Sonntag, 15. Januar 2012
Golden Globes 2012 - Prognosen
Heute Abend werden die Golden Globes zum 69. Mal verliehen. Hier die Sieger zu tippen ist Jahr für Jahr schwieriger als bei den Oscars, da die Hollywood Foreign Press einen ganz eigenen Geschmack hat. Dennoch versucht man es immer wieder. Auf die TV-Awards soll hier verzichtet werden, da sich der Schreibende in diesen Kategorien überhaupt nicht auskennt.
Best Motion Picture, Drama
The Descendants
The Help
Hugo
The Ides of March
Moneyball
War Horse
Prognose: The Descendants
Best Motion Picture, Musical or Comedy
50/50
The Artist
Bridesmaids
Midnight in Paris
My Week With Marilyn
Prognose: The Artist
Best Director
Woody Allen - Midnight in Paris
George Clooney - The Ides of March
Michel Hazanavicius - The Artist
Alexander Payne - The Descendants
Martin Scorsese - Hugo
Prognose: Martin Scorsese - Hugo
Best Actor, Drama
George Clooney - The Descendants
Leonardo DiCaprio - J.Edgar
Michael Fassbender - Shame
Ryan Gosling - The Ides of March
Brad Pitt - Moneyball
Prognose: Brad Pitt - Moneyball
Best Actress, Drama
Glenn Close - Albert Nobbs
Viola Davis - The Help
Rooney Mara - The Girl With The Dragon Tattoo
Meryl Streep - The Iron Lady
Tilda Swinton - We Need To Talk About Kevin
Prognose: Meryl Streep - The Iron Lady
Best Actress, Musical or Comedy
Jodie Foster - Carnage
Charlize Theron - Young Adult
Kristin Wiig - Bridesmaids
Michelle Williams - My Week With Marilyn
Kate Winslet - Carnage
Prognose: Michelle Williams - My Week With Marilyn
Best Actor, Musical or Comedy
Jean Dujardin - The Artist
Brendan Gleeson - The Guard
Joseph Gordon Levitt - 50/50
Ryan Gosling - Crazy Stupid Love
Owen Wilson - Midnight in Paris
Prognose: Jean Dujardin - The Artist
Best Supporting Actress
Bérénice Bejo - The Artist
Jessica Chastain - The Help
Janet McTeer - Albert Nobbs
Octavia Spencer - The Help
Shailene Woodley - The Descendants
Prognose: Shailene Woodley - The Descendants
Best Supporting Actor
Kenneth Branagh - My Week With Marilyn
Albert Brooks - Drive
Jonah Hill - Moneyball
Viggo Mortensen - A Dangerous Method
Christopher Plummer - Beginners
Prognose: Christopher Plummer - Beginners
Best Screenplay
The Artist
The Descendants
The Ides of March
Midnight in Paris
Moneyball
Prognose: Moneyball
Best Foreign Language Film
A Separation (Iran)
The Flowers of War (China)
Le gamin au vélo (Belgien)
In the Land of Blood and Honey (USA)
La piel que habito (Spanien)
Prognose: A Separation
Best Animated Feature Film
The Adventures of Tintin
Arthur
Christmas
Cars 2
Puss In Boots
Rango
Prognose: Rango
Best Original Score
Ludovic Bource - The Artist
Abel Korzeniowski - W.E.
Trent Reznor, Atticus Ross - The Girl With The Dragon Tattoo
Howard Shore - Hugo
John Williams - War Horse
Prognose: Ludovic Bource - The Artist
Best Original Song
"Hello Hello" - Gnomeo & Juliet (Elton John)
"Lay Your Head Down" - Albert Nobbs (Sinéad O'Connor, Glenn Close)
"The Living Proof" - The Help (Mary J. Blige)
"The Keeper" - Machine Gun Preacher (Chris Cornell)
"Masterpiece" - W.E. (Madonna)
Prognose: "The Living Proof" - The Help
Freitag, 13. Januar 2012
Award Season: Critics Choice Awards
Einer der Höhepunkte der Award Season ist über die Bühne gegangen: Die Critics Choice Awards wurden vergeben. Zwar werden diese normalerweise nicht als allzu wichtigen Oscar-Indikator angesehen, können das Oscarrennen aber immerhin leicht in eine Richtung lenken, so wie es dieses Jahr wohl beim Kampf um den Besten Nebendarsteller der Fall sein wird. Christopher Plummers Sieg hier dürfte ihm eine Nomination bei den Academy Awards gesichert haben. Zudem empfiehlt sich Viola Davis weiterhin als Kandidatin für die beste Darstellerin. Und nach der Enttäuschung, für keinen Golden Globe nominiert worden zu sein, erobert The Muppets mit Bret McKenzie (Flight of the Conchords) die Song-Kategorie zurück. Vorne bleibt alles beim Alten: The Artist und The Descendants schwingen weiter obenauf.
Bester Film: The Artist
Beste Regie: Michel Hazanavicius - The Artist
Bester Hauptdarsteller: George Clooney - The Descendants
Beste Hauptdarstellerin: Viola Davis - The Help
Bester Nebendarsteller: Christopher Plummer - Beginners
Beste Nebendarstellerin: Octavia Spencer - The Help
Bestes Jungtalent: Thomas Horn - Extremely Loud & Incredibly Close
Bestes Ensemble: The Help
Bestes Originaldrehbuch: Woody Allen - Midnight in Paris
Bestes adaptiertes Drehbuch: Steven Zaillian, Aaron Sorkin - Moneyball
Beste Kamera: Janusz Kaminski - War Horse / Emmanuel Lubezki - The Tree of Life
Beste Ausstattung: Dante Ferretti, Francesco Lo Schiavo - Hugo
Bester Schnitt: Kirk Baxter, Angus Wall - The Girl with the Dragon Tattoo
Bestes Makeup: Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2
Beste Spezialeffekte: Rise of the Planet of the Apes
Bester Ton: Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2
Bester Animationsfilm: Rango
Bester Actionfilm: Drive
Beste Komödie: Bridesmaids
Bester fremdsprachiger Film: A Separation
Beste Dokumentation: George Harrison: Living in the Material World
Bester Song: Bret McKenzie: "Life's a Happy Song" - The Muppets
Beste Musik: Ludovic Bource - The Artist
Donnerstag, 12. Januar 2012
Drive
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Wer denkt, ein Film, in dem Autos eine wichtige Rolle spielen, kann
nicht mehr als ein krachiges Actionvehikel Marke Hollywood sein, wird
beim achten Film des Dänen Nicolas Winding Refn eine Überraschung
erleben. Drive ist schlicht und ergreifend grossartiges Kino.
Zuerst hört man nur seine Stimme. 100'000 Strassen gebe es in Los
Angeles, sagt der namenlose Protagonist (Ryan Gosling), und er fände
immer die passende Route, was man ihm nach der Pre-Credit-Sequenz
auch ohne weiteres glaubt. Am Steuer eines Autos, wo er Robert De
Niros Rolle in Taxi Driver evoziert, ist der geheimnisvolle
Einzelgänger ein Naturtalent. Sein Geld verdient er mit Stuntfahrten
für Filmdrehs, Fluchtfahrten für Kriminelle sowie Autoreparaturen
für seinen väterlichen Freund Shannon (Bryan Cranston). Eine neue
Einnahmequelle wäre das Fahren von Rennautos, doch dazu muss Shannon
erst den Geschäftsmann Bernie Rose (Albert Brooks) dazu überreden,
einen anständigen Wagen zu bezahlen. Derweil freundet sich der
schweigsame "Driver" mit seiner Nachbarin Irene (Carey Mulligan)
und deren Sohn Benicio an. Als Irenes Mann Standard (Oscar Isaac) aus
dem Gefängnis entlassen wird, wird er von Gangstern bedroht,
woraufhin Driver seine Hilfe anbietet – nicht ahnend, dass er sich
damit auf einen Höllentrip einlässt.
![]() |
Eastwood'scher "Lone Man": Der Fahrer (Ryan Gosling, rechts)
setzt sich gegen skrupellose Gangster zur Wehr.
|
Es steht ausser Frage, dass Regisseur Refn und Drehbuchautor Hossein
Amini mit ihrer Romanadaption ein ganz besonderes Stück Film
geschaffen haben. Schon von Anfang an wird klar, dass Drive
mehr als ein Fliessband-Actionfilm ist. Es finden sich zwar einige
spärlich eingesetzte Actionszenen, welche brillant gemacht sind und
nie zum Selbstzweck verkommen, doch die Inszenierung zeichnet sich
vor allem durch ihre Ruhe aus; die Einstellungen sind lang, die
Dialoge der wortkargen Hauptfigur von Pausen durchsetzt. Zudem lässt
Refn in seiner Erzählung, deren Spannungsbogen hervorragend
konstruiert ist, auch Elementen wie Melancholie und bittersüsser
Romantik ihren Raum. Insofern erinnert Drive, obwohl er stets
ein eigenständiges Werk bleibt, an die Filme Don Siegels, Clint
Eastwoods, Sam Peckinpahs oder John Fords. Ähnliche Assoziationen
ergeben sich ob der Ausbrüche kompromissloser Gewalt, die besonders
im zweiten Teil vermehrt auftreten. Nichts wird glorifiziert oder
verherrlicht, vielmehr wirkt die entfesselte Härte dieser Szenen
(Stichwort: Lift) eher abstossend, was mit der Technik Peckinpahs
oder auch der eines Martin Scorsese vergleichbar ist.
Doch Drive ist nicht nur genial gemacht und konstruiert,
sondern auch exzellent gespielt. Allen voran begeistert Ryan Gosling
mit seiner unaufgeregten, subtilen, intensiven und äusserst
vielschichtigen Darbietung als Inkarnation der sanftstimmigen,
tragischen, manchmal ebenfalls namenlosen Figuren am Rande des
Gesetztes, ganz in der Tradition von Eastwoods "Dirty" Harry
Callahan oder seinem Man with No Name der Western Sergio Leones sowie
Alain Delons Jef Costello in Jean-Pierre Melvilles Le samouraï.
Nicht minder überzeuegnd sind Albert Brooks, Carey Mulligan und
Bryan Cranston.
Es fällt schwer, Refns neuem Film verbal gerecht zu werden, schon
deshalb, weil er sich kaum einordnen lässt. Drive ist, kurz
gesagt, ein packendes und fesselndes Meisterwerk nach klassischer "körperlicher" Hollywood-Machart.
★★★★★★
Mittwoch, 11. Januar 2012
Throne of Blood
Verfilmungen von den Theaterstücken
William Shakespeares gibt es viele. Während sich einige ganz genau
an Originaltext und -setting halten (Kenneth Branaghs Henry
V,
Laurence Oliviers berühmte Trilogie, bestehend aus Hamlet,
Richard III und
Henry V),
interpretieren andere den zeitlichen Hintergrund wie die
Figurenkonstellation um (Titus und
The Tempest von
Julie Taymor). Doch nicht nur die
amerikanische und europäische Filmindustrie hat viele bemerkenswerte
Adaptionen von Werken des Barden hervorgebracht. Zwei der
bekanntesten aus einem "exotischen" Land stammen vom
japanischen Meisterregisseur Akira Kurosawa (Rashomon,
Seven Samurai),
oftmals als "Tenno", Kaiser, des Kinos bezeichnet. Ran
wurde
1985 gedreht und ist ein Jidaigeki-Epos nach King
Lear;
Throne of Blood erschien
1957 und basiert auf Macbeth
– beide wurden ins feudale Japan der Samurais transponiert.
Kumonosu-jō,
wie Letzterer im Original heisst,
ist
nicht nur eine der besten Shakespeare-Interpretationen, sondern auch
ein Musterbeispiel für die Klasse von Kurosawas Filmkunst.
Es beginnt mit der starken, von den
traditionellen Klängen Japans inspirierten Musik Masaru Satōs,
die einem einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Das erste
Bild ist unverkennbar eines von Kurosawa: eine karge, von
Nebelschwaden verhangene Landschaft, im Hintergrund zeichnet sich ein
Hügel ab, der Wind heult und ein gespenstischer Chor, begleitet von
Satōs
Score, führt mit einem Klagelied über Krieg, Verrat und Machtgier
ein in die nachfolgende Geschichte. Die Generäle Yoshiaki Miki
(Minoru Chiaki) und Taketoki Washizu (der legendäre Toshirō
Mifune) haben einen Aufstand wider Erwarten niedergeschlagen und
werden von Fürst Kuniharu Tsuzuki (Hiroshi Tachikawa) ins als
unneinnehmbar geltende Schloss im Spinnwebwald gebeten. Auf dem Weg
verlaufen sich die Freunde im dunklen Wald, welcher der Festung ihren
Namen gibt, und stossen auf einen von Skeletten umgebenen Geist
(Chieko Naniwa), der ihnen vorhersagt, beide Männer würden noch am
selben Tag befördert – Miki zum Herrn der Ersten Feste, Washizu
zum Vorsteher der nördlichen Befestigung – und Washizu würde in
naher Zukunft sogar so weit aufsteigen, dass er Tsuzuki als Fürst
des Spinnwebschlosses ablösen würde. Als die ersten Prophezeiungen
tatsächlich eintreten, drängt Washizus Frau Asaji (Isuzu Yamada)
ihren Ehemann dazu, Tsuzuki zu stürzen.
![]() |
| Chieko Naniwa als Waldgeist. |
Einer
der beachtlichsten Aspekte an Throne
of Blood ist
die Art, mit der hier drei unterschiedliche Theatertraditionen
zusammengeführt werden. Die euopäische Grundlage trifft auf die
fernöstlichen Kabuki- und Nō-Techniken, wodurch ein durch und durch
harmonisches Ganzes entsteht. Die Geschichte weicht zwar in einigen
Punkten von Shakespeares Original ab, bewahrt aber Sinn und Geist von
Macbeth ohne
jeglichen Verlust von Subtext. Das bedeutet jedoch nicht, dass der
Film kein eigenständiger ist. Im Gegenteil, das Motiv der Intrigen
unter den herrschenden Kasten fügt sich hervorragend ins Feudalwesen
des spätmittelalterlichen Japans ein, eines von Kurosawas
bevorzugten Settings, welches hier mit grossartiger Ausstattung und
elaborierten Kostümen rekonstruiert wird. Zudem ist Toshirō Mifune
zweifelsfrei einer der stärksten Macbeths, die man je auf der
Leinwand erleben durfte, auch wenn er hier Washizu heisst. Seine
Performance ist nuanciert, kraftvoll und wahrhaft bedrohlich. In
jeder Szene spiegeln seine sprichwörtlichen stechenden Augen Angst und
Verunsicherung wider; jedoch werden diese Gefühle stets
verschleiert, mal von Wut, mal von übertriebener Selbstsicherheit.
Die
formalen Elemente wiederum, jedes einzelne, zeugen von der
aussergewöhnlichen Gestaltungskraft des Regisseurs. Jede der meist langen
Einstellungen von Kameramann Asakazu Nakai hat ihren Zweck und wirkt
genauestens überlegt; die Ästhetik von Bildkomposition und Cadrage
sind, wie üblich bei Kurosawa, unübertroffen; die Inszenierung ist
magistral. Es wundert nicht, dass die ikonische, genial gemachte
Schlussszene mit Washizu im Pfeilregen häufig zu den besten, weil
eindringlichsten Todesszenen der Filmgeschichte gezählt wird.
Überdies kreiert Throne of Blood
mit
seinen fesselnden Bildern und der brillanten Montage eine kraftvolle,
gespenstische Atmosphäre. So erhalten vor allem die übernatürlichen
sowie die übernatürlich anmutenden Szenen eine äusserst
unheimliche Komponente – etwa wenn der Geist der Waldhexe, von
Chieko Naniwa herausragend gespielt, seine Vorhersagen macht, sei es
ruhig und scheinbar verträumt, worauf die Figur Boonsong in
Apichatpong Weerasethakuls Uncle
Boonmee Who Can Recall His Past Lives
zurückgreift, sei es wild und dämonisch wie in seinem letzten
Auftritt; oder wenn der Spinnwebwald in einer der beeindruckendsten,
obgleich einfachsten Einstellungen schlussendlich tatsächlich
wandert.
![]() |
| Der Macbeth-Charakter Washizu (Toshirō Mifune) kurz vor seinem Tod. |
Was
ist ein Meisterwerk? Ist es eine originelle Geschichte, meisterhaft
inszeniert und präsentiert? Ist es das einwandfreie, aber
gleichzeitig unabhängige Verfilmen von grandiosem Quellenmaterial?
Im Falle von Throne of Blood trifft
beides zu. Ob es sich dabei um Akira Kurosawas Besten handelt,
darüber liesse sich lange diskutieren; immerhin weist das Œuvre
des Regisseurs zahlreiche weitere Filme auf ähnlich hohem Niveau auf –
man denke an Seven Samurai,
Ikiru
oder Yojimbo.
Für sich alleine ist Kumonosu-jō
jedenfalls eine der bedeutendsten cineastischen
Shakespeare-Adaptionen sowie eines der grossen Werke des Kinos
selbst.
★★★★★★
★★★★★★
Freitag, 6. Januar 2012
Poulet aux prunes
Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Region.
Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud verfilmen nach dem
begeisternden Persepolis (2007) erneut einen von Satrapis
Comics – Poulet aux prunes –, diesmal als Realspielfilm.
Dieser ähnelt seinem Vorgänger zwar in diversen Punkten, ist aber
noch assoziativer und verträumter. Ein Hochgenuss.
"Yekii
boud, yekii naboud". Es war einmal, es war keinmal. So beginnen im
persischen Sprachraum die Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Und als
solches präsentiert sich auch Poulet aux prunes, die
Geschichte von Nasser-Ali (Mathieu Amalric, der seine grossen,
traurigen Augen optimal einzusetzen weiss), des begnadetsten Geigers
seiner Zeit. Nach jahrelangem Umherstreifen in der Welt hat er sich,
auf Drängen seiner Mutter (Isabella Rossellini) hin, mit Faranguisse
(Maria de Medeiros) in Teheran niedergelassen und lebt nun mit ihr
und den beiden gemeinsamen Kindern das Leben des iranischen
Mittelstandes der 1950er-Jahre. Doch als Faranguisse seine Geige
irreparabel zerstört und ihn überdies seine alte, wahre Liebe Irâne
(Golshifteh Farahani) nicht mehr erkennt, beschliesst Nasser-Ali,
sich in sein Zimmer zurückzuziehen und darauf zu warten, dass ihn
der Todesengel Azraël (Edouard Baer) ins Jenseits mitnimmt.
Was die Form angeht, so besteht der grösste Unterschied zwischen Poulet aux prunes und Persepolis im jeweiligen Fokus:
Während Letzterer sich ganz und gar auf das Leben seiner
Protagonistin konzentriert – es ist immerhin Marjane Satrapis
Biografie –, ist das Motiv des Ersteren eindeutig der Tod. Nicht
die Hauptfigur ist dieses Mal der Erzähler, sondern gleich Azraël
selbst. Und dieser lässt auch gar keine Zweifel am Ausgang der
Geschichte aufkommen; Nasser-Ali erwartet das Ende seines Daseins,
welches nach acht Tagen auch wahrhaftig eintritt. Doch wesentlich ist
nicht, was die Aussenwelt sieht; im Kopf von Nasser-Ali spielt sich
noch einmal sein Leben ab, während der Todesengel einen Blick hinter
die Kulissen wirft und verrät, was aus den Kindern des Geigers wird,
ob Irâne sich wirklich nicht an ihn erinnert und was es eigentlich
bedeutet zu sterben. So entsteht ein faszinierender
Bewusstseinsstrom, der nicht linear verläuft, sondern sich an den
zufälligen Assoziationen Nasser-Alis orientiert.
![]() |
Heirat wider Willen: Stargeiger Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric)
ehelicht Faranguisse (Maria de Medeiros).
|
Im Verlauf des Films wechseln sich dementsprechend die Trauer des
Protagonisten über seine verflossene Liebe mit den wissenden
Kommentaren Azraëls ab. Dazu passen natürlich jene herrlich
schwarzhumorigen und skurrilen, ja fast schon surrealen Einschübe,
die Satrapi so herausragend beherrscht, und die man auch in Poulet
aux prunes nicht vergebens sucht. Diese mögen zwar in
gezeichneter Form etwas besser funktionieren (auch wenn hier
Panoramen und Hintergründe gezeichnet sind) – man denke an das
himmlische Zusammentreffen von Gott und Karl Marx in Persepolis.
Doch etwaige Einwände dürften sich spätestens nach der "amerikanischen" Szene – einem veritablen Kulturschock, auch
fürs Publikum – verflüchtigt haben.
Aber trotz aller Komik ist Poulet aux prunes primär ein
todtrauriges, wunderschönes und subtil-poetisches Märchen, wie man
es tatsächlich aus Tausendundeiner Nacht zu kennen glaubt. Nach dem
stark politischen Persepolis laden Marjane Satrapi und Vincent
Paronnaud zur orientalischen Traumstunde. Es lohnt sich, der
Einladung Folge zu leisten.
★★★★★☆
Dienstag, 3. Januar 2012
Das Jahr 2011
Die Liste wird, wenn der eine oder andere Film nachgeholt ist, selbstverständlich aktualisiert.
- 127 Hours - ★★★★½
- Abduction - ½★
- The Adventures of Tintin - ★★★★½
- Anonymous - ★★½
- Another Year - ★★★★★★
- Barney's Version - ★★★★½
- The Beaver - ★★★½
- Beginners - ★★★★½
- Biutiful - ★★★★½
- Black Swan - ★★★★★☆
- Captain America: The First Avenger - ★★★★☆☆
- Carnage - ★★★★★½
- Le chat du rabbin - ★★★★½
- Crazy, Stupid, Love. - ★★★★☆☆
- A Dangerous Method - ★★★★½
- Les émotifs anonymes - ★★★★★☆
- Les femmes du 6ème étage - ★★★★☆☆
- The Fighter - ★★★★★½
- Friends with Benefits - ★★★½
- Four Lions - ★★★★★½
- Giochi d'estate - ★★½
- The Guard - ★★★★★½
- Habemus Papam - ★★★★★☆
- Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2 - ★★★★★☆
- The Help - ★★★★☆☆
- Hereafter - ★★★★½
- Un homme qui crie - ★★★★★☆
- Horrible Bosses - ★★★½
- Howl - ★★★★★★
- The Ides of March - ★★★★☆☆
- I Don't Know How She Does It - ★★☆☆☆☆
- The Infidel - ★★★★½
- In Time - ★★★☆☆☆
- Jane Eyre - ★★★★½
- The King's Speech - ★★★★☆☆
- Kung Fu Panda 2 - ★★☆☆☆☆
- Larry Crowne - ★★★☆☆☆
- Le Havre - ★★★★★½
- Margin Call - ★★★★½
- Melancholia - ★★★★½
- Midnight in Paris - ★★★★★☆
- The Mill & The Cross - ★★★★☆☆
- Mission: Impossible - Ghost Protocol - ★★★★½
- La nostra vita - ★★★★½
- La piel que habito - ★★★★★☆
- Potiche - ★★★½
- Poulet aux prunes - ★★★★★☆
- Le quattro volte - ★★★★★½
- Rango - ★★★☆☆☆
- Restless - ★★★★★☆
- Rien à déclarer - ★★★★☆☆
- Rise of the Planet of the Apes - ★★★★★☆
- Der Sandmann - ★★★½
- Sea Rex 3D: Journey to a Prehistoric World - ★★★½
- A Separation (Jodái-e Náder az Simin) - ★★★★★★
- Silent Souls (Ovsyanki) - ★★★½
- Source Code - ★★★★½
- Submarine - ★★★★★½
- Super 8 - ★★☆☆☆☆
- También la lluvia - ★★★★★☆
- La tête en friche - ★★★★★½
- Thor - ★★★★☆☆
- The Three Musketeers - ★½
- Tom Sawyer - ★★★☆☆☆
- The Tree of Life - ★★½
- True Grit - ★★★★★★
- Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (Lung Bunmi Raluek Chat) - ★★★★☆☆
- Der Verdingbub - ★★★★☆☆
- The Way Back - ★★★★★☆
- Welcome to the Rileys - ★★★½
- Whip It - ★★★★½
- Winter's Bone - ★★★★½
- X-Men: First Class - ★★★★½
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