Freitag, 27. Januar 2017

Collateral Beauty

Der Titel des neuen Films von David Frankel (The Devil Wears Prada, Marley & Me, Hope Springs) bezieht sich auf die Linie "Notice the collateral beauty", die einer trauernden Mutter (Naomie Harris) kurz vor dem Krebstod ihrer sechsjährigen Tochter von einer Fremden auf den Weg gegeben wird. Diese "kollaterale Schönheit" – oder doch "verborgen", wie es in den deutschen Untertiteln steht? – ist das Wissen, dass alles auf der Welt miteinander verbunden ist, dass die einzelne Person tagtäglich unzählige Leben berührt. "We are all connected", heisst es denn auch in der Poster-Tagline.

Irgendwie klingt das alles sehr vertraut. Gab es da vor ein paar Jahren nicht Akiva Goldsmans Winter's Tale, in dem es Colin Farrell in den 1910er Jahren mit einer Dämonenmafia aufnahm und sich plötzlich im Jahr 2014 wiederfand, um ein sterbendes Mädchen zu retten? "Everything is connected by light" war damals die zentrale Grusskarten-Weisheit, die in letzter Konsequenz dafür sorgte, "that the universe bends over backwards to help a dying child". Es lässt sich darüber streiten, ob wirklich alles so miteinander zusammenhängt. Offenkundiger ist jedoch die Verbindung zwischen Winter's Tale und Collateral Beauty – beide sind aus dem gleichen sentimental-manipulativen Holz geschnitzt.

Während Goldsmans Film aber immerhin auf höchst fantasievolle und unterhaltsame Art und Weise hirnrissig ist – vom fliegenden Hundepferd bis zu Russell Crowes Vorliebe für Eulengerichte –, macht sich bei Frankel schon früh Langeweile breit. Will Smith – in Winter's Tale ein haarstäubend lächerlicher Luzifer – schlafwandelt durch eine Erzählung, deren Figuren unsauber geschriebene Stereotypen, deren Konflikte hoffnungslos konstruiert und deren ethische Implikationen hochgradig fragwürdig sind.

Seit dem Tod seiner Tochter ist der depressive Howard (Will Smith) kaum noch ansprechbar.
© 2016 Warner Bros. Ent.
Smith spielt Howard, einen einst begnadeten Werbeagenten, der seit dem Tod seiner Tochter seine Tage im Büro damit verbringt, elaborierte Domino-Konstruktionen zu bauen, während seine Freunde und Geschäftspartner (Kate Winslet, Michael Peña, Edward Norton) versuchen, die Firma vor dem Kollaps zu bewahren. Diese fassen schliesslich einen Plan: Um den fast schon katatonischen Howard dazu zu bringen, seinen Firmenanteil abzugeben, heuern sie drei Schauspieler an, die ihn zur Rede stellen sollen. In diesen Konfrontationen übernehmen sie die Rollen von Tod (Helen Mirren), Zeit (Jacob Latimore) und Liebe (Keira Knightley) – abstrakte Konzepte, an die Howard unlängst Briefe geschrieben hat. Eine Privatdetektivin (Ann Dowd) soll diese Gespräche filmen und die Darsteller anschliessend digital entfernen, sodass dem Verwaltungsrat ein Beleg für Howards Unzurechnungsfähigkeit präsentiert werden kann.

Mündet diese Prämisse ins Spirituelle und Philosophische? Natürlich. Lernt Howard, das Leben aus einer neuen Perspektive zu sehen? Selbstverständlich. Wird auch das Leben seiner verzweifelten Freunde durch die Bemühungen der Schauspieler bereichert? Wie könnte es auch anders sein? Man könnte Collateral Beauty mühelos in ein Bingo-Spiel über das "esoterisch angehauchte C'est-la-vie-Rührstück"-Genre verwandeln: Totes Kind? Bingo. Zu dramatischen Zwecken missbrauchte Depression? Bingo. Eine kinderlose Karrierefrau ist unglücklich? Bingo. Ein Mann versucht, sich mit seiner entfremdeten Tochter zu versöhnen? Bingo. Krebs? Bingo.

Howards Freunde und Geschäftspartner Whit (Edward Norton, links), Claire (Kate Winslet) und Simon (Michael Peña) bemühen sich vergeblich, ihn zur Rede zu stellen.
© 2016 Warner Bros. Ent.
Diese Anhäufung von Tragödien wäre selbst in einem gut geschriebenen Film problematisch. Allan Loebs Drehbuch jedoch schafft es nicht einmal einigermassen, die Tatsache zu kaschieren, dass sämtliche dramatischen Elemente einzig und allein auf die Tränendrüsen abzielen. Die kleineren Konflikte der Figuren wirken willkürlich und uncharakteristisch. Im dritten Akt häufen sich Szenen, deren Dialoge sich unerträglich in die Länge ziehen, weil jeder Satz noch von einem ausgedehnten Schluchzer akzentuiert wird. Die letzten zehn Minuten warten obendrein mit zwei Wendungen auf, die weder emotional noch dramaturgisch Sinn ergeben.

Mit dieser inneren Diskontinuität hängt auch der Umstand zusammen, dass Collateral Beauty letztlich mehr als nur ein schlechtes Melodrama ist – dass Frankel und Loeb nämlich hart an der Grenze zum Anstössigen operieren. Willentliche Aussetzung des Unglaubens – auch bekannt als "suspension of disbelief" – mag zu den Grundfesten des Kinos gehören; doch hier wird das Prinzip zu weit getrieben. Der Film liefert keine befriedigende Begründung dafür, warum Whit (Norton), Claire (Winslet) und Simon (Peña) mit ihrem verworrenen Plan schneller zum Ziel gelangen würden, als wenn sie Howard mit vereinten Kräften ins Gewissen reden würden. Was das Publikum zu Gesicht bekommt, sind isolierte Einzelversuche nach Feierabend – obwohl Howard täglich Stunden damit verbringt, vor den Augen seiner Partner Dominosteine aneinander zu reihen.

Drei Schauspieler sollen Howard in den Rollen von Tod (Helen Mirren, links), Liebe (Keira Knightley) und Zeit (Jacob Latimore) besuchen, um ihn wach zu rütteln.
© 2016 Warner Bros. Ent.
Und doch benutzt der Film Howards angebliche Unnahbarkeit als Vorwand, ihn einer grausamen Gaslighting-Kur auszusetzen, ihm einzureden, dass die Realität, die er wahrnimmt, nicht existiert. Damit nicht genug – die Massnahme als solche wird auch kaum je kritisiert. Helen Mirren nimmt zwar das Wort Gaslighting in den Mund, wird aber sogleich korrigiert: Es sei zu Howards Bestem – und somit akzeptabel. In einer Welt, in der Gaslighting zu den Grundpfeilern missbräuchlicher Beziehungen gehört, ist eine derartige Haltung im besten Fall ignorant, im schlechtesten Fall verantwortungslos und schädlich.

Schon Winter's Tale war beleidigend – was hat das vom Universum gerettete Kind, was Millionen andere nicht haben? –, aber wenigstens auf eine weniger spezifische Weise. Edward Norton, Jacob Latimore, und Michael Peña mögen versuchen, diesem Machwerk wenigstens ein bisschen Leben einzuhauchen; es ist ein Fest, wenn Figuren mit heiligem Ernst Dinge wie "He's reaching out to the cosmos for answers" von sich geben. Doch schlussendlich bleibt Collateral Beauty eine stümperhaft zusammengeschusterte, manipulative Schnulze, die vor lauter kosmischer Gefühlsduselei Ethik und Moral vergisst.

★

Mittwoch, 25. Januar 2017

"Liebe Schweizer Verleiher..." – Teil 1


In den Schweizer Kinos starten jedes Jahr Hunderte von Filmen aus aller Welt. Wir bekommen die grosse Mehrheit der Oscarkandidaten zu sehen, ebenso Auserlesenes aus dem internationalen Filmschaffen. Dass die hiesigen Verleiher entsprechend Entscheidungen bezüglich Programmation fällen müssen, die auf finanziellen Erwartungen basieren, ist sowohl logisch als auch verständlich.

Ein schwer zugänglicher Minimalfilm wie etwa Tsai Ming-liangs Stray Dogs (2013) oder eine schwarze Tragikomödie über Rassismus in den USA wie Justin Simiens Dear White People (2014) werden es im begrenzten Kinopool der Schweiz immer schwer haben – gegen die Blockbuster, gegen die "universelleren" Indie-Produktionen von Fox Searchlight und Co., gegen andere Minimalfilme, die in Cannes oder Venedig einen Preis gewinnen und daraufhin mit einem zweiwöchigen Lauf im Zürcher Houdini oder dem Luzerner stattkino belohnt werden. Es überrascht also nicht, dass die beiden genannten Werke hier niemand im regulären Programm sehen konnte.

Doch dieses Wissen mindert die Enttäuschung nur wenig, wenn man, nachdem man wochen- und monatelang im Sight & Sound, auf Indiewire und Twitter von einem Film liest, der in den USA oder anderswo für Furore sorgt, auf Bestenlisten landet und Kritikerpreise einheimst, einen hoffnungsvollen Blick auf die Startliste der Schweizer Verleiher wirft und ihn nirgends finden kann.

Aus diesem Grund soll auf Facing the Bitter Truth eine neue Reihe eingeführt werden: "Liebe Schweizer Verleiher..." macht auf Filme aufmerksam, die laut filmdistrubution.ch hierzulande noch keinen Verleiher gefunden haben und die es – meiner Meinung nach – verdienen würden, auf Schweizer Leinwänden gezeigt zu werden. Es wird sich zeigen, wie regelmässig ein solches Feature sich aufdrängen wird. Fest steht jedoch, dass nach dem heutigen Post bereits zwei weitere geplant sind. An die Arbeit, Schweizer Verleiher!



20th Century Women
  • Regie: Mike Mills (Beginners)
  • Mit: Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Billy Crudup
  • Oscarnomination für Bestes Originaldrehbuch
Mike Mills' Tragikomödie Beginners, für die Christopher Plummer den Nebendarsteller-Oscar erhielt, lockte im Sommer 2011 fast 20'000 Menschen in die Schweizer Kinos – ein Achtungserfolg. Entsprechend würde man annehmen, dass der Erwerb von Mills' erstem Film seither, dem oscarnominierten 20th Century Women, nach dessen Premiere beim New York Film Festival im Oktober reine Formsache sei. Leider aber rührt sich an der Verleiherfront bislang noch nichts.

Währenddessen überhäufen die amerikanischen Kritiker den Film, der seit dem 28. Dezember im regulären US-Programm zu sehen ist, mit Lob und Superlativen. Die Geschichte dreier Frauen – gespielt von Annette Bening, Greta Gerwig und Elle Fanning –, die 1979 gemeinsam ein Kind gross ziehen, greife auf einfühlsam-spielerische Weise zahlreiche feministische Diskurse auf, die man so im Kino nur selten zu sehen bekomme. Mills gebe Bening "die seltene Chance, in einer Hauptrolle zu brillieren", so der Kritiker-Konsens auf Rotten Tomatoes; derweil sein Drehbuch voller Dialogperlen, wunderbarer Figuren und subtiler Momente sei.



Right Now, Wrong Then
  • Regie: Hong Sang-soo (Night and Day, The Day He Arrives, Nobody's Daughter Haewon)
  • Mit: Jung Jae-young, Kim Min-hee, Youn Yuh-jung, Gi Ju-bong
  • Gewinner des Goldenen Leoparden und des Hauptdarstellerpreises beim Locarno International Film Festival 2015
Es ist wahrscheinlich schon zu spät, diesen Film in die Schweizer Kinos zu bringen, feierte er doch 2015 Premiere und startete im Sommer 2016 in den USA. Doch irgendwie wäre eine verspätete Aufnahme ins Programm symptomatisch: Der südkoreanische Regisseur Hong Sang-soo, der mit seinen minimalistischen Dialogfilmen schon seit Jahren ein treues internationales Publikum begeistert, ist bislang völlig an der Schweiz vorbeigelaufen. Obwohl er einen ähnlichen Schaffensdrang an den Tag legt wie etwa der Japaner Hirokazu Koreeda (I Wish, Like Father, Like Son, Our Little Sister), dessen Filme regelmässig in der Schweiz anlaufen, wartet Hong, nach 19 Langspielfilmen in den letzten 20 Jahren, nach wie vor auf einen ihm wohl gesonnenen Verleiher.

Auch Right Now, Wrong Then verspricht, eine anregende Vignette über zwischenmenschliche Beziehungen zu sein. Der Film handelt zweimal von derselben Begegnung, lässt allerdings seine Figuren sich jeweils unterschiedlich verhalten. Und sollte das Produktionsjahr 2015 wirklich zu weit zurück liegen – obschon zum Beispiel Drew Barrymores Whip It (2009) auch erst 2011 seinen Weg in die Schweizer Kinos fand –, dann sorgt Hong höchstselbst für ein Alternativprogramm: Im vergangenen Jahr präsentierte er Yourself and Yours, während er bei der diesjährigen Berlinale mit On the Beach at Night Alone vertreten ist.



The Witch
  • Regie: Robert Eggers
  • Mit: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie
  • Gewinner des Regiepreises in Sundance; Gotham-Award-Gewinner (Breakthrough Actor); Debütpreis-Nominationenen bei den Independent Spirit Awards; zahlreiche Kritikerpreis-Siege und -Nominationen
Dem amerikanischen Indie-Liebling It Follows einen Schweizer Nachtvorstellungslauf zu geben, war ein Schritt in die richtige Richtung. Doch die Nachricht, dass das Horrorgenre mehr zu bieten hat als Exorzisten-Schocker, Paranormal Activity-Sequels und M.-Night-Shyamalan- und James-Wan-Produktionen, scheint noch immer nicht richtig angekommen zu sein. Das zeigt das Übergehen von Robert Eggers' Sundance-Hit The Witch. (Ein weiterer Beleg ist das Fehlen von Fede Alvarez' Don't Breathe im Startkalender, worauf wohl in einer künftigen Ausgabe von "Liebe Schweizer Verleiher..." einzugehen sein wird.)

Vielleicht schreckt die Verleiher der Untertitel A New-England Folktale ab. Vielleicht vermuten sie einen fehlenden Bezug der Schweizer Zuschauer zur Geschichte der Puritaner – was nachträglich auch den Nichtstart von Sightseers- und High-Rise-Regisseur Ben Wheatleys A Field in England erklären würde. Tatsache ist, dass The Witch, der von einer dämonischen Heimsuchung im kolonialen Amerika handelt, sensationelle 40 Millionen Dollar eingespielt hat und einen beeindruckenden Palmarès aufzuweisen hat. Auch die Schweiz hat es verdient, aufstrebende Horror-Talente zu sehen zu bekommen.

Montag, 9. Januar 2017

La La Land

"They don't make 'em like that anymore", lautet ein Satz, der im Zusammenhang mit Hollywoods Filmproduktion immer wieder gerne benutzt wird. Zum Einsatz kommt er vor allem dann, wenn sich ein neuer Film auf das klassische Hollywood bezieht, die alten Ausdrucksformen wieder belebt, sich klassischer Erzähl- und Rollenmuster bedient. Die Implikation: Alles andere ist neumodische Massenware, die binnen Monaten in Vergessenheit geraten wird, während der Klassiker-Hommage, wie ihren Vorbildern, ewige Ehrerbietung gebührt.

Es ist eine Einschätzung, die einer nostalgischen Einstellung entwächst – eine Einstellung, wie sie Sebastian Wilder (Ryan Gosling), die männliche Hauptfigur in Damien Chazelles Filmmusical und Oscarfavorit La La Land, augenscheinlich vertritt. Der erfolglose Pianist liebt den Jazz über alles; sein Traum ist es, ein dem amerikanischen Musikgenre schlechthin gewidmetes Lokal zu eröffnen. Doch gegen den eklektischen Zeitgeist scheint der Purist nicht anzukommen: Seine begehrte Ladenfläche verliert er an einen "Samba & Tapas"-Schuppen; ein alter Bekannter (John Legend) stellt eine auf Charterfolg gebürstete Jazz-Fusion-Combo auf die Beine.

Aus dem Weg, den die Figur des begnadeten Nostalgikers Sebastian in La La Land beschreitet, lassen sich durchaus problematische Schlüsse ziehen – wie es etwa Todd VanDerWerff in seinem lesenswerten Vox-Artikel tut. Immerhin ist das "They don't make 'em like that anymore"-Urteil ein tendenziell fortschrittsfeindliches, dem die Kultivierung einer tröstlich bekannten Vergangenheit wertvoller erscheint als ein möglicherweise verstörendes Experimentieren mit Neuem.

Doch die Brillanz von Chazelles Film liegt eben gerade in der Mehrdeutigkeit, die er seinem Publikum anbietet – mit der er im Grunde dem Traum seiner filmhistorischen Vorbilder näher kommt als diese es je konnten. Ja, La La Land, der offenkundig in der Gegenwart spielt, bedient die Nostalgie unverhohlen: Sebastian ist und bleibt am glücklichsten, wenn er seinen "puren" Jazz spielen kann. Mia (Emma Stone), die Warner-Bros.-Set-Barista, in die er sich verliebt, will Schauspielerin werden, wie einst Ingrid Bergman, deren gemaltes Gesicht überlebensgross ihre Schlafzimmerwand ziert.

"City of Stars": Die Träumer Sebastian (Ryan Gosling) und Mia (Emma Stone) treffen und verlieben sich in Los Angeles.
© Ascot Elite Entertainment Group
Einen ihrer ersten romantischen Abende verbringen die beiden in einer Vorführung des James-Dean-Klassikers Rebel Without a Cause, die – wie entzückend altmodisch – in einem Filmriss endet. Smartphones verzögern unablässig die Romantik. Der Film selbst beginnt in Schwarzweiss und Stummfilm-Kadrage, bevor eine Einblendung stolz "Presented in Cinemascope" verkündet und die erste Sing- und Tanznummer – das grandiose "Another Day of Sun" – verspricht, die Zuschauer in "a Technicolor world made out of music and machine" zu entführen.

Inspiriert von Musical-Meilensteinen wie Broadway Melody of 1940 (1940), Singin' in the Rain (1952), Les parapluies de Cherbourg (1964), Les demoiselles de Rochefort (1967) und anderen sowie den Grossstadtsinfonien der Zwanzigerjahre, erzählt Chazelle die bewährte Geschichte zweier Träumer, die sich im urbanen Dschungel von Los Angeles finden, verlieben und fortan das Abenteuer, sich in der Stadt der Engel durchzusetzen, gemeinsam bestreiten.

La La Land mag Sebastian die Erhaltung seiner nostalgischen Integrität ebenso gewähren wie Mia den Glauben an den amerikanischen Mädchentraum, wie man ihn aus Hollywoods goldenem Zeitalter kennt. Bei aller Fortschrittsliebe: Das Muster, richtig angewandt, sorgt für starkes Kino. Doch der Film begnügt sich nicht mit dem blossen Wiederaufgreifen der alten Strukturen, weshalb sich der dritte Langspielfilm des Whiplash-Regisseurs alles andere als dazu eignet, die "They don't make 'em like that anymore"-Plattitüde angeheftet zu bekommen.

Nostalgie versus Anpassung: Sebastian hat für das Jazz-Fusion-Projekt seines einstigen Freundes Keith (John Legend) nur wenig Sympathie übrig.
© Ascot Elite Entertainment Group
Chazelle schraubt an den Wendungen, den Motiven, den Wertvorstellungen, stellenweise auch an den Geschlechterrollen, die vor 50, 60, 70 Jahren herrschten, um seinem Film eine durchaus moderne Sensibilität zu verleihen, um ihn einer Welt anzupassen, die längst aufgehört hat, an die Verheissungen der Traumfabrik zu glauben – falls sie es denn je getan hat. Und er macht das, ohne auch nur ein Fünkchen seines romantisch-nostalgischen Charmes zu opfern. Somit ist La La Land der perfekte Hollywoodfilm: Er ehrt seine Vorgänger, er liefert dem Publikum, was es will, blickt aber gleichzeitig nach vorn und bemüht sich darum, die klassischen Versatzstücke neu einzusetzen.

Die Nahtlosigkeit dieser Kompromissbereitschaft hilft ihm letztendlich auch über die streckenweise etwas gar verknappte Plot-Entwicklung hinweg – denn auch Chazelle schafft es nicht, Figuren immun gegenüber vermeidbaren Kommunikationsproblemen zu machen. Dafür erweist er sich nach Whiplash erneut als aussergewöhnlich talentierter Stilist, der, in Zusammenarbeit mit Kameramann Linus Sandgren, in wunderschönen Blau-, Rot-, Grün- und Gelbtönen tatsächlich einen den malerischsten Ecken Los Angeles' gewidmeten "Technicolor dream" auf die Leinwand zaubert.

Vollendet wird das Ganze durch Emma Stone und Ryan Gosling, die in wahrer Filmstar-Manier Justin Hurwitz' herausragenden Stücken singend und tanzend mitreissendes Leben verleihen – von "City of Stars" über "The Fools Who Dream" bis hin zur "Epilogue"-Sequenz, die in ihrer wortlosen emotionalen Intensität noch einmal bestätigt, was in den vorangegangenen zwei Stunden aus jeder einzelnen Einstellung strömte: La La Land ist Filmmagie pur.

★★★★★

Freitag, 6. Januar 2017

The Best Films of 2016


"Even outside of the world of cinema, the past twelve months have been eventful, to say the least. So compiling a list of my favourite Swiss cinema releases of 2016 felt ever so slightly more significant and tied to real-life goings-on than it did in the past. But maybe that’s just another way of trying to put my opinions into a somewhat more 'meaningful' context than would otherwise be the case. Ultimately, everybody can judge for themselves, which is why I will stop hedging now and, after pointing out that Oscar hopefuls like La La Land, Manchester by the Sea, Moonlight, and Jackie (which makes a strong case for being my Film of the Year 2017) are not in the running here because of their January and February Swiss release dates, get started."

Zu lesen gibt es die Liste auf The Zurich English Student.

Freitag, 30. Dezember 2016

"Facing the Bitter Truth"-Filmpreis 2016

BESTER FILM


  • 13TH
  • Francofonia
  • Ghostbusters
  • The Hateful Eight
  • Heart of a Dog
  • I, Daniel Blake
  • Juste la fin du monde
  • Kubo and the Two Strings
  • Paterson
  • Toni Erdmann


BESTE REGIE


  • Maren Ade – Toni Erdmann
  • Laurie Anderson – Heart of a Dog
  • Andrea Arnold – American Honey
  • Xavier Dolan – Juste la fin du monde
  • Jia Zhangke – Mountains May Depart
  • Nicolas Winding Refn – The Neon Demon
  • Alexander Sokurov – Francofonia


BESTER HAUPTDARSTELLER


  • Adam Driver als Paterson in Paterson
  • Josef Hader als Stefan Zweig in Vor der Morgenröte
  • Dave Johns als Daniel Blake in I, Daniel Blake
  • Michael B. Jordan als Adonis "Donnie" Johnson Creed in Creed
  • Vincent Lindon als Thierry Taugourdeau in La loi du marché
  • Peter Simonischek als Winfried Conradi/Toni Erdmann in Toni Erdmann
  • Nilbio Torres als Karamakate in El abrazo de la serpiente


BESTE HAUPTDARSTELLERIN


  • Sandra Hüller als Ines Conradi in Toni Erdmann
  • Isabelle Huppert als Nathalie Chazeaux in L'avenir
  • Devon Keller als Layla in Petting Zoo
  • Sasha Lane als Star in American Honey
  • Saoirse Ronan als Eilís Lacey in Brooklyn
  • Güneş Şensoy als Lale in Mustang
  • Zhao Tao als Tao in Mountains May Depart


BESTER NEBENDARSTELLER


  • Antonio Bolívar als Karamakate in El abrazo de la serpiente
  • Jeff Bridges als Marcus Hamilton in Hell or High Water
  • John Goodman als Howard Stambler in 10 Cloverfield Lane
  • Tom Hardy als John Fitzgerald in The Revenant
  • Shia LaBeouf als Jake in American Honey
  • Mark Ruffalo als Michael Rezendes in Spotlight
  • Michael Shannon als Lt. Bobby Andes in Nocturnal Animals


BESTE NEBENDARSTELLERIN


  • Marion Cotillard als Catherine in Juste la fin du monde
  • Suzu Hirose als Suzu Asano in Our Little Sister
  • Jennifer Jason Leigh als Daisy Domergue in The Hateful Eight
  • Kate McKinnon als Dr. Jillian Holtzmann in Ghostbusters
  • Kaori Momoi als Satomi in Grüsse aus Fukushima
  • Tuğba Sunguroğlu als Selma in Mustang
  • Tessa Thompson als Bianca in Creed


BESTE VOICEOVER-PERFORMANCE


  • Auli'i Cravalho als Moana Waialiki und Dwayne Johnson als Maui in Moana
  • Ellen DeGeneres als Dory in Finding Dory
  • Ginnifer Goodwin als Officer Judy Hopps in Zootopia
  • Tom Noonan als Everyone Else in Anomalisa
  • Charlize Theron als Monkey in Kubo and the Two Strings
  • David Thewlis als Michael Stone in Anomalisa
  • Christopher Walken als King Louie in The Jungle Book


BESTES SCHAUSPIEL-ENSEMBLE


  • Everybody Wants Some!! – Temple Baker, Will Brittain, Zoey Deutch, Ryan Guzman, Tyler Hoechlin, Blake Jenner, Quinton Johnson, Glen Powell, Wyatt Russell
  • Ghostbusters – Ed Begley Jr. Neil Casey, Charles Dance, Andy García, Chris Hemsworth, Steve Higgins, Leslie Jones, Melissa McCarthy, Kate McKinnon, Cecily Strong, Matt Walsh, Kristen Wiig, Michael K. Williams
  • The Hateful Eight – Demián Bichir, Bruce Dern, Walton Goggins, Samuel L. Jackson, Jennifer Jason Leigh, Michael Madsen, Tim Roth, Kurt Russell, Channing Tatum
  • Hell or High Water – Gil Birmingham, Jeff Bridges, Dale Dickey, Ben Foster, Marin Ireland, Katy Mixon, Chris Pine
  • Juste la fin du monde – Nathalie Baye, Vincent Cassel, Marion Cotillard, Léa Seydoux, Gaspard Ulliel
  • Mustang– Erol Afşin, İlayda Akdoğan, Doğa Doğuşlu, Elit İşcan, Nihal Koldaş, Ayberk Pekcan, Güneş Şensoy, Tuğba Sunguroğlu, Burak Yiğit
  • Spotlight – Len Cariou, Billy Crudup, Neal Huff, Brian d'Arcy James, Michael Keaton, Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Liev Schreiber, John Slattery, Stanley Tucci


BESTER NICHT-ENGLISCHSPRACHIGER FILM


  • El abrazo de la serpiente
  • L'avenir
  • Francofonia
  • Julieta
  • Juste la fin du monde
  • La loi du marché
  • Mountains May Depart
  • Mustang
  • Toni Erdmann
  • Vor der Morgenröte


BESTER ANIMATIONSFILM


  • Finding Dory
  • Kubo and the Two Strings
  • Moana
  • La tortue rouge
  • Zootopia


BESTER DOKUMENTARFILM


  • 13TH
  • The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years
  • Heart of a Dog


BESTES ORIGINALDREHBUCH


  • American Honey – Andrea Arnold
  • Everybody Wants Some!! – Richard Linklater
  • Hail, Caesar! – Ethan Coen, Joel Coen
  • The Hateful Eight – Quentin Tarantino
  • La loi du marché – Stéphane Brizé, Olivier Gorce
  • Paterson – Jim Jarmusch
  • Toni Erdmann – Maren Ade


BESTES ADAPTIERTES DREHBUCH


  • El abrazo de la serpiente – Ciro Guerra, Jacques Toulemonde Vidal (basierend auf den Tagebüchern von Richard Evans Schultes und Theodor Koch-Grünberg)
  • Anomalisa – Charlie Kaufman (basierend auf dem Theaterstück Anomalisa von Charlie Kaufman)
  • Brooklyn – Nick Hornby (basierend auf dem Roman Brooklyn von Colm Tóibín)
  • Deadpool – Rhett Reese, Paul Wernick (basierend auf der Comicfigur Deadpool von Fabian Nicieza und Rob Liefeld)
  • Ghostbusters – Katie Dippold, Paul Feig (basierend auf dem Film Ghostbusters von Ivan Reitman)
  • Julieta – Pedro Almodóvar (basierend auf der Kurzgeschichtensammlung Runaway von Alice Munro)
  • Juste la fin du monde – Xavier Dolan (basierend auf dem Theaterstück Juste la fin du monde von Jean-Luc Lagarce)


BESTE KAMERA


  • American Honey – Robbie Ryan
  • The Assassin – Mark Lee Ping Bin
  • The Hateful Eight – Robert Richardson
  • Juste la fin du monde – André Turpin
  • The Neon Demon – Natasha Braier
  • L'odyssée – Matias Boucard
  • The Revenant – Emmanuel Lubezki


BESTER SCHNITT


  • American Honey – Joe Bini
  • Everybody Wants Some!! – Sandra Adair
  • Francofonia – Hansjörg Weißbrich
  • Green Room – Julia Bloch
  • Nocturnal Animals – Joan Sobel
  • Paterson – Affonso Gonçalves
  • Sully – Blu Murray


BESTE FILMMUSIK


  • Nick Cave, Warren Ellis – Hell or High Water
  • Warren Ellis – Mustang
  • Opetaia Foa'i, Mark Mancina, Lin-Manuel Miranda – Moana
  • Michael Giacchino – Rogue One: A Star Wars Story
  • Cliff Martinez – The Neon Demon
  • Ennio Morricone – The Hateful Eight
  • Laurent Perez del Mar – La tortue rouge


BESTER TON


  • American Honey – Nicolas Becker, Aymeric Devoldère, Raphael Sohier
  • Arrival – Sylvain Bellemare, Claude La Haye
  • Juste la fin du monde – Sylvain Brassard
  • The Neon Demon – Robert Eber, Anne Jensen, Kristoffer Salting, Eddie Simonsen
  • The Revenant – Lon Bender, Chris Duesterdiek, Martín Hernández, Victor J. Hernandez, Jon Title
  • Sully – Bub Asman, José Antonio García, Alan Robert Murray, Tom Ozanich
  • Swiss Army Man – Brent Kiser, Stephen Nelson, Andrew Twite


BESTE AUSSTATTUNG


  • The Assassin – Huang Wen-Ying, Weng Ding-Yang
  • Everybody Wants Some!! – Rodney Becker, Bruce Curtis, Gabriella Villarreal
  • Fantastic Beasts and Where to Find Them – David Allday, Guy Bradley, Toby Britton, Stuart Craig, Peter Dorme, Gavin Fitch, Martin Foley, James Hambridge, Anna Pinnock, Hayley Easton Street
  • Green Room – Jenelle Giordano, Benjamin Hayden, Ryan Warren Smith
  • Hail, Caesar! – Cara Brower, Jess Gonchor, Nancy Haigh, Dawn Swiderski
  • Julieta – Carlos Bodelón, Federica García Cambrero, Antxón Gómez
  • The Neon Demon – Jonathan Amico, Elliott Hostetter, Adam Willis


BESTE KOSTÜME


  • American Honey – Natasha Noor, Brian Sprouse, Carole Zacek
  • The Assassin – Huang Wen-Ying
  • Hail, Caesar! – Mary Zophres
  • The Hateful Eight – Courtney Hoffman
  • The Neon Demon – Erin Benach
  • The Nice Guys – Kym Barrett
  • Sing Street – Tiziana Corvisieri


BESTE SPEZIALEFFEKTE


  • Captain America: Civil War
  • Doctor Strange
  • The Jungle Book
  • The Revenant
  • Rogue One: A Star Wars Story
  • Star Trek Beyond
  • Sully


"SPOILER ALERT": BESTE SZENE



–––––––

Nominationen-Total:
  • 9 Nominationen: American Honey, Juste la fin du monde
  • 7 Nominationen: The Hateful Eight, Toni Erdmann
  • 6 Nominationen: The Neon Demon
  • 5 Nominationen: Ghostbusters, Mustang
  • 4 Nominationen: El abrazo de la serpiente, Everybody Wants Some!!, Francofonia, Hail, Caesar!, Kubo and the Two Strings, Moana, Mountains May Depart, The Revenant
  • 3 Nominationen: Anomalisa, The Assassin, Brooklyn, Creed, Finding Dory, Heart of a Dog, Hell or High Water, I, Daniel Blake, Julieta, The Jungle Book, La loi du marché, Sully
  • 2 Nominationen: 13TH, L'avenir, Green Room, Nocturnal Animals, Rogue One: A Star Wars Story, Sing Street, Spotlight, Star Trek Beyond, La tortue rouge, Vor der Morgenröte, Zootopia
  • 1 Nomination: 10 Cloverfield Lane, Arrival, The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years, Captain America: Civil War, Deadpool, Doctor Strange, Fantastic Beasts and Where to Find Them, Grüsse aus Fukushima, The Nice Guys, L'odyssée, Our Little Sister, Petting Zoo, Swiss Army Man

Dienstag, 27. Dezember 2016

Kinojahr 2016: Top 10

1
13TH
(Ava DuVernay, USA)


2
PATERSON
(Jim Jarmusch, USA)


3
I, DANIEL BLAKE
(Ken Loach, UK)


4
JUSTE LA FIN DU MONDE
(Xavier Dolan, Kanada)


5
FRANCOFONIA
(Alexander Sokurov, Frankreich)


6
THE HATEFUL EIGHT
(Quentin Tarantino, USA)


7
TONI ERDMANN
(Maren Ade, Deutschland)


8
GHOSTBUSTERS
(Paul Feig, USA)


9
HEART OF A DOG
(Laurie Anderson, USA)


10
KUBO AND THE TWO STRINGS
(Travis Knight, USA)



HONOURABLE MENTIONS
  • El abrazo de la serpiente (Ciro Guerra)
  • American Honey (Andrea Arnold)
  • La loi du marché (Stéphane Brizé)
  • Moana (Ron Clements, John Musker)
  • Mountains May Depart (Jia Zhangke)
  • Spotlight (Tom McCarthy)
  • Vor der Morgenröte (Maria Schrader)
  • Zootopia (Byron Howard, Rich Moore)