Thursday, 25 October 2012

De rouille et d'os

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Zwei BAFTA-Awards, 2006 und 2010 der haushohe Sieger bei den Césars, begeisterte Kritiker – Jacques Audiard gehört zweifellos zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Regisseuren Frankreichs. Nun kehrt der Drama-Spezialist nach drei Jahren Pause mit De rouille et d'os triumphal zurück.

Ohne Arbeit, Geld und Perspektive hält es den Ex-Boxer Alain, genannt Ali (Matthias Schoenaerts), nicht mehr im französischen Norden. Also schnappt er sich seinen fünfjährigen Sohn und fährt per Zug gen Süden, um dort sein Glück zu versuchen. An der Côte d'Azur zieht er bei seiner Schwester (Corinne Masiero) und deren Mann ein und findet bald schon einen Job als Türsteher in einem Nachtklub. Eines Nachts kommt es vor dem Eingang zu einer Schlägerei, bei der die Waldompteurin Stéphanie (Marion Cotillard) leichte Verletzungen davonträgt. Ali fährt die Frau nach Hause, wo ihr launischer Freund auf sie wartet; er lässt ihr zur Sicherheit seine Telefonnummer da. Einige Monate später klingelt dann tatsächlich sein Handy: Stéphanie hat bei einem Arbeitsunfall beide Beine verloren und versinkt in Depressionen. Ali hilft ihr, wieder ins Leben zurückzufinden, doch vor einer Liebesbeziehung schreckt er zurück. Viel lieber konzentriert er sich auf seine neue Karriere als Boxer in geheimen Strassenkämpfen.

Wenn Jacques Audiards oscarnominierter Grosserfolg Un prophète einen Makel hatte, dann der, dass man sich als Zuschauer oft ein wenig distanziert vorkam, dass sich auf der Leinwand eine brillant gemachte, hochinteressante Milieustudie abspielte, der aber das menschliche Element abzugehen schien. In dieser Hinsicht ist De rouille et d'os die willkommene Umkehr von Audiards Gefängnisdrama: Auch hier geht es um eine Parallelgesellschaft, deren Alltag in der Grauzone der Legalität verläuft und in der kleinkriminelle Handlungen die Tagesordnung bestimmen. Der Unterschied jedoch ist, dass hier die Schwerpunkte der Geschichte vertauscht wurden: Die Beziehung zwischen Ali und Stéphanie bildet das emotionale Zentrum, das Rückgrat des Films, während der gesellschaftliche Aspekt ein Nebenschauplatz ist, spannend, aber nicht dominant.

Der bodenständige Ali (Matthias Schoenaerts) bringt Stéphanie (Marion Cotillard) nach ihrem Unfall dazu, wieder am Leben teilzunehmen.
Diesbezüglich profitiert der Film von seinem Hauptdarstellerpaar. Marion Cotillard, die überwiegend mit per CGI wegretouchierten Unterschenkeln agiert – der Effekt ist beeindruckend –, beweist erneut, dass sie ihr ganzes Potenzial nur in ihrer Muttersprache abzurufen vermag, und steuert souverän auf einen möglichen zweiten Oscar (nach La Môme) zu. Ihr zur Seite steht Matthias Schoenaerts, der hier direkt an seine intensive Darbietung im belgischen Drama Bullhead anknüpft und eine veritable Tour de Force, in der sich Einfühlsamkeit und Aggression die Waage halten, abliefert.

Beide werden von Audiard souverän durch einen assoziativen, vielschichtigen Plot geführt – der Film basiert auf einer Kurzgeschichtensammlung des Kanadiers Craig Davidson –, dem es gelingt, die Spannung auf allen Ebenen zwei Stunden lang durchzuhalten. Und Audiard wäre nicht er selber, wenn er es nicht auch verstünde, die ganze Angelegenheit hervorragend zu inszenieren. Alexandre Desplats wie gewohnt hochklassiger Musikscore wechselt sich mit eklektischen Einspielern (Bon Iver, Katy Perry, Bruce Springsteen) ab; Kameramann Stéphane Fontaine, der mit dem renommierten Briten Barry Ackroyd zusammengespannt hat, ist ganz nah am Geschehen dran, was zusammen mit der stimmig eingesetzten Überbelichtung ein ungemein intensives Kinoerlebnis zur Folge hat. De rouille et d'os erschüttert, berührt und fasziniert. Keine leichte Kost, dafür umso lohnenswerter.

★★★★★

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