Montag, 18. Juli 2022

Incroyable mais vrai

Seit einigen Jahren scheint der französische Kultmusiker und -regisseur Quentin Dupieux von einem unstillbaren Schaffensdrang besessen zu sein: Incroyable mais vrai ist sein vierter Film in ebenso vielen Jahren. Auf seinen gewohnt abstrusen Leinwand-Schabernack wirkt sich das allerdings nicht unbedingt positiv aus.

Das Ehepaar Alain (Alain Chabat) und Marie (Léa Drucker) kauft ein Haus. Doch das ist nicht irgendein Haus, verrät ihnen der Makler (Stéphane Pezerat), als er sie in den Keller führt: Dort befindet sich nämlich ein Loch mit einer Leiter im Boden; und wer diese Leiter hinuntersteigt, kommt, wider alle Naturgesetze, im obersten Stock des Hauses wieder heraus – zwölf Stunden später.

Quentin Dupieux, auch bekannt als Mr. Oizo, mag schon seit 2001 als Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Schnittmeister tätig sein; doch die Prämisse von Incroyable mais vrai bestätigt eine Tendenz im Werk des Franzosen, die sich gerade in den letzten paar Jahren als eine Art Markenzeichen etabliert hat: Sie ist abseitig genug, um aufzufallen und erzählerisch anzuregen, aber sie ist auch nicht so absurd, als dass sie Dupieux’ Protagonist*innen – meistens hemdsärmelig-blasse Durchschnittsbürger*innen, unergründliche Exzentriker*innen mit einem gehörigen Sprung in der Schüssel oder beides gleichzeitig – allzu sehr aus dem Konzept bringen würde.

Und auch sein neuestes Projekt verläuft nach diesem Prinzip – bis zu einem gewissen Grad. Im Zentrum steht das nicht sonderlich nützliche Zeitreise-Extra im neuen Zuhause von Alain und Marie; darum herum konstruiert Dupieux allerlei Absurditäten: Marie ist fasziniert vom Loch in ihrem Keller und verbringt den ganzen Tag damit, in die Zukunft zu klettern; derweil sich Versicherungsagent Alain mit aufdringlichen Kunden herumschlägt, damit hadert, dass er seine Ehefrau aufgrund der «Zeitverschiebung» kaum noch sieht und von seinem kumpelhaften Chef Gérard (Benoît Magimel), der bei jeder Gelegenheit mit seiner jungen Freundin Jeanne (Anaïs Demoustier) und seinem neuen High-Tech-Penis angibt, unentwegt auf seinen eigenen Alterungsprozess hingewiesen wird.

© Praesens-Film

Was Incroyable mais vrai mit dem wunderbaren Pseudo-Theaterstück Au poste! (2018), dem phlegmatischen Wildlederfetischismus-Thriller Le daim (2019) sowie Mandibules (2020), einer sommerlichen Buddy-Komödie um eine zahme Riesenfliege, verbindet, ist Dupieux’ Mischung aus überkandideltem Blödsinn und ironisch gebrochenem Stillstand. Doch wo diese anderen Filme keinerlei Ansprüche auf tieferliegende Sinnhaftigkeit zu hegen schienen – sie genügten sich selbst, frönten dem kuriosen Unfug, waren augenscheinlich zufrieden damit, nach ihren weniger als 80 Minuten Laufzeit ins Nichts zu verpuffen –, setzt sich Dupieux’ neuester Wurf mit einem durchaus gewichtigen Thema auseinander: dem Älterwerden in einer Welt, die das nicht mehr dulden will.

Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Wenn Le daim und Mandibules an etwas krankten, dann daran, dass sie sich etwas zu sehr auf den Unterhaltungswert ihrer eigenen Absurdität verliessen. Und die thematischen Ansätze von Incroyable mais vrai haben durchaus Potenzial: Dupieux skizziert – auf raffiniertere Weise als etwa Bruno Podalydès in seiner plumpen Technophobie-Komödie Les deux Alfred (2020) – eine Gesellschaft, die verlernt hat, die eigene Endlichkeit würdevoll und demütig zu akzeptieren. Gérard setzt auf die vermeintliche Allmacht des technologischen Fortschritts; Marie steigert sich in die individualistische Fantasie hinein, ihr Zeitsprung-Loch könnte ihr eine Modelkarriere ermöglichen; die Klienten, von denen Alain tagein, tagaus terrorisiert wird, lassen seinen Einwand, er habe auch ein Leben und eine Gesundheit, die seiner Zeit und seiner Aufmerksamkeit bedürfen, nicht gelten.

© Praesens-Film

Die Moral, zu der Dupieux letztlich gelangt, ist ein Klischee, aber ein nachvollziehbares: Das Alter wird wohl oder übel kommen, und die beste Strategie, damit umzugehen, ist, sich nicht auf soziale Zwänge einzulassen, sondern auf die eigenen Bedürfnisse zu hören. Insofern ist Incroyable mais vrai unmissverständlich das Werk eines 48-Jährigen, der sich mit der Erkenntnis auseinandersetzt, vielleicht bald schon selber zum alten Eisen zu gehören – ein Umstand, der das Schlussbild des gemütlich angelnden Alain, ohnehin schon einer der menschlichsten Momente in Dupieux’ ganzer Filmografie, umso eindringlicher macht.

Schade nur, dass der Film dieses thematische Potenzial nicht ausschöpfen kann. Die neuen Ideen sind da, doch Dupieux spult sein übliches, inzwischen fast schon festgefahren wirkendes Programm ab: Er lässt sich, gemessen an der Filmlänge von 74 Minuten, grotesk viel Zeit, um alle Einzelheiten der Kellerloch-Zeitmaschine darzulegen und scheint sich komödiantisch damit zufriedenzugeben, mit der milden Abseitigkeit der Affiche zu kokettieren – Gérards "NASA-Schwanz" wird gar ein ganzer Nebenplot eingeräumt.

© Praesens-Film

Was dabei verloren geht, ist nicht nur die thematische Tiefe, sondern auch das, was Dupieux sonst immer ausgezeichnet hat: die spielfreudige Figurenzeichnung und die daraus resultierenden Schauspiel-Highlights. Von den vier Figuren, die das Filmplakat schmücken – Alain, Marie, Gérard und Jeanne –, erhalten nur die beiden Männer so etwas wie Charaktereigenschaften, während die Frauen platte Chiffren für den gesellschaftlichen Schönheitswahn bleiben. Da sich die essenziellen narrativen Ereignisse des Films aber in zwei ausgedehnten, dialoglosen Montagesequezen in der Schlussviertelstunde abspielen, können selbst Alain Chabat und Benoît Magimel, trotz einiger vielversprechender Szenen, letztlich keine grösseren Akzente setzen. Sie erhalten schlicht nicht den Entfaltungsspielraum und die erzählerische Erdung, mit deren Hilfe Dupieux Benoît Poelvoorde (Au poste!), Jean Dujardin (Le daim) und Grégoire Ludig (Mandibules) zu grandiosen Komödiendarbietungen animierte.

Wer also frisch in die aktuelle Phase im Werk von Quentin Dupieux einsteigt, dürfte von Incroyable mais vrai wohl ganz ansprechend unterhalten werden. Wer damit aber bereits vertraut ist, wird sich wohl dem Gedanken nicht entziehen können, dass dem unermüdlichen Witzbold zwecks Selbstfindung und Innovationssuche eine kleine Schaffenspause nicht schlecht bekommen würde. Doch auch in dieser Hinsicht bleibt Dupieux der Meister der eigensinnigen Ungefälligkeit: Mit Fumer fait tousser steht schon sein nächster Film mit Jahrgang 2022 auf dem Programm.

★★

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