Samstag, 5. Februar 2011

Black Swan

Ungewöhnliche Methoden: Regisseur Thomas (Vincent Cassel) versucht, Tänzerin Nina (Natalie Portman) dazu zu bringen, ihre dunkle, unkontrollierte Seite zu entdecken, um die Rolle des schwarzen Schwans in "Schwanensee" überzeugend zu tanzen.

5 Sterne

Ballett und Psychothriller. Man lasse sich diese Paarung einmal auf der Zunge zergehen. Was wie eine unmögliche Kreuzung klingt, vermochte Regisseur Darren Aronofsky (Requiem for a Dream, The Wrestler) auf faszinierende Weise filmisch zu realisieren. In Black Swan entführt er uns in die Welt einer Profi-Ballerina, die an ihrer Doppelrolle in "Schwanensee" zerbricht. Der Film ist ein hochklassig stilisiertes cineastisches Experiment, das den Zuschauer mit seiner überwältigenden Bildsprache, seinen grandiosen Darstellern, seiner Spannung, die Erinnerungen an Meister wie Stanley Kubrick oder Alfred Hitchcock wach werden lässt, und seiner schonungslosen erotischen Kraft das Staunen und Fürchten lehrt. Und doch ist er nicht perfekt. Aber vielleicht ist Black Swan gerade deshalb ein in jeder Hinsicht wunderschöner Film, der eine derartige Faszination ausübt, dass man ihn nicht enden sehen will.

Die Voraussetzungen für Black Swan scheinen kaum vielversprechend: Ballett ist nun wahrlich kein Thema, das die Massen anzusprechen vermag. Entsprechend ist es auch schwierig, sich mit Charakteren, deren Leben dem Tanz gewidmet ist, zu identifizieren. Tatsächlich hat man Mühe, sich emotional an die Haupfigur Nina zu binden. Ihr zwanghafter Drang nach Perfektion ist anfänglich schwer nachvollziehbar. Doch Natalie Portman hilft einem mehr als nur darüber hinweg. Portman, Favoritin für den Hauptrollen-Oscar, liefert eine Performance ab, an die man noch in kommenden Jahren zurückdenken wird, über deren Genialität man noch lange sprechen wird. Obwohl sie schon seit ihrer ersten grossen Rolle - als 13-Jährige in Luc Bessons Léon - zu den besten jungen Schauspielerinnen Hollywoods gehört, blieben ihr die ganz grossen Preise bisher verwehrt, abgesehen von einem gewonnenen Golden Globe und einer Oscar-Nomination (beide für Closer). Black Swan müsste ihr nun eigentlich einen hoch verdienten Academy Award bescheren. Ihre Darstellung Ninas ist von einer Urgewalt, die man im Kino nur selten miterleben darf, und dabei frei von jeglichem Overacting. Jede Bewegung und jeder Gesichtsausdruck hat Subtext und wenn sie tanzt, dann strahlt sie ein unglaubliches Feuer aus. Kein Wunder, dass Portman als Kind selber Ballett tanzte, denn sonst wäre sie wohl kaum in der Lage gewesen, grösstenteils auf Doubles zu verzichten und sich so grazil und energisch zu bewegen. Und wenn sich Nina schliesslich komplett in ihrer Rolle verliert und den Tanz ihres Lebens abliefert, bleibt einem der Atem weg - eine Performance für die Ewigkeit.

Es wäre nun gut möglich, dass Nebendarsteller von Natalie Portman von der Leinwand gefegt würden. Aber das ist glücklicherweise nicht der Fall, da alle Schauspieler ideal gecastet sind. So brilliert Vincent Cassel als Regisseur Thomas, der Nina dazu drängt, sich gehen zu lassen, um so den schwarzen Schwan in sich zu entdecken. Thomas ist der Inbegriff des Inszenators zwischen Genie und Wahnsinn, der seinen Tänzerinnen mit ebenso fragwürdigen wie wirksamen Methoden zu der Leistung drängt, die ihm vorschwebt. Cassel verkörpert diesen ambivalenten Charakter mit der ihm eigenen Art von Zynismus. Auch Mila Kunis überzeugt, obwohl sie dem Rest des Ensembles in Sachen schauspielerischer Klasse rein theoretisch unterlegen ist. Doch für die Rolle von Ninas intriganter und gespielt freundlicher Gegenspielerin Lily ist sie bestens geeignet. Kunis mag keine vielseitige Schauspielerin sein, doch in den richtigen Rollen weiss sie durchaus zu glänzen - so wie hier. Die dritte sehr gute Darstellerin im Bunde ist Barbara Hershey als Erica, Ninas Mutter. Hershey verleiht der sattsam bekannten Figur der Mutter, die durch ihr Kind zu leben versucht, eine spannende neue Dimension. Ihre Erica ist eine dreidimensionale Figur, der man trotz ihrer an Tyrannei grenzenden Überfürsorglichkeit und Bevormundung die Liebe zu ihrer Tochter anmerkt. Und schlussendlich ist in der kleinen Rolle des "Sterbenden Schwans", der abtretenden Primaballerina, Winona Ryder zu sehen, in deren zwei Szenen man sich unweigerlich an Gloria Swansons Norma Desmond in Billy Wilders Sunset Boulevard erinnert fühlt.

Die Geschichte von Black Swan lehnt sich zu einem gewissen Grad an "Schwanensee" an. Dies wird von den Drehbuchautoren Mark Heyman, Andres Heinz und John McLaughlin sehr geschickt eingefädelt und vorangetrieben, wird jedoch mehrmals, vor allem während des ersten Akts, durch etwas allzu offensichtliche Symbolik ihrer Raffinesse beraubt. Man könnte dies nun auf Darren Aronofskys (möglicherweise berechtigtes) mangelndes Vertrauen ins durchschnittliche Popcornkino-Publikum oder auf den Hitchcock'schen Einfluss zurückführen. So oder so fühlt sich der Film während der Exposition manchmal so an, als ob er für einen das Mitdenken übernehmen würde. Doch im weiteren Verlauf werden Bildsprache und Symbolismus flüssiger und subtiler und die fortschreitende innere und äussere Verwandlung Ninas immer eleganter angedeutet. Portmans geniale Darstellung von Ninas innerer Unruhe, ihrer wachsenden Paranoia und ihrem Versinken im Wahnsinn wird durch Aronofskys Regie und die technischen Aspekte von Black Swan hervorragend ergänzt. Es wird eine enorm dichte Atmosphäre der Unruhe und der Verfolgungsangst konstruiert, gespickt mit stellenweise verstörenden Wahnvorstellungen von Nina. Unterstützt wird das unheimliche Ambiente von wunderbar unaufdringlichen und kunstvollen Spezialeffekten, die an vergleichbare Werke von David Cronenberg - etwa The Fly - angelehnt zu sein scheinen. Auch die verdientermassen oscarnominierte Kameraarbeit von Matthew Libatique trägt das Ihre zur stimmigen Milieu-Atmosphäre bei. Libatique hat die Tänze aufregend eingefangen; er spielt effektiv mit Licht und Schatten und er weiss sich den kalten Backstage-Bereich des Theaters zu Nutzen zu machen, indem er ihn beinahe schwarz-weiss erscheinen lässt. Und schliesslich soll auch noch besonderes Augenmerk auf Andrew Weisblums Schnitt gelegt werden, da seine Editierkünste so manch schaurigem Moment den letzten Schliff geben.

Alles in allem ist Black Swan, was Filmmaking und Filmsprache angeht, ein quasi fehlerfreier Film, dem bei den Oscars ein Triumph in den Kategorien "Bester Film" und "Beste Regie" - obwohl eher unwahrscheinlich - zu gönnen wäre. Black Swan ist ein schrecklich schöner Film, der dem etwas in der Versenkung verschwundenen Genre des Psychothrillers neuen Auftrieb verleiht.

Darren Aronofsky scheint seinen Stil gefunden zu haben. Nach The Wrestler hat er erneut einen Film gemacht, der nicht auf einer effekthascherischen, verquer erzählten Geschichte basiert, sondern auf fesselnde Art und Weise den Niedergang und tragischen Wiederaufstieg seiner Hauptfigur beschreibt. Black Swan mag, wie auch The Wrestler, ein unvollkommenes Stück Filmkunst sein, welches aber mit seinen Tugenden nicht nur zu bestechen, sondern sogar zu überwältigen vermag. Letztendlich ist Black Swan eine grossartige filmische Etüde im Stile von Klassikern wie Vertigo oder Eyes Wide Shut, getragen von einer fantastischen Natalie Portman.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Hereafter

Eine normale Beziehung? Medium George (Matt Damon) versucht, Melanie (Bryce Dallas Howard), die er im Kochkurs kennen gelernt hat, den Wunsch nach einer Seance abzuschlagen.

4.5 Sterne

Der Tod und seine Konsequenzen für die Lebenden war schon immer ein grosses Thema in Clint Eastwoods Filmen, egal ob die betreffende Figur William Munny, Walt Kowalski, Frankie Dunn oder Jimmy Markum heisst. Doch in Hereafter, einem von der Kritik mit gemischten Gefühlen aufgenommenen Film, wirft der Regie-Altmeister erstmals einen Blick darauf, was einen nach dem Tod denn erwartet, oder wenigstens erwarten könnte. Obwohl er dabei thematisch Neuland betritt, überzeugt Eastwood durch seine gewohnten Qualitäten und holt aus Peter Morgans (The Queen, The Last King of Scotland, Frost/Nixon) unvollkommenem Drehbuch sehr viel heraus. Unterstützt wird er dabei durch einen grösstenteils starken internationalen Cast. Hereafter mag kein Meisterwerk wie Gran Torino, Mystic River oder Million Dollar Baby sein, doch ein grundsolider Film, von dem sich weniger begabte Regisseure eine Scheibe abschneiden könnten, ist es allemal.

Trotz aller negativen Rezensionen ist Hereafter immerhin bei den Oscars für die besten Spezialeffekte nominiert, eine Nomination, die er überraschenderweise dem Favoriten für den Gewinn - Tron: Legacy - abgeluchst hat. Obwohl Clint Eastwood und die Kategorie "Best Visual Effects" nicht wirklich kompatibel scheint, hat die Entscheidung der Academy doch ihre Berechtigung. Der Film beginnt nämlich mit einer wuchtigen Inszenierung des verheerenden Tsunamis, der Ende 2004 den Indischen Ozean heimsuchte. Wer sich bei Videospielen auskennt, weiss, dass die Animation von Wasser nach wie vor die Achillesferse der SFX-Industrie ist. Doch hier wirkt das nasse Element für einmal unglaublich echt. Die Szene ist hervorragend choreografiert und gefilmt (von Eastwoods Hauskameramann Tom Stern) und ist in jeder Hinsicht wesentlich effektiver als jede vergleichbare Sequenz in 2012. Der Schrecken der Welle ist fühlbar und macht die Anfangsszene umso packender. Im weiteren Verlauf verzichtet Clint Eastwood allerdings auf jedwede Effekthascherei. Auch beschäftigt ihn weniger die Frage, wohin der Tod eigentlich führt, sondern mehr wie Sterbeerfahrungen, seien sie nun primärer oder sekundärer Natur, sich auf die Lebenden auswirken. Zu diesem Zweck ist Hereafter auf drei Charaktere fokussiert: auf die Journalistin Marie, die während des Tsunamis kurzzeitig tot ist und dabei eine mögliche Nahtod-Erfahrung macht; den Bauarbeiter George, der versucht, seine Gabe - oder sein "Fluch", wie er es nennt - mit Toten zu kommunizieren, hinter sich zu lassen; und den Jungen Marcus, dessen geliebter Zwillingsbruder von einem Auto angefahren wurde und seinen Verletzungen erlag. Peter Morgans Drehbuch gelingt es zwar, überwiegend eine stimminge Atmosphäre der Neugierde zu zelebrieren, gerät aber ein paar Mal in allzu sentimentale Fahrwasser, besonders in Marcus' Geschichte, über die einen dann aber sowohl die guten Schauspielleistungen, als auch Eastwoods meisterhafte Regie hinweghelfen. Doch Morgans Skript ist keineswegs schlecht. Seine Charaktere sind interessant und wie er sie mit ihrer jeweiligen Situation umgehen lässt, ist überaus elegant gemacht. Vor allem in den ruhigen Momenten ergänzen sich seine Dialoge, Eastwoods inszenatorischer Spürsinn und Tom Sterns unverkennbarer Filmstil perfekt. Vor allem in Georges Nebenplot entstehen so einige spannungsgeladene, berührende Szenen.

Ohne eine hochkarätige Besetzung hätten diese Szenen aber wohl kaum diese Aussagekraft. Vor allem Matt Damon, der den Spagat zwischen Action- und Drama-Schauspieler, der seine Karriere zu dominieren scheint, weiterhin vorzüglich schafft, übertrifft sich einmal mehr selbst mit seiner Darstellung des Ex-Berufsmediums George. Er vermittelt einem seine Einstellung, dass seine Fähigkeit, mit Toten zu reden, ein Fluch sei, äusserst glaubwürdig. George ist wahrlich nicht zu beneiden, da das Besondere an ihm eine normale Beziehung zu jemand anderem vollkommen unmöglich macht. Diese andere Person ist Melanie, die er im Kochkurs, der von einem herrlichen Italo-Stereotypen, gespielt von Steve Schirripa (The Sopranos), geleitet wird, kennen lernt. Die Möglichkeit einer Beziehung ist in dem Moment dahin, in dem sie George um eine Seance bittet, woraufhin sie auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Melanies relativ kurzer Auftritt ist ein besonders denkwürdiger, weil sie von der superben Bryce Dallas Howard dargestellt wird. Howards Performance ist der Inbegriff einer guten Nebenrolle und verhilft Melanie dazu, nicht nur ein Love-Interest vom Fliessband zu sein, sondern wirklich einen Eindruck zu hinterlassen.

Doch Cécile de France, wunderbar in Xavier Giannolis Quand j'étais chanteur, braucht sich überhaupt nicht hinter Damon und Howard zu verstecken. Ihre Faszination mit dem, was hinter dem Vorhang des Todes liegt, spiegelt in gewisser Weise die Neugierde des Films wider. Im Unterscheid zu Hereafter ist de Frances Marie aber darauf aus, Belege für ein Leben nach dem Tod zu finden, was ihre Herausgeber, die ein Buch über François Mitterand erwarten, aber nicht gut heissen. De France, stets eine kluge Schauspielerinnen-Wahl, überzeugt auch unter Eastwoods Regie. Die schwächsten Glieder im Bunde sind - wenig überraschend - auch gleichzeitig die jüngsten. Frankie und George McLaren spielen den kleinen Marcus bzw. seinen Zwillingsbruder Jason. Obwohl die beiden keine schlechte Leistung bieten, zeigt sich ihr Schauspiel etwas inkonsistent. Soll heissen, es variiert zwischen sehr guten Szenen und Szenen, wo die Emotionen etwas gezwungen scheinen. Dennoch haben beide McLarens Potential als Schauspieler und mindern den Wert von Hereafter kaum.

Auf den ersten Blick scheint Hereafter ein für Clint Eastwood untypischer Film zu sein. Das Thema mag nicht eines sein, das spezifisch für Eastwood geschrieben wurde (Peter Morgans erste Ansprechperson war Steven Spielberg); aber er weiss, wie er einem Stoff seine eigene persönliche Note verleihen kann. Einerseits natürlich mit seiner souveränen Inszenierung. Doch andererseits auch mit der Betonung von Aspekten, die während seiner Regie-Karriere immer wieder aufkeimten. Denn Eastwood ist ein unverbesserlicher Romantiker, der in seinen Filmen immer wieder Platz für Liebe und Zuneigung findet. Auch in Hereafter. Trotz aller Trauer, mit der sich die Charaktere hier auseinandersetzen müssen, obsiegt am Ende die Liebe. Und nur einem Weltklasse-Regisseur wie Clint Eastwood gelingt es, den Kitsch von dieser Erkenntnis fernzuhalten.

Montag, 31. Januar 2011

Des hommes et des dieux

Richtungsweisendes Gespräch: Père Christian (Lambert Wilson, Mitte) bespricht mit seinen Ordensbrüdern, ob sie die Klosteranlage im algerischen Tibhirine verlassen sollen oder nicht.

5.5 Sterne

In der Nacht vom 26. auf den 27. März 1996 wurden sieben Trappisten-Mönche aus der Klosteranlange Abbaye Notre-Dame de l'Atlas in Tibhirine, im Norden Algeriens, entführt und am 21. Mai desselben Jahres tot aufgefunden. Wer hinter dem Massaker steckt, ist umstritten, obwohl die radikalislamische Groupe Islamique Armé sich dazu bekannt hat. Doch es gibt Berichte, nach denen die algerische Regierung ihre Finger im Spiel gehabt haben soll. Xavier Beauvois interessiert sich aber nur am Rande für die tatsächlichen Begebenheiten in seinem Film Des hommes et des dieux und benutzt die Tragödie als Parabel auf Glauben, Humanismus und interreligiöses Verständnis. Wie in seinem bisher erfolgreichsten Film - dem eindringlichen Polizeidrama Le petit lieutenant - vertraut er auch hier auf eine minimalistische Vorgehensweise: Es herrschen Ruhe und Stille vor, ganz dem Setting des Klosters entsprechend. Eine Oscarnomination blieb ihm verwehrt, doch für die Césars wurde Des hommes et des dieux ganze elfmal nominiert - hochverdient.

Das filmische Beschreiben christlich-muslimischer Beziehungen ist seit dem 11. September 2001 nichts Neues mehr. Doch Xavier Beauvois geht einen Schritt weiter: Bei ihm steht nicht nur die Beziehung der beiden grössten Weltreligionen im Zentrum, sondern auch die Koexistenz - ein kleiner, aber feiner Unterschied. Besonders während der ersten halben Stunde beeindruckt Des hommes et des dieux mit der kitschfreien Darstellung des Credos "Wir sind alle Menschen": Die Mönche nehmen an muslimischen Feiern teil, lesen den Koran und behandeln die algerischen Dorfbewohner in der Arztpraxis des Klosters, während die muslimischen Dorfchefs mit ihnen über die politische Lage sprechen, Islamisten als unreligiöse Heuchler bezeichnen und zum Gemeinschaftsgebet einladen. Keine der beiden Seiten hat missionarische Absichten. Einerseits differenziert diese Exposition zwischen islamistischen Eifereren und der durchschnittlichen muslimischen Landbevölkerung, andererseits erinnert sie einen daran, dass die katholische Kirche nicht nur aus pädophilen Priestern und Holocaustleugnern besteht. Es wird einem bewusst, dass Mönche eigentlich bewundernswerte Menschen sind, die ihr Leben einer Sache widmen, an die sie glauben und die sie erfüllt. Wie weit diese Hingabe gehen kann, gehen soll, ist Thema mehrerer Diskussionen unter den acht Mönchen, da das Kloster immer mehr Gefahr läuft, das Ziel terroristischer Akte zu werden. Beauvois' und Etienne Comars Drehbuch lässt die Figuren sehr durchdacht die pragmatische sowie die ethisch-moralische Seite des Dilemmas abwägen: Verlassen sie das Kloster, lassen sie die Dorfbewohner im Stich und kapitulieren vor dem Terrorismus; bleiben sie, werden sie vielleicht früher oder später einen gewaltsamen Tod finden. Letztendlich bleiben sie alle und geben sich weiterhin ganz ihren Idealen und ihrem Auftrag hin: Sie helfen den Menschen, wo sie nur können - sie behandeln selbst verwundete Guerilla-Kämpfer -, sie beten, singen und halten das Prinzip der Nächstenliebe und der Treue hoch. Die Kulmination ist der Vorabend der Entführung: Die Mönche sitzen an einem Tisch, trinken Wein und lauschen Tschaikowskis "Schwanensee" - neben ihren Chorälen die einzige Musik in Des hommes et des dieux. Die Szene, eine gut platzierte Allegorie auf das letzte Abendmahl, ist - abgesehen von der überwältigenden Musik - stumm und konzentriert sich voll und ganz auf die Gesichter der Charaktere, die langsam ihr Lächeln wiederfinden; denn sie wissen, dass das, was sie tun, das Richtige ist.

Überhaupt ist die Schlussviertelstunde des Films eine Meisterleistung der Inszenierung und Grund genug für einen César-Gewinn in der Kategorie "Bester Regisseur" für Xavier Beauvois. In diesem letzten Teil wird kaum gesprochen und beim Zuschauer herrscht ein Gefühl des bangen Wartens vor. Eine gewisse Versöhnlichkeit ist dem Ende aber auch nicht abzusprechen: Nicht nur die Szene des "letzten Abendmahls" veranschaulicht dies, sondern auch die Mönche, die sich als geschlossene Einheit der Gewalt, die in Form eines Kampfhubschraubers ihre Kapelle umkreist, stellen; oder Vorsteher Christian, der sein Quasi-Testament in Gebetform verliest, während auf der Leinwand winterliche Bilder von Notre-Dame de l'Atlas zu sehen. Schlussendlich schliesst Des hommes et des dieux mit einem tief bewegenden letzten Bild, das man so schnell nicht mehr vergisst. Doch Beauvois' Regie trägt während des ganzen Films meisterhafte Züge. Die Gegenüberstellung des ruhigen und geregelten Klosterlebens mit der sich der Anarchie ergebenden Aussenwelt ist äusserst wirkungs- und stimmungsvoll gehalten. Ebenso die Messen der Ordensbrüder, deren Gesänge ein wiederkehrendes Thema des Films ist. Abgerundet wird das Ganze durch die tolle Kameraarbeit von Caroline Champetier, deren lange Einstellungen das Klosterleben und die Gemütslage der Figuren optimal einfängt.

Wer kein Freund von langsamen und ruhigen Inszenierungen ist, ist bei Des hommes et des dieux definitiv an der falschen Adresse. Beauvois lässt sich für jedes Element der Geschichte genug Zeit und gibt den Schauspielern die Chance, ihre Charaktere Schritt für Schritt zu entwickeln. Der bei den Césars als Hauptdarsteller gelistete Lambert Wilson, Sohn des 2010 verstorbenen Georges Wilson, einer franzöischen Schauspiel-Legende, spielt den Père Christian, auf dessen Schultern eine enorme Verantwortung lastet. Er spricht sich von Anfang gegen das Verlassen des Klosters aus und erntet dafür von seinen Brüdern einige Kritik. Doch man merkt ihm an, dass er wirklich bereit ist, für seine Ideale - Liebe und Treue - einzustehen und sie gewaltlos zu verteidigen. Wilsons Performance ist zurückhaltend, überzeugt aber durch eine Ausdrucksstärke erster Güte. An seiner Seite glänzen vor allem Olivier Rabourdin als Christophe, der jüngste Mönch im Bunde, und Michael Lonsdale, der die stärkste Leistung des Casts abliefert, als Bruder Luc. Lonsdale, ein bekanntes Gesicht im internationalen Kino (Munich, Ronin, Der Name der Rose), spielt den asthmatischen Kloster-Arzt mit ergreifender Menschlichkeit, gemischt mit einer Prise gallischen Humors. Luc ist eine Art Vaterfigur für die Dorfbewohner und seine Brüder und verliert nicht mal dann die Ruhe, wenn er einen Terroristen behandeln muss. Ein spannender Charakter, hervorragend gespielt von einem begnadeten Schauspieler. Der Rest des Casts, obwohl mit weniger Screentime, vermag ebenfalls sehr zu überzeugen, allen voran der 83-jährige Jacques Herlin als Bruder Amédée, einer von zwei Mönchen, die der Entführung entgingen (Amédée starb 2008 im Alter von 88 Jahren). Herlins Amédée lässt, wie auch Lonsdales Luc, mehrfach Humor aufblitzen und fungiert auch einige Male als Stimme der Besinnung. Sein von Tränen begleitetes Lächeln beim "letzten Abendmahl" ist besonders kraftvoll und kann sinnbildlich für das ganze Ende verstanden werden.

Es ist sicherlich einfach, Des hommes et des dieux als kitschigen Gutmenschenfilm über die humanistische Seite der Religion abzutun. Doch das wäre eine bemitleidenswert oberflächliche, ja ignorante Sichtweise. Xavier Beauvois hat einmal mehr sein cineastisches Talent eindrucksvoll bewiesen und liefert einen intimen, vorsichtigen und starken Film ab, der mit seiner Menschlichkeit und seinem Sinn für Zurückhaltung bewegt und zum Nachdenken anregt. Des hommes et des dieux ist grossartiges französisches Kino, das den Mönchen der Abbaye Notre-Dame de l'Atlas die verdiente Bewunderung entgegenbringt und ihnen ein würdiges filmisches Denkmal setzt.

Sonntag, 30. Januar 2011

Another Year

Unter Freunden: Mary (Lesley Manville, Mitte) ist wieder einmal zu Gast bei Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen).

★★★★★★

Mike Leigh gehört zu den grossen Realisten des Kinos. In seinen Filmen agieren Figuren, die direkt aus dem Leben gegriffen zu sein scheinen und die in ihrer Alltäglichkeit so vollendet sind, dass man sie irgendwoher zu kennen glaubt. Doch damit nicht genug: Leigh widersteht der Versuchung, seine Charaktere in eine aussergewöhnliche Situation hineinzuversetzen, sondern belässt es dabei, sie zu beobachten und sie ein Eigenleben entwickeln zu lassen. Das Ergebnis sind jeweils episodenhafte Filme, die im Grunde nur lose zusammenhängen, durch ihre Protagonisten jedoch zusammengehalten werden und trotz allem als geschlossene Einheit funktionieren. Another Year ist ein weiterer Beleg für Leighs diesbezügliches Talent. Sein erster Film seit dem Hit Happy-Go-Lucky (2007) ist eine kleine Perle des britischen Kinos.

Der Name ist bei Another Year Programm. Man könnte sogar so weit gehen und dem Filmtitel ein "Just" anhängen. Denn so verhält sich die Geschichte und so fühlt sie sich auch an. Charaktere kommen und gehen, sind im einen Moment wichtig, nur um im nächsten wieder komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Und im Zentrum stehen Tom und Gerri, ein glückliches Ehepaar um die 60, er ein Geologe, sie eine Psychologin, in deren Schrebergarten sich der Fortlauf der Jahreszeiten und des Lebens widerspiegelt. Tom und Gerri sind der ruhende Pol in einem kleinen Ensemble von Menschen, die auf die eine oder andere Weise - manche mehr, manche weniger - unglücklich sind. Jim Broadbent und Ruth Sheen strahlen in ihren jeweiligen Rollen eine bewundernswerte Gemütsruhe und Einfühlsamkeit aus, jedoch immer gewürzt mit sanfter britischer Ironie; etwa wenn Gerri sich erkundigt, wie Tom bei seiner Arbeit vorankommt, worauf er schmunzelnd mit "Inexorably!" antwortet. Sie sind kein aussergewöhnliches Paar, aber immerhin eines, das man nur zu gerne kennt. Entsprechend gehen diverse Freunde und Bekannte in ihrem Haus aus und ein: Mary, gespielt von der starken Lesley Manville, ist geschieden, hat die Suche nach dem "Richtigen" allerdings noch nicht aufgegeben und hat ein Problem mit dem Alkohol; doch sie gaukelt sich vor, mit ihrem Leben zufrieden zu sein. Zu allem Überfluss scheint sie sich in Tom und Gerris erwachsenen Sohn Joe, der von Oliver Maltman sehr nuanciert dargestellt wird, verguckt zu haben, trotz des erheblichen Altersunterschieds. Entsprechend verstimmt reagiert sie, als Joe zum ersten Mal seit Jahren in einer Beziehung ist; in einer, die in Sachen Glück der seiner Eltern in nicht viel nachsteht. Manvilles kraftvollste Szene ist ihr Dialog mit Ronnie, Toms Bruder, hervorragend gespielt von David Bradley (den man als Hausmeister Argus Filch aus den Harry Potter-Filmen kennen könnte). Der frisch verwitwete Ronnie sagt kaum ein Wort und steht immer noch unter Schock. Doch dank ihrer Hilfe findet er ganz langsam seinen Lebenssinn wieder. Für Mary hat das ausgedehnte Gespräch einen leicht kathartischen Charakter, da sie für einmal keine Hilfe annehmen muss, sondern jemandem helfen kann, möglicherweise sogar unbewusst.

Der Grossteil der Handlung dreht sich um Tom, Gerri, Mary und Joe und ihre Beziehung untereinander. Doch wie auch im richtigen Leben verläuft diese Geschichte nicht ohne andere Menschen und Ereignisse. Seien es trivial anmutende Dinge wie Marys neues Auto, der Besuch eines alten Freundes von Tom oder der Auftritt einer todunglücklichen Patientin Gerris, gespielt von Imelda Staunton (Mike Leighs Vera Drake), die aber doch alle Einfluss auf die Protagonisten üben, oder sei es ein tragischer Anlass wie der Tod und die Beerdigung von Ronnies Frau - es findet alles Erwähnung.

Letztendlich sind die Charaktere die grösste Stärke von Another Year. Es überrascht nicht, dass Mike Leigh und sein Cast sie über Monate hinweg gemeinsam entwickelt haben. Selten wurden einem in jüngerer Zeit so abgerundete und vollendete Figuren präsentiert. Es ist ein kleines Sammelsurium echter Menschen, mit denen man sich problemlos identifiziert und für deren Leben man grenzenloses Interesse verspürt. Und genau wie sie sind auch Leighs Dialoge und Situationen frei von Klischees und unrealistischen Kunstgriffen. Die Dialoge sind Alltagsgespräche, denen man vermutlich so oder in ähnlicher Form auch schon beiwohnte, doch man verfolgt sie sehr gerne, vielleicht gerade deshalb. Zudem ist Leigh nicht nur ein Meister des Realismus und der feinen Beobachtung, sondern auch einer des britischen Humors. Besonders wenn Tom, Gerri und Joe sich miteinander unterhalten, herrscht stets eine angenehme Atmosphäre der freundlichen und lockeren Ironie (Stichwort: "Basically he just digs holes.").

Ein Wort, welches einem im Zusammenhang mit Another Year immer wieder einfällt, ist "Understatement". Dies bekommt man in vielen Filmen zu sehen, doch in Another Year wirkt es völlig natürlich. Es scheint so, als ob es ganz von alleine den Ton und die Art des Films bestimmen würde. Kameramann Dick Pope hat hier sicherlich auch einen Teil dazu beigetragen. Seine langen, unaufgeregten Einstellungen lassen den Schauspielern Zeit, viel mit Mimik zu arbeiten. Ausserdem verfährt Pope mehrmals nach dem Prinzip, einer Szene einen festen Rahmen zu geben und die Figuren ihn durchqueren, verlassen und wieder betreten zu lassen. Auch darf man seine Farbschemen nicht vergessen: besonders während des im Winter spielenden dritten Akts herrschen kalte Farben vor, die perfekt zur Beerdigung von Ronnies Frau und Marys Gemütslage passen.

Another Year
ist ein Film, der nur schwer zu beschreiben ist. Er ist genial in seiner Einfachheit und seiner Bescheidenheit. Obwohl er mehr Beobachtung als Erzählung ist und sich so einer konventionellen Story widersetzt, fasziniert und berührt er mit seinen Figuren, die, gemeinsam mit Tom und Gerris Schrebergarten, die einzige Konstante in den vier Kapiteln - Frühling, Sommer, Herbst und Winter - sind. Mike Leigh weiss, wo seine Stärken liegen, und die spielt er hier grandios aus. Sein brillantes Drehbuch, welches die Oscarnomination mehr als nur verdient hat, kreiert ein eigenes kleines Universum, das von überwiegend nachfühlbaren und sympathischen Charakteren bevölkert wird, für die wir uns wirklich und wahrhaftig interessieren. Another Year ist ein intimer, humorvoller und ehrlicher Blick auf normale Menschen in alltäglichen Situationen. Wieder einmal zeigt Mike Leigh, dass auch gerade ein einfaches Konzept einen wunderbaren Film ergeben kann.

Montag, 10. Januar 2011

Kinojahr 2010: Top 10

1. The Social Network
2. Toy Story 3
3. A Serious Man
4. Scott Pilgrim vs. the World
5. Inception
6. Up in the Air
7. L'illusionniste
8. Moon
9. Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1
10. Mademoiselle Chambon

Very Honourable Mention: Des hommes et des dieux

Das Video zur Liste gibt es hier zu sehen.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

The Kids Are All Right

Familienidyll? Samenspender Paul (Mark Ruffalo, rechts) zu Besuch bei der Familie, die es dank seiner Spende gibt: Eltern Nic (Annette Bening, links) und Jules (Julianne Moore, 2.v.l.) und Kinder Laser (Josh Hutcherson) und Joni (Mia Wasikowska).

4.5 Sterne

Wenn man versucht, Leuten die Frage zu beantworten, worum es in The Kids Are All Right geht, dann kommt man nicht darum herum, den Begriff "lesbisches Elternpaar" fallen zu lassen. Die Reaktion, die man aller Wahrscheinlichkeit nach erntet, ist: "Oh nein, schon wieder so ein Hollywood-Emanzipationsschinken!" Es stimmt, dass die Homosexualität in den letzten Jahren von der Filmindustrie quasi zu Tode thematisiert wurde. Natürlich ist es eine immens wichtige Angelegenheit, aber beim durchschnittlichen Kinogänger setzt irgendwann doch der Überdruss ein. Aus diesem Grund wohl wurde The Kids Are All Right hierzulande von nicht allzu vielen gesehen, was ein Jammer ist, da Lisa Cholodenkos Film Hollywoods Idee, man müsse der breiten Masse Homosexualität als etwas Positives "verkaufen", hinter sich lässt. Cholodenko zeigt keine prüden Nachbarn, die sich über das gleichgeschlechtliche Paar empören, und keine wegen ihrer Eltern sozial ausgegrenzten Kinder. Stattdessen beschäftigt sie sich mit gnadenlosem Realismus mit den Konflikten der scheinbar perfekten amerikanischen Vorstadtfamilie, die nicht auf sexueller Gesinnung gründen.

Was für eine Art Film ist The Kids Are All Right? Diese Frage stellt man sich, sobald man den Kinosaal verlässt. Einerseits ist es naürlich ein Familiendrama mit einer Geschichte, die man in ähnlicher Form schon ein paar Mal gesehen hat. Andererseits ist es auch eine doppelbödige Komödie, die stellenweise an Little Miss Sunshine oder Juno erinnert. Aber damit wird man dem Film nur halbwegs gerecht. Manchmal wähnt man sich in einer Satire, dann wieder in einem Coming-of-Age-Film, nur um anschliessend das Gefühl zu haben, man wohne einem Beziehungsmelodram bei. Diese Vielfältigkeit lässt sich zwar insofern durch das äusserst reale Drehbuch von Lisa Cholodenko und Stuart Blumberg erklären, als dass das Leben auch kein streng definiertes "Genre" hat, doch als Kinozuschauer wünscht man sich doch eine mehr oder minder klare Linie. Zugegeben, es fällt schwer, den Drehbuchautoren diese Sprunghaftigkeit, diese Unentschlossenheit, was ihr Film denn nun eigentlich sein soll, zum Vorwurf zu machen, da ihr Endprodukt dadurch noch realistischer wirkt. Dennoch wäre eine teilweise Vereinheitlichung des Tonfalls wohl keine schlechte Idee gewesen.

Aber es sollte festgehalten werden, dass es nicht einfach ist, The Kids Are All Right zu mögen, vermutlich deshalb, weil der Film sich keine Vereinfachung der Realität erlaubt. Die Grundgeschichte mag nicht sonderlich originell sein - die zwei Kinder lesbischer Eltern wollen ihren leiblichen Vater, den anonymen Samenspender, treffen und freunden sich mit ihm an, woraufhin er der Familie langsam näher kommt und damit für Spannungen sorgt -, doch die Dialoge und Konflikte sind mitten aus dem Leben gegriffen. Das erste Treffen von Laser und Joni mit ihrem biologischen Vater ist an Verlegenheit kaum zu überbieten und ist alles andere als einfach zu ertragen. Unangenehmes Lächeln, ausgedehnte Pausen, das verzweifelte Suchen nach Gespächsthemen - wer kennt das nicht? Cholodenko und Blumberg haben die Gefühlslage der Charaktere optimal eingefangen; wie unterhält man sich mit jemandem, der vor 19 Jahren Samen gespendet hat, aus dem man selber entstanden ist? Und auf der anderen Seite: Wie führt man ein Gespräch mit dem Resultat einer lange vergangenen finanziellen Notlage? Auch umgeht der Film mit dem Thema verbundene Klischees. Mit Schrecken erinnert man sich an Made in America, wo es darum ging, dass ein schwarzes Mädchen aus der Samenspende eines arroganten Weissen hervorging. Nein, Paul ist ein liebenswerter, wenn auch leicht selbstgefälliger Enddreissiger, dem ein kleines Bio-Restaurant gehört. Was lernen wir daraus? Charaktere müssen keine extremen Eigenschaften oder Fehler haben, um für interessante Konflikte zu sorgen. Doch es ist gerade diese Normalität, die es so schwer machen, The Kids Are All Right etwas abgewinnen zu können. Oftmals, auch in ansonsten relativ realistischen Streifen, sind Figuren und Situationen dermassen überzeichnet, dass der Bezug zur Realität trotz allem verloren geht. Cholodenkos Protagonisten sind jedoch dermassen "normal", im Rahmen der menschlichen Möglichkeit mindestens, dass wir uns problemlos in ihnen wiederfinden, was nicht immer eine angenehme Erfahrung ist.

Doch dieser radikale Realismus hindert den Film nicht daran, eine durchaus spannende und sehr humorvolle Geschichte zu erzählen. Es ist faszinierend zu sehen, wie die Figuren miteinander in Verbindung stehen und interagieren. Und da zeigt sich wieder die bewundernswerte Nonchalance, mit der das Thema der homosexuellen Eltern behandelt wird: Joni und Laser haben nicht das Gefühl, dass ihnen ein männlicher Elternteil fehlt, sie sind bloss neugierig, wer ihr leiblicher Vater ist. Lediglich die Überfürsorglichkeit ihrer beiden Mütter geht ihnen auf die Nerven - ein Problem, welches auch Teenager mit "traditionellen" Eltern gut kennen. Entsprechend sehen beide in Paul eine Art Alternativ-Vorbild, da er eine ziemlich antiautoritäre Philosophie pflegt. Paul wiederum, konfrontiert mit der Tatsache, dass er, zumindest vom biologischen Standpunkt her, eine Familie hat, beginnt sein Junggesellenleben zu hinterfragen. Was daraus folgt, ist eine Affäre mit Jules, Jonis und Lasers Mutter, was das Eheleben Jules' und Nics, sowieso schon erschwert durch Nics Weinkonsum, vollends aus dem Tritt bringt. Wie diese generationsübergreifenden Probleme miteinander verkettet sind, ist schlicht beeindruckend. Dass es dem Film zusätzlich noch gelingt, das Ganze mit streckenweise sehr unterhaltsamen Dialogen auszustatten, verdient ebenfalls Anerkennung.

Was The Kids Are All Right aber am meisten auszeichnet, sind die Schauspieler. Der Cast ist klein, was jedem einzelnen Mitglied ermöglicht, seiner Figur besonders viel Tiefe zu verleihen. Josh Hutcherson glänzt in der Rolle des orientierungslosen Laser. Die Szene, in der er einen streunenden Hund davor bewahrt, von seinem "Freund" Clay gequält zu werden und Clay daraufhin die Freundschaft aufkündigt, zeigt Hutchersons breites schauspielerisches Spektrum. Ebenso Mia Wasikowska, bekannt als 19-jährige Alice in Tim Burtons Alice in Wonderland. Ihre Joni leidet darunter, dass sie das "perfekte Kind der lesbischen Eltern" sein muss. Aus diesem Grund leidet auch sie an der Orientierungslosigkeit ihres Bruders; sie weiss nicht, was für eine Beziehung sie zu ihrem platonischen (?) Freund unterhalten soll, sie kann sich nicht so recht entscheiden, ob sie ihre Freundin um deren sexuelle Offenheit beneidet, und sie sich vor allem nicht sicher, ob sie wirklich so erwachsen ist, wie sie es sich einredet. Fast jede Szene mit Joni, vor allem gegen Ende des Films, platzt fast vor emotionaler Spannung, und Wasikowska holt alles aus ihr heraus. überhaupt ist The Kids Are All Right voll mit Subtext. Kaum eine Bewegung ist keine verschwiegene Gefühlsregung. Um dies wirklich überzeugend zu spielen, braucht es hochkarätige Schauspieler und Cholodenkos Entscheidung, Annette Bening und Julianne Moore als Hauptdarstellerinnen zu casten, hätte nicht besser sein können. Bening (Nic) und Moore (Jules) geben jeden Aspekt einer gefährdeten Beziehung perfekt wieder. Der schauspielerische Höhepunkt des Films ist jedoch Mark Ruffalo. So gewinnend Paul auch ist, er ist letztendlich eine tragische Figur, da er die Freundschaft mit seinen biologischen Kindern nach seiner Affäre mit Jules aufgeben muss. Ruffalo vermag diese Tragik hervorragend zu vermitteln. Wer ihn bis jetzt als dramatischen Schauspieler nicht ernst genommen hat, wird hier eine Götterdämmerung erleben.

Lisa Cholodenko erzählt mit The Kids Are All Right keine sonderlich originelle Geschichte. Doch wie im echten Leben sind es die Protagonisten, die den Unterschied ausmachen. Der Film ist die Studie von Familiendynamiken während einer Zerreissprobe. Dass dabei die Familienoberhäupter zwei Frauen sind, ist ein zentrales Thema, aber nicht das Problem der Sache. Das Problem der Sache ist die Instabilität der Institution Familie. Jegliche Fremdkörper haben das Potential, den Verbund zu sprengen. So gesehen ist Cholodenkos Film ein wichtiger Beitrag zur Diskussion, ob sich die Idee der Familie überlebt hat. Der Realismus von The Kids Are All Right mag nicht massentauglich sein, aber wer wieder einmal eine gute Tragikomödie/Beziehungsdrama mit viel Subtext sehen will, der sollte ihn sich keinesfalls entgehen lassen.