Thursday, 30 May 2013

The Broken Circle Breakdown

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Der belgische Regisseur Felix Van Groeningen zieht in seinem neuen Film alle dramatischen Register: The Broken Circle Breakdown handelt von stürmischer Liebe, unbändiger Trauer und musikalischer Leidenschaft – ein wuchtiges Drama, getragen von einem erlesenen Bluegrass-Soundtrack.

Zuallererst ist The Broken Circle Breakdown aber ein Beleg dafür, dass Namen keineswegs Schall und Rauch sind. Aus unerfindlichen Gründen wird der Film in der Schweiz unter dem Titel The Broken Circle vertrieben, was zwar weniger sperrig klingt, dem Ganzen aber zahlreiche Assoziationen raubt. "Breakdown" kann das Scheitern einer Beziehung bedeuten oder das Beenden einer medizinischen Prozedur – beides Themenkreise, die Van Groeningen (The Misfortunates) aufgreift. Im Bluegrass-Genre hingegen beschreibt das Wort ein Instrumentalstück; berühmtestes Beispiel dafür ist wohl der durch Arthur Penns Bonnie and Clyde berühmt gewordene "Foggy Mountain Breakdown" von Lester Flatt und Earl Scruggs. Darauf verweist wiederum die dynamische nonlineare Dramaturgie, welche sich wie eine Art filmisches Medley aus ungewöhnlich vielen Montagesequenzen zusammensetzt.

Erzählt wird dabei die tragische Geschichte von Didier (ein umwerfender Johan Heldenbergh) und Elise (Veerle Baetens). Er ist ein passionierter Banjo-Spieler, sie Tätowiererin, und bald nachdem sie ihn Ende der Neunzigerjahre kennenlernt, Sängerin in seiner Band, wodurch die beiden zu flämischen Nachfahren im Geiste grosser Country- und Bluegrass-Duos werden: Johnny Cash und June Carter, deren Ikonografie Kameramann Ruben Impens immer wieder zitiert; George Jones und Tammy Wynette, Porter Wagoner und Dolly Parton. Nach mehreren Jahren glücklicher Ehe erhält das Paar eine niederschmetternde Nachricht: Ihre mittlerweile siebenjährige Tochter Maybelle (Nell Cattrysse), benannt nach der legendären Maybelle Carter, ist an Krebs erkrankt.

Ein musikalisches Paar: Elise (Veerle Baetens) singt in der Bluegrass-Band ihres Mannes Didier (Johan Heldenbergh).
Van Groeningens Herangehensweise steht in krassem Kontrast zum kühleren Stil anderer zeitgenössischer belgischer Filmemacher wie etwa der Dardenne-Brüder oder Michaël Roskam (Bullhead); die italienische Inbrunst eines Daniele Luchetti (La nostra vita) steht ihm näher. Die Emotionen in The Broken Circle Breakdown sind roh und unmittelbar, ungebrochen durch übertrieben analytische Distanz. Doch der Film ist weit davon entfernt, sich der blossen Gefühlsduselei hinzugeben. Dank sorgsam ausgearbeiteter Konflikte (Didier ist ein atheistischer Romantiker, Elise eine religiöse Realistin) und Figuren, zu deren primären Charakteristika auch ein Sinn für warmherzigen Humor zählt, verfehlt die zwischenmenschliche Tragödie des zerstörten Familienkreises ihren Zweck nicht; sie ist von einer emotionalen Kraft, die man in diesem Ausmass im modernen Kino gerne öfter sehen würde.

Der womöglich grösste Coup, den Van Groeningen in seiner Inszenierung landet, ist jedoch sein Einsatz von Musik, welche er nicht nur rhythmisch und mitreissend auf die Leinwand zu bannen versteht, sondern ins dramaturgische Zentrum seines Films stellt. Diverse Schlüsselmomente spielen sich während der herausragenden Interpretationen klassischer Songs ab ("Will the Circle Be Unbroken?", "Wayfaring Stranger", "If I Needed You"), gesungen von Heldenbergh und Baetens, begleitet von der Broken Circle Breakdown Bluegrass Band. Entwicklungen werden dezent signalisiert, finden mittels subtiler Blickwechsel und sprechender Mimik statt. The Broken Circle Breakdown ist ein Exemplar jener seltenen Sorte von Dramen, welche die grossen Gefühle zelebrieren, ohne ihr Publikum mit klischierter Rührseligkeit zu manipulieren. Ein Film, der alle richtigen Töne trifft.

★★★★★½

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