Wednesday, 1 February 2012

The Descendants

Gut sieben Jahre ist es her seit Sideways, der Geschichte von zwei Freunden in akuter Midlife-Crisis, die sich auf eine Weintour nach Kalifornien begeben, in den Kinos zu sehen war und mit seinem schwarzen, aber doch menschlichen Humor die Filmfreunde begeisterte. Prompt setzte es einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ab, bei vier weiteren Nominationen. Der Regisseur hiess Alexander Payne und der Film ist sein bislang letzter geblieben. Mit The Descendants kehrt er auf die grosse Leinwand zurück und das Warten hat sich gelohnt. Die Verfilmung von Kaui Hart Hemmings' gleichnamigem Roman ist eine vielschichtige Familientragikomödie – ernster, berührender, tiefer greifend und, ja, besser als Sideways.

Matt King (George Clooney) ist um die 50, Anwalt, Ehemann, Vater und lebt auf Hawaii. Nicht unerheblicher Reichtum liegt in Griffweite, da seine weit verzweigte, vom hawaiianischen König Kamehameha I. abstammende Familie, angeführt von Cousin Hugh (Beau Bridges, Jeffs älterer Bruder), kurz davor steht, ein riesiges Stück Land auf einer der Inseln des Archipels zu verkaufen. Man könnte denken, dass Matt dies zu einem rundum zufriedenen Menschen machen würde. Aber weit gefehlt: Gattin Elizabeth liegt nach einem Bootsunfall im Koma, was bedeutet, dass er sich erstmals seit Jahren richtig um seine Töchter, die aufsässige Zehnjährige Scottie (Amara Miller) und die exzessiv mit Alkohol und Drogen experimentierende Alexandra (Shailene Woodley), 17, kümmern muss. Diese Aufgabe wird zusätzlich verkompliziert, als ihm die Ärzte mitteilen, dass Elizabeth mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie mehr aufwachen wird und die lebenserhaltenden Gerätschaften in den nächsten Tagen abgeschaltet würden. Und ausgerechnet jetzt gesteht ihm Alexandra, dass sie ihre Mutter beim Fremdgehen erwischt habe.

Im kollektiven Bewusstsein spielt Hawaii die Rolle des immer sonnigen, immer warmen Pazifikparadieses, auf welchem sicherlich die glücklichsten Erdenbewohner leben. Mit dieser Einstellung rechnet Matt gleich zu Beginn des Films ab: Ob nun die Sonne scheint oder nicht, auch Hawaiianer können arbeitslos, missmutig oder sogar krebskrank sein. "Paradise can go fuck itself", in Matts Worten. Und The Descendants wird dieser hyperrealistischen Sichtweise durchwegs gerecht; das Inselidyll wirkt, auch dank der exzellenten Beleuchtung und der Kamera Phedon Papamichaels, ausgewaschen, matt, verlebt. So lässt sich auch das Familienleben der Kings beschreiben, dessen viele Facetten von Alexander Payne und seinen Co-Autoren Jim Rash und Nat Faxon vorzüglich aufgezeigt werden. Die Familie, ohnehin dysfunktional, wird mit der promiskuitiven, aber nun fatalerweise bewusstlosen Mutter auf eine harte Probe gestellt. Die dabei entstehenden Dynamiken, die lange schwelenden und jetzt zu Tage tretenden Konflikte werden zu einer spannenden Geschichte verknüpft, bei welcher die Charakterentwicklung im Vordergrund steht. Matt muss sich damit abfinden, in Zukunft allein erziehender Vater zu sein, was aber durch die Tatsache, dass seine Töchter ihn nicht als Autoritätsfigur akzeptieren – Alexandra quittiert harsche Worte und Gesprächsversuche mit Achselzucken und einem "Whatever...", während für Scottie ihr alter Herr nur ein temporäres Ersatzelternteil darstellt – erheblich erschwert wird. Dem Zuschauer wachsen alle diese nachvollziehbaren, weil unvollkommenen, und ausgezeichnet ausgearbeiteten, Figuren nach und nach ans Herz, sodass ein genuines Interesse daran besteht, wohin die Familienkrise schliesslich mündet.

Matt King (George Clooney) mit einer seiner Töchter, Alexandra (Shailene Woodley).
Grossen Anteil an dieser Überzeugungskraft haben die Darsteller, besonders Shailene Woodley, die in der sich dem Erwachsenwerden stellenden Alexandra ungeahnte Tiefen entdeckt, und George Clooney, der als Matt King wohl seine Karriere-Bestmarke erreicht. Selten sah man den "Sexiest Man Alive" so verletzlich und so unsicher wie hier. Es ist ein unglaublicher Balanceakt, den er als Charakter wie als Schauspieler vollführen muss; er muss seine Wut über die Affäre seiner im Sterben liegenden Frau mit der der Situation angemessenen Trauer vereinbaren. Kein Wunder, dass sich eine der stärksten Szenen von The Descendants zwischen ihm und Elizabeth abspielt. Sie liegt reglos im Koma, er tigert aufgebracht und gekränkt, aber gleichzeitig auch tief getroffen und verzweifelt im Krankenhauszimmer herum, seine Frau anklagend und beschimpfend. "What do you have to say for yourself?", fragt er sie zum Schluss, natürlich ohne eine Antwort zu erhalten. Matt hasst seine Lebenspartnerin in diesem Moment, aber der irrationale Wunsch, ein derartiger Angriff würde sie wieder ins Leben zurückholen, tritt dennoch zu Tage. Darin zeigt sich nicht nur die Klasse von Clooneys Performance, sondern auch die andere grosse Stärke des Films: Matts Tirade ist zwar dermassen absurd, dass man sich eines Lächelns nicht erwehren kann; aber kaum wird einem die ganze Tragweite der Szene bewusst, offenbart sich einem ihre enorme Tragik. Praktisch jeder der fein eingesetzten, teils geradezu sardonischen Lacher, welche entweder die Absurdität gezwungener Interaktion zelebrieren oder das Prinzip "De mortuis nihil nisi bene" hinterfragen, hinterlässt einen kleinen Stich; die "unschuldigeren", etwa diejenigen über die Naivität von Alexandras Freund Sid (der herrliche Nick Krause), kommen einer Katharsis gleich. Billige Witze gibt es nicht.

Überhaupt ist The Descendants zu gleichen Teilen ein Film der Gegensätze und der Verluste – physische wie Elizabeths sich abzeichnender Tod oder der Verkauf des sich seit 200 Jahren im Familienbesitz befindenden Landstücks auf der einen, psychische wie Matts Neuausrichtung seiner Vaterrolle oder Alexandras Einsicht, ab sofort Verantwortung übernehmen zu müssen auf der anderen Seite. Die Wünsche und Hoffnungen der Protagonisten werden mit der harschen Realität konfrontiert: der Versuch der Kings, Normalität walten zu lassen trotz der familiären Katastrophe; und, nicht zuletzt, das trotz seiner Urbanität immer noch von pazifischer Schönheit geprägte Hawaii mit der grundsätzlich traurigen Geschichte. Das Ende derselben ist seinerseits ein Geniestreich Paynes. Mit einer einzelnen, relativ langen Einstellung führt er seinen Film zu einem versöhnlichen, in seiner beinahe Kaurismäki'schen Einfachheit genialen Schluss. Einerseits wird dabei eines der Filmgebote des grossen Billy Wilder – dem Zuschauer muss am Ende eine Richtung angedeutet werden – in Perfektion berücksichtigt; andererseits fasst dieses eine Bild, welches manch ein Kinogänger wohl als komödiantischen Nachsatz missdeuten könnte, den ganzen Film hervorragend zusammen – und das nicht mit einem abschliessenden Dialog, sondern bloss mit einem letzten prüfenden Blick auf die Figuren, mit denen man in den vorangegangenen 115 Minuten mitgefiebert und -gelitten hat.

Familienausflug: Matt, Scottie (Amara Miller) und Alexandra und ihr Freund Sid (Nick Krause) am Strand.
Auf seine eigene Art und Weise ist The Descendants ein fantastisches Filmerlebnis, bei dem es eine wahre Freude ist zu sehen, wie sich die brillant erzählte Geschichte entwickelt. Mit seinem mit diversen Nebenplots spielenden Konzept ging Payne ein beträchtliches Risiko ein, auch da der mit vielen Gefühlen aufgeladene Plot leicht zu einer besseren Seifenoper hätte degenerieren können. Aber die Regie- und Autorenqualitäten Paynes sind unbestritten; er gibt sich nicht mit Kompromissen und einfachen Problemlösungen zufrieden, sondern geht seinen Charakteren konsequent und punktgenau auf den Grund. Und dabei trifft er keinen falschen Ton.

★★★★★★

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