Jede Kunstform hat ihren Ursprung in einem Werk, einer Idee, einer Person. So etwa die Geschichte der modernen Musik: Das 20. Jahrhundert hat unzählige stilbildende Künstler hervorgebracht – Hank Williams, Muddy Waters, Bob Dylan –, doch die Kette der Inspiration lässt sich letzten Endes, mehr oder weniger zumindest, auf den legendären Delta-Bluesman Robert Johnson, der 1938 mit nur 27 Jahren starb, zurückverfolgen.
Eine ähnliche Logik kann auch auf den Film, das definierende Kunstmedium des letzten Jahrhunderts, angewendet werden. Hier steht allerdings kein Einzelwerk an der Spitze der Hierarchie, sondern vielmehr eine Gruppe von Filmen, doch das Phänomen ist dasselbe. Was, wenn Meilensteine wie Le voyage dans la lune (1902), The Birth of a Nation (1915), Metropolis (1927), La passion de Jeanne d'Arc (1928) oder eben Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) nicht existierten? Nicht auszudenken, wo das bewegte Bild als Erzählform heute wäre.
Der Stellenwert, den Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari in der Filmhistorie einnimmt, lässt sich kaum hoch genug schätzen. Nicht nur ist der Stummfilm ein frühes Beispiel für den expressionistischen Film der Weimarer Republik und somit ein Vorreiter des deutschen Kinos, er ebnete quasi im Alleingang den Weg für das Genre des Horrorfilms (zwei Jahre nach seinem Erscheinen entstand F.W. Murnaus Nosferatu, eine Symphonie des Grauens) und er gilt allgemein als einer der frühesten Streifen, der sich des Stilelements der Rahmenhandlung bediente. Auch was die Geschichte betrifft, ist der Einfluss des Films nicht nur immens, sondern auch anhaltend. Filme wie The Imaginarium of Doctor Parnassus oder Shutter Island wurden, nach Angaben der Regisseure – Terry Gilliam respektive Martin Scorsese –, stark von der Thematik von Wienes Film beeinflusst.
Tatsächlich liest sich der Plot von Das Cabinet des Dr. Caligari wie eine Art Blaupause für zahlreiche Mysterystreifen, die in den 90 Jahren seit dessen Veröffentlichung über die Leinwände flackerten: Francis (Friedrich Fehér) sitzt mit einem älteren Mann (Hans Lanser-Rudolf) auf einer Bank, als Francis' Verlobte Jane (Lil Dagover) vorübergeht. Daraufhin erzählt der junge Mann die Geschichte des verrückten Dr. Caligari (Werner Krauss), der auf dem Jahrmarkt im Dorf Holstenwall seinen Somnambulisten (einen Schlafwandler) namens Cesare (Conrad Veidt, der in Casablanca seinen zweitletzten Auftritt hatte) ausstellte und ihn Prophezeihungen machen liess. Auf die Frage von Francis' Freund Alan, der ebenfalls in Jane verliebt war, wann er sterben würde, antwortet Cesare "Noch vor der nächsten Morgendämmerung", was sich auch prompt bewahrheitet. Bald ist ganz Holstenwall in heller Panik und sucht verzweifelt nach dem kaltblütigen Mörder.
Ist es möglich, Das Cabinet des Dr. Caligari nach heutigen Standards zu messen? Nein. Was aber möglich ist, ist die Frage, ob der Film nach wie vor seinen Zweck erfüllt. Fasziniert er noch immer? Ist noch Spannung im Plot vorhanden? Allerdings. Zwar lässt sich die Lösung des Mörderrätsels relativ leicht erahnen, doch das Ende wird einen dennoch auf dem falschen Fuss erwischen. Auch visuell ist Wienes Film ein Unikat – auch wenn umstritten ist, wieviel tatsächlich dem Regisseur zuzuschreiben ist. Es wird hervorragend mit Licht und Schatten gearbeitet und der expressionistische Hintergrund kommt wundervoll zum Ausdruck: Ausstattung, Architektur, ja selbst die Dialog-Zwischentitel sind von Asymmetrie geprägt; einzig die Fassade des Irrenhauses ist den Gesetzen des "normalen" Bauwesens unterworfen - daraus soll jeder seine eigenen Schlüsse ziehen.
Es ist wenig überraschend, dass es Myriaden von Interpretationen zu Das Cabinet des Dr. Caligari gibt. Während die einen seine Aussage der der Norm trotzenden Bewegung des Expressionismus zuordnen, sehen andere in ihm den klassischen Kampf zwischen Diener und Meister, dargestellt im Konflikt von Caligari und Cesare. Die bekannteste Deutung des Stoffs ist aber zweifelsfrei diejenige, die Siegfried Kracauer in seinem Buch Von Caligari zu Hitler (1947) darlegte. Kracauer zufolge widerspiegelt Das Cabinet des Dr. Caligari, gemeinsam mit anderen Filmen der frühen Weimarer Republik, in denen Tyrannen-Charaktere figurieren, die soziale Einstellung der Deutschen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, die sich nach einer hierarchischen Ideologie wie Adolf Hitlers Nationalsozialismus sehnten. Laut ihm symbolisiere der Holstenwaller Jahrmarkt das Chaos der Nachkriegsgesellschaft, der nur eine diktatorische Person wie Dr. Caligari entgegenwirken könne.
Ob diese ambitionierte These nun der Weisheit letzter Schluss ist, soll jeder selber für sich entscheiden. Tatsache ist, dass Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari auch im 21. Jahrhundert, fast 100 Jahre nach seinem Erscheinen, eine besondere Faszination ausübt, der man sich nur sehr schwer entziehen kann. Die ungewöhnliche äussere Erscheinung des Films, die ursprüngliche, spannende Geschichte – alle diese Faktoren funktionieren heute noch genauso wie bei der Premiere am 27. Februar 1920. Denn Filmmagie ist zeitlos.
★★★★★
Mittwoch, 3. August 2011
Donnerstag, 28. Juli 2011
La tête en friche
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Becker ist ohnehin ein bemerkenswerter Regisseur und Autor. Es
scheint keine noch so unauffällige Prämisse zu geben, die er nicht
in eine berührende Filmstory auszugestalten weiss. Dabei zeichnen
sich seine Werke gerade dadurch aus, dass sie auf allzu dramatische
Konflikte verzichten. Becker beschränkt sich auf die Beobachtung
seiner Charaktere – vergleichbar mit dem Briten Mike Leigh
(Secrets & Lies, Another Year) – und lässt diese,
mittels tief philosophischen, mal ganz banalen Dialogen, ein
faszinierendes, einfaches Eigenleben entwickeln. So entstehen
ausgezeichnete, urfranzösische Dialogfilme wie Dialogue avec mon
jardinier (2007) oder eben La tête en frîche.
Bahnbrechende Thesen werden hier nicht aufgestellt; Becker und
Co-Autor Jean-Loup Dabadie, der schon mit François Truffaut
zusammengearbeitet hatte, ist vielmehr daran gelegen, die Poesie des
Alltäglichen zu illustrieren, was ihnen mit ihrem humorvollen Skript
bestens gelungen ist.
Es gibt zeitgenössische französische Regisseure, welche im Ausland
leider kaum wahrgenommen. Dazu gehört zum Beispiel Jean Becker,
dessen einfühlsame Tragikomödien Mal um Mal begeistern. Die
hinreissende Verfilmung von Marie-Sabine Rogers Buch La tête en
friche bildet da keine Ausnahme.
Germain (Gérard Depardieu) ist um die fünfzig, schon ewig
Hilfsarbeiter und lebt in einem Wohnwagen im Garten seiner senil
werdenden Mutter (Claire Maurier) in der westfranzösischen
Kleinstadt Pons. Er ist ein liebenswürdiger, hilfsbereiter, wenn
auch sehr eigensinniger Kerl, der von seinen Kumpels im lokalen
Bistro oft als Einfaltspinsel bezeichnet wird. Dies rührt daher,
dass er zwar eine Menge über Obst und Gemüse weiss, ein bewanderter
Bauarbeiter ist und die Tauben im Park mit Namen auseinanderhalten
kann, aber in Sachen Fremdsprachen, Geschichte und Literatur, gelinde
gesagt, keine Koryphäe ist; selbst Lesen und Schreiben kann Germain
kaum. Doch eines Tages begegnet ihm im Park die 45 Jahre ältere
Margueritte (Theaterlegende Gisèle Casadesus), die ein Buch bei sich
trägt – Albert Camus' La peste. Die beiden kommen ins
Gespräch und freunden sich schnell an; die weltgewandte Greisin
liest Germain aus den verschiedensten Büchern vor und zeigt ihm so
die Schönheit der Literatur auf, während er ihr mit seiner
sympathischen und aufgestellten Art die Stunden im etwas trostlosen
Seniorenheim verkürzt. Als sie ihm offenbart, dass sie schon sehr
bald erblinden wird, beschliesst er, richtig lesen zu lernen, sodass
er seiner neugewonnenen Freundin dereinst aus ihren Büchern vorlesen
kann.
La
tête en friche heisst übersetzt soviel wie "Hohlkopf".
Gérard Depardieu passt perfekt in diese Titelrolle und wird in
seiner rustikalen, aber herzensguten Art vom Anmut der 97-jährigen
Gisèle Casadesus perfekt kontrastiert und wundervoll ergänzt.
Zwischen den beiden stimmt die Chemie perfekt. Zu keinem Zeitpunkt
bekundet das Duo Mühe, den Film zu tragen. Jean Becker hätte keine
besseren Castingentscheidungen treffen können: Makellose Chemie und
Harmonie – bei den Figuren wie bei ihren Interpreten.
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| Lernerfolg: Germain (Gérard Depardieu) liest Margueritte (Gisèle Casadesus) vor. |
La
tête en frîche ist eine beschauliche, besonnene, zutiefst
anrührende und auf sublime Art tiefgründige Tragikomödie, die
Freunde des französischen Kinos begeistern wird. Mit Grazie und
Eleganz präsentiert Altmeister Jean Becker eine Liebeserklärung an
das Leben, die Freundschaft und die verbindende Kraft der Literatur.
★★★★★½
Donnerstag, 21. Juli 2011
Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Nach zehn Jahren endet die Harry-Potter-Serie nun auch im Kino. Mit Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2 zieht Regisseur
David Yates noch einmal alle Register und bietet ein ausladendes
Fantasy-Spektakel, welches aber auch die stillen Momente der
Buchvorlage nicht aussen vor lässt.
Der Kampf zwischen Gut – dem Orden des Phönix – und Böse –
den Todessern – scheint entschieden: Lord Voldemort (Ralph Fiennes)
hat den legendären "unbesiegbaren" Elderzauberstab aus dem Grab
von Albus Dumbledore (Michael Gambon) geraubt, mit Severus Snape
(Alan Rickman) herrscht sein scheinbar treuester Gefolgsmann in
Hogwarts und ganz Grossbritannien sucht seinen Erzfeind Harry Potter
(Daniel Radcliffe). Dieser befindet sich mit seinen Freunden Ron
(Rupert Grint) und Hermione (Emma Watson) nach wie vor auf der Suche
nach Horkruxen – Objekten, in denen Voldemort Teile seiner Seele
versteckt hat, um unsterblich zu sein. Als sie in der Zaubererbank
Gringotts ein solches finden, stellen sie fest, dass in Hogwarts ein
weiteres versteckt ist. Mittlerweile hat aber auch der Dunkle Lord
gemerkt, dass seine Seelenteile in Gefahr sind und rekrutiert seine
Armee von schwarzen Magiern und finsteren Kreaturen, um in Hogwarts
die letzte, entscheidende Schlacht gegen die Rebellen zu schlagen und
Harry Potter endlich zu töten.
David Yates und Steve Kloves, aus dessen Feder sieben der acht
Potter-Filme stammen, sahen sich nach dem hervorragenden ersten Teil
des zweigeteilten Serienfinales mit einer grossen Herausforderung
konfrontiert: Sie mussten alle noch hängigen Handlungsstränge
befriedigend zu Ende bringen und gleichzeitig die Spannung der
letzten 250 Seiten der Buchvorlage auf Film bannen. Diesen Balanceakt
haben die beiden mit Bravour gemeistert. Zwar liess das Quellmaterial
nicht ganz soviel Raum für cineastische Überraschungen wie noch in
Teil eins, doch Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2
ist dennoch ein mitreissendes Abenteuer, bei dem zwar vor allem die
intimeren Kenner der Materie auf ihre Kosten kommen, welches aber
auch die weniger profund Informierten packen wird. Der Vorlage wird
so genau wie möglich, aber keineswegs sklavisch gefolgt gefolgt; so
finden sich unzählige wörtliche Zitate im Drehbuch. Nebenfiguren
wie Professor Minerva McGonagall (die herrliche Maggie Smith), Draco
Malfoy (der famose Tom Felton), oder Neville Longbottom (Matthew
Lewis), der endlich seinen heroischen Moment feiern darf, rücken in
den Vordergrund und erinnern uns daran, welch wichtige Rolle die
Nebencharaktere in J.K. Rowlings Universum übernehmen.
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Gefahr im Anmarsch: Harry (Daniel Radcliffe), Hermione (Emma Watson)
und Ron (Rupert Grint) bereiten sich auf den finalen Kampf gegen Lord
Voldemort vor.
|
Und trotz der toll gemachten Actionsequenzen, in welchen sich
Effekte, Alexandre Desplats Musik und Eduardo Serras Kameraarbeit
wunderbar ergänzen, bleiben die ruhigen, zwischenmenschlichen Szenen
das Herzstück des Films. Der diesbezügliche Höhepunkt ist die
Enttarnung von Severus Snape als mutigster Widerstandskämpfer gegen
Lord Voldemort. Was schon auf Papier kraftvoll war, wird von David
Yates auf Film in einer berührenden, exzellent inszenierten Montage
zur Perfektion geführt.
Wer befürchtete, dass die Serie mit einem inferioren Film zu Ende
geht, kann aufatmen. Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2
ist der furiose und würdige Abschluss eines weltweiten
Kino-Phänomens. Aficionados werden eine wehmütige Träne vergiessen
und murmeln: "Mischief managed" (sinngemäss "Unheil
angerichtet").
★★★★★☆
Donnerstag, 14. Juli 2011
The Beaver
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Fast zwei Jahre nach Drehschluss hat es The Beaver nun endlich
auf die Leinwand geschafft – allen Kontroversen zum Trotz. Hat sich
das Warten gelohnt? Jein. Jodie Fosters Neuester besticht zwar in
diversen Punkten, ist aber ein heilloses Durcheinander von Ideen und
Ansätzen.
Spielzeugfabrikant Walter Black (Mel Gibson) hat ein Problem. Er ist
klinisch depressiv und spricht auf keine Therapie an. Mittlerweile
hat er resigniert und verbringt den Grossteil seiner Zeit mit
Schlafen. Dies nagt an den Kräften seiner Familie: Ehefrau Meredith
(Jodie Foster) vergräbt sich in ihrer Arbeit als
Achterbahn-Designerin, wird damit aber auch nicht glücklich; Walters
jüngerer Sohn Henry (Riley Thomas Stewart) hat Schwierigkeiten,
Freunde zu finden und wird zusehends zum Einzelgänger; und der
ältere Porter (Anton Yelchin) hat panische Angst davor, so zu werden
wie sein Vater. Als Meredith schliesslich ihren Mann aus dem Haus
wirft, versucht dieser sich umzubringen – ohne Erfolg. Stattdessen
fällt ihm ein Fernseher auf den Kopf, woraufhin er beginnt, durch
eine Biber-Handpuppe, die er in einer Mülltonne gefunden hat, mit
seiner Umwelt zu kommunizieren. Dieses Plüschtier, welches ab sofort
mit "The Beaver" angesprochen werden will, verleiht Walter
scheinbar neue Kräfte. Er nimmt wieder aktiv am Familienleben teil,
er beschäftigt sich wieder mit Henry und er rettet seine
Spielzeugfirma mit einer Glanzidee vor der Insolvenz. Nur Porter kann
sich mit dem Biber nicht anfreunden; er wendet sich immer mehr von
seinem Vater ab und kümmert sich um seine eigenen Sorgen. Er wird
nämlich von der hübschen Musterschülerin Norah (Jennifer Lawrence,
Oscar-Nomination für Winter's Bone) darum gebeten, ihre
Abschlussrede für sie zu schreiben.
The
Beaver ist erst der zweite Film seit 2004, in welchem Mel Gibson
(Mad Max, Braveheart) vor der Kamera zu sehen ist. Der
gefallene Superstar ist in den letzten Jahren mit ultrakonservativen
Ansichten, antisemitischen Sprüchen und Alkoholexzessen negativ
aufgefallen und mutierte so vom Vorzeige-Prominenten zum Problemfall
für die Studios. Dementsprechend wird er auch gerne aufs Heftigste
kritisiert; schon nach dem ersten Trailer für The Beaver wurde
die Frage gestellt, was er sich bei der Wahl dieser Rolle gedacht
habe. Doch überraschenderweise gehört Mel Gibsons Performance zu
den Vorzügen des Films. Er spielt Walter Black mit der richtigen
Subtilität und man hat als Zuschauer keinerlei Schwierigkeiten, den
Wunsch der Hauptfigur, aus der Depression auszubrechen, abzunehmen.
Selbst Gibsons viel parodierter unnatürlicher britischer Dialekt,
mit dem er die Biberpuppe sprechen lässt, funktioniert zum Vorteil
des Films, indem er einen daran erinnert, dass der "Beaver" trotz
allem ein Teil von Walter ist.
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Erfolgreiche
Behandlung? Der depressive Walter Black (Mel Gibson) findet zu neuer
Lebenskraft, indem er durch seine Biber-Handpuppe kommuniziert.
|
Doch selbst die
beste Schauspielleistung – und The Beaver ist fast
ausnahmslos vorzüglich besetzt – vermag nicht über das Kyle
Killens maues Drehbuch hinwegzutäuschen. Dies fängt bei der
Prämisse an. So sehr sich der Film bemüht, sie nachvollziehbar zu
erklären, es gelingt ihm nie hundertprozentig. Der Gedanke, dass ein
depressiver Mann plötzlich per Handpuppe zu interagieren anfängt,
ist schlicht zu weit hergeholt, um glaubwürdig zu wirken. Verstärkt
wird dieser Eindruck des allzu unrealistischen Plots durch den
Wechsel der Tonart, den The Beaver zu Beginn des dritten Aktes
vollzieht: Walters Situation, die zuvor sogar leicht humoristisch
angegangen wurde, verwandelt sich plötzlich und ohne Vorwarnung oder
Andeutung in einen Psychothriller Marke Child's Play – es
scheint, als habe sich Killen in eine Ecke geschrieben, aus der er
ohne Kraftakt nicht mehr herauskam. Eine weiterere erzählerische
Eigenart von The Beaver ist der Subplot mit Walters Sohn Porter
und dessen "Klientin" Norah, der wie ein komplett anderer,
besserer, Film eines anderen Autors daherkommt. Im Gegensatz zur
Hauptstory ist dieser Handlungsstrang nämlich durchaus realistisch
und emotional anregend, nicht zuletzt dank Anton Yelchin und Jennifer
Lawrence, und darüber hinaus echt spannend.
The
Beaver ist kein schlechter Film, aber, und das ist wohl der
Knackpunkt, wirklich gut ist er eben auch nicht. Jodie Fosters
neuestes Werk hat zweifelsohne seine Stärken, doch seine Probleme
sind zu gross, als dass man sie einfach ignorieren könnte. Zu sehr
nagt das unausgegorene Szenario an der Qualität von Jodie Fosters
neuestem Werk. Letzten Endes ist The Beaver nichts anderes als
ein interessantes kleines Projekt eines noch unerfahrenen
Drehbuchautors, das dank einigen prominenten Darstellern und einer
zweifellos begabten Regisseurin mehr Aufmerksamkeit erhält, als es
verdient.
★★★½
Donnerstag, 7. Juli 2011
Larry Crowne
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Mit dem Sommer ist auch die Zeit der Liebeskomödien gekommen.
Allerdings hat das Genre unzweifelhaft schon bessere Zeiten gesehen.
Hat es Tom Hanks' Starvehikel Larry Crowne geschafft, die
qualitativ angeschlagene Hollywood-Rom-Com wieder neu zu beleben?
Leider nur sehr bedingt.
Gestatten, Larry Crowne (Tom Hanks), ein sympathischer Kerl Mitte
vierzig, der sich nach zwanzig Jahren Marine-Küchendienst
niederliess und einen Verkaufsjob bei einer Warenhauskette annahm. In
dieser Position fühlt er sich wohl, Kunden und Mitarbeiter schätzen
seine positive Einstellung. Doch eines unschönen Tages wird Larry
aus heiterem Himmel entlassen. Der Grund: Ihm fehlt eine
College-Ausbildung. Und in Zeiten der Wirtschaftskrise trifft es bei
Rationalisierungen die Unqualifizierten eben zuerst. Die Suche nach
einer neuen Arbeit gestaltet sich schwierig. Also schreibt er sich
auf Anraten seiner Nachbarn Lamar (Cedric "the Entertainer") und
B'Ella (Taraji P. Henson) an der lokalen Universität ein. Seine
Hauptfächer: Wirtschaftslehre beim exzentrischen Dr. Matsutani
(Star Trek-Veteran George Takei) und freies Reden bei der
frustrierten Mercedes Tainot (Julia Roberts). Larry lebt sich schnell
auf dem Campus ein; er findet Freunde und wird sogar in eine Clique
von Motorrollerfans aufgenommen. Bei einer abendlichen Rundfahrt
gabelt er die an einer Bushaltestelle wartende Mercedes auf, die sich
gerade mit ihrem Versager von Ehemann Dean (Bryan Cranston) heftig
gestritten hat. Unter Alkoholeinfluss küsst sie ihren Schüler sogar
– natürlich ein absolutes Tabu. Die beiden bewahren Stillschweigen
über den Vorfall, finden aber immer mehr Gefallen aneinander.
Larry
Crowne gibt sich sichtlich Mühe, sich vom durchschnittlichen
Rom-Com-Kino der letzten Jahre zu distanzieren, im Grunde kein
schlechter Gedanke. Die Autoren des Streifens, Nia Vardalos (My
Big Fat Greek Wedding) und Tom Hanks selbst, umgingen in ihrem
Skript die gängigsten und nervigsten Klischees; auf ausgelutschte
Storyelemente wie das grosse Missverständnis, welches die ganze
Handlung unnötig verlängert, oder den erbitterten Widersacher der
Hauptfigur wird verzichtet. Doch Vardalos und Hanks haben es
versäumt, diese Klischees nicht nur aus ihrem Film
herauszuschreiben, sondern sie auch durch eigene, originelle Einfälle
zu ersetzen. Dadurch stellen sich in Larry Crowne kaum
Reibungen ein; viele Szenen laufen auf nichts Spezielles hinaus und
versanden ohne grossen Einfluss auf die Geschichte. Diesen Mangel an
Spannung vermögen auch die Gags nicht wirklich auszugleichen. Für
jeden gelungenen Lacher, meistens von Seiten George Takeis oder
Cedric "the Entertainers", liefert das Drehbuch auch einen Gag,
der sein Ziel entweder verfehlt oder allzu sehr erzwungen wirkt.
Besonders in den ersten paar Szenen zwischen Larry und Mercedes
versucht das Drehbuch Kapital aus den verschiedenen Wesenszügen der
Figuren – er ist naiv und liebenswert, sie genervt und zynisch –
zu schlagen, doch was herauskommt, sind gestelzte Momente der
Peinlichkeit, welche zum Fremdschämen einladen.
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Unterschiedliche Altersgenossen: Student Larry (Tom Hanks) hilft
seiner Lehrerin Mercedes (Julia Roberts) bei einem GPS-Problem.
|
Dass Larry Crowne aufs Ganze gesehen aber gefällig bleibt, ist
in erster Linie seinem Hauptdarsteller zu verdanken. Tom Hanks ist
mittlerweile Hollywoods Symbolfigur für den aufrechten und
treuherzigen, aber immer auch leicht selbstironischen, amerikanischen
Vorzeigebürger. Seine Beflissenheit, sein untrüblicher Glaube an
das Gute in seinen Mitmenschen ist auch der Grund, warum sein Larry
Crowne ein echter Sympathieträger ist. Schade nur, dass sein
weiblicher Gegenpart eine unausstehliche Kratzbürste ist. Der ganze
Film fällt mit Julia Roberts' Mercedes. Ihre Abfälligkeit, ihre
bösartigen Vorurteile und ihre Egomanie stehen dermassen in Kontrast
zu Larrys sonnigem Gemüt, dass sie selbst nach ihrem (sehr
moderaten) "Wandel" immer noch nichts taugt als
Identifikationsfigur. Dass sich Larry in jemanden, der derart
unsympathisch wie Mercedes ist, verlieben kann, scheint ganz und gar
unwahrscheinlich, was der Liebesgeschichte jegliche Glaubwürdigkeit
raubt.
Liebeskomödien leben zu einem schönen Teil von der Chemie des
Hauptdarstellerpaares. Doch so gut Tom Hanks mit George Takei oder
Cedric "the Entertainer" funktioniert, so schlecht klappt es mit
Julia Roberts. Entsprechend finden sich die Reize von Larry
Crowne auch meistens dann, wenn Roberts nicht Teil der Szene ist.
Dies ist bedauerlich, da der Film mit seinen Rückgriffen auf
Komödien der 80er- und 90er-Jahre – mitsamt der Stilisierung des
College-Lebens – durchaus Potenzial gehabt hätte. Eine gründliche
Überarbeitung des Drehbuchs im Allgemeinen und des Charakters
Mercedes Tainot im Speziellen hätte den Film wohl vom
Genre-Durchschnitt abgehoben. So aber ist Tom Hanks' zweite
Regiearbeit ein nicht weiter bemerkenswertes, schnell vergessenes
Sommerfilmchen, das immerhin leidlich zu unterhalten vermag.
★★★☆☆☆
Donnerstag, 30. Juni 2011
Whip It
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Vor zwei Jahren wagte sich Drew Barrymore erstmals auf den
Regiestuhl. Und siehe da: Das Resultat lässt sich sehen – endlich
auch hierzulande. Obwohl sie mit der Teenager-Saga Whip It das
Rad nicht neu erfindet, fällt es schwer, sich dem Charme des Films
zu entziehen.
"Deprimierend", "am Ende der Welt" und voll von "rassistischen Hinterwäldlern"
– so "besingt" die 17-jährige Bliss Cavendar (die famose Ellen
Page) ihren Wohnort Bodeen, eine weisse Suburbia nahe der texanischen
Hauptstadt Austin, zur Melodie von Dolly Partons Country-Hit "Jolene". Das Kaff ist fürwahr nicht der Traum eines
orientierungslosen, unscheinbaren und gelangweilten Teenagers.
Ausstiegschancen bieten sich kaum, ausser in Form einer
College-Anmeldung, wofür Bliss sich aber nicht richtig begeistern
kann. Stattdessen arbeitet sie mit ihrer besten Freundin und
Mit-Aussenseiterin Pash (Alia Shakwat) im lokalen
Fast-Food-Restaurant und macht, ihrer traditionell gesinnten Mutter
Brooke (eine starke Marcia Gay Harden) zuliebe, bei
Schönheitswettbewerben mit. Als Bliss sich aber eines Tages auf
Shoppingtour in Austin befindet, wird sie auf eine Gruppe von Frauen
mit bunten Haaren, schrillen Outfits und 1970er-Rollschuhen
aufmerksam – ein Roller-Derby-Team. Fasziniert von deren
Unabhängigkeit und frechen Einstellung schnappt sie sich Pash und
besucht heimlich ein Spiel. Der Sport begeistert sie sofort,
woraufhin sie ihr Alter fälscht und ein Probetraining der "Hurl
Scouts", der schlechtesten, aber gleichzeitig beliebtesten Truppe
der Liga, besucht. Dort fällt sie durch ihr Talent auf und wird
prompt ins Team aufgenommen. Bei Maggie Mayhem (Kristen Wiig),
Smashley Simpson (Drew Barrymore) & Co., ihren neuen
Kolleginnen/Idolen, fühlt sich Bliss zwar so wohl wie nie zuvor,
distanziert sich damit aber auch von ihrer Familie, da diese nichts
von der "ungebührlichen" sportlichen Aktivität ihrer ältesten
Tochter wissen darf.
Neu ist die Geschichte von Whip It wirklich nicht. Autorin
Shauna Cross, die hier ihr eigenes Buch (Derby Girl)
adaptierte, versah den Film mit einer Vielzahl von wohlbekannten
Mustern, welche fast schon ans Formelhafte grenzen: der Aufstieg des
Underdogs, der Kampf des liberal gesinnten Teenagers gegen die
altmodischen Eltern, der Ausbruch aus der Kleinstadt-Ödnis. Doch der
Film weiss dies in gleich mehrfacher Hinsicht wettzumachen. Zum einen
handelt es sich dabei um eine ungemein warmherzige und aufstellende
Angelegenheit, woran der etwas eigene, leicht abseitige Humor im
Stile von Terry Zwigoffs Ghost World oder Wes Andersons
Komödien (Rushmore, The Royal Tennenbaums) sicherlich
seinen Anteil hat. Allerdings verzichtet Whip It auch nicht
auf durchaus nachvollziehbare Konflikte. Besonders die Betonung der
Mutter-Tochter-Beziehung entwickelt eine spannende Dynamik, geht über
gängige Klischees hinaus und führt letztlich zu einem für beide
Seiten befriedigenden Ende.
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Rollende Leidenschaft: Die 17-jährige Bliss Cavendar (Ellen Page)
hat im rauen Roller Derby ihren Sport gefunden.
|
Zum anderen zeichnet sich der Film durch einen gewitzten
Genre-Stilbruch aus. Drew Barrymores Regiedebüt wird zu einem
schönen Teil von seinen aufregend inszenierten Roller-Derby-Szenen
geprägt. Whip It ist ein Sportfilm aus dem Bilderbuch und
damit ein Vertreter des wohl amerikanischsten aller Filmgenres. Aber
so amerikanisch sein Inhalt, so gänzlich unamerikanisch seine Moral:
Es geht nicht ums Gewinnen, nicht darum, dass man am Ende obenauf
schwingt, sondern dass es viel wichtiger ist, sich dessen zu
erfreuen, was man macht, und die Freude daran mit Leuten, die einem
nahe stehen, zu teilen. Dass das "Feiern der Mittelmässigkeit"
("We're number two!"), wie es der Trainer der Hurl Scouts nennt,
hier nicht nur als Gag gebraucht wird, sondern als erstrebenswerte
Tugend dargestellt wird, ist Shauna Cross und Drew Barrymore hoch
anzurechnen.
Whip
It ist kein bahnbrechender Film, aber das muss er auch nicht sein.
Er ist solide inszeniert – Drew Barrymore besitzt offenkundig
Regietalent – und unterhält mit losem Mundwerk und handfesten
Sportszenen sowie einem hervorragenden Cast (komödiantisches
Glanzlicht: der Stand-Up-Comedy-Star Jimmy Fallon). Und obwohl sich
der Plot öfters am Rande des Klischeehaften bewegt, kann man dem
Film nicht wirklich böse sein; zu gut gelaunt und zu charmant kommt
das Ganze daher. Whip It ist ein kleiner sommerlicher
Aufsteller, der neben den Blockbustern 2011 wahrscheinlich
verschwinden wird, es aber verdient hätte gesehen und anerkannt zu
werden. Wer weiss? Vielleicht entdeckt ja sogar jemand das Roller
Derby für sich.
★★★★½
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