Samstag, 4. August 2018

Trailer: "If Beale Street Could Talk"



"Bis zur Weltpremiere am Toronto International Film Festival dauert es noch einen guten Monat, doch schon jetzt – nicht zuletzt dank dieses herausragenden Trailers – gilt Barry Jenkins' If Beale Street Could Talk als ernstzunehmender Oscar-Kandidat. Wir freuen uns."

Ganzer Artikel auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Freitag, 27. Juli 2018

Kritik in Kürze: "Jurassic World: Fallen Kingdom", "Ocean's Eight", "Tully"

Jurassic World: Fallen Kingdom – ★★

Nachdem der zweite Zyklus der Jurassic Park-Franchise mit Colin Trevorrows Jurassic World (2015) einen recht vielversprechenden Anfang nahm, ist J. A. Bayonas Fortsetzung Fallen Kingdom nur noch halbgarer Unsinn. Immerhin hat sich der Unterhaltungswert einigermassen gehalten – wenn auch vor allem dank der haarsträubenden Unglaublichkeit dessen, was auf der Leinwand geschieht.

Drei Jahre, nachdem der Dinosaurier-Vergnügungspark "Jurassic World" von seinen Exponaten überrannt wurde, sind diese wegen eines bevorstehenden Vulkanausbruchs vom erneuten Aussterben bedroht. Dies wollen Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) und Owen Grady (Chris Pratt), die Helden des Vorgängers, verhindern, haben jedoch die Rechnung ohne die finsteren Geschäftsmänner gemacht, die aus Dinosauriern weiterhin Profit schlagen wollen.

Jurassic Park war noch nie die subtilste oder realistischste Hollywood-Reihe. Doch Fallen Kingdom schiesst den Pteranodon ab. Flache Protagonisten treten an gegen klischierte Schurken, die mit ihrer motivationslosen Boshaftigkeit bisweilen an die kulleräugigen, Hände reibenden, Schnurrbart tragenden Antagonisten der Stummfilmzeit erinnern. Hinzu kommen deplatzierte Dialogzeilen, hanebüchen konstruierte Szenarien, grinsende (!) Dinos und ein Schauplatz- und Stimmungswechsel, der sich – inmitten eines Abenteuerfilms mit prähistorischen Reptilien – um eine Prise Gothic-Horror bemüht. Das ist dermassen wahnwitzig, dass man es eigentlich gesehen haben muss.



Ocean's Eight – ★★★★

Reboots treten oft eine Diskussion darüber los, wie "nötig" eine Wiederaufnahme bekannter Stoffe ist. Über diese im Kern nicht unberechtigte Frage kann man endlos reden. In Fällen wie Ocean's Eight, Gary Ross' ausschliesslich weiblich besetzter Antwort auf Steven Soderberghs allseits beliebte Ocean's-Trilogie – ihres Zeichens selbst Remakes –, kann man sich die Debatte aber auch schenken und sich einfach am Spass erfreuen, den der Reboot bereit hält.

Ocean's Eleven (2001) gilt mittlerweile zu Recht als Neo-Klassiker des leicht verdaulichen, starbesetzten Hollywood-Entertainments: In rasant vorgetragenen zwei Stunden vollführen George Clooney, Brad Pitt, Matt Damon und viele andere bekannte Gesichter einen Raubzug durch die Casinos von Las Vegas, vom Stilisten Soderbergh gewohnt brillant inszeniert.

Gary Ross (Pleasantville, The Hunger Games) mag kein Regisseur seines Kalibers sein, doch sein Ocean's Eight übertrifft Soderberghs Sequels Twelve (2004) und Thirteen (2007) dennoch mühelos. Ausgestattet mit einem sichtlich hoch motivierten Cast (Sandra Bullock, Cate Blanchett, Mindy Kaling, Sarah Paulson, Helena Bonham Carter, die Musikerinnen Rihanna und Awkwafina), lässt Ross einen perfekt aufgezogenen Juwelenraub über die Bühne gehen – angeführt von Debbie (Bullock), der entfremdeten Schwester von Clooneys Danny Ocean.

Der Film bietet genau das, was von einer sommerlichen Langfingerkomödie erwartet werden darf: witzige Sprüche, sympathische Charaktere und ein gesundes Mass an Spannung, nicht zuletzt deshalb, weil das Publikum – wie in Soderberghs Logan Lucky (2017) – lange nicht in die Details von Debbies Plan eingeweiht wird. So ist Ocean's Eight ein mustergültiges Starvehikel Marke Hollywood: leicht, kurzweilig und durchgehend unterhaltsam.



Tully – ★★

Marlo (Charlize Theron) ist gerade zum dritten Mal Mutter geworden. Das Baby hält sie die ganze Nacht wach, ihre Kinder im Grundschulalter bringen ihre eigenen Probleme mit sich, und Ehemann Craig (Mark Duplass) ist im Alltag keine grosse Hilfe. Das alles ändert sich schlagartig, als die Nacht-Kinderbetreuerin Tully (Mackenzie Davis) auftaucht, um Marlo zur Hand zu gehen.

Tully ist die dritte Zusammenarbeit zwischen Regisseur Jason Reitman (Thank You for Smoking, Up in the Air) und Drehbuchautorin Diablo Cody (Jennifer's Body, Ricki and the Flash) – und ihre bisher schwächste. Juno (2007) bestach mit scharfzüngigen Dialogen und hervorragender Figurenzeichnung, Young Adult (2011) mit emotionaler Reife und authentischen Konflikten. Tully wiederum beginnt als ein erfrischend unromantischer Blick aufs Muttersein, bevor er sich ohne Not in die Belanglosigkeit manövriert.

Das ist ein Jammer, denn Charlize Theron glänzt hier mit ihrer besten Darbietung seit Mad Max: Fury Road (2015). Ihre Darstellung mütterlicher Überforderung – und mütterlichen Kinderüberdrusses – ist ein starker Gegenentwurf zu den idyllischen Vorzeigefamilien, die einem das Kino immer wieder verkauft. Reitman und Cody tun Theron wahrlich keinen Gefallen damit, sie in ein uninspiriertes, ärgerlich vorhersehbares Stück magischen Realismus zu werfen, das letztendlich weniger wie ein ehrliches Familienporträt als wie eine verunglückte Twilight Zone-Episode wirkt.

Mittwoch, 25. Juli 2018

Pope Francis: A Man of His Word

Nur wenigen Künstlern der jüngeren Vergangenheit standen die Tore zum Vatikan so weit offen wie dem grossen deutschen Regisseur Wim Wenders während seiner Arbeit am Papst-Portrait Pope Francis: A Man of His Word. In grosses Kino konnte er diesen Zugang aber nicht ummünzen.

Angestossen wurde das Projekt 2013 – kurz nach der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum 266. Papst, Franziskus I. – vom Vatikan selber. Entsprechend wäre es vermessen zu erwarten, Wenders würde hier einen kritischen Blick auf die brennenden Fragen werfen, denen sich die katholische Kirchenelite auch in der Ära Franziskus überwiegend entzieht. Doch wenn The Salt of the Earth (2014), Wenders' bewegender Dokumentarfilm über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, etwas demonstriert hat, dann, dass dieser Regisseur auch in filmischen Huldigungen zu Anregendem fähig ist.

Diese Eigenschaft lässt A Man of His Word leider vermissen. Wenders zieht sich politisch aus der Affäre, indem er Franziskus nicht in einen institutionellen, sondern einen historischen Kontext stellt: Für ihn steht der argentinische Pontifex ausserhalb der nebulösen Machenschaften hinter den vatikanischen Mauern, umhüllt von seiner jesuitischen Bettelpriester-Aura – ein Erbe des heiligen Franz von Assisi, den Wenders in Vignetten im Stummfilm-Stil auftreten lässt.

Das ist eine durchaus legitime Perspektive. An der Spitze der katholischen Kirche steht ein Mann von bewundernswerter Authentizität – von seinem Festhalten an den umstrittenen Dogmen der Institution einmal abgesehen. Franziskus verzichtet auf den päpstlichen Pomp seiner Vorgänger – von der Kleidung über das Dienstfahrzeug bis hin zum Wohnsitz – und bleibt damit den Themen treu, die ihn bereits als Pfarrer, Bischof und Kardinal Bergoglio umtrieben: der Förderung des interreligiösen Dialogs und dem Kampf gegen Armut, wirtschaftliche und soziale Ungleichheit sowie die Ausbeutung der Natur durch den Menschen.

Papst Franziskus: das lachende Gesicht der katholischen Kirche.
© Universal Pictures International Switzerland
Tatsächlich ist es erfrischend, einem amtierenden Papst dabei zuzusehen, wie er in die Kamera lächelt, sich direkt ans Publikum richtet und ebenso prinzipientreu wie humorvoll seine Philosophie darlegt. Diese Privataudienzen wechseln sich ab mit zahlreichen Archivaufnahmen aus Franziskus' ersten sechs Amtsjahren sowie den letztlich unnötigen Franz-von-Assisi-Einspielern mit Ignazio Oliva in der Hauptrolle. Im Zentrum steht Franziskus; sein Leben als Jorge Mario Bergoglio wird fast gänzlich ausgeblendet.

In seiner Gesamtheit ist A Man of His Word also primär ein Zusammenschnitt dessen, was der Pontifex seit seinem Amtsantritt erlebt hat, wohin er gereist ist, wen er besucht hat. Hier begrüsst er die Obamas, die Trumps, Erdoğan und Putin; dort moderiert er ein Treffen zwischen dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas und dem israelischen Ex-Premier Shimon Peres. Hier steht er den Opfern eines Tropensturms auf den Philippinen bei; dort trifft er Flüchtlinge auf Lampedusa. Im Gespräch mit Wenders erzählt er von der spirituellen Brüderlichkeit zwischen ihm und Ahmed el-Tayeb, einer der höchsten Instanzen des sunnitischen Islam.

Der Dialog zwischen den Menschen ist eines von Franziskus' Kernanliegen.
© Universal Pictures International Switzerland
Wenders, den die vatikanischen Produzenten frei über die Endfassung des Films verfügen liessen, zeigt vieles, geht aber auf wenig ein. Als Erzähler beschränkt er sich vorab auf schwärmerische rhetorische Fragen, als Interviewer tritt er nicht in Erscheinung, als Archivar pflügt er mehr oder weniger planlos durch die öffentlichen Auftritte von Franziskus.

Und auch die Faszination der päpstlichen Präsenz auf der Leinwand läuft sich – auch wegen des allzu zaghaften Schnitts – irgendwann tot. Franziskus' Forderungen nach mehr wirtschaftlicher Parität und einer Kultur des empathischen Zuhörens werden nicht stärker, wenn sie in vier separaten Interviewfetzen mit leicht abgeänderten Formulierungen wiederholt werden.

Wenders' Dokumentation liefert keine neuen Einblicke oder Erkenntnisse. Sie gibt sich damit zufrieden, einen wohlwollenden Blick auf eine grundsympathische Figur von Weltrang zu werfen. Wer Franziskus mag, wird mit einem Highlight-Reel belohnt. Wem der Sinn nach nuanciertem, wahrlich inspiriertem Kino steht, muss anderswo fündig werden.

★★

Donnerstag, 19. Juli 2018

The First Purge

Konzipiert von Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco und produziert vom Horrorstudio Blumhouse (Paranormal Activity, Insidious, Get Out), dreht sich die Purge-Reihe um ein dystopisches Amerika, in dem einmal im Jahr zwölf Stunden lang fast sämtliche Gesetze ausgesetzt werden, was jeweils zu blutigem Chaos auf den Strassen führt. Bekannt ist der perverse Feiertag als "Purge".

Es ist die wohl bizarrste Franchise, die derzeit durch Hollywood geistert. Keiner der inzwischen vier Filme hat es über ein lauwarmes Presseecho hinaus geschafft, keiner fiel komplett durch. Dank vergleichsweise kleiner Budgets können alle als kommerzielle Erfolge verbucht werden; doch zum Kultphänomen wurde The Purge trotzdem nicht. Dennoch wird im September die erste Staffel einer TV-Adaption ausgestrahlt.

Das Eigentümlichste an DeMonacos Kreation ist die Diskrepanz zwischen filmemacherischer Qualität und den Ideen, die dem Ganzen zugrunde liegen. Die Filme pflegen eine Low-Budget-Ästhetik voller schummrig beleuchteter, nebliger Schauplätze, mit denen der Blumhouse-Sparkurs zur stilistischen Handschrift erhoben werden soll. Das allein ist natürlich nicht nur legitim, sondern sogar bewundernswert – ein Hauch von Roger-Corman-Effizienz. Leider aber macht diese Taktik auch vor delikateren Aspekten des Filmhandwerks nicht Halt: vor dem Schnitt etwa, der Kameraführung oder dem Drehbuch. Im Purge-Universum sind überzeugende Figuren und stringente Plots Mangelware.

Und dennoch scheint es, als hätte DeMonaco, als er 2013 The Purge in die Kinos brachte, den Zeitgeist getroffen. Die Handlung war stumpfsinnig, die Charaktere ohne Profil und Tiefe – aber die Vision eines theokratischen Waffenkults an der Spitze der US-Regierung, der mit einer staatlich sanktionierten Gewaltorgie die Gesellschaft von Kriminalität und Armut säubern will, war und ist eine anregende Zuspitzung moderner republikanischer Politik. Blieb dieser satirische Ansatz in The Purge noch angedeuteter Subtext, der sich das Rampenlicht mit einem Nebenplot über vorstädtische Höflichkeitsfassaden teilen musste, wurde er in DeMonacos Sequels Anarchy (2014) und Election Year (2016) konkreter bearbeitet. Im Prequel The First Purge, dem ersten Purge-Film ohne DeMonaco auf dem Regiestuhl, erreicht er einen geradezu radikalen Höhepunkt.

Auf Staten Island wird gegen das Purge-Pilotprojekt demonstriert. Mit dabei ist auch Protagonistin Nya (Lex Scott Davis, Mitte).
© Universal Pictures International Switzerland
Anders als die drei Vorgänger spielt Gerard McMurrays Inszenierung von DeMonacos Drehbuch nicht in der Zukunft, sondern im Jahr 2014 – dem Jahr, in dem die neu an die Macht gekommene "New Founding Fathers of America"-Partei (NFFA) den Purge-Pilotversuch startet. Entworfen wurde das Experiment von der Verhaltensforscherin Dr. May Updale (Marisa Tomei), die darauf hofft, damit den Blutdurst der Menschen ein Jahr lang stillen zu können. Zum Schauplatz wurde New Yorks Staten Island erkoren.

Ausserhalb des Filmuniversums ist 2014 auf Staten Island etwas anderes passiert: Am 17. Juli konfrontierte die New Yorker Polizei den 43-jährigen Afroamerikaner Eric Garner wegen des illegalen Verkaufs von Zigaretten. Nach einer kurzen verbalen Auseinandersetzung wurde er von insgesamt fünf Polizisten eingekreist und von Officer Daniel Pantaleo zu Boden gedrückt. Auf einem Video des Vorfalls ist zu hören, wie Garner elfmal "I can't breathe" sagt, bevor er das Bewusstsein verliert. Auf dem Weg ins Krankenhaus erlitt er einen Herzinfarkt und wurde wenig später für tot erklärt. Gegen Pantaleo wurde keine Anklage erhoben.

Garners Tod sorgte für hitzige Diskussionen über Polizeibrutalität in den USA. Black Lives Matter (BLM) veranstaltete Grossdemonstrationen in seinem Gedenken. Im selben Jahr wurden John Crawford III, Michael Brown, Tamir Rice und viele andere Schwarze unter ähnlichen Umständen getötet. Dasselbe gilt für die Jahre 2015, 2016, 2017 und 2018. Rechtliche Konsequenzen für die Täter bleiben eine Seltenheit.

Nya und ihr Bruder Isaiah (Joivan Wade) versuchen, der nächtlichen Gewaltorgie zu entkommen.
© Universal Pictures International Switzerland
The First Purge nimmt trotz ausschliesslich schwarzer Protagonisten nicht explizit Bezug auf diesen Kontext, doch jede Debatte über McMurrays Film ist unvollständig ohne die Berücksichtigung von BLM, Garner, Brown, Crawford, Rice und deren leider unzähligen Schicksalsgenossen, von Trayvon Martin über Alton Sterling bis Philando Castile. Nicht umsonst endet der Film mit Kendrick Lamars inoffizieller BLM-Hymne "Alright": "We hate po-po / Wanna kill us dead in the street fo sho'".

Natürlich ist DeMonacos Skript keine ausgeklügelte Parabel. Es setzt vorab auf bewährte – teils möchte man auch sagen: altbackene – Genre-Strategien und -Figurenkonstellationen. Hier der gutherzige Drogenkönig (Y'lan Noel), seine Kriminalität verachtende Ex-Freundin (Lex Scott Davis) und deren Bruder (Joivan Wade), dort ein überzeichneter Bösewicht (Rotimi Paul), dessen lächerlicher Sadismus wohl ein Kommentar auf die verheerenden Folgen des "War on Drugs" sein soll.

Auch McMurray und seine Crew erfinden das Franchisenrad nicht neu. Nebel und Dunkelheit stehen weiterhin auf der visuellen Tagesordnung; oft wird erzählt statt gezeigt. Und auch der vierte Teil kommt nicht ohne unnötige Momente, Logiklöcher, Schnittfehler und ins Leere laufende Handlungsstränge aus.

Weisse Milizen treiben ihr Unwesen während der Purge.
© Universal Pictures International Switzerland
Doch die Momente, in denen The First Purge offen politisch wird, entschädigen für jede haarsträubende Frustration. Sie mögen mit der Subtilität eines Vorschlaghammers vorgetragen werden, doch irgendwie passt das zu diesem ungestümen, dreckigen Billig-Thriller. Szenen wie jene, in der Lex Scott Davis' Figur einen in einem Gully versteckten Angreifer, der ihr zwischen die Beine fassen will, mit Pfefferspray abwehrt und als "Pussy-grabbing motherfucker" beschimpft, ist Szenenapplaus wert. Anderswo – fast schon an der Grenze des guten Geschmacks – erschiessen als Polizisten verkleidete Purger Afroamerikaner in einem Sportstadion, begleitet von "America the Beautiful". Es ist der zur Horrorvision weiter gedachte Hass, den die schwarzen Footballspieler erfahren, die in der NFL seit einigen Jahren aus Protest gegen Polizeibrutalität während der Nationalhymne auf die Knie gehen.

Stellenweise ist es angesichts des aktuellen Diskurses in den USA nicht einmal übertrieben, die giftigen Provokationen von McMurray und DeMonaco als mutig zu bezeichnen. Nach und nach kristallisiert sich nämlich eine Jagd von NFFA-finanzierten Milizen auf die Minderheitenbevölkerung Staten Islands heraus. Eingeführt werden diese als weisse Biker mit eisernen Kreuzen auf ihren Fahnen. Wenig später treffen die Protagonisten auf eine Wagenladung Paramilitärs mit Ku-Klux-Klan-Kapuzen. Unter den SWAT-Masken eines Familien ermordenden NFFA-Trupps stecken blonde, blauäugige Quasi-Arier.

Auch Nyas Ex-Freund, der Drogenbaron Dmitri (Y'lan Noel), wird während der Purge-Nacht bedroht.
© Universal Pictures International Switzerland
McMurray und DeMonaco stellen so einen direkten Zusammenhang zwischen der US-Regierung und weissem Ethnonationalismus her – Charlottesville lässt grüssen. Auf eine derartige Bedrohung gibt es in einem Purge-Film nur eine Reaktion: bewaffneten Widerstand. Dass dieser von einem schwarzen Drogendealer ausgeht, illustriert, wie sehr sich diese Franchise mitunter in ihren Metaphern verheddert. Wird hier ein Krimineller zum Retter der Minderheiten erhoben, oder benutzt der Film ihn als Vorwand, um seine nachgerade fetischisierende Darstellung des Blutbads in den KKK-Reihen zu relativieren? Beide Interpretationen sind problematisch.

Und doch haben dieser Film und diese Franchise, in ihrer ganzen chaotischen Widersprüchlichkeit, einen Wert. The First Purge ist wütend, unfokussiert und aktivistisch, bisweilen pubertär und blutrünstig. Er bricht Tabus, macht Fehler, vergreift sich in der Ausdrucksweise. Es ist nicht der Film, den die antirassistischen Bewegungen in den USA, allen voran Black Lives Matter, verdienen. Aber er ist ein weiteres Indiz dafür, wie stark sie die Kultur inzwischen prägen. Gut so.

★★★

Montag, 16. Juli 2018

Hereditary

© Ascot Elite

★★★★

"Aster gelingt es, mit subtilen Details – von der Kamerabewegung über die Beleuchtung bis hin zum Dekor – eine ungemein effektive Atmosphäre von Bedrohung und Paranoia zu schaffen. Die Handlung ist hervorragend konzipiert und erwischt das Publikum Mal um Mal auf dem falschen Fuss. Die Szenen, in denen das Grauen direkt in Erscheinung tritt, hallen tagelang nach."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Dienstag, 26. Juni 2018

Sweet Country

"What chance has this country got?"

Mit diesem Satz, gesprochen vom weissen Prediger Fred Smith (Sam Neill), endet Warwick Thorntons Sweet Country. Er fasst zusammen, was der bildstarke Outback-Western in den vorangegangenen zwei Stunden unter seiner Genre-Oberfläche verhandelt hat: die verheerenden Folgen von Kolonialismus und die kollektive Schuld am Fortbestehen seiner Mechanismen.

"What chance has this country got?" ist eine ernst gemeinte Frage und ein politisches Statement. Regisseur und Kameramann Warwick Thornton, international bekannt dank seines Spielfilmdebüts Samson and Delilah (2009), ist ein Vertreter der Aborigines, der indigenen Bevölkerung Australiens, deren Misshandlung durch die britische Kolonialmacht und später den australischen Staat in der Gesellschaft bis heute nicht adäquat aufgearbeitet wurde.

Die brutale Unterjochung und der kulturelle Genozid an einer ganzen Zivilisation – und die unzulängliche Auseinandersetzung damit – haben dazu geführt, dass Aborigines heute noch persönlichem und strukturellem Rassismus ausgesetzt sind: Zwischen ihnen und weissen Australiern klafft ein sozialer, ökonomischer und politischer Graben. Wie kann man unter diesen Umständen behaupten, das Projekt Australien sei geglückt – gerade auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise auf Nauru, wo die australische Regierung eine bestürzend ähnliche Politik an den Tag legt wie zu Zeiten der "gestohlenen Generationen"?

Sweet Country evoziert diese Assoziationen mit einer trügerisch simplen Geschichte – einer Art Umkehr von John Fords The Searchers (1956). Fred Smith, der eingangs erwähnte Prediger, lebt gemeinsam mit dem Aborigine Sam Kelly (grossartig: Hamilton Morris), dessen Ehefrau Lizzie (Natassia Gorey-Furber) und deren Nichte Lucy (Shanika Cole) im Outback des Northern Territory. Anders als die anderen weissen Bauern in der Umgebung sieht Fred Sam und Lizzie nicht als seinen Besitz an, sondern behandelt sie als Gleichwertige.

Nachdem der Aborigine Sam Kelly (Hamilton Morris) einen weissen Bauern in Notwehr erschiesst, flieht er mit seiner Ehefrau Lizzie (Natassia Gorey-Furber) ins Outback.
© Praesens Film
Zwei dieser anderen Farmer sind der dauerbetrunkene Erstweltkriegsveteran Harry March (Ewen Leslie) und der mürrische Mick Kennedy (Thomas M. Wright). Nachdem Kennedy March zwei Arbeitskräfte leiht – den Jungen Philomac (Tremayne und Trevon Doolan) und den erfahrenen Archie (Gibson John) –, kettet March den Jüngeren an einen Stein, weil er ihn für einen Dieb hält. Über Nacht gelingt Philomac die Flucht auf Fred Smiths Hof. Doch dieser ist mit Lucy in der Stadt, und Sam und Lizzie ahnen nichts von Philomacs Anwesenheit. Als March wutentbrannt und mit einem Gewehr in der Hand verlangt, die beiden sollen ihm den Jungen ausliefern, erschiesst Sam ihn in Notwehr. Daraufhin flieht er mit Lizzie ins Outback, während sich in der Stadt um Sergeant Fletcher (Bryan Brown) ein Suchtrupp bildet.

Die Thesen, die Thornton hier entwickeln will, beruhen auf einem wesentlich differenzierteren Verständnis von kolonialem Rassismus als jenem längst überholten Hollywood-Mythos, nach dem Rassismus einzig das Resultat persönlicher Vorurteile ist und somit nur von fehlgeleiteten Individuen begangen wird. Insofern erinnert sein Film ein wenig an James Grays postkolonialen Abenteuerfilm The Lost City of Z (2016), der den lobenswerten und überwiegend erfolgreichen Versuch unternahm, die wahnwitzige Naivität dieser Perspektive zu entlarven. Doch Thornton, wohl nicht zuletzt dank seiner intimen Nähe zum Thema, geht noch tiefer: Er setzt sich über theoretische Feststellungen hinweg und schafft es, nicht nur die gesellschaftlichen, sondern auch die emotionalen Konsequenzen dessen freizulegen, was den Aborigines angetan wurde.

Der Titel des Films ist in dieser Hinsicht programmatisch. "There's some sweet country out there", berichtet Sergeant Fletcher seiner Geliebten (Anni Finsterer). Ignoriert man den Kontext und die Stossrichtung dieser Äusserung, muss man ihm Recht geben: Selbst in den kargsten Flecken des Outbacks findet Thorntons Kamera atemberaubende Schönheit – von der Farbenpracht eines Wüstensonnenuntergangs bis hin zum blendenden Weiss einer Salztonebene.

Grund für die tödliche Auseinandersetzung zwischen Sam und dem Bauern war der junge Philomac (Tremayne und Trevon Doolan).
© Praesens Film
Doch Kontext ist nun einmal alles. Auf seiner Jagd nach Sam und Lizzie hat sich Fletcher von Archie, Mick Kennedys indigenem Vorarbeiter, durch dieses "sweet country" führen lassen, hat sich sagen lassen, dass es sich dabei um unbesetztes Stammesland handelt. Nun will er dorthin zurückkehren – um den Boden für sich zu beanspruchen, Rinder zu züchten und den weissen Frontier-Traum auszuleben. Der Blutzoll, den diese Beanspruchung von unkolonisiertem Land fordert, ist unübersehbar: Immerhin hinterliess das Aufeinandertreffen von Fletchers Suchtrupp und einem unkolonisierten Stamm einen erschlagenen Weissen und zwei erschossene Aborigines. Weniger offensichtlich hingegen sind die psychologischen Wunden, welche mit dieser weissen Expansion einhergehen.

Sweet Country ist geprägt von der Mythologie der Aborigines, insbesondere dem global bekannten Konzept der Traumzeit – der Idee einer "raum- und zeitlosen Welt, aus der die reale Gegenwart in einem unablässigen Schöpfungsprozess hervorgeht", um die Wikipedia-Definition zu bemühen. Dies bezeugt schon Thorntons Inszenierung des Drehbuchs von Steven McGregor und David Tranter: Die an sich chronologische Handlung ist durchsetzt von abrupt eingefügten Szenenskizzen, die mal vor-, mal zurückblenden. Über dem Geschehen hängt eine bizarre Zeitlosigkeit – Wochen verstreichen, ohne dass das Publikum visuell darauf aufmerksam gemacht wird; einzelne Momente werden gedehnt; eine Uhr, die Philomac auf dem toten Harry March findet, ist ein ebenso prominentes wie nutzloses Artefakt.

Teil des Suchtrupps, der Jagd auf Sam und Lizzie macht, ist der gutherzige Prediger Fred Smith (Sam Neill), auf dessen Farm die beiden gelebt haben.
© Praesens Film
Eines der wichtigsten Elemente der Traumzeit, welche in den Glaubenssystemen sämtlicher Aborigines-Stämme eine zentrale Rolle spielt, ist jedoch die Bedeutung, die sie bestimmten physischen Orten beimisst. Felsen, Bäume und Quellen, aber auch ganze Regionen, tragen die Spuren von Traumzeit-Ereignissen. Gemäss der jahrtausendealten Tradition – der weltweit ältesten ihrer Art – gehören die Menschen dem Land, nicht umgekehrt.

Die Kolonisierung Australiens und die darauf folgende, staatlich erzwungene Assimilierung der indigenen Bevölkerung zerstörte somit Kultur- und Stammeskontinuitäten, die über unzählige Generationen herangewachsen waren. In dieser gewaltsamen Entwurzelung einer ganzen Volksgruppe liegt die grundlegende Tragik von Sweet Country. Archie muss gestehen, dass er sich im Northern Territory nicht auskennt: Sein Stamm, aus dem er als Kind entführt wurde, lebt weit im Süden. Sein Bruder beklagt die Ausbreitung der Weissen, welche die Aborigines daran hindern, ihre Traumzeit-Rituale durchzuführen. Philomac ist hin- und hergerissen zwischen der Kultur seiner Vorfahren, die für ihn inzwischen wenig mehr als eine Legende ist, und dem Versprechen, ein halbwegs integriertes Mitglied der neuen australischen Gesellschaft zu sein.

Australien, quo vadis?
© Praesens Film
Auch Sam und Lizzie sind gefangen zwischen zwei Welten, in denen für sie kein Platz zu sein scheint. Zwar finden sie sich im Outback problemlos zurecht, doch es fehlt ihnen der soziokulturelle Bezug: Sie haben den Grossteil ihres Lebens im Dienste weisser Bauern verbracht, die sie als ihren Besitz betrachten. Fred Smith hat sie zum Christentum bekehrt. Selbst wenn sie einem der ansässigen Stämme angehören würden, wäre eine Reintegration ein Ding der Unmöglichkeit.

"What chance has this country got?" Sweet Country hält keine optimistischen Antworten auf diese Frage bereit. Thornton zeichnet das Bild eines Landes, das auf ermordeten Ureinwohnern, verschleppten Kindern und geraubtem Boden gebaut ist, und erzählt folgerichtig eine Geschichte, in der scheinbar jeder Akt der Nächstenliebe, jeder Funken Gerechtigkeit und Güte vom vergifteten Erbe des Kolonialismus zunichte gemacht werden kann. Das ist keine tröstliche Vision. Aber es ist die Wahrheit.

★★★★★