Sunday, 28 July 2013

The Company You Keep

"You think we were just doped up hippies running around", sagt die Ex-Terroristin Sharon Solarz (Susan Sarandon) zum jungen Journalisten Ben Shepard (Shia LaBeouf) nach ihrer Festnahme zu Beginn von Robert Redfords neunter Regiearbeit. Indem er und Autor Lem Dobbs (Haywire) ihr – im Rahmen des Films ein ehemaliges Mitglied des "Weather Underground", einem realen militanten Flügel der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg – diesen Satz in den Mund legen, wollen sie nicht die Taten der linksradikalen Bewegung rechtfertigen. Vielmehr scheint es ihnen ein Anliegen zu sein, jenem sich etablierenden Geschichtsnarrativ entgegenzuwirken, nach welchem die US-Friedensbewegung nicht mehr war als eine Ansammlung kindlich-naiver Marihuana-Enthusiasten ohne Sinn für Realität.

Solarz betont, dass die mit Polizeigewalt niedergeschlagenen Märsche und Sit-Ins alles andere als "groovy" waren, wie Shepard mit jugendlicher Herablassung insinuiert; der Griff zu Skimaske und Kalaschnikow war zwar nicht richtig, doch geschah er aus der Frustration und dem verzweifelten Wunsch, etwas gegen den Tod Tausender Amerikaner und Vietnamesen zu unternehmen. Fehler wurden gemacht, Prinzipien verraten, Ideen korrumpiert – aber gänzlich sinnlos war die Rebellion nicht.

Dies ist wohl die subversivste und zugleich am klarsten umrissene Position, die Redford in The Company You Keep vertritt, einem durchaus anregenden, aber hoffnungslos überladenen Verschwörungsthriller. In einer Ära, in der liberaleres Gedankengut wieder die Oberhand über den paranoiden Chauvinismus der Bush-Jahre gewinnt und grundsätzliche Politik-Skepsis die Einstellung der Stunde ist, besteht für den mittlerweile 76-jährigen Oscargewinner kein Anlass mehr, den Stand der Dinge in einem Thesenfilm in der Art von Lions for Lambs anzuprangern.

Entsprechend wirkt vieles in The Company You Keep, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Neil Gordon, auffällig rückwärts gewandt. Die Geschichte um den ehemaligen Weather-Underground-Aktivisten Nick Sloan (Redford), der nach dem Auffliegen seiner neuen Identität auf der Flucht vor dem Zugriff des FBI ist, das ihn für einen 30 Jahre zurückliegenden Bankraub verhaften will, und auch vor den den Recherchen des unermüdlichen Reporters Ben Shepard, quer durch die USA tingelt, um seine Unschuld zu beweisen, echauffiert sich über die "junge Generation von heute", die zwar gerne den Geschichtslektionen über die wilden Sechzigerjahre lauscht, selber aber nur aus jungen Facebook-Narzissten besteht. Voller Wehmut wird Shepard als letzter Aufrechter gezeigt, als übermotivierter, aber ehrbarer Journalist in der Tradition von Woodward und Bernstein, der unabhängig von Budget-Bedenken und politischen Gängeleien – sowie "ohne Twitter und E-Mail" – Missstände auf beiden Seiten des Spektrums aufdeckt. Ihm ebenbürtig ist nur Redford selber, ein praktisch fehlerloser Held, der, verkleidet mit Lederjacke, Schirmmütze und Sonnenbrille, dem FBI und dessen NSA-Verfolgungspraktiken stets zwei Schritte voraus ist.

Auf der Flucht: Der ehemalige Radikale Nick Sloan (Robert Redford) reist im Geheimen durch die USA, um zu beweisen, dass ihm das FBI zu Unrecht nachstellt.
© Ascot Elite
Als einen der Gründe, weshalb sich das Bureau von einem Mittsiebziger und einem Lokalblatt-Schreiberling dermassen vorführen lässt, identifiziert der Film das antiquierte, simple Weltbild, in dem seine Agenten gefangen zu sein scheinen. "We're the good guys here", ermahnt Einsatzleiter Cornelius (Terrence Howard) seine Untergebenen. Zweifel und Selbstkritik haben im Fahndungsprozess keinen Platz, es gilt die Maxime "Mitgegangen, mitgefangen"; basierend auf "the company he keeps", wird Nick in absentia für schuldig erklärt. (Andererseits jedoch leisten ihm eben jene alten radikalen Freunde auf seiner Reise wertvolle Schützenhilfe.) Auch hier stellt sich die Frage, wie nahe sich dieses Porträt des unfähigen FBI an der Realität befindet.

Insgesamt schneidet The Company You Keep besser ab, wenn diese überraschend unbeholfenen politischen und gesellschaftlichen Ansätze ausser Acht gelassen werden und man den Fokus auf die dramaturgische Ebene legt. Hier kann sich der Film durch ein munteres Tempo und einige sehenswerte Auftritte (Susan Sarandon, Chris Cooper, Nick Nolte) auszeichnen, was zumindest anfänglich von den vereinzelt auftretenden Dialogschwächen ("Radicals yes, but also lovers") kaum untergraben wird.

Am Ende aber zeigt sich, dass Redford auch 33 Jahre nach Ordinary People noch immer kein begnadeter Regisseur ist. Im letzten Akt verwandelt sich die dezente, an Clint Eastwoods A Perfect World erinnernde menschliche Komponente in unangebrachte Sentimentalität, die Quasi-Perfektion des Nick Sloan steigert sich ins Unermessliche, der Film bricht zusammen unter der Last von allzu spät eingeführten Handlungssträngen um Polizeikorruption und familiäre Verbindungen sowie einem inflationären Gebrauch bekannter Hollywood-Mimen, von Julie Christie und Sam Elliott bis Stanley Tucci, Richard Jenkins und dem Iren Brendan Gleeson (mit aufgesetztem amerikanischem Dialekt), deren Auftritte sich überwiegend auf Kurzeinsätze von höchstens fünf Minuten beschränken. So gilt, was sich auch über The Company You Keep als Ganzes sagen lässt: Weniger wäre mehr gewesen.

★★★½

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