Wednesday, 7 September 2016

Kritik in Kürze: "The BFG", "Captain America: Civil War", "Everybody Wants Some!!"

The BFG (R: Steven Spielberg) – ★★★
Die Verfilmung von Roald Dahls Kinderbuchklassiker The BFG um ein Waisenmädchen, das von einem freundlichen Riesen ("Big Friendly Giant") adoptiert wird, gehört in jene Sparte von Steven Spielbergs Filmografie, mit der der Regisseur – zu Unrecht – am häufigsten assoziiert wird. The BFG, wie E.T., Hook oder The Terminal vor ihm, ist nett: nette Thematik, nette Schauwerte, nette Familienunterhaltung. Spielberg steht, trotz kantigeren Blockbustern wie Jaws, Schindler's List, Munich und Lincoln, wie kein Zweiter für professionellen Hollywoodismus – mit genauem Abwägen von Drama, Erbauung und, immer mal wieder, Familienfreundlichkeit.

Diese Seite seines Schaffens lebt er hier genüsslich aus. Von Dahls ulkigen Wortschöpfungen bis zur furzenden Königin von England (Penelope Wilton) ist The BFG ein leichtgewichtiges Stück Popcornkino, in dem sogar die skurrilsten Elemente leicht verdaulich aufbereitet sind. So fällt die Ehre, dieses bei aller Magie doch sehr konventionelle Kinderabenteuer über den Durchschnitt zu heben, für einmal nicht Spielbergs Klasse zu: Es ist der BFG selbst, von Mark Rylance (Oscar für Spielbergs Bridge of Spies) per Motion-Capture verkörpert, welcher der ganzen Sache das nötige Herz verleiht. Seien es seine Diskussionen mit der kleinen Sophie (Ruby Barnhill) oder sei es sein Verhandeln mit den ihn noch überragenden XXL-Riesen – Rylance findet die richtige Balance zwischen erhaben und kindlich, zwischen melancholisch und wunschlos glücklich, und zeigt, weshalb der BFG zu den langlebigsten Dahl-Figuren geworden ist.


Captain America: Civil War (R: Anthony Russo, Jay Russo) – ★★★★
Obwohl man sich vor allzu exzessiven Vergleichen zwischen Marvel und DC hüten sollte, sind sich Captain America: Civil War und Batman v Superman: Dawn of Justice in gewissen Punkten schlicht zu ähnlich, um die Parallele nicht zu ziehen. Beide handeln von einem Bruderkrieg in den Reihen der Superhelden; beide konzentrieren sich auf mehrere Charaktere; beide haben eine übergeordnete Franchisenhandlung voranzutreiben. Doch wo Batman v Superman so viele Dinge auf einmal will, dass sich nicht einmal der Titelkonflikt befriedigend entfalten kann, demonstrieren die Brüder Anthony and Jay Russo, wie es einen auf einer ganzen Comicserie basierenden Plot zu inszenieren gilt – und dies, anders als ihre DC-Pendants, ohne dabei den Sinn für Humor zu verlieren.

Man kann Civil War zwar vorwerfen, dass er trotz einer Laufzeit von knapp 150 Minuten weder dem Publikum noch seinen Figuren sonderlich viel Zeit zum Atmen lässt. Die Geschichte schreitet mit maximalem Utilitarismus von A nach B; es fehlt die Verspieltheit eines Guardians of the Galaxy oder eines Ant-Man. Doch gerade angesichts der Tatsache, dass dieser Film sowohl Captain America (Chris Evans) weiter entwickeln als auch den Weg zu Infinity War, dem dritten Avengers-Teil (mit den Russos auf dem Regiestuhl), ebnen muss, ist die Leistung der Regisseure durchaus beachtlich. Vor dem Hintergrund eines Streits zwischen Steve Rogers/Captain America und Tony Stark/Iron Man (Robert Downey Jr.) um die geplante Verstaatlichung der Avengers, die ihr Gefahrenpotential eindämmen soll, wird ein vielseitiger, aber mehrheitlich übersichtlich gehaltener Blockbuster aufgezogen, in dem sowohl Platz für mitreissende Action als auch für ruhigere, intensivere und immer mal wieder auch humorvolle Momente ist. Politisch war The Winter Soldier zwar stärker, dafür schafft es Civil War besser, Subtext und Unterhaltung aufeinander abzustimmen.

Und wenn Iron Man und Captain America mit ihren jeweiligen Mitstreitern, darunter der zurückgekehrte Winter Soldier (Sebastian Stan) und die neu verpflichteten Black Panther (Chadwick Boseman) und Spider-Man (Tom Holland), in einer spektakulären Splashpage-inspirierten Schlachtsequenz gegeneinander antreten und man von Szene zu Szene seine Loyalität wechselt, wird einem eindrucksvoll vor Augen geführt, wie so ein Superhelden-Clash auszusehen hat.


Everybody Wants Some!! (R: Richard Linklater) – ★★★★
Richard Linklaters "spirituelle Fortsetzung" zu Dazed and Confused (1993) und Boyhood (2014) spielt am letzten Wochenende der Sommerferien 1980 und zeigt, wie sich eine Gruppe von Baseball-Stipendiaten trainierend, feiernd, blödelnd auf den ersten Collegetag vorbereitet. Biere werden gekippt, Sprüche geklopft, Frauen angemacht, Äxte als Baseballschläger verwendet. Linklater inszeniert dieses ritualisierte Treiben, diesen angeblich wegweisenden Schritt ins Erwachsensein, mit unübersehbarer Nostalgie: Mit unwiderstehlichem Rhythmusgefühl beschwört Everybody Wants Some!! die frühen Achtzigerjahre herauf – wie hiess es noch in Dazed and Confused: "Maybe the 80s will be radical!" – und kreiert so ein mustergültiges Feelgood-Kinoerlebnis. Das goldene Licht texanischer Spätsommerabende, die Discos und Bars mit ihren Billardtischen und Jukeboxen, die Mode, die Sprache, die Musik – vom ersten Moment an möchte man am liebsten selber in diese Welt eintauchen.

Die Kehrseite ist jedoch, dass Linklater hier letztlich – trotz homoerotischer Untertöne – der frauenverachtenden Hypermännlichkeit dieser Ära ein Denkmal setzt. Feiern wäre zu viel gesagt – immerhin geschieht Komödiantisches fast ausschliesslich auf Kosten der männlichen Protagonisten –, doch an der Tatsache, dass der Film durchgehend auf seine durchaus sympathischen Macho-Figuren fokussiert ist und nur Platz für eine einzige dreideimensionale Frauenfigur findet, führt kein Weg vorbei. Das tut dem Reiz von Everybody Wants Some!! keinen Abbruch – auch weil es Linklater im Kern um das Finden der eigenen Identität, was auch immer sie sein mag, geht; doch es ist ein Aspekt, über den es sich zu sprechen lohnt.

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