Thursday, 31 January 2013

Lincoln

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

13 Jahre hat die Produktion von Steven Spielbergs neuem Film in Anspruch genommen; das Herzblut, das darin fliesst, ist nicht zu übersehen. Lincoln ist ein unaufgeregtes, aber spannendes politisches Kammerspiel, ein intimer Historienfilm.

Die Vereinigten Staaten von Amerika scheinen zum Jahresanfang 1865 an einem Tiefpunkt angelangt zu sein: Zwar wurde erst vor kurzem der 16. US-Präsident, Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis), im Amt bestätigt, doch der blutige Bürgerkrieg gegen die abtrünnigen Südstaaten, 1861 begonnen, tobt weiter und zehrt an den Kräften und Ressourcen beider Seiten. Zudem stockt in Washington die politische Maschinerie, da im Repräsentantenhaus jeglicher Konsens zwischen Republikanern und Demokraten ausgeschlossen scheint. Und ausgerechnet jetzt will Lincoln einen kontroversen Verfassungszusatz, das Verbot von jeglicher Sklaverei, durchsetzen. Seine Hoffnungen ruhen dabei vor allem darauf, den radikal-republikanischen Sklavereigegner Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones) in Schach zu halten, dessen Brandreden den konservativen Flügel der Partei zu vergraulen drohen, und auf der Unterstützung von abgewählten, aber noch bis Ende Januar aktiven Demokraten, denen er attraktive Regierungsposten anbietet. Dass aber gerade jetzt der Süden Friedensgespräche anbietet, kommt dem Präsidenten gar nicht gelegen, da ein Ende der Sklaverei nur dann mehrheitsfähig ist, wenn es als Druckmittel auf die Südstaaten benutzt werden kann.

Wer wissen will, wann und wo Abraham Lincoln geboren wurde, wie er zur Politik kam und wen er in seinen beiden Wahlen besiegte, wird in Steven Spielbergs Film keine Antworten finden. Er und Drehbuchautor Tony Kushner beschränken die biografischen Details auf ein Minimum: Er war gelernter Anwalt, seine Frau Mary (Sally Field) litt an Depressionen, zwei seiner Söhne starben jung, ein dritter, Robert (Joseph Gordon-Levitt), brannte darauf, in die Armee der Union einzutreten. Doch selbst diese Familienangelegenheiten spielen in Lincoln lediglich eine Nebenrolle. Der Fokus liegt hauptsächlich auf halblegalen Rechtsverdrehungen, Quasi-Bestechungen und Lagebesprechungen in stickigen Hinterzimmern. Kushners Dialoge sind lang, mitunter auch zu lang, und erzählen mal von bürokratischen Feinheiten, mal von taktischen Überlegungen: Lincoln verbringt während des Films mehr Zeit mit seinem Aussenminister (der hervorragende David Strathairn) als mit seiner Frau. Das Ganze wirkt fast wie eine Verteidigung der Zentralregierung, welche in den modernen USA gerne mit dem Stalinismus gleichgesetzt wird: Die brisanteste und gewichtigste Verfassungsänderung der amerikanischen Geschichte kam dank des Einsatzes präsidialer Macht zustande.

Der ikonische Präsident: Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis, Mitte) inspiziert ein Schlachtfeld.
Spielberg verzichtet auf Spektakel, er zeigt weder Schlachten noch andere Kriegshandlungen. Stellenweise mag die Inszenierung ins allzu Bühnenhafte, am Ende auch ins Hagiografische, abdriften, doch der Regisseur von Historiendramen wie Schindler's List und Saving Private Ryan weiss seinen Stoff – mit tatkräftiger Unterstützung des polnisch-amerikanischen Kamerameisters Janusz Kamiński – spannend und mitreissend zu präsentieren. Was Lincoln letztendlich aber unvergesslich macht, ist die brillante Darbietung seines Hauptdarstellers. Daniel Day-Lewis, der in der Vergangenheit oft durch bis ins Lächerliche gesteigertes Chargieren (My Left Foot, There Will Be Blood) aufgefallen ist, passt sich dem sachlichen Naturell seiner Figur an und begeistert mit dezentem, subtilem Schauspiel, in dem jede Bewegung, jeder Gesichtsausdruck, jede von Lincolns berühmten Anekdoten stimmig und natürlich wirkt. Er ist die Vollendung eines rundum befriedigenden Films, einer scharfsinnigen, lebendig und filmsprachlich virtuos vorgetragenen Geschichtslektion.

★★★½

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