Montag, 30. April 2018

The Death of Stalin

Mit der TV-Serie The Thick of It und ihrem US-Remake, dem mehrfachen Emmy-Gewinner Veep, hat der schottische Autor und Regisseur Armando Ianucci die moderne Satire nachhaltig geprägt. In der Comicverfilmung The Death of Stalin versucht er, sein Flair für die trocken-erbarmungslose Politfarce auf das stalinistische Sowjet-Schreckensregime anzuwenden. Gelungen ist ihm das nur teilweise.

Der Generalsekretär ist tot, es lebe der Generalsekretär – aber welcher denn? Das ist die Herausforderung, die sich dem sowjetischen Politbüro stellt, nachdem Josef Stalin (Adrian McLoughlin), der langjährige Machthaber der UdSSR, im März 1953 eine Hirnblutung erleidet und nach ein paar Tagen Siechtum das Zeitliche segnet. Da wäre etwa Lawrenti Beria (Simon Russell Beale), der Administrator von Stalins berüchtigten Feindes- und Exekutionslisten, dem kurz vor Stalins Tod der Auftrag erteilt wurde, das Zentralkomitee-Mitglied Wjatscheslaw Molotow (Monty-Python-Mitbegründer Michael Palin) hinrichten zu lassen. Beria plant, seine Macht zu zementieren, indem er den willensschwachen Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) umgarnt, Stalins Stellvertreter. Doch die beiden haben die Rechnung ohne Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) gemacht, der gemeinsam mit General Georgi Schukow (Jason Isaacs) gegen Berias Geheimdienst vorgehen will.

Politische Ränkespiele voller Pleiten, Pech und Pannen – der französische Comic La mort de Staline von Fabien Nury und Thierry Robin passt eigentlich perfekt in Ianuccis kreatives Profil: Er gibt ihm die Chance, die Inkompetenz, die er in The Thick of It in einer fiktiven New-Labour-Regierung und in Veep in einem fiktiven US-Vizepräsidium gefunden hat, auf die Spitze zu treiben. Denn wer im stalinistischen Moskau das "game of thrones" spielt, spielt, anders als in London oder Washington DC, mit dem eigenen Leben.

Man wird aber das Gefühl nicht los, dass The Death of Stalin nicht so recht weiss, was er mit dieser Prämisse anfangen soll. Zwar wurde der Film in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken Weissrussland, Kasachstan und Kirgisistan verboten; aber es fällt trotzdem schwer, ihn als Satire auf die Sowjetunion ernst zu nehmen – dazu befindet er sich in allzu sicherer Distanz zu dieser Zeit. Einige Szenen – vorab die Inszenierung von Massenverhaftungen und dem vorauseilenden Gehorsam des Volkes vor dem obersten "Genossen" Stalin – weisen auf eine Auseinandersetzung mit der grundlegenden kafkaesken Absurdität des Stalinismus hin, bleiben im Ganzen aber ohne grössere Relevanz.

Josef Stalin (Adrian McLoughlin) ist tot. Nun buhlt das Politbüro um Macht – allen voran Stalin-Stellvertreter Malenkow (Jeffrey Tambor, links), Parteifunktionär Chruschtschow (Steve Buscemi, Mitte) und Geheimdienstchef Beria (Simon Russell Beale).
© Ascot Elite
Die einzige einigermassen stringente Stossrichtung des Films scheint die aktuelle Weltpolitik zu sein, insbesondere das intrigierende Chaos-Kabinett rund um die britische Noch-Premierministerin Theresa May. Dies suggeriert jedenfalls der – höchst willkommene – Umstand, dass hier niemand einen russischen Akzent aufsetzt, sondern überwiegend in variierenden britischen Dialekten gesprochen wird.

Es ist anregend, Stalin als thatcherhaftes Sinnbild für die überalterte Conservative Party zu lesen, Malenkow als rückgratlose Verwalterin May, Beria als taktierenden Reaktionär Jacob Rees-Mogg, sämtliche dieser frustrierend mächtigen Witzfiguren als Fettnapf-Aussenminister Boris Johnson. Letztendlich bleibt The Death of Stalin aber dennoch zu zeit- und ortspezifisch, um als direkte Allegorie verstanden werden zu können.

So muss man sich eben an dem erfreuen, was Ianucci und seine Co-Autoren David Schneider, Ian Martin und Peter Fellows an der Oberfläche zu bieten haben. Und das ist oft äusserst unterhaltsam, vor allem dank wunderbar aufspielender Schauspieler. Es ist eine wahre Freude, Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Jeffrey Tambor, Michael Palin und Jason Isaacs dabei zuzusehen, wie sie sich in zunehmendem Tempo wüste, stilistisch herrlich anachronistische Beleidigungen an die Köpfe werfen. Wenn in The Death of Stalin ein Element aus Ianuccis TV-Karriere – in der David Schneider ein häufiger Begleiter war – qualitativ gehalten werden konnte, dann die rasanten, kunstvoll mit Schimpfwörtern gespickten Dialoge.

Stalins Beerdigung bietet seinen Politbüro-Schützlingen die ideale Gelegenheit, sich als potenzielle Nachfolger zu profilieren.
© Ascot Elite
Weniger virtuos wirkt hingegen der erzählerische Teil des Drehbuchs. Nach einem rasanten Beginn verzettelt sich die Angelegenheit nach und nach, wohl der historischen Korrektheit zuliebe. Allerdings profitiert der Film nur wenig von der Integration von Stalins Tochter Swetlana (Andrea Riseborough), und noch weniger vom unmotiviert vorgetragenen Charakterbogen ihres Alkoholiker-Bruders Wassili (Rupert Friend). Obwohl sie in der Realität beide wichtige Rollen im brutalen poststalinistischen Machtvakuum zu spielen hatten, ist ihre Präsenz in dieser hochgradig künstlichen Aufarbeitung eher ein Störfaktor.

Was letztlich bleibt, ist das Gefühl einer vertanen Chance. Während das Thick of It- und Veep-Konzept im Sitcom-Format funktioniert – und allenfalls noch in einer Adaption desselben Stoffs, wie Ianuccis oscarnominierter Thick of It-Film In the Loop (2009) zeigte –, verliert es in Spielfilmlänge, und angewandt auf reale Begebenheiten, schliesslich seine Dynamik. Zu Ianuccis Glück retten ihm seine Dialoge und sein begeisternder Cast den Unterhaltungswert.

★★★

Dienstag, 24. April 2018

You Were Never Really Here

© Praesens Film AG

★★★★★

"Doch Ramsay bleibt sich treu: Ihr Film mag thematisch an Politthriller wie The Ides of March (2011) erinnern, liegt aber viel näher an introspektiven Meisterwerken wie Taxi Driver (1976) und Drive (2011). Hier wird das Porträt eines gebrochenen Mannes gezeichnet, der in einem endlosen Zyklus von Gewalt und menschlicher Grausamkeit gefangen ist. Phoenix ist grossartig in dieser Rolle – ein hünenhafter Schlafwandler, eine Rückbesinnung auf den unfreiwilligen Mörder Cesare im Cabinet des Dr. Caligari (1920). Joes Lebensüberdruss ist spürbar in jeder von Phoenix' wohl durchdachten Bewegungen."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Donnerstag, 29. März 2018

The Great and Terrible Beauty of "Annihilation"

© Netflix

★★★★★

"An ambitious and overwhelming tale of biological hybrids and a cinematic hybrid itself, a curious case of Apocalypse Now-meets-Under the Skin, Alex Garland's sci-fi horror film Annihilation, a Netflix exclusive outside of North America and China, is something of a masterpiece. Based on the eponymous novel by Jeff VanderMeer, Garland's sophomore directing effort expands upon the subdued, slow-burning intensity of his 2015 debut, the brilliant Ex Machina, and fully commits to the idea that in some stories, suggestiveness, abstraction, and open questions trump neat resolutions."

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Mittwoch, 21. März 2018

Lady Bird

© Universal Pictures Switzerland

★★★★

"Zwar wird Greta Gerwig in ihrer hoffentlich noch langen Karriere Grösseres vollbringen als Lady Bird. Doch diese aufrichtige, ungemein menschliche, zutiefst persönliche Tragikomödie ist mehr als nur ein wichtiger Schritt in diesem Prozess: Sie ist zusammen mit Jordan Peeles Get Out (2017) und Julia Ducournaus Grave (2016) eines der vielversprechendsten Regiedebüts der letzten Jahre."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).

Mittwoch, 14. März 2018

The Purge

Als James DeMonacos dystopischer Horrorthriller The Purge 2013 in die Kinos kam, liess er die Kritik ziemlich kalt. Die Prämisse – dass die USA in naher Zukunft Kriminalität und Arbeitslosigkeit auf ein Minimum reduziert, indem während zwölf Stunden pro Jahr jedes Verbrechen legal ist – sei absurd, meinten viele, die Logik dahinter haltlos, der darauf aufbauende Film schlecht konzipiert und erzählt.

Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, die Welt ist in vielerlei Hinsicht eine andere geworden, The Purge mittlerweile auf Netflix verfügbar. Und wer sich im Jahr 2018 auf dessen Netflix-Seite verirrt und trotz seines Rufes Play drückt, wird mit einem bizarren Filmerlebnis belohnt: einer an sich durchschnittlichen Genre-Produktion, die, nach Jahren der Reifung, weitaus intelligenter wirkt als ihr viele zugestehen wollen.

Im Zentrum von DeMonacos Film steht die Familie Sandin: Nach Jahren der Geldsorgen ist das Ehepaar James (Ethan Hawke) und Mary (Lena Headey) endlich in der Oberschicht angekommen – dank James' hervorragenden Leistungen als Verkäufer von Haus-Sicherheitssystemen, welche die Reichen und Schönen vor den plündernden und mordenden Teilnehmern der alljährlichen Gesetzeslosigkeit, genannt "The Purge", schützen sollen.

Zusammen mit ihren beiden Kindern, dem rebellischen Teenager Zoey (Adelaide Kane) und dem schüchternen Charlie (Max Burkholder), verschanzen sie sich auch in diesem Jahr wieder in ihrer Villa. Aber als ein verwundeter Obdachloser (Edwin Hodge) vor der Tür um Einlass bettelt, hat Charlie ein Einsehen und lässt ihn herein. Doch das entgeht dessen Verfolgern nicht: Bald schon ist das Sandin-Anwesen umstellt von maskierten jungen "Purgern", deren Anführer (Rhys Wakefield) droht, ins Haus einzudringen und die ganze Familie umzubringen, wenn ihnen "das obdachlose Schwein" nicht ausgeliefert wird.

Einige der Vorwürfe, die 2013 gegen The Purge erhoben wurden, haben kaum an Gültigkeit verloren – insbesondere jene, die sich gegen DeMonacos filmemacherische Qualitäten richten. Sein Film ist eine seltsame Mischung aus der Art von staatlich sanktionierter Gewalt, wie wir sie in der Hunger Games-Trilogie zu sehen bekommen, und David Finchers Einbruchsthriller Panic Room (2002). Während Amerika zwischen sieben Uhr abends und sieben Uhr morgens im blutigen Chaos versinkt, setzt DeMonaco auf klaustrophobisches Erzählen und zeigt, wie die Sandins in den eigenen vier Wänden eine Nacht lang ums nackte Überleben kämpfen.

Mary (Lena Headey) und James Sandin (Ethan Hawke) versuchen, mit ihren beiden Kindern die gesetzeslose "Purge" in ihrem befestigten Anwesen auszusitzen.
© Universal Pictures Switzerland
Daraus ergeben sich mehrere Probleme. Zum einen verschenkt The Purge damit einen Teil seiner Innovation: Das Spannende an diesem Film ist seine Prämisse – die Welt, die er entwirft. Amerikanische Vorzeigefamilien, deren McMansion sich in eine Todeszone verwandelt, hingegen ist ein Eckpfeiler des modernen Horrorgenres.

Zum anderen tappt DeMonaco, der auch das Drehbuch schrieb, in die Genre-Falle, seine Figuren unentwegt schreckliche Entscheidungen treffen zu lassen, damit er sie möglichst einfach in Horrorszenarien verwickeln kann. Zoey, die zum Zweck eines frustrierend kurzlebigen und letztlich bedeutungslosen Nebenplots einen Freund (gespielt vom farblosen Tony Oller) zur Seite gestellt bekommt, verbringt den Grossteil der Laufzeit damit, entrüstet aus Zimmern zu stapfen und sich vor ihren bewaffneten Eltern zu verstecken. Charlie, eingeführt als Technik-Genie, verliert seinen Scharfsinn und seine Beobachtungsgabe, sobald eine Szene nach Dramatik verlangt. Und auch bei James und Mary sucht man vergebens nach konsequenten Charakterzügen.

Als ein Obdachloser bei den Sandins Zuflucht sucht, ist ihr Haus plötzlich von bewaffneten "Purgern" umstellt.
© Universal Pictures Switzerland
Alles in allem ist The Purge die Definition von Horror-Massenware, über deren formale Defizite man noch lange reden könnte. Purger-Angriffe werden nicht weniger als dreimal auf dieselbe Art und Weise aufgelöst. Die Dunkelheit, welche die meiste Zeit herrscht, soll Atmosphäre schaffen, macht das Geschehen aber vor allem unnötig unübersichtlich. Und anstatt einer ernstzunehmenden Gefahr wird den Sandins der lächerliche Rhys Wakefield als Antagonist entgegengestellt, dessen Vorstellung einer beängstigenden Darbietung eine minderwertige Imitation von Heath Ledgers Joker zu sein scheint.

Trotzdem ist das Ganze leidlich unterhaltsam und – so unglaublich es auch scheinen mag – überraschend weitsichtig. Schien die Vision einer US-Regierung, welche die gesamte Bevölkerung eine Nacht lang für vogelfrei erklärt, 2013 vielleicht noch weit hergeholt, hat sie inzwischen einen anderen Effekt.

Gesetze für zwölf Stunden auszuhebeln, um den Menschen zu erlauben, "ihr inneres Biest" zu besänftigen und ihre angestaute Wut loszuwerden – mit der Begründung, die Massnahme steigere die nationale Produktivität –, klingt verdächtig wie republikanische Politik in der Ära Trump. Immerhin vertreten inzwischen Parteivertreter auf der nationalen Bühne weissen Nationalismus. Die solidarische Grundidee des sozialen Sicherheitsnetzes wird als unfair bezeichnet. Steuererleichterungen für Superreiche und deren Firmen werden dem Volk als Triumph der Arbeiter- und Mittelklasse verkauft. Schiessereien an Schulen sollen verhindert werden, indem man Lehrerinnen und Lehrer bewaffnet.

Der Anführer der Purge-Bande (Rhys Wakefield) stellt den Sandins ein Ultimatum: Gebt uns den Obdachlosen oder wir bringen euch um.
© Universal Pictures Switzerland
Dieser Hang zu unüberlegter, hyperkapitalistischer, realitätsferner Politik, die in erster Linie Partikularinteressen dient, existierte bei den Republikanern – der Partei, die nicht daran glaubt, dass Barack Obama ein Amerikaner ist – schon vor Trumps Wahl zum US-Präsidenten. Es liegt also nahe, dass DeMonaco an die "Grand Old Party" dachte, als er eine totalitäre, theokratisch-nationalistische Partei ersann, die im Purge-Universum die Macht an sich reisst und die Purge einführt.

So liegt denn der Clou des Films auch nicht darin, dass es die angebliche Katharsis einer jährlichen Mordorgie ist, die Arbeitslosigkeit und Kriminalität praktisch ausgerottet hat. Vielmehr ist dies die Folge finanzieller Ungleichheit: Wer reich ist, kann sich Sicherheitssysteme, Waffen und kugelsichere Westen kaufen. Wer arbeitslos ist, wird während der Purge zu Freiwild. Es ist der radikalkapitalistische US-Individualismus, bis zu seinem logischen Ende gedacht – der sich selbst regulierenden Gesellschaft.

In der Villa der Sandins beginnt eine nervenaufreibende Jagd auf Leben und Tod, vor der auch James' und Marys Kinder, Charlie und Zoey (Adelaide Kane) nicht sicher sind.
© Universal Pictures Switzerland
Es dürfte kein Zufall sein, dass die Rolle des designierten Purge-Opfers – des namenlosen Obdachlosen – dem afroamerikanischen Schauspieler Edwin Hodge zugedacht wurde. Dies spitzt die Satire des Films zu, indem darauf angespielt wird, dass der republikanische Traum vom bewaffneten Individualisten weissen Amerikanern vorbehalten ist. Besonders symbolträchtig wirkt in diesem Zusammenhang die Szene, in der James und Mary sich zum Widerstand gegen die Purger vor der Tür entschliessen – und Hodge verwundet und an einen Stuhl gefesselt zurücklassen.

So sehr The Purge auf der narrativen Ebene enttäuschen mag, so spannend ist es, sich über seine politische Dimension Gedanken zu machen. Seine Ideen, gerade vor dem Hintergrund der Entwicklung, welche die USA – und die Welt – in den letzten fünf Jahren durchlebt haben, erheben einen bestenfalls durchschnittlichen Genrefilm zu einem spannenden und streckenweise sogar nuanciert argumentierten Zeitdokument.

★★★

Samstag, 3. März 2018

Matar a Jesús

© Xenix Filmdistribution GmbH

★★★★

"Je länger der Film dauert, desto offenkundiger werden die komplexen Mechanismen, die in Medellín den Alltag bestimmen: Mora zeichnet das Bild einer Stadt, in der soziale Gräben, Klassenunterschiede, marode Institutionen, der Drogenhandel und die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Gangs und Kartellen untrennbar miteinander verbunden sind."

Ganze Kritik auf Maximum Cinema (online einsehbar).