Thursday, 16 February 2012

Hugo

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Altmeister Martin Scorsese, dessen Werke sich oft durch einen rauen Ton und brutale Gewalt auszeichnen, drehte mit Hugo seinen ersten Familienfilm. Dieser mag formal unvollkommen sein, strotzt aber vor Begeisterung und Liebe, denn es geht um Scorseses grosse Leidenschaft: das Kino.

Paris, 1930: Der Waisenjunge Hugo Cabret (Asa Butterfield) lebt alleine in einem grossen Bahnhof und kümmert sich ums Funktionieren der dortigen Uhren. In seiner Freizeit versucht er, einen Roboter, den sein mittlerweile verstorbener Vater (Jude Law) einst in einem Museum fand, zu reparieren. Die dazu benötigten Teile stiehlt er aus dem Spielzeugladen des mürrisch-melancholischen Georges (Ben Kingsley). Als dieser den jungen Dieb endlich auf frischer Tat ertappt, nimmt er dessen Tüftler-Notizbuch an sich und droht, es zu verbrennen. Das kann Hugo selbstverständlich nicht zulassen, also folgt er Georges nach Hause, wo er dessen Patentochter Isabelle (Chloë Moretz) kennenlernt. Die beiden Kinder freunden sich schnell an; sie zeigt ihm im Buchladen von Monsieur Labisse (die 90-jährige Schauspielerlegende Christopher Lee) die Freuden der Literatur, während er sie ins Kino mitnimmt und ihr sogar seinen defekten Roboter zeigt. Wider Erwarten ist Isabelle in der Lage, diesen zu starten. Sogleich wird klar, dass die Maschine der Schlüssel zu Georges' sorgfältig gehüteter Vergangenheit ist.

Lernen vom Meister: Hugo (Asa Butterfield) erkennt langsam, dass Georges (Ben Kingsley) mehr als nur ein mürrischer Ladenbesitzer ist.
Hugo als blosses Kindermärchen einzustufen, wäre zu kurz gegriffen. Zwar steht ausser Frage, dass Kinder ihre Freude an Aspekten wie Dante Ferrettis bunter Ausstattung, dem elegant gehandhabten 3-D und den Missgeschicken des übereifrigen Stationsvorstehers (Sacha Baron "Borat" Cohen) – eine Reminiszenz an Peter Sellers' Inspector Clouseau aus den Pink Panther-Filmen? – haben werden. Doch Scorseses vorrangiges Zielpublikum sind Filmliebhaber und -aficionados; in seinem Kern ist der Film in erster Linie eine Verneigung vor seinem Medium und eine Art cineastisches Aufklappbuch. Als Aufhänger dienen dazu nicht nur zahllose feine Anspielungen auf Klassiker – von Modern Times und Intolerance über Metropolis bis zu La bête humaine –, sondern vor allem die Figur des Georges, bei welchem es sich um keinen Geringeren als Georges Méliès handelt, den Erfinder und Pionier des narrativen Kinos, der um die Jahrhundertwende frühe Meisterwerke wie Le voyage dans la lune (1902) oder Le voyage à travers l'impossible (1904) drehte, diese Berufung aber aufgrund neuer Publikationsstrategien und mangelnden Publikumszuspruchs während des Ersten Weltkrieges aufgeben musste.

Die schwärmerische, die Werke Frank Capras evozierende Geschichte, welche Drehbuchautor John Logan basierend auf einem Roman von Brian Selznick um diese Verneigung vor Méliès herum aufgezogen hat, ist zwar eindeutig nicht Scorseses Terrain, doch das Herzblut des Regisseurs ist in jeder virtuosen Einstellung spürbar – und dieses ansteckende Feuer für die Thematik hat zur Folge, dass der Film besser ist als die Summe seiner Einzelteile. Mit seinen vielen magischen Momenten erinnert Hugo daran, dass das Kino nichts anderes als ein Ort der Magie ist, wo Kreativität und Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind, und dass der Idee, Bewegung auf eine Rolle Film zu bannen, von Anfang an etwas grundsätzlich Revolutionäres innewohnte.

★★★★★

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