Donnerstag, 10. Mai 2018

I Am Not a Witch

© Outside the Box

★★★★

"Die Absurdität dieser Situation entgeht Nyoni keineswegs; doch ihre Satire liegt nicht in der expliziten Persiflage. Vielmehr lässt sie sich auf diese Welt ein, begegnet ihr auf Augenhöhe und lässt all die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten, die Shula erlebt, für sich selbst sprechen. I Am Not a Witch ist grossartig darin, die Diskontinuitäten zwischen Tradition und Moderne aufzudecken."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Dienstag, 8. Mai 2018

This Is America

© Donald Glover / Glassnote Records

"Mit gnadenloser Schärfe verweben hier Glover und Murai Tanz-Memes mit amerikanischem Waffenwahn, (dem buchstäblichen) Jim Crow und – als Glover die Schnellfeuerwaffe auf den Gospel-Chor richtet – dem Terroranschlag von Charleston, South Carolina, bei dem am 17. Juni 2015 ein weisser Nationalist neun schwarze Kirchenbesucher ermordete. Heraus kristallisiert sich ein messerscharf kritischer Blick auf eine Kultur, die sich durch Aufmerksamkeit heischende Manöver – etwa einen shirtlos tanzenden Donald Glover – von der tief in der Geschichte verwurzelten Gewalt des amerikanischen Alltags ablenken lässt."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Mittwoch, 2. Mai 2018

In den Gängen

Seit einigen Jahren zeichnet sich im westeuropäischen Kino eine ganz spezielle Art des Alltagsdramas ab: Unverkennbar mitinspiriert von Ken Loach, dessen sozialistische Filme stets das Ideologische mit dem Emotionalen verbinden, zeigen diese Werke die entmenschlichende Natur von Arbeit unter dem Spätkapitalismus – ganz im marxistischen Sinne.

Die Tragikomödie Samba (2014) von Éric Toledano und Olivier Nakache gehört zu diesem Kanon dazu – ein Porträt des modernen Paris, in dem Freizeit ein unerreichbarer Luxus geworden ist. Im oscarnominierten Deux jours, une nuit (2014) der Dardenne-Brüder opfert Marion Cotillard ein Wochenende, um ihre Arbeitskollegen davon zu überzeugen, sie nicht wegzurationalisieren. Stéphane Brizés La loi du marché (2015) erzählt davon, wie Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer gegeneinander ausspielen. Loach selbst steuerte mit seinem Palme-d'or-Gewinner I, Daniel Blake (2016), einer Tragödie über die Absurdität des ausgehöhlten britischen Sozialstaats, zu diesem inoffiziellen Subgenre bei.

Thomas Stubers In den Gängen, nach einer Kurzgeschichte von Drehbuch-Co-Autor Clemens Meyer, schlägt in die gleiche Kerbe. Schauplatz des Dramas ist ein abgelegener Grossmarkt irgendwo im Leipziger Umland. Hier tritt der junge Christian (der einmal mehr hervorragende Franz Rogowski) seine neue Stelle an: Gemeinsam mit dem alten Grossmarkt-Hasen Bruno (grossartig: Peter Kurth) kümmert er sich um die Getränkeabteilung. Nach Schichtende, lange nach Sonnenuntergang, wartet Christian allein auf seinen Bus, der ihn nach Hause bringt – in seine marode Plattenbauwohnung in einer gesichtslosen Vorstadt.

Trotz leichter Überlänge und einer bisweilen allzu losen Erzählstruktur ist In den Gängen ein subtiles, äusserst menschliches Drama über den Alltag im Dienstleistungssektor und den ewigen Kampf, im ewig gleichen Trott Verstand und Identität nicht zu verlieren. So findet der schweigsame Christian in Bruno einen väterlichen Freund, im Vorarbeiter Rudi (Andreas Leupold) einen einfühlsamen Chef und in der unglücklich verheirateten Süsswarenangestellten Marion (Sandra Hüller) eine Kollegin, in die er sich verliebt.

Christian (Franz Rogowski) findet im Grossmarkt Gefallen an Marion (Sandra Hüller).
© Xenix Filmdistribution GmbH
Diese Konstellation hat diverse Kommentatoren, wie etwa Michael Sennhauser und Selim Petersen, dazu verleitet, den Film als "beschwingend" zu bezeichnen. In den Gängen mag diesen Aspekt haben – seine Inszenierung von Arbeitsfreundschaften und seine gänzlich ostalgiefreie Würdigung des DDR-Solidaritätsgedankens sind das schlagende Herz der Geschichte.

Doch muss man sich schlussendlich dennoch fragen: Wäre all dies nicht auch unter besseren Bedingungen möglich? Stuber und Meyer beleuchten eine Welt, in der, willentlich oder nicht, alles Leben am Arbeitsplatz stattzufinden scheint: "In den Gängen" wird gelacht, geraucht, geflirtet, getrauert und Geburtstag gefeiert, doch stets mit der Uhr im Augenwinkel und der unsichtbaren Chefetage im Hinterkopf. Nach Arbeitsende wartet hingegen nur Dunkelheit, Kälte, einsamer Alkoholkonsum und ein verlottertes oder – in Marions Fall – totes Zuhause. Hier wird tatsächlich nicht gearbeitet, um zu leben, sondern gelebt, um zu arbeiten – und das wohl für wenig mehr als den Mindestlohn.

In seiner mitunter an Aki Kaurismäki erinnernden Lakonie lässt der Film offen, was als romantisch und was als tragisch aufzufassen ist. Ohne moralischen Zeigefinger konzentriert sich In den Gängen ganz auf seine klar umrissenen Figuren und ihr Streben nach Menschlichkeit und ermöglicht einem so einen differenzierten Blick auf die emotionale wie auch auf die ideologische Ebene: Wenn Christian und Marion das Meeresrauschen im Gabelstapler hören, ist die Poesie dieser Entdeckung nicht von der Hand zu weisen. Doch gleichzeitig kann man sich auch fragen, warum die beiden denn eigentlich nicht ans Meer fahren können.

★★★★

Avengers: Infinity War

ACHTUNG: Diese Rezension enthält Spoiler.

In seiner Kritik des heiss erwarteten 19. Films der "Marvel Cinematic Universe"-Reihe (MCU) liess sich der New Yorker-Autor Richard Brody zu einer reichlich zweifelhaften Behauptung hinreissen: "Avengers: Infinity War", heisst es schon im Titel des Artikels, "ist eine zweieinhalbstündige Werbung für alle vorhergehenden Marvel-Filme."

Und damit nicht genug, moniert Brody doch obendrein das Fehlen klassischer Figurenzeichnungen: Die zahlreichen Superhelden-Charaktere, deren Abenteuer das Zielpublikum des dritten Avengers-Ensemblefilms in nicht weniger als 18 Grossproduktionen mitverfolgen konnte, "werden nicht eingeführt; sie treten einfach auf, ihr Verhalten definiert von den Schablonen der anderen Filme."

Die beste Antwort auf diese Vorwürfe lieferte der kanadische Autor und Akademiker Anthony Oliveira in einem ebenso witzigen wie klarsichtigen Twitter-Thread: "Man könnte dasselbe über die Figuren in Homers Ilias sagen." Was einst der Olymp war, ist heute die serialisierte Popkultur, "die davon ausgeht, dass man ein gewisses Grundwissen mitbringt". Ein Theaterbesucher im alten Griechenland wusste genauso von den Eigenheiten des Zeus wie ein einigermassen aufmerksamer Kinobesucher des 21. Jahrhunderts mindestens eine vage Ahnung davon hat, wer Iron Man ist.

Es ist diese bemerkenswerte kulturelle Wiedererkennbarkeit, welche die Filmabteilung von Marvel Comics, inzwischen von Disney aufgekauft, in den letzten zehn Jahren vorangetrieben hat. Innert vergleichsweise kurzer Zeit avancierten Figuren wie Captain America, Thor oder die Guardians of the Galaxy dank des MCU vom hauptsächlich amerikanischen Comic-Phänomen zu globalen Ikonen.

Was diese Ikonen seit Jon Favreaus Iron Man (2008) durchgemacht haben, kulminiert nun in Avengers: Infinity War, dem vielleicht ambitioniertesten Crossover aller Zeiten. Nachdem in seinen Vorgängern Helden, Bösewichte und das ultimative Objekt der Begierde – die sogenannten "Infinity Stones", mit deren Hilfe eine mächtige Person das Universum unterjochen könnte – eingeführt wurden, findet diese Konstellation hier nun einen vorläufigen Höhepunkt.

Thanos (Josh Brolin) plant, mit Hilfe der sogenannten "Infinity Stones" die Hälfte allen Lebens im Universum auszulöschen.
© Marvel Studios
Die Avengers sind seit den Ereignissen in Captain America: Civil War (2016) – inszeniert von den Infinity War-Regisseuren Anthony und Joe Russo – zerstritten. Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.) hat sich den Superhelden-Regulierungsmassnahmen ergeben und widmet sich zunehmend seinem Privatleben, während Captain America (Chris Evans) als Staatsfeind Nummer eins im Untergrund weilt.

Bruce Banner alias Hulk (Mark Ruffalo) und Thor (Chris Hemsworth) befinden sich nach Thor: Ragnarok (2017) indessen auf einem Irrflug durchs Universum. Dort machen sie in der ersten Szene des Films erstmals persönlich Bekanntschaft mit Marvels Erzschurken: dem Titanen Thanos (Josh Brolin), der sich die Infinity Stones unter den Nagel reissen will, um die Hälfte allen Lebens im Universum auszulöschen – aus "humanitären" Gründen.

Unmöglich, alle Handlungsstränge, die in Infinity War zusammengeführt werden, aufzuzählen, sind doch ausser Jeremy Renners Hawkeye und Paul Rudds Ant-Man sämtliche bekannten MCU-Gesichter auf der Leinwand zu sehen. Darin liegt auch der primäre Reiz dieses Films: Rasante Actionsequenzen wechseln sich ab mit dem Aufeinandertreffen von Figuren, die sich entweder noch gar nie oder schon lange nicht mehr gegenüber gestanden haben. Wer hätte gedacht, dass sich die Guardians of the Galaxy (Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Pom Klementieff, Bradley Cooper, Vin Diesel) so gut mit Thor verstehen? Wer freute sich nach Black Panther (2018), dem besten Marvel-Film, nicht darauf, Shuri (Letitia Wright), der technisch versierten Schwester des Black Panther (Chadwick Boseman), dabei zuzusehen, wie sie die designierten Avengers-Tüftler in den Schatten stellt?

Superhelden-Gipfeltreffen: Hier kämpfen Spider-Man (Tom Holland, links), Iron Man (Robert Downey Jr., 2. v. l.) und die Guardians of the Galaxy Drax (Dave Bautista, Mitte), Star-Lord (Chris Pratt, 2. v. r.) und Mantis (Pom Klementieff) Seite an Seite.
© Marvel Studios
Richard Brody hat insofern Recht, als Infinity War ohne Hintergrundwissen – sei es ein grober Überblick über den MCU-Kanon oder eine emotionale Anbindung an seine Protagonisten – nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Dem Film dies anzukreiden, ist aber weder fair noch produktiv. Es ist schlicht nicht möglich, ein gigantisches Crossover-Event zu produzieren und gleichzeitig die in 18 Abenteuern dargelegten Charakterzüge und Konflikte der Beteiligten noch einmal aufzurollen. Franchisen verlangen nun einmal mündige Zuschauerinnen und Zuschauer – und Marvel belohnt diese Mündigkeit einmal mehr.

Die Kehrseite des Ganzen ist jedoch, dass auch Infinity War noch nicht der Endpunkt der Infinity-Stones-Saga ist. Diese Rolle wird (nach aktuellem Wissensstand) seiner noch titellosen Fortsetzung zufallen, dem insgesamt 22. Eintrag ins MCU, ebenfalls inszeniert von den Russo-Brüdern – vorgesehener Kinostart: Mai 2019.

Somit ist dieser Film keine Werbung für seine Vorgänger, wie Brody argumentiert, sondern eher ein Cliffhanger in Spielfilmlänge – der Prolog für den letzten Teil des letzten Teils. Für das vorliegende Werk bedeutet das konkret, dass er eines seiner zentralen Versprechen nicht halten kann: Einer der Gründe, warum Fans Infinity War entgegenfieberten, war die Aussicht, etablierte Helden sterben sehen zu müssen. Denn schon länger wird erwartet, dass Marvel – wie Thanos – sein von Schauspielern mit auslaufenden Verträgen bevölkertes Universum in absehbarer Zukunft zurechtstutzen wird: Nicht nur neue Helden sollen her, sondern auch neue Darsteller in alten Rollen.

Auch der Black Panther (Chadwick Boseman) ist mit von der Partie.
© Marvel Studios
Doch Infinity War reicht es nur zu einem Lippenbekenntnis. Abgesehen von zwei bis drei mehr oder weniger definitiv wirkenden Todesfällen belassen es die Autoren Christopher Markus und Stephen McFeely bei einem zunächst schockierend wirkenden, aber letztlich bedeutungslosen Massaker: Ein gutes Dutzend Helden – darunter mehrere Figuren mit bereits angekündigten Sequels – löst sich kurz vor dem Abspann in seine Einzelteile auf. Dass die Überlebenden in gut einem Jahr – Infinity Stones sei Dank! – versuchen werden, dies rückgängig zu machen, steht zu keinem Zeitpunkt in Frage. Alles andere wäre ein für Marvel uncharakteristischer Akt der Selbstsabotage – und, ganz nebenbei, Vertragsbruch.

Das MCU bleibt damit seinem Ruf des ewigen Aufschubs treu. Allzu frustrierend ist diese faule Ausrede von einem Ende aber dennoch nicht: Zum einen steht davor ein gerade für langjährige, treue Zuschauer hochgradig unterhaltsames Actionspektakel – ein 19. Teil, der frisch genug ist, um einen die Teile 20, 21 und 22 freudig erwarten zu lassen. Zum anderen wirkt ein Jahr Wartezeit in einer Franchise, die zwischen zwei direkt aufeinander aufbauenden Filmen gerne drei Jahre wartet, schon fast wie ein Schnellschuss.

★★★★

Montag, 30. April 2018

The Death of Stalin

Mit der TV-Serie The Thick of It und ihrem US-Remake, dem mehrfachen Emmy-Gewinner Veep, hat der schottische Autor und Regisseur Armando Ianucci die moderne Satire nachhaltig geprägt. In der Comicverfilmung The Death of Stalin versucht er, sein Flair für die trocken-erbarmungslose Politfarce auf das stalinistische Sowjet-Schreckensregime anzuwenden. Gelungen ist ihm das nur teilweise.

Der Generalsekretär ist tot, es lebe der Generalsekretär – aber welcher denn? Das ist die Herausforderung, die sich dem sowjetischen Politbüro stellt, nachdem Josef Stalin (Adrian McLoughlin), der langjährige Machthaber der UdSSR, im März 1953 eine Hirnblutung erleidet und nach ein paar Tagen Siechtum das Zeitliche segnet. Da wäre etwa Lawrenti Beria (Simon Russell Beale), der Administrator von Stalins berüchtigten Feindes- und Exekutionslisten, dem kurz vor Stalins Tod der Auftrag erteilt wurde, das Zentralkomitee-Mitglied Wjatscheslaw Molotow (Monty-Python-Mitbegründer Michael Palin) hinrichten zu lassen. Beria plant, seine Macht zu zementieren, indem er den willensschwachen Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) umgarnt, Stalins Stellvertreter. Doch die beiden haben die Rechnung ohne Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) gemacht, der gemeinsam mit General Georgi Schukow (Jason Isaacs) gegen Berias Geheimdienst vorgehen will.

Politische Ränkespiele voller Pleiten, Pech und Pannen – der französische Comic La mort de Staline von Fabien Nury und Thierry Robin passt eigentlich perfekt in Ianuccis kreatives Profil: Er gibt ihm die Chance, die Inkompetenz, die er in The Thick of It in einer fiktiven New-Labour-Regierung und in Veep in einem fiktiven US-Vizepräsidium gefunden hat, auf die Spitze zu treiben. Denn wer im stalinistischen Moskau das "game of thrones" spielt, spielt, anders als in London oder Washington DC, mit dem eigenen Leben.

Man wird aber das Gefühl nicht los, dass The Death of Stalin nicht so recht weiss, was er mit dieser Prämisse anfangen soll. Zwar wurde der Film in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken Weissrussland, Kasachstan und Kirgisistan verboten; aber es fällt trotzdem schwer, ihn als Satire auf die Sowjetunion ernst zu nehmen – dazu befindet er sich in allzu sicherer Distanz zu dieser Zeit. Einige Szenen – vorab die Inszenierung von Massenverhaftungen und dem vorauseilenden Gehorsam des Volkes vor dem obersten "Genossen" Stalin – weisen auf eine Auseinandersetzung mit der grundlegenden kafkaesken Absurdität des Stalinismus hin, bleiben im Ganzen aber ohne grössere Relevanz.

Josef Stalin (Adrian McLoughlin) ist tot. Nun buhlt das Politbüro um Macht – allen voran Stalin-Stellvertreter Malenkow (Jeffrey Tambor, links), Parteifunktionär Chruschtschow (Steve Buscemi, Mitte) und Geheimdienstchef Beria (Simon Russell Beale).
© Ascot Elite
Die einzige einigermassen stringente Stossrichtung des Films scheint die aktuelle Weltpolitik zu sein, insbesondere das intrigierende Chaos-Kabinett rund um die britische Noch-Premierministerin Theresa May. Dies suggeriert jedenfalls der – höchst willkommene – Umstand, dass hier niemand einen russischen Akzent aufsetzt, sondern überwiegend in variierenden britischen Dialekten gesprochen wird.

Es ist anregend, Stalin als thatcherhaftes Sinnbild für die überalterte Conservative Party zu lesen, Malenkow als rückgratlose Verwalterin May, Beria als taktierenden Reaktionär Jacob Rees-Mogg, sämtliche dieser frustrierend mächtigen Witzfiguren als Fettnapf-Aussenminister Boris Johnson. Letztendlich bleibt The Death of Stalin aber dennoch zu zeit- und ortspezifisch, um als direkte Allegorie verstanden werden zu können.

So muss man sich eben an dem erfreuen, was Ianucci und seine Co-Autoren David Schneider, Ian Martin und Peter Fellows an der Oberfläche zu bieten haben. Und das ist oft äusserst unterhaltsam, vor allem dank wunderbar aufspielender Schauspieler. Es ist eine wahre Freude, Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Jeffrey Tambor, Michael Palin und Jason Isaacs dabei zuzusehen, wie sie sich in zunehmendem Tempo wüste, stilistisch herrlich anachronistische Beleidigungen an die Köpfe werfen. Wenn in The Death of Stalin ein Element aus Ianuccis TV-Karriere – in der David Schneider ein häufiger Begleiter war – qualitativ gehalten werden konnte, dann die rasanten, kunstvoll mit Schimpfwörtern gespickten Dialoge.

Stalins Beerdigung bietet seinen Politbüro-Schützlingen die ideale Gelegenheit, sich als potenzielle Nachfolger zu profilieren.
© Ascot Elite
Weniger virtuos wirkt hingegen der erzählerische Teil des Drehbuchs. Nach einem rasanten Beginn verzettelt sich die Angelegenheit nach und nach, wohl der historischen Korrektheit zuliebe. Allerdings profitiert der Film nur wenig von der Integration von Stalins Tochter Swetlana (Andrea Riseborough), und noch weniger vom unmotiviert vorgetragenen Charakterbogen ihres Alkoholiker-Bruders Wassili (Rupert Friend). Obwohl sie in der Realität beide wichtige Rollen im brutalen poststalinistischen Machtvakuum zu spielen hatten, ist ihre Präsenz in dieser hochgradig künstlichen Aufarbeitung eher ein Störfaktor.

Was letztlich bleibt, ist das Gefühl einer vertanen Chance. Während das Thick of It- und Veep-Konzept im Sitcom-Format funktioniert – und allenfalls noch in einer Adaption desselben Stoffs, wie Ianuccis oscarnominierter Thick of It-Film In the Loop (2009) zeigte –, verliert es in Spielfilmlänge, und angewandt auf reale Begebenheiten, schliesslich seine Dynamik. Zu Ianuccis Glück retten ihm seine Dialoge und sein begeisternder Cast den Unterhaltungswert.

★★★

Dienstag, 24. April 2018

You Were Never Really Here

© Praesens Film AG

★★★★★

"Doch Ramsay bleibt sich treu: Ihr Film mag thematisch an Politthriller wie The Ides of March (2011) erinnern, liegt aber viel näher an introspektiven Meisterwerken wie Taxi Driver (1976) und Drive (2011). Hier wird das Porträt eines gebrochenen Mannes gezeichnet, der in einem endlosen Zyklus von Gewalt und menschlicher Grausamkeit gefangen ist. Phoenix ist grossartig in dieser Rolle – ein hünenhafter Schlafwandler, eine Rückbesinnung auf den unfreiwilligen Mörder Cesare im Cabinet des Dr. Caligari (1920). Joes Lebensüberdruss ist spürbar in jeder von Phoenix' wohl durchdachten Bewegungen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).