlich die Treppe runtergeworfen wird, um sie durch den Fleischwolf zu jagen. Sämtliche staatliche Hilfe würde ihm entzogen, ihm würde Geschmacklosigkeit vorgeworfen und er hätte Heerscharen von Jugendschützern am Hals. In Wolfgang Murnbergers Film Der Knochenmann gibt es nicht nur diese Szene, sondern auch weitere, vergleichbar appetitliche Dinge zu bestaunen. Und es hört nicht bei der rohen Gewalt, die mehrfach angewendet wird, auf - oh nein! Das Drehbuch, verfasst von Regisseur Murnberger, Vorlagenautor Wolf Haas und Hauptdarsteller Josef Hader, ist voll von morbiden Sprüchen und Darstellungen und relativ derben Zoten. Aber nicht einmal wirkt der gut zweistündige Film geschmacklos oder gar unwürdig. Auch ist es offensichtlich, dass niemand mit voller Absicht einen Skandal provozieren wollte - der zynische Erzählton ergibt sich ganz von selbst und ist der Geschichte durchaus dienlich. Auch lässt sich sehr schnell feststellen, ob man den Streifen mag oder nicht. Wer schon beim Anfangsmonolog die Nase rümpft, ist definitiv im falschen Film, wer sich aber über die schlichte Absurdität des Gesagten freut, der hat sich selber mit dem Kauf des Kinotickets etwas Gutes getan. Sinnlos, die besten Linien aus Der Knochenmann zitieren zu wollen - es sind schlichtweg zu viele. Man muss sich auf die Story und die Akteure beschränken, um etwas Vernünftiges darüber erzählen zu wollen.

Die Geschichte von Der Knochenmann, die sich in einigen wesentlichen Punkten vom Buch unterscheidet, ist im typischen Wolf-Haas-Stil angelegt: In einem vermeintlichen Hort der Unschuld - so wie in Komm, süsser Tod die Ambulanz und in Silentium die Kirche - liegt viel Schuld begraben. Der Hort der Unschuld ist diesmal ein kleines Wirtshaus im österreichischen Niemandsland nahe der slowakischen Grenze, die Schuld kommt erst durch zwei Irrtümer, die hier natürlich nicht verraten werden, ins Rollen. Soviel sei aber schon gesagt: Es darf gelacht werden - es sei denn, man verschluckt sich an den morbid-zynischen Vorgängen auf der Leinwand. Dass ein russischer Gangster, von Haus aus Frauenhändler und Zuhälter, mit dem Rollstuhl über einen verschneiten Pass fahren will und sein Autostoppversuch an seiner Nationalität ("I glaub, des is a Russ!" - "Fahr weita!") und sein Carjack-Versuch an der Tatsache, dass es sich dabei um ein Polizeiauto handelt, scheitert, ist noch etwas vom harmloseren Humor, der in Der Knochenmann zelebriert wird. Auch das Phlegma, welches fast schon Langeweile ausstrahlt, mit dem die Morde angegangen werden, ist durchaus einen diebischen Schmunzler wert. Doch auch das menschliche Interesse kommt in Murnbergers Film nicht zu kurz. Dass sich Brenner Hals über Kopf in eine Angestellte des Wirtshauses verliebt, ist ebenfalls Grundlage für einige herrliche Szenen. Leider verliert der Film ungefähr in der Mitte kurzzeitig an Fahrt, was einem zwar Zwerchfellentspannung verschafft, aber doch beklagenswert ist. Glücklicherweise dauert dieser Hänger nicht allzu lange, sodass man den Kinosaal mit einem zufriedenen Grinsen verlassen kann.

Doch es ist nicht nur das Drehbuch, welches Der Knochenmann zu einem hervorragenden Filmvergnügen macht. Jeder einzelne Schauspieler blüht in seiner Rolle richtiggehend auf. Kabarettist Josef Hader brilliert als ironischer Brenner, Josef Bierbichler meistert seine Aufgabe, eine höchst ambivalente Figur zu spielen, makellos, Birgit Minichmayr erscheint einem sehr sympathisch und Stipe Erceg begeistert als vom Pech verfolgter Mafioso. Die beste kleine Rolle hat sich einmal mehr Simon Schwarz als Berti, der langjährige Kumpel von Brenner, gesichert, der die wunderbare Linie "Brenner, ich bin menschlich enttäuscht von dir!" von sich geben darf.

In Der Knochenmann wird filmischer Minimalismus ins Extreme getrieben. Eine spannende Story voller überraschender Wendungen und morbider Szenen, exzellente Dialoge und ein Traumcast genügen, um den Kinogänger zu befriedigen. Grosse Spezialeffekte überflüssig. Da wird die stimmige Kameraführung von Peter von Haller fast zur Nebensache degradiert.

Der Knochenmann dürfte die Freunde des abseitigen Humors vollends zufriedenstellen. Wer Lust auf einen österreichischen Krimi der Extraklasse, in welchem Transvestiten, Frauenhändler, unfreiwillige Kannibalen, kaltblütige Mörder, Liebe und an den Fusssehnen aufgehängte Männer (während einige Meter weiter oben "Live Is Life" gesungen wird) vorkommen, hat, der darf Wolfgang Murnbergers neuen Film auf keinen Fall verpassen. Nicht zuletzt, weil die Winterlandschaft im ostösterreichischen Hinterland einen angenehmen Kontrast zum sich nun einstellenden Sommerwetter bildet.

Freitag, 10. Juli 2009

I'm Not There

5.5 Sterne

Die Filmindustrie mag Figuren, welche sich in ständigem Wandel befinden, Figuren, welche ihrer Zeit voraus sind und scheinbar unbegrenzten Einfluss auf andere Menschen haben. Die grösste derartige Figur ist zweifelsfrei Bob Dylan, der seit nun schon fast 50 Jahren sein Publikum entweder begeistert oder vor den Kopf stösst und sich dabei immer wieder neu erfindet. Umso erstaunlicher ist es, dass sich noch nie jemand anhand eines Spielfilms seiner annehmen wollte. Die Kultdokus Don't Look Back von D.A. Pennebaker und No Direction Home von Martin Scorsese stehen gemeinsam mit dem von Dylan selbst inszenierten Stück Exzentrik Renaldo and Clara allein im Raum der Bob-Dylan-Filme. Und dann kam im Jahre 2007 Todd Haynes, der sich dem Musiker auf die einzig wahre Art näherte: Dylanesk.

I'm Not There ist ein seltsames und vielschichtiges Filmmärchen, das bei Menschen, welche sich nicht für Musik interessieren wohl nur Kopfkratzen auslöst. Todd Haynes' Film dreht sich um sechs Figuren, welche, wenn man sie zu einer Person zusammenschmelzen würde, Bob Dylan, dessen Name, ausser im Vorspann, nie genannt wird, ergeben würden. Keine der miteinander verwobenen Episoden folgt einer stringenten Handlung. Jeder Teil des Films beinhaltet wahre, erfundene, erträumte und angedeutete Geschichten aus dem Leben des Mannes, der seine Fans mit Hochgenuss auf den Arm nimmt und ihnen in seinen Songs mit schöner Regelmässigkeit Rätsel aufgibt.

Dylans Songs spielen in I'm Not There eine zentrale Rolle. Entweder untermalen sie das Geschehen sehr passend oder sie dienen als Rahmenhandlung für eine Episode - so zum Beispiel die Anti-Journalisten-Tirade "Ballad of a Thin Man", welche quasi das Herzstück des Jude-Quinn-Teils, darauf wird später noch eingegangen, bildet. Das Leitmotiv des ganzen Films ist aber weder "Ballad of a Thin Man", noch der bis dato nie veröffentlichte und titelgebende Song "I'm Not There" und auch nicht Dylans bekanntestes Lied "Like a Rolling Stone", sondern das düstere "Cold Irons Bound", welches immer wieder angedeutet wird und letztendlich gespielt wird, als der Rockstar Jude Quinn, gespielt von Cate Blanchett, an seinem Tiefpunkt angelangt ist. Apropos Cate Blanchett: Wer I'm Not There gesehen hat, muss sich fragen, warum diese Frau für ihre Leistung nicht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde - besonders wenn man ihre Performance mit der Sieger-Performance, Tilda Swinton in Michael Clayton, vergleicht. Den Golden Globe hat sie sich geschnappt, ja, doch weshalb nicht auch gleich den Academy Award? Wir werden es nie erfahren. Was bleibt, ist die Bewunderung für Blanchett, die Dylan in seiner androgynsten Phase, Zeitraum 1966, spielt. Sie lebt den legendären Musiker in jeder spastischen Bewegung, in jeder kryptischen Äusserung und in jeder hämischen Aussage. Dass sie eine würdige Darstellerin ist, wird einem spätestens bei der Aufbereitung des berühmt gewordenen "Royal Albert Hall"-Konzerts, klar. Ihre Antwort auf die "Judas!"-Rufe aus dem Publikum machen es endgültig ersichtlich: Cate Blanchett spielt Bob Dylan nicht einfach, sie lebt ihn. Doch genau darin liegt die einzige kleine Schwäche von I'm Not There. Durch ihre Performance werden die Leistungen ihrer Kollegen fast etwas zurückgestuft. Dies soll aber nicht heissen, dass die restlichen fünf Darsteller, welche getrennt gearbeitet haben, nicht gut spielen. Im Gegenteil: Mit Marcus Carl Franklin macht ein junger, talentierter Schauspieler auf sich aufmerksam. Er verkörpert den jungen Dylan, der so sehr wie sein Vorbild Woody Guthrie sein wollte, mit viel Eifer und einer gehörigen Portion Selbstironie. Auch Richard Gere als Billy the Kid und Ben Whishaw als Arthur Rimbaud machen ihre Sache mehr als gut. Besonders letzterer, der nicht viel mehr zu tun hat, als ein Interview von Dylan aus dem Jahre 1965 zu rezitieren, beeindruckt als Quasi-Erzähler, eine Rolle, die er mit dem bekannten Country/Folk-Musiker Kris Kristofferson teilt. Wenig Arbeit hat Christian Bale, der als Protestsänger, der grösstenteils in Archivaufnahmen aufzutreten hat, zu sehen ist. Und dann bliebe noch Heath Ledger in seiner drittletzten Rolle. Er wäre wohl der einzige Grund für einen Nicht-Musikfreund, sich I'm Not There anzusehen, da er den Familienmenschen Bob Dylan verkörpert und sich daher wenig um Musik zu kümmern hat. Die restlichen Schauspieler sind schnell beschrieben. Da wäre eine Charlotte Gainsbourg, Tochter des Chansonniers Serge Gainsbourg, welche Heath Ledger als Ehefrau zur Seite steht, dies aber nicht ohne Mühen. Eine Julianne Moore, welche in die Rolle von Joan Baez schlüpft (aber mit einem anderen Namen), um in einer No-Direction-Home-Hommage mitzuspielen, darf ebenfalls bewundert werden. Und Bruce Greenwood spielt sich als doppelter Antagonist, einmal als Mr. Jones und einmal als Pat Garrett, in die Herzen der Dylanologen.

Besonderes Augenmerk ist auf die Inszenierung und das Drehbuch von I'm Not There zu richten. Todd Haynes hat es als Regisseur und Drehbuchautor hervorragend verstanden, Elemente aus Bob-Dylan-Songs auf die Leinwand zu übertragen. So werden dem Zuschauer die Linien "I saw guns and sharp swords in the hands of young children" und "I met a young child beside a dead pony" aus "A Hard Rain's a-Gonna Fall" in einer einzelnen Einstellung serviert. Zwar werden diese Anspielungen, vor allem wenn sie aus den Mündern der Akteure kommen, teilweise etwas überstrapaziert (Jude Quinn: "Yeah, just like a woman!"), doch für Dylanologen ist das musikalische "Wo ist Walter?"-Spiel die reinste Freude. Doch auch wenn keine Songs zitiert werden, ist das Drehbuch von Todd Haynes und Oren Moverman durch und durch dylanesk. Etwa wenn Kris Kristofferson am Anfang des Films, ähnlich wie eine Anklageschrift, "A devouring public can now share the remains of his sickness, and his phone numbers. There he lay: poet, prophet, outlaw, fake, star of electricity [eine Anspielung auf den Song "Visions of Johanna"]. Nailed by a peeping tom, who would soon discover: even the ghost was more than one person." verliest.

Über den Soundtrack muss nicht mehr viel gesagt werden, zumal sich die Musik im Film und die Musik auf der CD stark voneinander unterscheiden. Dennoch sei jedem Fan von Bob Dylan der Kauf des Soundtracks empfohlen.

Wer sich auf eine 130-minütige musikalische Achterbahn begeben will, sollte sich I'm Not There auf jeden Fall ansehen. Der Film kommt zwar nicht an ein Bob-Dylan-Konzert heran, doch trotzdem erfüllt er seinen Zweck: Man taucht in eine Welt voller Erfindungsreichtum, Selbstironie und Geschichtsbewusstsein ein. I'm Not There endet in jedem Punkt offen, aber irgendwie versöhnlich. Und schlussendlich ist Dylan höchstpersönlich zu sehen, wie er seine Mundharmonika bearbeitet und langsam im Dunkeln verschwindet. Und doch wird in die Zukunft geblickt - und gleichzeitig beziehen sich die letzten gesprochenen Worte des Films auf Dylans gesamte Karriere: "There's no telling what can happen."

Donnerstag, 4. Juni 2009

Angels & Demons

Kein Winkel wird bei der Suche ausgelassen. Polizeichef Olivetti (Pierfrancesco Favino), Vitoria Vetra (Ayelet Zorer), Robert Langdon (Tom Hanks) und ein Carabinieri (v.l.) wagen sich sogar in die Krypta einer römischen Kapelle.

4.5 Sterne

Lernfähigkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Regisseur braucht, um in seinem Fach zu reüssieren. Und Ron Howard musste fürwahr Lernfähigkeit beweisen, um die Fans von Dan Browns Büchern wieder zu versöhnen. Nachdem die Adaption des vergleichsweise unfilmischen Stoffes von The Da Vinci Code in eine etwas flache Geschichtslektion mit einer unbeholfenen Liebesgeschichte resultierte, was insgesamt dennoch nicht ganz so schlecht funktionierte, war man gespannt, wie Howard das spannendere und filmischere Buch Angels & Demons anpacken würde. Und siehe da! Er hat etwas gelernt.

Angels & Demons beginnt verheissungsvoll. Mit virtuoser Kameraführung, welche im Laufe des Films immer weniger virtuos wird, doch dazu später, werden Teilchen gezeigt, welche im CERN in Genf durch den LHC gejagt werden. Kurz darauf entsteht die sagenumwobene Antimaterie, die wiederum kurz darauf gestohlen wird. Damit wäre die Exposition geschafft und man befindet sich bereits mitten im Film. Der Anfang steht sinnbildlich für das, was einen in den folgenden 140 Minuten erwartet: Populärwissenschaftliche Fakten werden mit typischen Action- und Thrillerelementen verbunden und mit einem gesunden Tempo vorgetragen. Man kann sich also schon einmal bei Regisseur Ron Howard und den Drehbuchautoren Akiva Goldsmith und David Koepp bedanken, dass sie Dan Browns Werk auf das reduzieren, was es ist: Ein zu Papier gebrachter Actionstreifen. Sieht man sich die bisherige Filmografie von Koepp und Goldsmith an, kann man erahnen, auf welchem filmischen Niveau Angels & Demons steht. Drehbücher, die mit dem Namen David Koepp unterzeichnet sind, zeichnen sich durch rasante Actionszenen und abenteuerliche Plots aus (Panic Room, Mission: Impossible, Spiderman), während Akiva Goldsmith Filme wie The Jury oder A Beuatiful Mind mit seiner Mitarbeit bereichert hat. Gemeinsam funktionieren die Autoren nicht schlecht. Die Dialoge driften seltener ins Belanglose ab als in The Da Vinci Code, es gibt nicht allzu viele Szenen, welche abrupt durch ein einzelnes Stichwort beendet werden und die Handlung geht im Grossen und Ganzen zügig voran. Zwar hapert es hie und da mit der Stringenz, doch für einen Actioner ist Angels & Demons ganz akzeptabel geschrieben. Und dass die Schweizergardisten im Vatikan tatsächlich Berndeutsch sprechen, dürfte den Schweizer Kinogänger ganz speziell freuen. Der grösste Vorwurf, den sich die Autoren aber gefallen lassen müssen, ist der, dass sie etwas zu übermütig den Rotstift geschwungen haben. Es wurden nämlich nicht nur unnötige Liebesszenen weggelassen, sondern auch einige Twists und die Figur Maximilian Kohler - ein Jammer! Man wird das Gefühl nicht los, dass Dan Brown vielleicht etwas entschiedener gegen solche Streichungen hätte vorgehen müssen. Andererseits verschaffen derartige Weglassungen dem buchkundigen Kinogänger wenigstens ein bisschen Spannung. Ausserdem wird so dem grössten Fehler von The Da Vinci Code ausgewichen: die sklavische Abfilmung der Vorlage.

Wie bereits sein Vorgänger ist auch Angels & Demons gespickt mit einigen Stars aus dem Schauspielfach. Doch in diesem Fall ist der ganze Film einzig und allein auf Tom Hanks ausgerichtet. Man beschäftigt sich kaum mit Vitoria, welche von Ayelet Zorer überzeugend verkörpert wird, oder dem Auftragskiller, welcher beinahe vollständig in der Versenkung verschwindet. Auch die prominenten Nebenrollen kommen leider etwas zu kurz. Gerne hätte man etwas mehr von Armin Mueller-Stahl, Ewan McGregor, Pierfrancesco Favino oder Stellan Skarsgård gesehen, doch unterm Strich haben alle Schauspieler ihre guten bis sehr guten Momente.

Weniger befriedigend ist die Kameraarbeit von Salvatore Totino. In Ron Howards letztem Film, Frost/Nixon, begeisterte er mit fantasievollen Kameraperspektiven, während er Angels & Demons grösstenteils mit 0815-Actionaufnahmen bebilderte. Etwas mehr Raffinesse wäre wünschenswert gewesen.

Die Sequenzen, welche Angels & Demons zu einem Actionthriller machen, beschränken sich fast ausschliesslich auf wilde Jagden durch ein immer düsterer werdendes Rom. Und wenn es einmal knallt, dann sind es meistens Schiessereien, in welchen die Carabinieri keinen besonders guten Eindruck machen, oder kleinere pyrotechnische Einlagen. Den grossen Knall hob sich Ron Howard verständlicherweise für den Schluss auf, der dann auch wesentlich mehr Verwüstung anrichtet als im Buch. Aber trotzdem sind die Spezialeffekte an sich kaum der Rede wert.

Viele Kritiker gehen in ihren Rezensionen auf die Unglaubwürdigkeit von Angels & Demons ein. Sie geben die unglaubliche Geschichte der Lächerlichkeit preis und geisseln sie als naturwissenschaftlich sowie historisch unhaltbar. Diese Rezensenten verstehen den Sinn, wenn man ihn denn als solchen bezeichnen darf, von Dan Browns Büchern nicht. Natürlich wirken die Bücher hie und da lächerlich oder an den Haaren herbeigezogen, aber welcher Teenager ist während der Lektüre von The Da Vinci Code nicht zum Computer oder zu einem Buch über Kunstgeschichte geeilt und hat sich "Das letzte Abendmahl" einmal genauer angesehen? Wer hat sich nach Deception Point nicht über Riesenasseln informiert? Der Normalsterbliche interessiert sich plötzlich für die Renaissance und "La purga", eine Entwicklung, die vor hundert Jahren bereits schon einmal Einzug hielt. Karl May schrieb damals seine Westernerzählungen, welche, nebenbei bemerkt, lücken- und fehlerhafter als Dan Browns Bücher sind, und jedermann begann sich mit Indianern und Cowboys zu befassen. Und solange man zumindest ein bisschen etwas dabei lernt, ist ja nichts Schlechtes daran. Und damit hat der hier Schreibende erklärt, weshalb die Geschichte von Angels & Demons für ihn keinen Kritikpunkt darstellt.

Mit der Filmversion von Dan Browns bisher bestem Buch verhält es sich gleich wie mit den effektiven Büchern: Die Kritiker verachten den Streifen, das Publikum mag ihn. Ron Howard hat nach etwas langatmigen The Da Vinci Code einen Sprung in die richtige Richtung gemacht. So ist Angels & Demons ein guter Actionfilm geworden, der mit einigen Geschichtsfakten auftrumpfen kann. Es gibt rasante Verfolgungsjagden, versteckte Gänge, wohl dosiertes Blut und eine wunderschöne (!) Explosion zu bestaunen. Wer sich den Film mit Minimalerwartungen ansieht, wird nicht enttäuscht werden. Fazit: Nicht nur National Treasure hat die Reduktion der Ernsthaftigkeit im zweiten Teil gut getan.

Sonntag, 10. Mai 2009

Il divo

In der Ruhe liegt die Kraft: Giulio Andreotti (Toni Servillo, Mitte) lässt sich nicht auf die fruchtlosen Streitereien im italienischen Parlament ein. Eine Einstellung, die, wie sich herausstellen wird, so verkehrt nicht ist.

4.5 Sterne

Die politische Instabilität, welche Italien seit Jahrzehnten prägt, eignet sich hervorragend für brisante, satirische oder ganz einfach die Vergangenheit aufarbeitende Filme. Dabei sollte aber darauf geachtet werden, dass das ausländische Publikum nicht aussen vor bleibt, da man bei 59 Regierungen in nunmehr 64 Nachkriegsjahren leicht den Überblick verliert. Giulio Andreotti, um den sich Il divo dreht, war an 33 dieser Regierungen beteiligt, wobei er selber siebenmal Ministerpräsident war. Ausserdem geniesst Andreotti mit seinen nun 90 Jahren das Amt eines Senators auf Lebenszeit und wäre vor drei Jahren, im Alter von 87 Jahren, beinahe noch Präsident des italienischen Senats geworden. Dieses erstaunliche Leben, gepaart mit unzähligen Skandalen und Korruptionsvorwürfen, liefert die Grundlage für Paolo Sorrentinos überambitionierten Film.

Il divo beginnt gleich wie diese Rezension. Bevor der Film überhaupt anfängt, erscheinen einige Schlüsselfakten über die politischen Verhältnisse im Italien der 1970er Jahre - ein etwas zerknirschtes Entgegenkommen der Macher für Nichtitaliener und Nachgeborene. Man merkt, wie stark Sorrentino das Thema Giulio Andreotti unter den Nägeln brannte. Er ist immerhin mit dieser schillernden, aber zugleich unschein- und unnahbaren Persönlichkeit aufgewachsen. Sorrentino (Jahrgang 1970) kannte in seiner Kindheit wahrscheinlich keinen anderen Politiker als Andreotti. Wie schon Todd Haynes' Versuch, sich dem Phänomen Bob Dylan auf unübliche Weise zu nähern - I'm Not There wurde richtigerweise überall mit einem Kaleidoskop verglichen - umgeht auch Paolo Sorrentino sämtliche geltenden Konventionen, die man normalerweise einhält, wenn man sich filmisch einem Politiker annähern will. Es fehlt beispielsweise ein klarer Aufbau. Wer sich nicht mit der Thematik auskennt, wird sich schnell verloren fühlen und sich verzweifelt an wiederkehrenden Motiven festhalten, wobei das einzige wirklich durchgehende Motiv von Il divo Giulio Andreotti selbst ist. Der Film passt sich seiner Hauptfigur in jedem Charakterzug an. Wortreiche Dialoge sind eine Seltenheit, Durchsichtigkeit stellt sich nie ein. Erst im letzten Akt, als es auf den berühmten Mafia-Prozess zugeht, kehrt filmische Normalität ein. In den zuvor gesehenen 80 Minuten reihen sich Ausschnitte aus Andreottis Leben aneinander, die zwar miteinander verknüpft, aber äusserst kompliziert sind. Es ist ein unmögliches Unterfangen, alle eingewobenen Seitenhiebe und Anspielungen, die Il divo einem bietet, zu erkennen. Andererseits schuf Sorrentino in seinem Film durchaus auch Raum für etwas Intimität, die sich vor allem in den wenigen Gesprächen des Ehepaares Andreotti widerspiegelt. Und auch der für Italien typische Humor, der zum Beispiel in der Komödie Non Pensarci erstklassig vorgetragen wurde, kommt nicht zu kurz. Hintergründige oder sarkastische Einzeiler finden sich an den unglaublichsten Stellen, das Parlament ist sowieso ein lebender Witz und es wird auch mit einem herrlichen Augenzwinkern auf die Eigenheit der italienischen Politiker, plötzlich mysteriösen "Unfällen" zum Opfer zu fallen, hingewiesen.

Der Untertitel des Films, La straordinaria vita di Giulio Andreotti (Das aussergwöhnliche Leben des Giulio Andreotti), übertreibt keineswegs. Die schweigsame Schlaftablette, als die Andreotti dargestellt wird, scheint ein eindeutiger Beleg dafür zu sein, dass stille Wasser tief sind. Toni Servillo, der für den Film in die Rolle von Andreotti geschlüpft ist, überzeugt im beinahe regungslosen Zustand. Während er in Gomorra nur in einer Nebenrolle zu sehen war, ist er in Il divo in nahezu jeder Szene anwesend. Und in jeder Szene hat er bzw. Andreotti die totale Kontrolle über das Geschehen. Schüttelt ihm jemand die Hand, lässt er sie schütteln, gibt er eine Anweisung, wird sofort gehorcht, sagt er etwas, sind alle Augen auf ihn gerichtet. Ebenso beeindruckend ist die allgegenwärtige Ruhe des Mannes. Selbst wenn sich das Parlament im Ausnahmezustand befindet, wartet er seelenruhig darauf, dass es weitergeht. Auch der Spitzname "Il Divo", der in radikalem Widerspruch zur Meinung des Magazins "Panorama" steht (es taufte ihn "Belzebù"), trifft zu. Während Andreottis Mitstreiter, die nach Art eines Leone-Westerns eingeführt werden, einer nach dem anderen von Attentaten oder von der Justiz aus dem Verkehr gezogen werden, scheint er selbst unverwundbar zu sein.

Il divo geht nicht nur in der Erzählweise locker mit den üblichen Vorgaben an einen Film um, er ist auch bildlich relativ eigen. Dies trägt zwar teilweise etwas exzentrische Züge - die Skateboard-Szene in der Mitte des Films hat den unangenehmen "What the hell?!"-Effekt - ist aber ansonsten recht wirksam und vermag durchaus zu überzeugen.

Paolo Sorrentino hat Giulio Andreotti ein zweifelhaftes Denkmal gesetzt, was an seiner Unangreifbarkeit aber wohl nicht allzu viel ändert. Dennoch beeindruckt Il divo mit einer wortlosen Eloquenz, eleganten Bildern, satirischem Unterton und einem Toni Servillo in Hochform. Der Reigen dauert knapp 110 Minuten und hinterlässt genug Gesprächsstoff, um sich den Rest des Tages zu vertreiben. Sollte man aber auf die Idee verfallen, sich zu notieren, wer im Film mit wem und wieso, dann endet man wie Giulio Andreotti: Mit nicht enden wollendem Kopfweh.

Montag, 20. April 2009

The Boat That Rocked

Fast die ganze Radio-Rock-Crew (v.l.): Simon (Chris O'Dowd), Dave (Nick Frost), Quentin (Bill Nighy), Kevin (Tom Brooke), Felicity (Katherine Parkinson), Gavin (Rhys Ifans), Harold (Ike Hamilton), The Count (Philip Seymour Hoffman), John (Will Adamsdale) und Angus (Rhys Darby). Let's rock!

3 Sterne

Spielt ein Film in den 1960er Jahren, zieht er fast sicher viele Zuschauer an, da diese an ihre Kindheit erinnert werden möchten. Dass dies einige Filmemacher zur Schlampigkeit verleitet, ist eine logische Folge. Richard Curtis' Hommage an die Piratenradios, die damals in der Nordsee ihr Unwesen trieben, ist auf der gleichen Wellenlänge. Über die Schauspieler und den Soundtrack wurde nicht hinausgedacht. Was passiert? Es entsteht ein überlanger Film, der sehr darum bemüht ist, nostalgisch zu wirken, dabei aber eine kohärente Story völlig ausser Acht lässt. Jugenderinnerung hin oder her, lieber Richard Curtis, aber auch dieses Thema ist kein Selbstläufer.

Als sich The Boat That Rocked dem Ende zuneigt, stellt eine Figur die Frage "Which news first? The bad news or the good news?", worauf geantwortet wird "Good news!". Um dem Film gerecht zu werden, sollen auch hier zuerst die positiven Aspekte von Curtis' Film besprochen werden. Das offensichtlichste und zugleich am einfachsten zu erhaltende Lob ist Verneigung vor dem Soundtrack. Leute, die in den 60ern aufwuchsen werden aus dem Schwärmen nicht mehr herauskommen, wenn sie Songs wie "Jumpin' Jack Flash" oder "Father and Son" hören. Doch auch dort gibt es Einschränkungen. Es fehlen essentielle Melodien à la Beatles oder Bob Dylan, was zwar an den Lizenzen liegen wird, den Musikfreund aber dennoch enttäuscht. Wie dem auch sei, der Soundtrack von The Boat That Rocked böte die ideale Grundlage für einen Nostalgietrip in die wilden 60er. Auch die schrägen Figuren hätten als Nährboden für einen wirklich tollen Musikfilm in Richtung High Fidelity dienen können. Auch die Schauspielleistungen würden stimmen. Philip Seymour Hoffman und Bill Nighy machen sich souverän zum Affen. Entsprechend begeistern die beiden arrivierten Schauspieler am meisten. Unterstützt werden sie von erstklassigen Nebendarstellern, die fast ausnahmslos ihre Sache sehr gut machen. Angeführt werden diese von einem Rhys Ifans, der als Kult-DJ Gavin Kavanagh alle Register zieht. Und Nick Frost fühlte sich in seiner Rolle offensichtlich wohl, so wohl, dass er mehrfach oben ohne zu sehen ist. Für einen Mann seines Umfangs ist dies eine mutige Sache. Auch Kenneth Branagh bringt eine witzige Performance, wobei seine Gestik und Mimik sehr an John Cleese erinnern, was einen denken lässt, dass dieser auch eine gute Wahl gewesen wäre. Doch spätestens nach Branaghs zweitem Auftritt ist man mit ihm ebenso zufrieden, wie man es mit Cleese gewesen wäre.

Soviel zu den guten Seiten des Films. Die Negativpunkte sind schnell zusammengefasst. Die grösste Schwäche von The Boat That Rocked ist sein Drehbuch. Die Dialoge und die Musikanspielungen wären ja noch ganz passabel, doch Richard Curtis versteht offenbar nichts vom Entwickeln einer einigermassen sinnvollen Story. 100 lange Minuten ist kein Hauptplot erkennbar, ausser vielleicht Carls (Tom Sturridge) gescheiterte Versuche, entjungfert zu werden. Garniert wird das Ganze mit kleinen Einschüben, die zwar nett anzusehen, aber komplett nutzlos sind. So füllt eine hanebüchene Mutprobe, die sich The Count und Gavin liefern, ganze fünf Minuten, ohne dass diese Szene eine besondere Bewandtnis hätte. Immerhin kommt in der letzten halben Stunde noch so etwas wie eine Geschichte auf, die aber auf unerklärliche Weise die Form eines Katastrophenfilms annimmt. Wenigstens finden sich in dieser Phase des Films die besten Sprüche, sodass man auf den plötzlichen Genrewechsel gelassen reagieren kann. The Boat That Rocked passt storytechnisch hervorragend in Curtis' bisheriges Werk. Auch seine Hits Four Weddings and a Funeral und Love Actually zeichneten sich nicht gerade dadurch aus, dass sie eine gute Story hatten. Ein fast noch grösseres Problem stellt der Humor in The Boat That Rocked dar. Man hätte erwarten dürfen, dass in einem derartigen Film viel britischer Humor steckt. Weit gefehlt! Es gibt kaum je richtig etwas zu lachen. Auch ist der Streifen dafür, dass ein rebellisches Radioteam, welches 24 Stunden am Tag Rock'n'Roll sendet, im Mittelpunkt steht, schlichtweg zu brav. Biss oder Satire sind kaum vorhanden. Die diesbezüglich beste Szene ist die Gegenüberstellung von Weihnachten auf dem Boot und Weihnachten im Haus des Ministers Dormandy, die aber leider viel zu schnell vorbei ist. The Boat That Rocked ist bunt, laut, verfehlt aber auf der humoristischen Ebene das Ziel total. Wie bereits Krabat oder The Chronicles of Narnia: Prince Caspian ist Curtis' Film ein Ausbund an Gemütlichkeit, dem aber entscheidende Elemente zu einem richtig guten Film fehlen. Auch technisch ist der Film bei weitem nicht perfekt. Cutterin Emma E. Hickox pappte mehrmals Bilder der gleichen Einstellung zusammen, was stellenweise ziemlich amateurhaft aussieht.

The Boat That Rocked ist eine vergebene Chance. Die Musik, die Figuren, die Schauspieler - alles hätte gepasst. Doch dieser todsichere Treffer wurde durch ein fades Drehbuch und eine für britische Verhältnisse erschreckende Humorarmut verhindert. So bleibt am Ende lediglich die Freude an den Songs, den Anspielungen und den diversen Schauspielern, die einem teilweise über den schalen Rest hinweghilft. So hat die Nostalgie zumindest ein wenig ihr Ziel erreicht. The Boat That Rocked lässt sich mit einem Zitat von Reverend Timothy Lovejoy aus den Simpsons am besten zusammenfassen: "This sounds like Rock and/or Roll!"