Mittwoch, 29. Juli 2020

The King of Staten Island

In den letzten 20 Jahren hat wohl kaum jemand die amerikanische Filmkomödie so nachhaltig verändert wie Judd Apatow. Während sich um die Jahrtausendwende diverse Humorphilosophien langsam zu Tode liefen – darunter die überzeichnete Unflätigkeit eines Eddie Murphy und der aufwändige Slapstick des Frat Packs um Ben Stiller und Owen Wilson –, liess sich der Regisseur und Drehbuchautor vom Fernsehen leiten: Er übertrug in The 40-Year-Old Virgin (2005) und Knocked Up (2007) die lakonische Ausschlachtung von peinlichen Situationen, wie man sie aus TV-Sitcoms wie Seinfeld, Curb Your Enthusiasm oder Ricky Gervais' The Office kannte, auf die Grossleinwand und erntete damit kritischen Beifall und klingelnde Kinokassen.

Hollywood spurte: Die klassische 90-minütige Komödie mit einem traditionellen Witzverständnis wurde zunehmend durch die Apatow'sche Dekonstruktion abgelöst. Die Filme wurden länger, der Humor abstrakter; kuriose Schimpfwortkombinationen und Cameo-Auftritte von Berühmtheiten, die ihr eigenes Image unterliefen, hatten Hochkonjunktur. Eine besonders einflussreiche Strategie, die Apatow selber in This Is 40 (2012) und Trainwreck (2015) auf die Spitze trieb, war, Darsteller*innen minutenlang improvisieren zu lassen und den Schnitt so lange wie möglich hinauszuzögern: Die unangenehmen Pausen, die sich unweigerlich zu häufen begannen, wenn aus einer Szene die komödiantische Luft raus war, wurden selbst zu einem essenziellen Quasi-Gag.

Diese – keinswegs unnötigen – Innovationen avancierten rasch zum inflationär verwendeten Stilmittel. Die Erhebung der faktischen Witzverweigerung zum humoristischen Konzept führte zu einer veritablen Flut von Filmen, die Fremdscham und allzu detaillierte Popkultur-Referenzen zur zentralen Quelle von Lachern erklärten: Late Night (2019) und Long Shot (2019) sind nur die jüngsten Beispiele dieses Trends, der auch vor gelungeneren Komödien wie etwa Michael Showalters The Big Sick (2017) nicht Halt macht.

Scott (Pete Davidson) ist 24 Jahre alt, depressiv und wohnt bei seiner Mutter (Marisa Tomei) auf Staten Island.
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Dass sich seine Werke als stilbildend erwiesen haben, ist nicht spurlos an Apatow vorbeigegangen. Spätestens seit Funny People (2009) – einer zweieinhalbstündigen Tragikomödie über einen depressiven, krebskranken Stand-Up-Comedian – haben seine Filme einen ambitionierten Hang dazu, nicht jugendfreie Blödel-Komik mit ernsthaften Elementen anzureichern. Auf einen ersten Akt, in dem in aller Regel genüsslich mit ungehobelten Sprüchen und verschmitzten Verweisen auf Sex und Fäkalien jongliert wird, folgt früher oder später ein markanter Tonfallwechsel: Der pubertäre Humor bleibt zwar bestehen, muss sich fortan aber das Rampenlicht mit dem Porträt einer Person teilen, die sich mit den Verpflichtungen des Erwachsenseins herumschlägt.

In This Is 40 etwa sieht sich Paul Rudd mit seiner Midlife-Crisis konfrontiert, während in Trainwreck Amy Schumer über die langfristige Nachhaltigkeit eines party- und sexorientierten Lebensstils nachdenkt. Leider fehlt Apatow jedoch das nötige Feingefühl für diese emotional anspruchsvollen Spielereien: This Is 40 und Trainwreck sind plumpe, oberflächliche Musterbeispiele für einen Regisseur, der sich erzählerisch und thematisch überwirft.

Insofern ist The King of Staten Island wohl ein ungewöhnliches Projekt. Obwohl Apatows Filme häufig nicht allzu weit von der Realität entfernt sind – This Is 40 ist eine Überhöhung seines eigenen Ehelebens, derweil in Amy Schumers Drehbuch zu Trainwreck viel von ihrer Stand-Up-Persona steckt –, ist King wohl jener mit der diffizilsten Thematik. Denn neben Apatow war auch der aus Saturday Night Live bekannte Komiker Pete Davidson am Skript beteiligt, das eine fiktionalisierte Version seines eigenen, mühseligen Werdegangs erzählt.

Scott geht den meisten Menschen in seinem Umfeld auf die Nerven, inklusive seiner Schwester (Maude Apatow).
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Davidson spielt hier ein Alter Ego namens Scott – ein 24-jähriger Staten Islander, der noch bei seiner Mutter (Marisa Tomei) wohnt, viel kifft, gerne mit seinen Kumpeln rumhängt und davon träumt, eines Tages ein Restaurant/Tattoostudio zu eröffnen. Dass es in seinem Leben nicht vorwärts zu gehen scheint, schreibt er einem Kindheitstrauma zu: Sein Vater, ein Feuerwehrmann, starb bei einem Einsatz, als Scott sieben Jahre alt war. Das ist denn auch die konkreteste Parallele zwischen Davidson und seinem Protagonisten: Davidsons Vater kam ebenfalls im Dienst ums Leben, beim Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001.

Das klingt nicht nach einem idealen Rahmen für kotzende Kinder, unausgegorene Raubüberfälle und Sprüche über Davidsons blassen Teint ("You look like an anorexic panda"). Und tatsächlich scheitert The King of Staten Island, wie so manches Apatow-Vehikel, letztlich an der wenig überzeugenden Mischung aus vulgärer Komödie und aufrichtigem Drama.

Im Vergleich zu Apatows letzten beiden Komödien kommt dies aber wenigstens merklich bodenständiger daher: Wirkten This Is 40 und Trainwreck wie geradezu provokant triviale Geschichten aus der sich selbst bemitleidenden Hollywood-Oberschicht – reichlich ausgestattet mit prahlerischen Cameo-Auftritten –, belässt es King bei einem überschaubaren Cast und einer Handlung mit grösserem Identifikationspotenzial.

Am liebsten hängt Scott mit seinen Kumpeln am Strand von Staten Island herum.
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Scott ist, auch dank einer nuancierten Performance von Pete Davidson, ein durchaus sympathischer Protagonist, den man als Zuschauer*in gerne reüssieren sehen würde. Seine Probleme sind nicht die eines überprivilegierten Profis aus der Entertainment-Branche, sondern diejenigen eines depressiven Mittelstands-Millennials, der den Einstieg ins Erwachsenenleben verpasst hat. Sein Umfeld besteht nicht aus Drehbuchautor*innen, Promi-Fitnessgurus und Sportprominenz, sondern aus seinen Kiff-Kumpanen, seiner Freundin (Bel Powley), seiner Mutter und deren neuem Partner (hervorragend: Bill Burr). Die einzigen Cameos, die sich Apatow erlaubt, sind ein wunderbar seltsamer Auftritt des Rappers Action Bronson sowie eine Feuerwehrmann-Nebenrolle für Steve Buscemi, der wie Davidson Senior am 11. September für die New Yorker Feuerwehr im Einsatz stand.

Unter diesen Voraussetzungen funktioniert auch die implizite Komik, mit der sich Apatow einen Namen gemacht hat, etwas besser als zuletzt. Zwar überzeugen das peinlich berührte Schweigen und die halbherzigen Witzansätze noch immer nicht restlos, doch gerade während der ersten halben Stunde – bevor der Film den obligaten Tonfall-Spurwechsel vollzieht – laden die einfühlsamen Darbietungen dazu ein, müdere Kalauer nicht als Drehbuchschwäche, sondern als stimmige Charaktermomente aufzufassen.

Ray (Bill Burr) ist der neue Partner von Scotts Mutter – sehr zu dessen Leidwesen.
© Universal Pictures International Switzerland. All Rights Reserved.
Dass King letztlich aber vielleicht doch am Skript kranken könnte, suggeriert der besagte Übergang ins Dramatische. Scotts Kampf gegen Ray, seinen Stiefvater in spe, wird zum Hauptschauplatz seiner Lebenskrise, zeichnet sich aber vor allem durch repetitive Szenen – Streit, Beziehungssabotage, Streit, Beziehungssabotage – und abgedroschene Anzeichen persönlichen Wachstums aus. Die Binsenweisheiten, die Scott schlussendlich zum Optimismus bekehren – Kameradschaft ist wichtig, Arbeit kann erfüllend sein, alle tragen Verantwortung füreinander, man muss den Menschen ihr Glück gönnen –, stehen sinnbildlich für die emotionale Oberflächlichkeit, mit der Apatow, Davidson und Co-Autor Dave Sirus in ihrem Drehbuch zu Werke gehen. Am Ende der zähflüssigen 137 Minuten könnte es klarer nicht sein, dass das Wohlwollen gegenüber den Figuren in erster Linie das Verdienst ihrer Darsteller*innen ist.

Das mag genügen, um The King of Staten Island zu Apatows menschlich ansprechendstem Werk seit mehr als einem Jahrzehnt zu machen; doch die tiefgreifenden Widersprüche seines Schaffens werden damit nicht aufgelöst. Er hat auch in seinem sechsten Spielfilm noch kein passendes Rezept gefunden, um seine dramatischen Aspirationen innerhalb einer dreckigen Cringe-Komödie auszuleben. Vielleicht ist er einfach nicht der richtige Mann dafür.

★★

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