Dienstag, 16. April 2013

Wadjda

In Saudi Arabien dürfen Frauen weder wählen noch Auto fahren; der Graben zwischen den Geschlechtern ist im Wüstenstaat so hoch wie in kaum einem anderen Land. Und nun betritt das Königreich, in dem Kinos lange Jahre gänzlich verboten waren, die internationale Kulturbühne mit Wadjda, dem ersten komplett in Saudi Arabien gedrehten Film. Regie führte eine Frau.

Der Weg zur Premiere im August vergangenen Jahres war allerdings ein steiniger. Fünf Jahre dauerten die Dreharbeiten, welche Regisseurin Haifaa al-Mansour oft aus dem Innern eines Autos führen musste, da das Gesetz es ihr verbietet, sich öffentlich mit ihren männlichen Crew-Kollegen auszutauschen. Unterstützt von deutschen Investoren sowie der Produktionsfirma eines saudischen Prinzen, ist es ihr nun aber gelungen, ihre am Neorealismus eines Vittorio De Sica oder eines Jafar Panahi ausgerichtete Coming-of-Age-Geschichte zu vollenden und einem internationalen Publikum vorzuführen.

Im Zentrum der Erzählung steht die elfjährige Wadjda (Waad Mohammed), welche der klassischen Vorstellung einer wohlerzogenen jungen Muslimin so gar nicht entspricht. In der Mädchenschule sorgen neben ihrem fehlenden Enthusiasmus für den Koran auch ihre violetten Converse-Schuhe für Irritation; nachmittags treibt sie sich mit dem gleichaltrigen Abdullah (Abdullrahman Algohani) in der Nachbarschaft herum. Wadjdas grösster Wunsch ist es, ein Fahrrad zu besitzen, sodass sie mit Abdullah um die Wette fahren kann. Von der Tatsache abgesehen, dass ihr dies gesetzlich nicht gestattet ist, hindern sie auch ihre finanziellen Mittel daran, sich diesen Traum zu erfüllen: Der Krämer um die Ecke verlangt 800 Rial für ein neu geliefertes Rad. Hoffnung kommt von unerwarteter Seite: Wadjdas Schule veranstaltet einen Koran-Vortrag-Wettbewerb, der mit 1000 Rial dotiert ist.

Hat ein Film im Produktionsprozess mit dermassen vielen Widrigkeiten zu kämpfen wie Haifaa al-Mansours erster Spielfilm – ein kinofeindliches Land, diskriminierende Gesetze, ein erschwerter Dreh –, wird gerne der beachtliche Schaffensprozess mit cineastischer Qualität gleichgesetzt. Von einem "perfekten" Film war im Vorfeld von Wadjda zu lesen; ein "Meisterwerk" sei al-Mansour gelungen. Realistisch betrachtet, ist es aber vermessen, den Film mit derartigen Superlativen zu überhäufen. Zu distanziert wird die Geschichte vorgetragen, zu gestelzt verläuft die Handlung, zu hölzern wirken gewisse Nebendarsteller, zu plakativ werden die antagonistischen Figuren dargestellt.

Das Objekt der Begierde: Wadjda (Waad Mohammed) betrachtet das neue Fahrrad im Laden.
© Praesens Film
Dennoch ist Wadjda ein lebhaftes Psychogramm des modernen Nahen Ostens, ein vorsichtig optimitisches Porträt einer Gesellschaft, in der die rigide sozioreligiöse Tradition von einer jungen Generation herausgefordert wird, die mit Beats-Kopfhörern englischsprachiges Pop-Radio hört, T-Shirts mit frechen Sprüchen unter der Burka trägt, dem eigenen Vater, der eifrig auf Zweitbrautschau ist, eine Lektion in Sachen Ballerspiele erteilt, und in der Schule selbstgemachte Armbänder für Fussballfans unter der Hand verkauft. Während der Stunde herrscht der Koran, während der Pause der kapitalistische Geschäftssinn.

Dabei erweist sich Hauptdarstellerin Waad Mohammed als al-Manosurs grösster Aktivposten. Ihre blitzgescheite, geradlinige Wadjda – eine der lebendigsten Kreationen des jüngeren Weltkinos –, obwohl eindeutig geprägt von den Kindern des italienischen Neorealismo (Franco Interlenghi und Rinaldo Smordoni in Sciuscià, Enzo Staiola in Ladri di biciclette, Alfonsino Pasca in Paisà), scheint sie ebenso eine Nachfahrin von Erich Kästners Mädchenfiguren zu sein. Als solche, als geistige Erbin von Luise "Pünktchen" Pogge und Luise Palfy, hinterfragt sie Regeln, welche ihre einerseits durchaus modernen, andererseits aber tief in der Tradition verwurzelten Eltern (Sultan Al Assaf, Reem Abdullah) längst als unverrückbare Absolute akzeptiert haben. Mit hartnäckiger, ja naiver, Sturheit wehrt sich Wadjda gegen die Normen: Als sie erfährt, dass auf ihrem Familienstammbaum nur die Männer einen Platz bekommen, heftet sie ihren Namen auf die Leinwand; ohne Rücksicht auf das Gesetz marschiert sie in den Krämerladen, um den Besitzer daran zu erinnern, dass das Fahrrad für sie reserviert ist.

Schrumpfender Geschlechtergraben? Wadjda wird vom gleichaltrigen Abdullah (Abdullrahman Algohani) bei ihrem Vorhaben unterstützt.
© Praesens Film
Den Gipfel der eben nur scheinbar sanften Subversion erreicht Wadjda mit dem allzu spät eingeführten Handlungsstrang des Koran-Wettstreits, wobei der Machtanspruch der Religion genüsslich ad absurdum geführt wird. Während ihre Lesezirkel-Kameradinnen wenigstens einigermassen religiös motiviert zu sein scheinen, tritt Wadjda nicht an, um den Propheten Mohammed zu ehren, sondern um Geld zu verdienen, um ihr eigenes Leben gestalten zu können, um die im Namen dieses Buches aufgestellten Regeln zu brechen. Und als ihr al-Mansour schlussendlich, nach zahlreichen Wirrungen und Enttäuschungen, in einer einfachen, aber eloquenten Schlusseinstellung, ihren Wunsch gewährt, radelt sie davon, unbeachtet von den von Männern gelenkten Autos um sie herum. Niemand hält an, niemand massregelt sie, niemand scheint sie als Problem wahrzunehmen. Ein Mädchen fährt Rad – und die arabische Gesellschaft steht noch.

★★★

Sonntag, 14. April 2013

Paul Bowles: The Cage Door Is Always Open

© Look Now!

★★★

Other films demystify their subject before carving them into a monument. The Cage Door Is Always Open on the other hand, accomplishes the amazing feat of having its audience leave the thatre irrationally doubting the existence of Paul Bowles, wondering whether this was the director’s intention. It may not be a great film, nor a great documentary, but it certainly makes for animated viewing.

Ganze Kritik auf The Zurich English Student (online einsehbar).

Donnerstag, 11. April 2013

Laurence Anyways

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Obwohl erst 24 Jahre alt, gehört der Québécois Xavier Dolan bereits zu den international bekanntesten frankokanadischen Regisseuren. Auch in seinem dritten Film, Laurence Anyways, einem epischen Beziehungsdrama um Identität und Geschlechtergrenzen, erweist er sich als virtuoser Künstler.

1987 lernen sich die Werbefilmerin Frédérique "Fred" Belair (Suzanne Clément) und der Lehrer Laurence Alia (Melvil Poupaud) kennen und führen zwei Jahre lang eine leidenschaftliche, glückliche Beziehung. Dann jedoch, kurz nach seinem 35. Geburtstag, gesteht Laurence seiner Freundin, dass er sich seit seiner Kindheit eine Geschlechtsumwandlung wünscht, dass er sich fühlt wie eine Frau, gefangen in einem männlichen Körper. Nachdem sie den anfänglichen Schock überwunden hat, entschliesst sich Fred, Laurence treu zu bleiben und sie auf ihrem Weg zu unterstützen. Doch mit den Jahren entsteht ein stetig wachsender Graben zwischen den beiden.

Laurence Anyways ist das ambitionierte Opus magnum eines stürmenden und drängenden Jungfilmers, eines vielversprechenden Auteurs, der seine Stimme gefunden hat: selbstgerecht, überbordend, unvollkommen, überwältigend. Unterstützt von einem dröhnenden Soundtrack, der Brahms, Mahler und Beethoven auf Duran Duran, The Cure, Depeche Mode und Kim Carnes' "Bette Davis Eyes" prallen lässt, kreiert Xavier Dolan (J'ai tué ma mère, Les amours imaginaires) eine faszinierende Ästhetik: Laurence, die "Queer", ist verloren in einer "straighten" Welt, wo die kargen Bilderwelten des späteren Stanley Kubrick vorherrschen – schnurgerade, senkrechte Linien, durch das Weitwinkel-Objektiv ins Extreme verlängert. Immer wieder jedoch verabschiedet sich Dolan von dieser gestrengen Vision und emuliert den bizarr überkandidelten Pomp, die melancholische Dekadenz von François Ozons 8 femmes, Terry Gilliams Brazil, Luchino Viscontis Il gattopardo und der Romane Bret Easton Ellis'.

Die Frau im Manne: Laurence (Melvil Poupaud) ist eine Verlorene in einer heteronormativen Welt.
© filmcoopi

Mit ähnlichem Furor geht Dolan auch seine Geschichte an. Laurence Anyways ist gleichermassen ein Angriff auf die heteronormative Gesellschaft und ein melodramatisches Porträt zweier Opfer derselben. Hier aber falliert der Film, da es ihm nicht gelingt, diese (mit ihrer 165-minütigen Laufzeit deutlich zu lange) Story überzeugend aufzuziehen. Trotz bewundernswerter Leistungen von Suzanne Clément und Melvil Poupaud, dessen dezente Wandlungsfähigkeit stark an die Darbietungen Denis Lavants unter Leos Carax erinnert, bleiben Fred und Laurence – man bemerke die androgyne Namensgebung – als Figuren stets unklar umrissene Konstrukte. Entsprechend fehlt dem Film die emotionale Zugkraft; der Einblick in die desillusionierte Psyche eines Transsexuellen erzielt nicht die gewollte Wirkung; die Auseinandersetzung mit "Normativen" und Aussenseitern ist nicht vollauf realisiert.

Dem Film aber vorzuwerfen, er kaschiere mit seiner ästhetischen Virtuosität die eigene Bedeutungslosigkeit, würde der Wahrheit nicht gerecht. Laurence Anyways ist ein durchdachtes Stück "Queer Cinema", dem einzig ein eindeutiges Motiv zum Erfolg zu fehlen scheint. Xavier Dolan ist ohne Zweifel ein aussergewöhnlicher Stilist mit einer beeindruckenden Vision – aber vorerst noch ohne klare Botschaft.

★★★

Sonntag, 7. April 2013

Le magasin des suicides

Habe keine Angst davor, deinen Horizont zu erweitern. Diesen Satz hat sich der arrivierte französische Regisseur Patrice Leconte (Le mari de la coiffeuse) für sein neues Projekt sichtlich zu Herzen genommen. Le magasin des suicides ist Lecontes erster Animationsfilm und passt mit seiner schwarzhumorigen Behandlung von Krise und Existenzangst perfekt in den Zeitgeist – möchte man meinen. Leider aber verfehlt die Buchverfilmung ihr Ziel komplett.

Rund um den Laden der Familie Tuvache herrscht Tristesse. Reihenweise stürzen sich Menschen aus Fenstern, lassen sich von Lastwagen überrollen, knüpfen sich an Stricken auf. Doch die Tuvaches freuen sich unbändig über die deprimierende Umweltverschmutzung, die Hiobsbotschaften in den Nachrichten und die beunruhigende Wirtschaftslage, denn sie führen ein Fachgeschäft für Selbstmordzubehör: Vater Mishima (benannt nach dem japanischen Autor Yukio Mishima; Stimme: Bernard Alane) und Mutter Lucrèce (Isabelle Spade) beraten die geschätzte Kundschaft, während ihre missmutigen Kinder Vincent (Vincent Van Gogh; Stimme: Laurent Gendron) und Marilyn (Marilyn Monroe; Stimme: Isabelle Giami) sicherstellen, dass diese ihren Einkauf fachgerecht zur Anwendung bringt. Als jedoch der kleine Alan (Kacey Mottet Klein) geboren wird, droht dem Familienunternehmen der Untergang: Das Kind ist eine wahre Frohnatur und entschlossen, den Menschen Freude zu bereiten.

Manch eine Inhaltsangabe von Patrice Lecontes 27. Regiearbeit, einschliesslich die vorliegende, ist eigentlich viel zu ausführlich. Le magasin des suicides mag zwar nur bescheidene 79 Minuten dauern, doch zwischen Vor- und Abspann spielt sich weitaus weniger Plot ab, als eine Zusammenfassung suggeriert. Lecontes Adaption von Jean Teulés gleichnamigem Erfolgsroman aus dem Jahr 2006 wird von einer hauchdünnen Kurzfilm-Handlung getragen, in deren Namen gleichförmige Dialogszenen, schwache Running Gags und platte, übertrieben lange Musiknummern ad nauseam aneinander gereiht werden.

Händler des Todes: die Familie Tuvache.
© Frenetic Films
Mit dem dringenden Wunsch, morbid und sardonisch ("burtonesk") zu wirken, werden verschiedene Arten des Suizids in einer gefühlten Endlosschlaufe vorgestellt und besungen: Gleich mehrere Lieder lobpreisen Gift, Strick und Pistole samt ihrem positiven Effekt auf den Geldbeutel der Familie Tuvache. Auch lässt sich kaum zählen, wie oft Lucrèce einen unentschlossenen Kunden zu einer Gifttinktur überreden will, wie viele Male Mishima innerhalb einer Szene ob der Fröhlichkeit seines jüngsten Sohnes die Augen verdreht. Die hinterhältig kindliche Animation, welche sich offenkundig an den Werken Sylvain Chomets (Les Triplettes de Belleville, L'illusionniste) orientiert, die rabenschwarze Thematik sowie die überraschend hohe Altersbeschränkung des Films zeigt die Ambition Lecontes, eine animierte Satire für Erwachsene zu bewerkstelligen. Die unablässige Wiederholung des ewig Gleichen hingegen scheint aber eher auf die besonders herablassende Behandlung eines minderjährigen Publikums hinzudeuten.

Doch Leconte belässt es leider nicht dabei, seine unbestritten fantasievolle Vision an einer dermassen uninspirierten Möchtegern-Satire zu verschwenden. Spätestens als Alan seine Schwester mit einem Geburtstagsgeschenk dazu bewegt, sich in der vermeintlichen Privatsphäre ihres Zimmers einem nackten Bauchtanz hinzugeben, beobachtet von Alan und seinen Freunden, betritt Le magasin des suicides nämlich auch die Gefilde des Scham- und Geschmacklosen. Dies ist weit mehr als nur ein weiteres Beispiel für die ohnehin allen Figuren abgehende Motivation; es ist eine verstörende Szene, die Alan plötzlich vom Sockel des hehren Protagonisten und in die Richtung eines inzestuös veranlagten Kindes stösst. Gewollt ist dies, gemessen am lockeren Tonfall der Szene, vermutlich nicht. Vielmehr ist es der letzte Nagel im Sargdeckel eines zutiefst verwirrten Films.

★

Donnerstag, 4. April 2013

A Late Quartet

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.

Yaron Zilberman inszeniert sein Spielfilmdebüt, ein Drama um die Existenzkrise eines Streichquartetts, mit der Präzision eines Musikvirtuosen. Dennoch wirkt der primär von seinen prominenten Hauptdarstellern getragene A Late Quartet wie eine verpasste Chance.

25 Jahre ist es her, seit der Musikprofessor und Cellist Peter Mitchell (Christopher Walken) den begabten Jung-Violinisten Daniel Lerner (Mark Ivanir) gebeten hat, mit ihm das Fugue String Quartet zu gründen. Um das Jubiläum gebührend zu feiern, nimmt sich die inzwischen weltberühmte Truppe für die kommende Tournee Beethovens 14. Streichquartett vor. Während der Proben wird bei Peter Parkinson im Frühstadium diagnostiziert. Zwar kann der Verlauf der Krankheit mit Medikamenten verlangsamt werden; da er jedoch seine Karriere so oder so nicht mehr lange verfolgen kann, entschliesst sich Peter dazu, das Konzert zur Saisoneröffnung zu seinem Abschiedsauftritt zu erklären. Diese Hiobsbotschaft führt zu Spannungen innerhalb von "The Fugue": Robert Gelbart (Philip Seymour Hoffman, stark wie gewohnt) ist es leid, zweite Geige zu spielen und verkracht sich deshalb mit Daniel, der daraufhin Hilfe bei Roberts Ehefrau Juliette (Catherine Keener), der Bratschenspielerin des Quartetts, sucht. Zudem wirft er ein Auge auf Alexandra (farblos: Imogen Poots), die erwachsene Tochter der Gelbarts.

Übereinstimmend mit dem Thema seiner ersten narrativen Regiearbeit, ordnet der Israel-Amerikaner Yaron Zilberman die von ihm und Seth Grossman entworfene Handlung fast gänzlich der Musik unter. Nicht nur verwandeln sich so einfachste Alltagstätigkeiten – elegantestes Beispiel: Roberts Kaffeezubereitung – dank klassischer Musikuntermalung (Beethoven, Haydn, Bach, Korngold) in rhythmische kleine Vignetten; auch das Motiv des Films wird am zentralen Musikstück, Beethovens siebensätziges Streichquartett Nr. 14 in cis-Moll op. 131, ausgerichtet: Nach Anweisung des Komponisten solle das ungewöhnlich lange Werk "attacca", ohne Pause, gespielt werden, sodass mit fortlaufender Konzertdauer die einzelnen Instrumente sukzessive verstimmen, alle auf ihre eigene Art und Weise. "Wollte der Künstler", fragt Peter, "etwa auf einen Zusammenhang hindeuten, auf eine Einheit zwischen den zufälligen Begebenheiten des Lebens?" Lohnt es sich überhaupt, sich stets neu auszurichten, wenn jeder Mensch, wie sein Instrument, unweigerlich "verstimmen" wird?

Das Fugue String Quartet (v.l.): Daniel (Mark Ivanir), Robert (Philip Seymour Hoffman), Peter (Christopher Walken) und Juliette (Catherine Keener).
© Pathé Films AG
Um diese enge Beziehung zwischen dem Leben und der Kunst zu illustrieren, schicken Zilberman und Grossman ihre Figuren auf eine tiefgreifende Sinnsuche, die schlussendlich auf ein feinsinniges und berührendes Finale hinausläuft. Leider aber wirken die beiden Autoren gerade in Bezug auf die für die Geschichte so wichtigen Verstimmungen etwas wankelmütig. Während Peters Krankheit, nicht zuletzt dank des überragenden Christopher Walken der emotional resonanteste Teil des Films, immer mehr zur Nebensache verblasst, rücken die eher eindimensionalen, mitunter komödiantisch angehauchten Liebeleien von Robert, Juliette und Daniel in den Vordergrund, welche stellenweise doch sehr an die weniger gelungenen Werke Woody Allens erinnern.

So stolpert die souveräne Inszenierung letztlich über einen unsteten Inhalt. Dass A Late Quartet an diesem beträchtlichen Defizit nicht zerbricht, beweist einmal mehr den Wert überzeugender Schauspieler.

★★★

Dienstag, 2. April 2013

Children of Sarajevo

Nach Jahren des Krieges, der Misswirtschaft und der innerlichen Zerrüttung kämpft sich Bosnien und Herzegowina aus seinen zahlreichen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Krisen. Mit ihrem neuen Film erweist sich die 36-jährige Aida Begić als kritische Chronistin dieser mühevollen Entwicklung. Children of Sarajevo zeigt ein widersprüchliches Land, gefangen in einer anhaltenden Nachkriegsmentalität.

Ein junger Mann und eine junge Frau schmücken in einem schicken Restaurant in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo einen kleinen Weihnachtsbaum mit Lametta und Kunststoffkugeln. Eine etwas ältere, vornehmer gekleidete Dame tritt hinzu und herrscht die beiden an: Ob sie eigentlich nicht gelernt hätten, dass man den Baum nicht von unten nach oben schmückt, dass sie besonders von ihm, einem Katholiken, zumindest dieses Mass an Intelligenz erwartet hätte. "Wir waren eben im Krieg", so die junge Frau. Sie heisst Rahima (Marija Pikić), ist 23 Jahre alt, bekennende Muslimin, arbeitet als Küchengehilfin im Restaurant und weist mit ihrer Aussage auf eine der vielen Widersprüchlichkeiten im modernen Bosnien hin: Anders als im Westen Europas ist es hier die junge Generation, die mit Schiessereien, Bombardierungen und Massakern aufgewachsen ist. Seit ihre Eltern in besagtem Krieg ums Leben gekommen sind, kümmert sie sich um ihren jüngeren Bruder Nedim (Ismir Gagula), der ihr ihre Bemühungen damit "dankt", regelmässig die Schule zu schwänzen und sich mit zwielichtigen Gestalten herumzutreiben.

Und doch muss Rahima damit leben, dass ihr Alltag von den Behörden als weniger erstrebenswert erachtet wird als der ihres Bruders: "Du machst es besser als deine Schwester", loben ihn zwei Polizisten, als sie Rahima auf Grund der Falschaussage eines Regierungsoffiziellen einen Besuch abstatten. "Das ist unverantwortlich", wird sie von einer Steuerbeamtin getadelt, als sie dieser beichtet, sie habe wegen ihrer Arbeit nicht genug Zeit aufbringen können, den diabetischen Nedim zur Arztkontrolle zu bringen. Ihr Beruf macht sie zu einer Unberührbaren: Ihr Chef verweigert ihr den Lohnausweis; sucht sie das Gespräch mit einem besser gestellten Mann, wird sie umgehend mit der Entschuldigung abgewimmelt, er trage gerade kein Kleingeld bei sich.

Doch in einem weiteren Widerspruch scheint sich Rahima nirgends so heimisch zu fühlen wie in der Küche ihrer verhassten Arbeitsstelle. Dort lebt sie mit ihren zynischen Leidensgenossen ein beinahe utopisches Leben; nirgendwo sonst lacht sie so befreit wie unter ihren Kollegen. Hier scheinen religiöse Vorurteile und alte Konflikte vergessen zu sein; hier schmunzelt die Muslimin über den ungeschickten katholischen Laufburschen, unterhält den offen homosexuellen Koch, indem sie mit dem Kopf eines Schafs Hamlets berühmten Monolog nachspricht. Und doch bereitet ihr auch ihre Religion Kopfschmerzen: Zwar schreibt sie ihren Wandel vom wilden Teenager zur verantwortungsbewussten Frau ihrem Glauben zu, doch selbst enge Freunde sind von ihrem Kopftuch verunsichert, während sie selbst von Lynch'schen Albträumen heimgesucht wird, in denen sie einer körperlosen, spiegelgesichtigen Burka nachjagt.

Ungleiche Geschwister: die Waisen Nedim (Ismir Gagula) und Rahima (Marija Pikić).
© trigon-film
Es ist nicht zuletzt diese Verbindung des Religiösen mit dem Gesellschaftlichen, die Begić in der Nähe von Ken Loach situiert. Wie der Katholizismus in Raining Stones wird hier der Islam zur zweifelhaften Stütze der unteren Schichten: Obwohl er dabei helfen kann, das Strassenelend hinter sich zu lassen, muss man sich fragen, ob er, nachdem dieser Schritt vollzogen worden ist, immer noch vonnöten ist. Allerdings teilt Children of Sarajevo dieses Motiv, wie auch seine ästhetische Präsentation – vorab Handkamera und Plansequenzen –, mit den Filmen Asghar Farhadis oder jenen des italienischen Neorealismus.

Die spezifische Verwandschaft zu Loach wird erst durch Begićs Porträt der bosnischen Arbeiterklasse und deren Beziehung zu ihren Oberen offensichtlich. Children of Sarajevo ist geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber der Privatwirtschaft, die einmal direkt als Grund für Bosniens wirtschaftliche Misere genannt wird, sowie jenen, welche masslos von ihr profitieren; jenen, die in der Regierung die Fäden ziehen, im Namen der Armen Politik machen, sich aber hinter dicken Autotüren und in von bewaffneten Wachen geschützten Häusern vor ihnen verstecken. In seinen mutigsten Momenten bemüht der Film sogar Loach'sche Polemik: Mit einem geringfügig umformulierten "Arbeit macht frei" kommentiert eine Figur die angeblichen Möglichkeiten des Kapitalismus.

Rahima arbeitet Überstunden, um sich und Nedim ernähren zu können.
© trigon-film
Man kann Aida Begić vorwerfen, dass ihre Dramaturgie unter dem komplexen Subtext leidet. Mitunter ist es allzu einfach, hinter den einzelnen Stationen der Handlung die lenkende Hand der Autorin zu sehen, die emotionale Reise von Rahima und Nedim als Parabel zu erkennen. Als solche ist der Geschichte ihre Wucht aber nicht abzusprechen. Veranschaulicht wird diese Aussagekraft durch jene Szenen, zwischen welchen der ganze Film eingespannt ist.

Die erste zeigt eine mit einer Videokamera aufgenommene Gruppe von nervös spielenden Kindern, während draussen Schiessgefechte und detonierende Bomben zu hören sind. In der Schlussszene von Djeca, "Kinder", so der bosnische Originaltitel, fallen sich Rahima und Nedim in die Arme; als ein Silvester-Feuerwerk losbricht, gehen die ungleichen Geschwister reflexartig in Deckung, lachen über ihren Irrtum und machen sich auf den Heimweg. Beide Szenen sind mit Beethovens eigentlich viel zu friedvoller Pastoralsinfonie unterlegt; beide sagen viel über das moderne Bosnien aus: Im Krieg wurde mit viel Lärm um die Zukunft gekämpft, heute wird mit ebenso viel Lärm die erstarrte Gegenwart gefeiert. Der Kampf hat sich von aussen nach innen verlagert. Nun liegt die Hoffnung auf der desillusionierten, traumatisierten Jugend.

★★★★