Sunday, 6 September 2015

Ricki and the Flash

Nicht zum ersten Mal erzählt Drehbuchautorin Diablo Cody (Juno) von einer, die auszog, um ihre Träume zu erfüllen, nur um Jahre später desillusioniert in die Provinz zurückzukehren, die sie einst so optimistisch hinter sich gelassen hat. In Young Adult, inszeniert von Jason Reitman, war es Charlize Theron in Gestalt der YA-Autorin Mavis Gary, die es von Minneapolis ins Hinterland von Minnesota zurückzog, in der wahnhaften Hoffnung, ihren High-School-Freund wieder für sich zu gewinnen.

In Ricki and the Flash begibt sich die kurz vor dem Konkurs stehende Coverband-Rockerin Ricki Rendazzo – bürgerlich: Linda Brummel –, gespielt von Meryl Streep, auf die Reise von Kalifornien nach Indianapolis, wo sie mit ihrem Ex-Mann Pete (Kevin Kline) versucht, der gemeinsamen Tochter Julie (Streeps Tochter Mamie Gummer) über die Trennung von ihrem untreuen Ehemann hinwegzuhelfen. Doch in Indianapolis sind ihr, mit Ausnahme von Pete und ihrem Sohn Josh (Sebastian Stan), nur die wenigsten freundlich gesinnt: Julie und ihr Bruder Adam (Nick Westrate) haben ihr immer noch nicht verziehen, dass sie sie auf der Suche nach Erfolg zurückgelassen hat; von Petes Freundeskreis wird sie kritisch beäugt; und mit Petes Frau Maureen (die herausragende Audra McDonald) streitet sie sich darüber, wer das Recht hat, sich als emotionale Mutter von Julie, Josh und Adam rühmen zu dürfen.

Wie schon in Young Adult zeichnet sich Codys Skript insbesondere durch seine sorgfältig differenzierte Figurenzeichnung aus, die es dem Zuschauer ermöglicht, sich in Konfliktsituationen in beide Lager hineinzuversetzen. Weder Ricki noch Pete noch Julie noch Rickis Gitarrist und Liebhaber Greg (Rick Springfield) verhalten sich im Laufe des Films durchgehend korrekt – oder wirken grenzenlos sympathisch. Rickis Konservatismus, der in homophoben Äusserungen gegenüber dem homosexuellen Adam kulminiert, macht sie zu einer herausfordernden Protagonistin; Pete ist bisweilen frustrierend passiv; die Beharrlichkeit, mit der Greg um Ricki wirbt, hat etwas Rücksichtsloses an sich; derweil Julies Ablehnung gegenüber ihrer Mutter mitunter überspitzt wirkt.

Mutter und Tochter: Ricki (Meryl Streep, rechts) kehrt vorübergehend zu ihrer entfremdeten Familie zurück, um ihre Tochter Julie (Mamie Gummer, Streeps Tochter) nach deren Scheidung zu trösten.
© Sony Pictures Releasing International
Doch der Film folgt, wie Juno vor ihm, Codys hoffnungsvoller Vision von der dank Toleranz und harter Arbeit funktionierenden Patchwork-Familie. Obwohl Jonathan Demmes stilsichere Inszenierung Rickis reaktionären Ansichten hie und da ein wenig zu sehr zu unterstützen scheint (dem wirkt der ethnisch vielfältige Cast immerhin ansatzweise entgegen), besticht Ricki and the Flash durch seine Motive der Versöhnung und der besonnenen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, den eigenen Fehlern, den eigenen Wünschen.

Man kann Cody vorhalten, dass ihre – lobenswert frauendominierte – Handlung allzu oft den Tonfall wechselt, dass sie einem eine zu bekannte Geschichte mit neuem Anstrich neu verkauft, dass sie es sich mit ihrer Lösung der familiären Probleme der Bummels zu einfach macht. Doch Ricki and the Flash ist einer jener Filme, dessen lebhafte, emotional aufrichtig dargestellte Charaktere die durchaus vorhandenen Probleme der sie umgebenden Erzählung mühelos wettmachen. Ob die versöhnlichen Enden, welche Ricki, Julie, Pete, Josh, Adam, Maureen und Greg letztendlich erreichen, realistisch sind, ist Nebensache. Der Punkt ist, dass sie sie verdienen.

★★★★½

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