Thursday, 23 January 2014

The Wolf of Wall Street

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.


Ohne jemals die Moralkeule zu schwingen, rechnet Meisterregisseur Martin Scorsese in seiner rabenschwarzen Satire The Wolf of Wall Street mit der absurden Welt der Hochfinanz ab. Drei Stunden der Ausschweifungen, der Exzesse, der Bacchanale – eine brillante cineastische Tour de Force.

Wollte man dieses wilde Treiben, dieses atemberaubende Spektakel, dessen schiere Energie im Filmjahr 2013 wohl nur mit Paolo Sorrentinos Rom-Fellineske La grande bellezza und Spring Breakers, Harmony Korines giftigem Angriff auf die amerikanische Party-Kultur, zu vergleichen ist, mit einem Satz zusammenfassen, so böte sich wohl am ehesten Bob Dylans legendärer Aphorismus "Money doesn't talk, it swears" aus dem Song "It's Alright, Ma (I'm Only Bleeding)" an – und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass im 179-minütigen The Wolf of Wall Street geschlagene 569 Mal das Wort "fuck" fällt (Weltrekord). Scorsese und Drehbuchautor Terence Winter (The Sopranos, Boardwalk Empire), dem als Vorlage die selbstherrliche und -verherrlichende Autobiografie des ehemaligen Börsenmaklers Jordan Belfort diente, erzählen in ihrem sardonisch lustigen Film von der moral- und menschenverachtenden Gier, mit der an der New Yorker Börse operiert und nach immer grösseren Summen getrachtet wird.

Doch die Frage bleibt, ob man Scorseses unbändigem Epos gerecht wird, wenn man es in einem einzigen Satz resümiert. Denn The Wolf of Wall Street lebt von seiner Ausführlichkeit, von seiner auf einen stringenten Plot verzichtenden Aneinanderreihung immer haarsträubenderer Anekdoten, welche in Retrospektive zu einem Fiebertraum voller Sex, Drogen und Geld verschwimmen. Die Rolle des Zeremonienmeisters – zusammen mit der des Erzähler und des (Anti-)Helden – fällt Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) zu, der, wie einst Nick Carraway in F. Scott Fitzgeralds Roman The Great Gatsby (in dessen letztjähriger Verfilmung DiCaprio als die ikonische Titelfigur zu sehen war), 1987 als junger, noch unverdorbener Makler an die Wall Street pilgert, um sein Glück zu machen. Anders als Carraway findet er dort jedoch nicht die kühl-elegante Dekadenz der Zwanzigerjahre, sondern das infernalische Chaos des entfesselten Kapitalismus vor.

Herrschaft des Geldes: Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) steigt rasch zu einem mächtigen Wall-Street-Makler auf.
© Universal Pictures Switzerland
Unter seinem Mentor (Matthew McConaughey) wächst Jordan selber zu einem gnadenlosen Spekulanten heran, dem daran gelegen ist, ahnungslosen Kunden Aktien – erlogenes Geld – zu verhökern, während er die realen Moneten selber einstreicht. Nach dem "Black Monday"-Börsencrash im Oktober 1987 gründet Jordan mit dem Junior-Partner Donnie (Jonah Hill) eine Privatfirma, welche wertlose Aktien zu möglichst hohen Preisen verkauft, um von der hohen Provision zu profitieren. Doch wie Jordan, der sich immer wieder direkt an den Zuschauer wendet, stets betont: Wichtig ist nicht, wie, sondern dass das Geld fliesst.

Und obwohl der Film formal Scorseses Mafia-Panoptiken – GoodFellas (1990) und Casino (1995) – ähnelt, hebt er sich doch von beiden durch seine subversive Leichtfüssigkeit ab: Im Stakkato-Rhythmus wird das Publikum mit famosen Dialogen und abseitigen Szenarien bombardiert, deren oft versteckt unbehagliche Implikationen jeder Kinogänger selbst erwägen muss. The Wolf of Wall Street dürfte somit als Scorseses lustigstes Werk in die Filmgeschichte eingehen, auch dank einer fantastischen Darbietung Leonardo DiCaprios, der sich mit der Verve eines berserkernden evangelikalen Predigers mit erstaunlichem Körpereinsatz in Belforts Exzesse hineinversetzt; sein klimaktischer Quaaludes-Trip ist mit der Beweglichkeit eines Slapstick-Veteranen vorgetragen. Damit stellt Scorsese die Macht der Komödie unter Beweis: Dass sich am Ende seines Films nichts geändert hat, dass die Welt immer noch zum Verkauf steht, dass sich die Menschen immer noch vom Versprechen des schnellen Geldes verführen lassen, ist effektiver als jeder erhobene Zeigefinger.

★★★★★☆

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