Monday, 1 October 2012

Turn Me on, Goddammit!

Seit einigen Jahren zeichnen sich Coming-of-Age-Filme primär dadurch aus, "anders" zu sein. Werke wie Richard Ayoades Submarine oder Wes Andersons Moonrise Kingdom verbinden das Abenteuer Jugend wunderbar mit surrealistisch-nostalgischen Bilderwelten. Turn Me on, Goddammit! geht einen etwas anderen Weg: Der Film ist fest in der Realität verwurzelt, profitiert aber von norwegischer Exzentrik.

Irgendwo in Westnorwegen liegt Skoddeheimen, ein kleines, nicht weiter bemerkenswertes Dorf am Fusse eines Berghangs. Eine Strasse zieht sich durch eine Ansammlung von Häusern, ein paar Schafe treiben sich herum, jeder kennt jeden. Kurz: ein Albtraum für Alma (Helene Bergsholm), ein 15-jähriges Mädchen, welches gerade seine Sexualität entdeckt. Statt ihre Hausaufgaben zu erledigen, ruft sie Sex-Hotlines an, ansonsten fantasiert sie, wie der hübsche Artur (Matias Myren) sie verführt, und plant mit ihrer besten Freundin Sara (Malin Bjørhovde) den Ausbruch in die grosse weite Welt – egal ob Oslo, Paris oder New York, Hauptsache weg. Als Artur sich bei einer Party auf eher ungebührliche Art und Weise Alma nähert und ihr daraufhin niemand die Geschichte glaubt, steht sie als Ausgestossene da. Als ihre Mutter obendrein noch die astronomisch hohe Telefonrechnung im Briefkasten findet, steht Alma fast komplett allein da. Einzig Sara hält noch zu ihr.

"Wer sich mit Wehmut an seine Kindheit erinnert, war nie ein Kind", schrieb Bill Watterson, Schöpfer der Calvin and Hobbes-Comicstrips einmal. In diesem Sinn und Geist hält auch Regisseurin und Autorin Jannicke Systad Jacobsen ihren ersten Langspielfilm Turn Me on Goddammit!Få meg på, for faen! auf Norwegisch –, einer Adaption von Olaug Nilssens gleichnamigem Roman. Mit einem feinen Auge fürs Detail fängt sie die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, die Crux mit der Pubertät und die spielerische Grausamkeit von Altersgenossen ein.

Allein der Kontrast zwischen der Hauptfigur des Films und der Szenerie, in der sie sich findet, illustriert dies. Skoddeheimen ist materialisierte Trägheit: Die wenigen Bewohner sitzen in oder vor ihren Häusern herum, Almas Freundinnen verbringen etwas gar viel Zeit in einem Busunterstand, der lokale Supermarkt wird kaum frequentiert. Ganz anders hingegen der Teenager: Schon der Titel des Films deutet Dringlichkeit an; das "for faen" im Schriftzug, dessen Bedeutung sich auch ohne Norwegisch-Kenntnisse erahnen lässt, ist energisch unterstrichen. Almas Momente der Lust treten spontan auf, Kameraden wie Freunde wie die eigene Mutter sind von der wilden Natur der Stürmerin und Drängerin heillos überfordert. Sie will die Schulzeit überspringen und schon mit 15 Jahren in Oslo studieren gehen – wie in Lone Scherfigs An Education steht ein Studium für Unabhängigkeit und Erlösung.

Um ihre Lust zu stillen, macht Alma (Helene Bergsholm) Gebrauch von Sex-Hotlines.
Dass solches Aussenseitertum im Teenager-Alter nicht ungesühnt bleibt, weiss Jacobsen. Nicht unbedingt aus bösartigem, aber doch immerhin aus leicht sadistisch angehauchtem Antrieb isolieren ihre Schulkollegen sie; im Alter der Rebellion sind die "Anderen" die Ausgeschlossenen. Die jungen Schauspieler interpretieren dieses Paradox herausragend: Matias Myren und insbesondere Malin Bjørhovde, die beide in ihren eigenen Miniatur-Plots agieren, trumpfen mit grosser Menschlichkeit auf. Helene Bergsholm, die für den norwegischen Amandarprisen nominiert wurde – gewonnen hat ihn Noomi Rapace, die einzige Konkurrentin –, gelingt derweil ein eindrucksvoller, total souveräner Drahtseilakt. Alma ist eine lupenreine exzentrische 15-Jährige, mal altklug-erwachsen, mal unsicher-kindlich, hie und da nervend, oft selber genervt, die mit der Veränderung ihrer Welt zu kämpfen hat.

Trotz seines expressiven Titels ist Turn Me on, Goddammit! ein Film der leiseren Töne und des äusserst trockenen Humors. Er mag stellenweise ein wenig zu skizzenhaft geraten sein, wird aber seinem Anspruch, die Psyche eines desillusionierten Teenagers in Form einer Tragikomödie abzubilden, problemlos gerecht. Jannicke Systad Jacobsens Debüt ist gelungen.

★★★½

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