Donnerstag, 14. März 2019

Captain Marvel

20 Einträge ins Marvel Cinematic Universe (MCU) – gut 43 Stunden Film – mussten verstreichen, bevor Disneys Marvel Studios mit Captain Marvel ihr erstes Superheldinnenabenteuer präsentierten. Es ist eine undankbare Aufgabe in jeder Hinsicht – für die Regisseure Anna Boden und Ryan Fleck, für die Hauptdarstellerin Brie Larson wie auch für die von ihr gespielte Titelheldin.

Letzterer wird im heiss erwarteten Marvel-Mega-Crossover Avengers: Endgame, der schon in einem guten Monat weltweit in die Kinos kommen wird, nämlich wohl die Aufgabe zufallen, nach dem verheerenden Paukenschlag-Ende von Infinity War den Avengers-Karren aus dem Dreck zu ziehen. Es steht fünf vor zwölf im MCU, die dem Publikum seit Jahren geläufigen Helden sind am Boden – und Captain Marvel muss nicht nur die Retterin in der Not auf die Schnelle einführen, sondern auch die Erwartungen erfüllen, die ein derart signifikanter Schritt in der Franchisengeschichte schürt.

Entsprechend gehen Boden und Fleck, bisher mit leisen Independent-Produktionen wie Half Nelson (2006) und It's Kind of a Funny Story (2010) in Erscheinung getreten, in ihrem Blockbuster-Debüt keine Risiken ein. Erzählerisch hakt Captain Marvel die klassischen Marvel-Versatzstücke ab, die man aus anderen Superhelden-Herkunftsgeschichten kennt (Iron Man, Doctor Strange) und verlässt sich statt auf Innovation auf den Unterhaltungswert seiner Prämisse und die Chemie zwischen seinen Figuren.

Die Rechnung geht überwiegend auf. Im Stile eines Star Trek-Films strandet Brie Larson als Alien-Soldatin Vers im Jahre 1995 in Los Angeles, wo sie sich mit dem jungen Geheimagenten – und späteren Avengers-Anführer – Nick Fury (Samuel L. Jackson) anfreundet und einer galaktischen Verschwörung auf die Spur kommt.

Die Alien-Soldatin Vers (Brie Larson) muss sich im Los Angeles der Neunzigerjahre zurechtfinden.
© Marvel Studios
Wie Leonard Nimoys Star Trek IV: The Voyage Home (1986) oder Justin Lins Star Trek Beyond (2016) ist Captain Marvel ein mit unverkrampfter Gewissenhaftigkeit vorgetragenes Alien-Abenteuer mit sympathischen Protagonistinnen, unscharf umrissenen Nebenfiguren und Konflikten, dezent integrierter Neunzigerjahre-Nostalgie und wohl dosierter Gesellschaftskritik, die sich hier gegen die amerikanische Politik des konstanten Kriegsführung richtet. Dabei erweisen sich Vers und Fury als einnehmendes Duo, dessen Foppereien so manche formelhafte Szene als emotional wertvollen Moment wirken lassen.

Während der digital verjüngte Jackson so befreit aufspielt, wie man es im MCU noch nie von ihm gesehen hat, verleiht Oscarpreisträgerin Larson (Room) Marvels neuester Kinoheldin genau das richtige Mass an selbstbewusster Lakonie. Mit dem süffisanten Lächeln, das selbst in den scheinbar aussichtslosesten Situationen ihr Gesicht umspielt, gibt sie sowohl dem Publikum als auch ihren Gegnern auf der Leinwand zu verstehen, dass man ihre Macht auf eigene Gefahr unterschätzt. In einem männlich dominierten Universum, in dem existenzielle Selbstzweifel zur Grundausstattung einer Heldenfigur gehören, bildet ihre Vers die erfrischende Ausnahme: Sie muss sich niemandem beweisen – nicht Fury, nicht ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law), zuallerletzt den sexistischen Internettrollen, die den Film wie auch Larson bereits seit Monaten heimsuchen.

Captain Marvel die Figur reisst also mit, wo Captain Marvel der Film lediglich befriedigt. Doch das genügt, um der kurz- und langfristigen Zukunft des MCU mit neuem Optimismus entgegenzublicken: Nicht nur wird ihre Präsenz in Avengers: Endgame eine Bereicherung sein; sie hat auch das Zeug dazu, zur Speerspitze einer wahrhaftig neuen Phase des modernen Superheldenkinos zu avancieren.

★★★

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