Donnerstag, 7. Juli 2011

Larry Crowne

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Mit dem Sommer ist auch die Zeit der Liebeskomödien gekommen. Allerdings hat das Genre unzweifelhaft schon bessere Zeiten gesehen. Hat es Tom Hanks' Starvehikel Larry Crowne geschafft, die qualitativ angeschlagene Hollywood-Rom-Com wieder neu zu beleben? Leider nur sehr bedingt.

Gestatten, Larry Crowne (Tom Hanks), ein sympathischer Kerl Mitte vierzig, der sich nach zwanzig Jahren Marine-Küchendienst niederliess und einen Verkaufsjob bei einer Warenhauskette annahm. In dieser Position fühlt er sich wohl, Kunden und Mitarbeiter schätzen seine positive Einstellung. Doch eines unschönen Tages wird Larry aus heiterem Himmel entlassen. Der Grund: Ihm fehlt eine College-Ausbildung. Und in Zeiten der Wirtschaftskrise trifft es bei Rationalisierungen die Unqualifizierten eben zuerst. Die Suche nach einer neuen Arbeit gestaltet sich schwierig. Also schreibt er sich auf Anraten seiner Nachbarn Lamar (Cedric "the Entertainer") und B'Ella (Taraji P. Henson) an der lokalen Universität ein. Seine Hauptfächer: Wirtschaftslehre beim exzentrischen Dr. Matsutani (Star Trek-Veteran George Takei) und freies Reden bei der frustrierten Mercedes Tainot (Julia Roberts). Larry lebt sich schnell auf dem Campus ein; er findet Freunde und wird sogar in eine Clique von Motorrollerfans aufgenommen. Bei einer abendlichen Rundfahrt gabelt er die an einer Bushaltestelle wartende Mercedes auf, die sich gerade mit ihrem Versager von Ehemann Dean (Bryan Cranston) heftig gestritten hat. Unter Alkoholeinfluss küsst sie ihren Schüler sogar – natürlich ein absolutes Tabu. Die beiden bewahren Stillschweigen über den Vorfall, finden aber immer mehr Gefallen aneinander.

Larry Crowne gibt sich sichtlich Mühe, sich vom durchschnittlichen Rom-Com-Kino der letzten Jahre zu distanzieren, im Grunde kein schlechter Gedanke. Die Autoren des Streifens, Nia Vardalos (My Big Fat Greek Wedding) und Tom Hanks selbst, umgingen in ihrem Skript die gängigsten und nervigsten Klischees; auf ausgelutschte Storyelemente wie das grosse Missverständnis, welches die ganze Handlung unnötig verlängert, oder den erbitterten Widersacher der Hauptfigur wird verzichtet. Doch Vardalos und Hanks haben es versäumt, diese Klischees nicht nur aus ihrem Film herauszuschreiben, sondern sie auch durch eigene, originelle Einfälle zu ersetzen. Dadurch stellen sich in Larry Crowne kaum Reibungen ein; viele Szenen laufen auf nichts Spezielles hinaus und versanden ohne grossen Einfluss auf die Geschichte. Diesen Mangel an Spannung vermögen auch die Gags nicht wirklich auszugleichen. Für jeden gelungenen Lacher, meistens von Seiten George Takeis oder Cedric "the Entertainers", liefert das Drehbuch auch einen Gag, der sein Ziel entweder verfehlt oder allzu sehr erzwungen wirkt. Besonders in den ersten paar Szenen zwischen Larry und Mercedes versucht das Drehbuch Kapital aus den verschiedenen Wesenszügen der Figuren – er ist naiv und liebenswert, sie genervt und zynisch – zu schlagen, doch was herauskommt, sind gestelzte Momente der Peinlichkeit, welche zum Fremdschämen einladen.

Unterschiedliche Altersgenossen: Student Larry (Tom Hanks) hilft seiner Lehrerin Mercedes (Julia Roberts) bei einem GPS-Problem.
Dass Larry Crowne aufs Ganze gesehen aber gefällig bleibt, ist in erster Linie seinem Hauptdarsteller zu verdanken. Tom Hanks ist mittlerweile Hollywoods Symbolfigur für den aufrechten und treuherzigen, aber immer auch leicht selbstironischen, amerikanischen Vorzeigebürger. Seine Beflissenheit, sein untrüblicher Glaube an das Gute in seinen Mitmenschen ist auch der Grund, warum sein Larry Crowne ein echter Sympathieträger ist. Schade nur, dass sein weiblicher Gegenpart eine unausstehliche Kratzbürste ist. Der ganze Film fällt mit Julia Roberts' Mercedes. Ihre Abfälligkeit, ihre bösartigen Vorurteile und ihre Egomanie stehen dermassen in Kontrast zu Larrys sonnigem Gemüt, dass sie selbst nach ihrem (sehr moderaten) "Wandel" immer noch nichts taugt als Identifikationsfigur. Dass sich Larry in jemanden, der derart unsympathisch wie Mercedes ist, verlieben kann, scheint ganz und gar unwahrscheinlich, was der Liebesgeschichte jegliche Glaubwürdigkeit raubt.

Liebeskomödien leben zu einem schönen Teil von der Chemie des Hauptdarstellerpaares. Doch so gut Tom Hanks mit George Takei oder Cedric "the Entertainer" funktioniert, so schlecht klappt es mit Julia Roberts. Entsprechend finden sich die Reize von Larry Crowne auch meistens dann, wenn Roberts nicht Teil der Szene ist. Dies ist bedauerlich, da der Film mit seinen Rückgriffen auf Komödien der 80er- und 90er-Jahre – mitsamt der Stilisierung des College-Lebens – durchaus Potenzial gehabt hätte. Eine gründliche Überarbeitung des Drehbuchs im Allgemeinen und des Charakters Mercedes Tainot im Speziellen hätte den Film wohl vom Genre-Durchschnitt abgehoben. So aber ist Tom Hanks' zweite Regiearbeit ein nicht weiter bemerkenswertes, schnell vergessenes Sommerfilmchen, das immerhin leidlich zu unterhalten vermag.

★★★

Donnerstag, 30. Juni 2011

Whip It

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Vor zwei Jahren wagte sich Drew Barrymore erstmals auf den Regiestuhl. Und siehe da: Das Resultat lässt sich sehen – endlich auch hierzulande. Obwohl sie mit der Teenager-Saga Whip It das Rad nicht neu erfindet, fällt es schwer, sich dem Charme des Films zu entziehen.

"Deprimierend", "am Ende der Welt" und voll von "rassistischen Hinterwäldlern" – so "besingt" die 17-jährige Bliss Cavendar (die famose Ellen Page) ihren Wohnort Bodeen, eine weisse Suburbia nahe der texanischen Hauptstadt Austin, zur Melodie von Dolly Partons Country-Hit "Jolene". Das Kaff ist fürwahr nicht der Traum eines orientierungslosen, unscheinbaren und gelangweilten Teenagers. Ausstiegschancen bieten sich kaum, ausser in Form einer College-Anmeldung, wofür Bliss sich aber nicht richtig begeistern kann. Stattdessen arbeitet sie mit ihrer besten Freundin und Mit-Aussenseiterin Pash (Alia Shakwat) im lokalen Fast-Food-Restaurant und macht, ihrer traditionell gesinnten Mutter Brooke (eine starke Marcia Gay Harden) zuliebe, bei Schönheitswettbewerben mit. Als Bliss sich aber eines Tages auf Shoppingtour in Austin befindet, wird sie auf eine Gruppe von Frauen mit bunten Haaren, schrillen Outfits und 1970er-Rollschuhen aufmerksam – ein Roller-Derby-Team. Fasziniert von deren Unabhängigkeit und frechen Einstellung schnappt sie sich Pash und besucht heimlich ein Spiel. Der Sport begeistert sie sofort, woraufhin sie ihr Alter fälscht und ein Probetraining der "Hurl Scouts", der schlechtesten, aber gleichzeitig beliebtesten Truppe der Liga, besucht. Dort fällt sie durch ihr Talent auf und wird prompt ins Team aufgenommen. Bei Maggie Mayhem (Kristen Wiig), Smashley Simpson (Drew Barrymore) & Co., ihren neuen Kolleginnen/Idolen, fühlt sich Bliss zwar so wohl wie nie zuvor, distanziert sich damit aber auch von ihrer Familie, da diese nichts von der "ungebührlichen" sportlichen Aktivität ihrer ältesten Tochter wissen darf.

Neu ist die Geschichte von Whip It wirklich nicht. Autorin Shauna Cross, die hier ihr eigenes Buch (Derby Girl) adaptierte, versah den Film mit einer Vielzahl von wohlbekannten Mustern, welche fast schon ans Formelhafte grenzen: der Aufstieg des Underdogs, der Kampf des liberal gesinnten Teenagers gegen die altmodischen Eltern, der Ausbruch aus der Kleinstadt-Ödnis. Doch der Film weiss dies in gleich mehrfacher Hinsicht wettzumachen. Zum einen handelt es sich dabei um eine ungemein warmherzige und aufstellende Angelegenheit, woran der etwas eigene, leicht abseitige Humor im Stile von Terry Zwigoffs Ghost World oder Wes Andersons Komödien (Rushmore, The Royal Tennenbaums) sicherlich seinen Anteil hat. Allerdings verzichtet Whip It auch nicht auf durchaus nachvollziehbare Konflikte. Besonders die Betonung der Mutter-Tochter-Beziehung entwickelt eine spannende Dynamik, geht über gängige Klischees hinaus und führt letztlich zu einem für beide Seiten befriedigenden Ende.

Rollende Leidenschaft: Die 17-jährige Bliss Cavendar (Ellen Page) hat im rauen Roller Derby ihren Sport gefunden.
Zum anderen zeichnet sich der Film durch einen gewitzten Genre-Stilbruch aus. Drew Barrymores Regiedebüt wird zu einem schönen Teil von seinen aufregend inszenierten Roller-Derby-Szenen geprägt. Whip It ist ein Sportfilm aus dem Bilderbuch und damit ein Vertreter des wohl amerikanischsten aller Filmgenres. Aber so amerikanisch sein Inhalt, so gänzlich unamerikanisch seine Moral: Es geht nicht ums Gewinnen, nicht darum, dass man am Ende obenauf schwingt, sondern dass es viel wichtiger ist, sich dessen zu erfreuen, was man macht, und die Freude daran mit Leuten, die einem nahe stehen, zu teilen. Dass das "Feiern der Mittelmässigkeit" ("We're number two!"), wie es der Trainer der Hurl Scouts nennt, hier nicht nur als Gag gebraucht wird, sondern als erstrebenswerte Tugend dargestellt wird, ist Shauna Cross und Drew Barrymore hoch anzurechnen.

Whip It ist kein bahnbrechender Film, aber das muss er auch nicht sein. Er ist solide inszeniert – Drew Barrymore besitzt offenkundig Regietalent – und unterhält mit losem Mundwerk und handfesten Sportszenen sowie einem hervorragenden Cast (komödiantisches Glanzlicht: der Stand-Up-Comedy-Star Jimmy Fallon). Und obwohl sich der Plot öfters am Rande des Klischeehaften bewegt, kann man dem Film nicht wirklich böse sein; zu gut gelaunt und zu charmant kommt das Ganze daher. Whip It ist ein kleiner sommerlicher Aufsteller, der neben den Blockbustern 2011 wahrscheinlich verschwinden wird, es aber verdient hätte gesehen und anerkannt zu werden. Wer weiss? Vielleicht entdeckt ja sogar jemand das Roller Derby für sich.

★★★★½

Dienstag, 28. Juni 2011

Kung Fu Panda 2

Für die Animationsriesen Pixar und DreamWorks Animation scheint 2011 das Jahr der Sequels zu sein. Während Erstere mit Cars 2 die Geister scheiden, begeistern Letztere mit Kung Fu Panda 2 Publikum wie Kritiker. Das ist insofern erstaunlich, als dass die Fortsetzung der tierischen Kung-Fu-Saga um den übergewichtigen Panda Po alle Fehler des Originals – und von denen gibt es viele – wiederholt und es in Sachen Witz und Charme sogar noch unterbietet.

Vor langer Zeit lebte ein ehrgeiziger Pfau namens Shen (Stimmgeber: Gary Oldman), dessen Ziel es war, eine grosse Stadt zu beherrschen. Doch eine Wahrsagerin (Michelle Yeoh) prophezeite ihm, dass ein Krieger in Schwarz und Weiss ihm Einhalt gebieten würde, woraufhin Shen sich aufmachte, alle Pandas in China auszulöschen. Dies ist dem hochnäsigen Pfau aber offenbar nicht gelungen, da zumindest einer übrig geblieben ist: Po (Jack Black), der Drachenkrieger, sorgt mit seinen Freunden, den "Furious Five", für Recht und Ordnung in China und ist im Kung-Fu-Kloster von Meister Shifu (Dustin Hoffman) gut aufgehoben. Doch gerade als Shifu Po ins Geheimnis des inneren Friedens einweihen will, wird Alarm geschlagen und die Kung-Fu-Kämpfer müssen ein Dorf vor Banditen verteidigen. Es stellt sich heraus, dass diese Schurken Meister Shen dienen, der eine riesige Kanone baut, mit der er sich ganz China untertan machen will. Logisch, dass die Furious Five da eingreifen müssen. Doch kommt ihr Kung Fu gegen die moderne Technik an? Und woher kommt Po eigentlich und wieso wurde er von einer Ente aufgezogen?

Nach dem eher bemühenden Kung Fu Panda wäre es vielleicht eine gute Idee gewesen, das Autorenteam Jonathan Aibel, Robert Koo und Glenn Berger auszuwechseln. Immerhin war dieses Trio für die unlustigen Slapstick-Einlagen und die holprige Geschichte des Originals verantwortlich. Der Grund, wieso das Trio für die Fortsetzung zurükkehrte: Kung Fu Panda war ein Hit und spielte fast das Fünffache der Produktionskosten ein.

© Paramount Pictures Switzerland
Nun denn, haben Aibel/Berger/Koo wenigstens aus ihren Fehlern gelernt? Teilweise. Sie haben erkannt, dass ihre Charaktere durchaus Potenzial haben; sie schraubten die schwachen Schenkelklopf-Momente etwas zurück und konstruierten stattdessen ein Szenario rund um die Selbstfindung der Hauptfigur. Leider aber ist dieses Szenario eine schamlose Kopie der Harry Potter-Reihe. Pos Suche nach seinen verschollenen Eltern, seine Reaktion, als er die Wahrheit erfährt, das Sinnen auf Rache – es wirkt alles, als stamme es aus der Feder J. K. Rowlings.

Auch versäumt es dieser Plot, jedwede Dramaturgie aufkommen zu lassen. Die Geschichte des ersten Teils mag unstet gewesen sein, doch dort war wenigstens eine Erzählstruktur zu erkennen. Kung Fu Panda 2 hingegen dümpelt vor sich hin – hie und da durch eine mässig inszenierte Kampfszene gebrochen – und scheint mehr aus willkürlichen und schlampig zusammengeschusterten Ideen als aus einer durchdachten Story zu bestehen.

Auch das Niveau der Gags haben sich seit 2008 nicht wesentlich verbessert. Es finden sich zwar ein paar wenige Lacher, doch insgesamt ist Jennifer Yuh Nelsons Film – sie ersetzte das Duo Mark Osborne/John Stevenson – eine unlustige, ja beinahe schmerzhafte Angelegenheit. Aibel, Berger und Koo zeigen erschreckend wenig Gespür für Timing und den Punkt, an welchem sich ein Witz totgelaufen hat. Kung Fu Panda 2 weist eine Vielzahl an Running Gags auf, die anfangs vielleicht noch ganz amüsant sind – Stichwort: "Noodles!" –, mit fortschreitender Filmdauer aber immer mehr wie ein verzweifelter Versuch wirken. So werden auch Charaktere, für die man als Zuschauer durchaus Interesse und Sympathien hegen könnte, nach und nach zu billigen, witzlosen Karikaturen reduziert, deren Existenz einzig darin zu bestehen scheint, einen Catchphrase von sich zu geben.

© Paramount Pictures Switzerland
Derartige Mängel würden möglicherweise nicht ganz so schwer wiegen, wenn die Stimmen hinter den Figuren wenigstens gut wären. Doch Kung Fu Panda 2 führt auch in diesem Bereich die Unzulänglichkeit des Originals weiter und verschlimmert sie sogar. Wie schon im ersten Teil passen die prominenten Synchronsprecher überhaupt nicht zu ihren Charakteren. Jack Black ist nicht Po, ebensowenig ist Angelina Jolie Tigress, oder Lucy Liu Viper. Die Vokalleistungen der Schauspieler mögen ganz gut sein, doch sie ändern nichts daran, dass jemand schlechte Casting-Arbeit geleistet hat. In Kung Fu Panda passte wenigstens der Bösewicht (Ian McShane); im Sequel funktioniert nicht einmal das. Gary Oldman liefert als Shen zwar eine gute Performance – ein Mittelding zwischen Lord Voldemort und Montgomery Burns –, doch seine Stimme ist einfach nicht adäquat für einen Pfau. Die einzig passenden Sprecher – Dustin Hoffman als Shifu und Jackie Chan als Affe – sind leider unterbeschäftigt.

Das Beste an Kung Fu Panda 2 sind eindeutig die technischen Aspekte. Animation und Ausstattung sind hervorragend und zeichnen mit ihrer Tiefe und ihrem Detailreichtum ein mystisches Fantasieland, welches einen angenehmen Kontrast zur drögen Story bildet. Die Musik von John Powell und Hans Zimmer hat eine ähnliche Funktion: Der Film scheint dem Irrglauben, er sei gross und episch, verfallen zu sein, wobei einzig die Musik diese Annahme untermauert. Die Kung-Fu-Kämpfe, Pos Kindheitserinnerungen und Shens böse Monologe erhalten durch den atmosphärischen Score ein Minimum an Gewicht, welches die Geschichte selbst ihnen nicht verleihen kann.

Es wird Cars 2 schwer fallen, Kung Fu Panda 2 zu unterbieten. Nach dem ansprechenden How to Train Your Dragon hat DreamWorks wieder einen Rückschritt vollzogen und ein weiteres Mal ein unglaublich schwaches Sequel abgeliefert, welches sich nicht einmal für Toy Story 3- und Harry Potter-Plagiate zu schade ist. Ob eines der 24 Projekte, die in Jeffrey Katzenbergs Studio derzeit in Planung sind, das Vertrauen ins Unternehmen DreamWorks Animation wiederherstellen kann, bleibt abzuwarten.

★★

Donnerstag, 23. Juni 2011

Submarine

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Filme über Teenager gibt es viele. So viele, dass die seriöseren davon sogar ein eigenes Genre bilden: den Coming-of-Age-Film. Dass die Auseinandersetzung mit diesem speziellen Lebensabschnitt immer wieder neu begeistern kann, beweist Submarine – ein eigensinniges kleines Meisterstück.

Der 15-jährige Oliver Tate (Craig Roberts) gehört nicht zu den beliebtesten Schülern in seiner Schule. Man munkelt, er sei homosexuell, Mädchen schenken ihm wenig bis gar keine Beachtung und sein Interesse an Literatur (J.D. Salinger, Friedrich Nietzsche und die "reiferen" Werke Shakespeares, zu denen Hamlet offenbar nicht gehört) bringt ihm auch keinen Respekt ein. Doch als er eines Tages – als Mitläufer – unabsichtlich dazu beiträgt, dass die übergewichtige Zoe die Schule wechselt, ändert sich sein Leben zumindest in einem Bereich: Die eigenbrötlerische Jordana (Yasmine Paige), auf die Oliver ein Auge geworfen hat, interessiert sich plötzlich für ihn. Aber auch mit Freundin ist für ihn noch nicht alles perfekt. Seine Eltern Jill (Sally Hawkins, bekannt aus Happy-Go-Lucky) und Lloyd (Noah Taylor) entfremden sich immer mehr voneinander, und zu seinem Entsetzen zieht nebenan auch noch Jills charismatischer Ex-Freund Graham (Paddy Considine) ein. Oliver ist fest entschlossen, das Familienleben der Tates zu retten. Allerdings kommt bei dieser Rettungsaktion Jordana etwas zu kurz, was ihr gar nicht gefällt.

Was an Submarine sofort auffällt, ist Regisseur Richard Ayoades (Kult-Nerd Moss aus der TV-Serie The IT Crowd) Liebe für die Filmhistorie. Immer wieder wird subtil auf bekannte Werke angespielt – etwa auf den berühmt-berüchtigten Twist von Nicolas Roegs Don't Look Now; oder sie nehmen sogar selber einen Platz in der Erzählung ein, wie im Falle von Le samouraï und La passion de Jeanne d'Arc. Nichtsdestoweniger ist die Verfilmung von Joe Dunthornes Roman desselben Namens ein lupenreines Original. Selbst der im Grunde alltägliche Plot wird durch Ayoades raffinierte Inszenierung in etwas Einmaliges verwandelt. In Submarine wird viel experimentiert, viel stilisiert, viel nur angeschnitten. So werden beispielsweise keine schwarzen Szenenübergänge benutzt, sondern nur blaue und rote; das Setting ist ein Enigma: Der Film spielt zwar im walisischen Swansea, doch ob das Jahr nun 1985 oder 2011 ist, muss jeder für sich selbst herausfinden; und wenn Oliver, der als Erzähler fungiert, einen neuen Charakter vorstellt, geht er stark ins Detail und liefert zahlreiche Hintergrundinformationen, nur um schnell wieder zur Hauptstory zurückzukehren und die aufgezählten Eigenheiten der beschriebenen Figur weitgehend unkommentiert zu lassen. Dass dabei niemals das Gefühl aufkommt, der Film sei anmassend, ist dem herrlich selbstkritischen Tonfall zu verdanken. Wenn zum Beispiel zitiert wird, dann lässt einen Submarine in seiner eigenen ironischen Art, wissen, dass es sich dabei nicht um Angeberei handelt, sondern um einen Versuch, Filmfreunde schmunzeln zu lassen.

Zwei Aussenseiter haben sich gefunden: Oliver (Craig Roberts) und Jordana (Yasmine Paige) pflegen eine exzentrische Beziehung.
Aber trotz, oder vielleicht gerade wegen, der fast schon dylanesken Verschrobenheit von Richard Ayoades Film ist er wahrhaftiger als so mancher andere Coming-of-Age-Film – vielleicht sogar noch mehr als Lone Scherfigs (zu Recht) viel gelobter An Education, der immerhin auf einer realen Geschichte beruhte. Die Geschichte stellt eine Teenager-typische Achterbahnfahrt der Gefühle dar, die man als Zuschauer mit Oliver unternimmt. Dessen Gefühle wirken bekannt; ebenso seine Handlungen, die mal clever, mal kindisch-naiv sind. Einen derartigen Charakter sympathisch bleiben zu lassen, ist nicht leicht; Kudos an den exzellenten Craig Roberts und an die gleichermassen talentierte Yasmine Paige, die eine noch exzentrischere Figur zu spielen hat. Auch visuell wussten Ayoade und sein Kameramann Erik Wilson den Geist des Teeenagerseins hervorragend umzusetzen. Die Liebesgeschichte zwischen Oliver und Jordana – auch sie genial in ihrem von schwärmerischer Romantik gebrochenen Realismus – wäre ohne die Gegenüberstellung des jugendlichen Überschwangs mit der grauen, etwas heruntergekommenen Industriestadt Swansea wohl nur halb so kraftvoll.

Submarine ist ein erfrischender und trotz seines Retro-Chics moderner Indie-Film der besonderen Art. Der Film vereint Romantik, Drama und trockenen, schwarzen, unverkennbar britischen Humor in sich und versteht es hervorragend, das Teenagersein zu beschreiben – skurril, aber stimmig. Ein besseres Langspielfilm-Regiedebüt hätte Richard Ayoade kaum abliefern können. Nicht nur ist Submarine der beste Coming-of-Age-Film seit Jahren, er ist einer der bisherigen Höhepunkte im Kinojahr 2011.

★★★★★½

Un homme qui crie

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Passend zum anhaltenden "Arabischen Frühling", ist nun im Kino Mahamat-Saleh Harouns Un homme qui crie angelaufen; ein introspektiver Kriegsfilm, der die eigentlichen Kampfhandlungen ausklammert und anhand des Schicksals eines einzelnen Mannes eindrücklich den Bürgerkrieg im Tschad porträtiert.

Adam (Youssouf Djaoro) ist seinem Quartier in N'Djamena, der Hauptstadt der Sahararepublik Tschad, eine kleinere Berühmtheit; 1965 gewann er die zentralafrikanische Schwimmmeisterschaft, was ihm den Spitznamen "Champion" einbrachte. Nun ist er 55 Jahre alt und arbeitet als Bademeister in einem Luxushotel – ein Traumjob. Gemeinsam mit seinem 20-jährigen Sohn Abdel (Diouc Koma) kümmert er sich um die Sauberkeit des Swimmingpools, sammelt gebrauchte Badetücher ein und erteilt Kindern Schwimmunterricht. Aber mit der neuen Chefin des Hotels brechen andere Zeiten an: Die alteingesessenen Mitarbeiter werden entweder entlassen oder, in Adams Fall, versetzt. Abdel ist nun alleiniger Bademeister, während sein Vater an der Verkehrsschranke des Hotels ein tristes Dasein fristet, seines Lebensinhaltes – des Pools – beraubt. Währenddessen kämpft das tschadische Militär gegen Rebellen, die die Landeshauptstadt einnehmen und die Regierung stürzen wollen. Jeder Bürger ist dazu aufgerufen, die Soldaten zu finanzieren oder sonstwie zu unterstützen, woran der Quartierboss (Emil Abossolo M'bo) Adam nur zu gern erinnert. Doch "Champion" hat kein Geld zur Verfügung, sondern nur seinen Sohn, der ihn aus seinem Beruf gedrängt hat.

Un homme qui crie ist ein Kriegsfilm der besonderen Art. Für das Genre typische Bilder wie dramatische Schusswechsel oder unmenschliche Gräueltaten sucht man, abgesehen von sporadisch auftauchenden Fernsehberichten, vergebens. Selbst der im Titel vorkommende Schrei wird dem Zuschauer vorenthalten. Dergestalt melodramatische Elemente wären in Mahamat-Saleh Harouns neuem Film auch komplett fehl am Platze. Vielmehr zelebriert der Regisseur und Autor eine elegante, an Stoizismus grenzende, melancholische Ruhe, die nicht einmal in den tragischsten Momenten gebrochen wird. Er geht ohne theatralisches Getue und erzwungenen Schwermut auf Schuld, Sühne und (mögliche) Erlösung seiner Hauptfigur ein und schafft so eine ergreifende und vielschichtige Charakterstudie. Und obwohl der Gewissenskonflikt im Zentrum von Un homme qui crie den tschadischen Bürgerkrieg in vielerlei Hinsicht widerspiegelt, fühlt sich der Film niemals wie ein Lehrstück über Sinn oder Sinnlosigkeit der Rebellionsbewegung im Tschad an, sondern stets wie ein intimer Blick in die persönliche Tragödie eines normalen Menschen – eine Tragödie, die durch die Bedrohung des Krieges letztendlich ins Rollen gebracht wird. Das Drama um Adam – oft verglichen mit dem Protagonisten (Emil Jannings) in F. W. Murnaus Stummfilmklassiker Der letzte Mann (1924) – ist das des alternden Menschen, der sich mit seiner eigenen Ersetzbarkeit konfrontiert sieht und nichts unversucht lässt, diese Entwicklung aufzuhalten oder gar rückgängig zu machen, selbst wenn dabei die eigene Familie zerstört wird. Haroun beschreibt diese Tragik ohne Wertung oder Verurteilung, sondern mit einfühlsamer Zurückhaltung, wodurch Adams Taten immer ein Stück weit nachfühlbar bleiben.

Neuigkeiten von der Front? Bademeister Adam (Youssouf Djaoro) sorgt sich um seinen Sohn, den er aus Geldnot in die Armee geschickt hat.
Überhaupt erweist sich Haroun als äusserst sorgfältiger Regisseur mit einem beeindruckenden Sinn fürs Detail, im zeitgenössischen Kino vergleichbar mit dem Franzosen Stéphane Brizé (Je ne suis pas là pour être aimé, Mademoiselle Chambon). Viele Szenen sind fast gänzlich stumm; lange Einstellungen (mit wunderschönen Bildkompositionen von Laurent Brunet) herrschen vor; und ein Grossteil der filmischen Ausdruckskraft stammt von den Gesichtern der Schauspieler. In dieser Beziehung überzeugt vor allem der fantastische Youssouf Djaoro, der dem wortkargen Adam allein durch seine Mimik schon sehr viel Tiefe verleiht.

Mahamat-Saleh Haroun präsentiert mit Un homme qui crie ein eindringliches Drama, das im Stile einer griechischen Tragödie unaufhaltsam auf die finale Katastrophe zusteuert, seiner gebrochenen Hauptfigur am Ende jedoch die Möglichkeit der Katharsis offenlässt. Adams Geschichte ist sowohl isolierte Erzählung, als auch Parabel auf die momentane Lage im Tschad; der titelgebende Schrei ist ein innerliches, nicht geäussertes Bekenntnis der Verzweiflung, welches Inhalt und Subtext miteinander verbindet. So ist Un homme qui crie ein Kinoerlebnis mit einer politischen Dimension, das sich aber nicht als solches gebärdet – eine stille, in sich gekehrte Alternative zu Hollywoods Kriegsfilmen.

★★★★★

Freitag, 10. Juni 2011

Source Code

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region. 

Thriller zeichnen sich oft durch Gefühlskälte aus; man könnte denken, dass sich actionreiche Spannung nicht mit Emotionen vertrüge. Doch Regisseur Duncan Jones scheint entschlossen, dieser Ansicht entgegenzutreten: Mit Source Code bringt er einen zutiefst menschlichen Sci-Fi-Reisser ins Kino.

Duncan Jones' zweite Regiearbeit (nach dem hervorragenden Moon) erzählt die Geschichte des in Afghanistan stationierten Piloten Colter Stevens (ein ungemein sympathischer Jake Gyllenhaal), der sich unter mysteriösen Umständen plötzlich in einem Zug mit Ziel Chicago wiederfindet. Ihm gegenüber sitzt eine ihm unbekannte Frau namens Christina (Michelle Monaghan), die ihn mit Sean anspricht; sein Spiegelbild zeigt nicht ihn, sondern einen anderen; und nach kurzer Zeit detoniert eine Bombe im Zug. Verwirrt wacht er in einem dunklen Raum auf und wird von der uniformierten Goodwin (Vera Farmiga) per Webcam darüber aufgeklärt, dass er sich in einem Computerprogramm – dem "Source Code" – befindet, das einem ermöglicht, die letzten Minuten im Leben eines Menschen immer wieder zu durchleben. Was Colter erlebt hat, war ein Terroranschlag, der sich vor wenigen Stunden zugetragen hat – aus der Sicht des dabei ums Leben gekommenen Lehrers Sean Fentress. Mithilfe des Source Codes muss er nun die letzten acht Minuten von Seans Leben durchstöbern, um den Bombenleger finden, da dieser in der Realität einen noch verheerenderen Coup plant: das Zünden einer radioaktiven Bombe im Zentrum Chicagos.

"Groundhog Day als Thriller"? Die Bezeichnung ist keineswegs verkehrt: Ben Ripley hat sich beim Schreiben des Drehbuchs offensichtlich von Harold Ramis' Komödienklassiker der 1990er Jahre inspirieren lassen, vor allem was die Entwicklung des Protagonisten in der zeitlichen Endlosschlaufe anbelangt. Colters graduelle Wandlung vom verwirrt-destruktiven Antihelden zum souveränen Herrn der Lage erinnert frappant an diejenige von Bill Murrays TV-Wetterfrosch Phil Connors. Dies bedeutet aber nicht, dass Source Code ein plumpes Derivat ist, das ausserdem mit seiner Thematik der multiplen Realität noch ein wenig auf der Inception-Welle reitet. Im Gegenteil: Wie schon in „Moon“ experimentiert Duncan Jones auch hier, wenn auch etwas weniger radikal, mit den Beschränkungen und Konventionen des Genres; so wird zum Beispiel der grösste Twist des Films wieder sehr früh verraten. Man könnte nun denken, dass dieser Umstand, zusammen mit der steten Wiederholung des gleichen Szenarios, zur Folge hat, dass der Film auf Dauer langweilig werden könnte. Dem ist aber nicht so, da Ripleys knackiges, temporeiches Skript immer wieder mit verblüffenden Wendungen und originellen Ideen aufwartet, sodass dauerhaft maximale Spannung erhalten bleibt. Dazu trägt sicherlich auch die vergleichsweise knappe Laufzeit von „Source Code“ bei; die höchst komplexe Geschichte wird in gut 90 Minuten abgewickelt, was verhindert, dass sich das faszinierende Konzept wegen Überlänge totläuft.

Colter (Jake Gyllenhaal) weiss nicht, wieso er sich plötzlich in einem Zug befindet; sein Gegenüber (Michelle Monaghan) scheint ihn aber zu kennen.
Auch dramaturgisch weiss Source Code zu begeistern. Obwohl sich die Erzählung um die actionreiche Suche nach dem Zug-Attentäter dreht, verlieren Jones und Ripley niemals die menschliche Komponente aus den Augen. Colters komplizierte, von Schuldgefühlen und Konflikten geprägte Beziehung zu seinem Vater wird so subtil wie dreidimensional angegangen; ebenso sein Beschützerinstinkt, der mit jeder Zugexplosion stärker wird und der darin mündet, dass er die unschuldigen Opfer des Anschlags wenigstens in der Source-Code-Simulation retten will. Ausserdem beginnt er allmählich, Gefühle für Christina zu entwickeln. Obwohl dieser Handlungsstrang eher konventionell ist und auch hie und da etwas ins Süssliche abrutscht, vermag er einen trotzdem zu berühren – wohl nicht zuletzt dank Gyllenhaals und Monaghans vorzüglichen schauspielerischen Leistungen – und verleiht dem eigenwilligen, aber stimmigen Ende zusätzliche Resonanz.

Source Code ist nicht Inception, noch ist er Groundhog Day oder Moon. Er mag kleinere, für Sci-Fi-Thriller durchaus typische Logiklöcher enthalten und ob der Schluss mit der inneren Gesetzmässigkeit der Story kompatibel ist, hängt von der Interpretation ab. Trotzdem ist Duncan Jones ein fesselnder Film gelungen, der trotz ungewöhnlicher Prämisse, vieler Effekten und Action auch das Herz anspricht und nicht vergisst, dass der Kern einer auf- und anregenden Geschichte aus ihren Charakteren besteht. Insofern ist Source Code ein Vorbild für andere Filmemacher, die sich in diesem Genre versuchen.

★★★★½