Thursday, 7 January 2016

The Big Short

Wenn J. C. Chandors Margin Call etwas bewiesen hat, dann dass dem Finanzkollaps von 2007/2008 mit einem geradlinigen Drama nur schwer beizukommen ist. Zu dicht ist das Gestrüpp von technokratischem Kauderwelsch, zu üppig sind die zahllosen Abkürzungen, zu vernetzt ist das ganze System, um sich auch nur ansatzweise einen Überblick zu verschaffen.

Entsprechend überrascht es wenig, dass Chandors oscarnominiertes Regiedebüt seit seinem Erscheinen 2011 praktisch in Vergessenheit geraten ist. Der Film war gut gemeint, elegant aufgezogen und versuchte sich in gewissen Momenten sogar an Satire. Doch bleibende Spuren hat er kaum hinterlassen.

Feuer, so scheint es, muss mit Feuer bekämpft werden – sprich: Der schieren Absurdität der Wall Street kann nur mit einer Groteske adäquat begegnet werden. Diesen Weg hat Adam McKay eingeschlagen, ein Regisseur, dessen Name man bislang ausschliesslich mit den Komödien des dahinsiechenden "Frat Packs" um Will Ferrell und Vince Vaughn in Verbindung brachte. Auf Talladega Nights, Step Brothers, The Other Guys sowie zwei Anchorman-Filme folgt mit The Big Short nun ein unverhoffter Oscarkandidat, der seinem Publikum mit Hilfe eines ausladend toupierten Star-Casts vorführen will, dass die beste Persiflage des amerikanischen Finanzsektors immer noch eben dieser ist.

Basierend auf dem gleichnamigen Non-Fiction-Buch von Michael Lewis, erzählt McKays Film vom Hedgefonds-Manager Michael Burry (Christian Bale), der im Jahr 2005 entdeckt, dass der US-Immobilienmarkt hauptsächlich auf maroden Hypotheken fusst, die das Potenzial haben, die ganze Wirtschaft zu Fall zu bringen. Burry, ganz der gewinnorientierte Turbo-Kapitalist, packt die Gelegenheit beim Schopf und wettet, sehr zum Ärger seiner Vorgesetzten, Unsummen auf den Kollaps der Immobilienbranche. Auch andere Wall-Street-Strategen orten die Fäulnis im Kern des amerikanischen Kapitalismus: Mark Baum (Steve Carell), Jared Vennett (Ryan Gosling) sowie die Jung-Broker Jamie Shipley (Finn Wittrock) und Charlie Geller (John Magaro), die mit dem desillusionierten Investor Ben Rickert (Brad Pitt) zusammenarbeiten, versuchen, aus der bevorstehenden Krise Profit zu schlagen.

Hedgefonds-Manager Michael Burry (Christian Bale) ahnt den Wall-Street-Crash schon im Jahr 2005 und versucht, dieses Wissen zum eigenen finanziellen Vorteil zu nutzen.
© Universal Pictures Switzerland
Drei Szenen in diesem Film brechen einem das Herz. Die erste liegt ungefähr in der Mitte des Films, als Mark Baums Mitarbeiter in einer beinahe leer stehenden Vorstadt-Siedlung in Florida mit eigenen Augen sehen wollen, in welch katastrophalem Zustand sich das Immobiliengeschäft befindet. An einer Haustür werden sie von einem beleibten Herrn im Unterhemd begrüsst, dem die Besucher nahe legen, er solle doch seinen Vermieter fragen, was es mit der Haus-Hypothek auf sich hat. "I'm always paying my rent", weiss der verdatterte Mieter nur zu antworten. Und: "Will I have to leave this house?"

Verstärkt wird der Effekt durch jenen Moment im dritten Akt, in dem Ben Rickert seinen jungen Schützlingen ins Gewissen redet. Im Laufe ihres Besuchs einer Broker-Tagung in Las Vegas wird klar, dass niemand der Anwesenden den bevorstehenden GAU auch nur ahnt, wodurch ihr Wettgewinn so gut wie gesichert ist – für Charlie und Jamie ein Grund zum Feiern. "People are gonna lose their houses", mahnt Ben jedoch. "Their savings, their pensions. Millions of people are gonna be out of a job". Durch die Gier, die Bequemlichkeit und – anders lässt es sich nicht sagen – die Dummheit der Reichsten wurden die Ärmsten in den Abgrund gestürzt; derweil die Verantwortlichen weiterhin ihre fetten Boni kassierten und als vorbildliche Verwirklicher des Amerikanischen Traums dargestellt wurden.

Auch der Investor Mark Baum (Steve Carell, 2.v.l.) bekommt Wind vom maroden Finanzsystem.
© Universal Pictures Switzerland
Zum vernichtenden Schlag setzt The Big Short in seinen letzten Minuten an. Per Voiceover wird über den grossen Crash reflektiert – über den Bailout und die verpasste Chance, die Banken aufzutrennen und den Verursachern der Rezession den Prozess zu machen. Alles blieb beim Alten: "The next time there's a recession, it will be the same people who will have been responsible. And the people will blame immigrants and poor people." Und siehe da, sieben Jahre nach dem Konkurs der Lehman Brothers: "It did happen, and the people blamed immigrants and poor people. Hell, they even blamed teachers this time."

Verbindet man diese Szenen miteinander, ergibt sich ein klares Bild davon, worauf Adam McKay hinaus will. The Big Short ist eine flammende Anklageschrift sowohl gegen das moralisch bankrotte kapitalistische System in den USA als auch gegen die von den Medien unterstützte Apathie der Bevölkerung. Die krummen Touren im Finanzsektor werden als staatstragende Geschäftstüchtigkeit verkauft, während die Forderung nach Mindestlöhnen und einem ausgebauten sozialen Sicherheitsnetz im öffentlichen Diskurs wahlweise mit Stalinismus oder ochlokratischer Faulheit gleichgesetzt wird. So ertappt der Film seine Zuschauer quasi auf frischer Tat: Die Jagd seiner ohnehin schon gut situierten Figuren nach noch mehr Gewinn bildet das dramaturgische Zentrum; das Publikum fiebert fast schon automatisch mit diesem Vorhaben mit, obwohl dies auf Kosten normaler Bürger geschieht.

Indem sie auf den Kollaps des Immobilienmarkts wetten, versprechen sich die Jung-Broker Jamie Shipley (Finn Wittrock, links) und Charlie Geller (John Magaro) den ganz grossen Zahltag.
© Universal Pictures Switzerland
Es sind diese Nadelstiche, die The Big Short zu einem kraftvollen Beitrag zum amerikanischen Post-Crash-Kino machen. Eingebettet sind sie in ein Ganzes, dem offenkundig daran gelegen ist, die eigene Realitätsnähe zu betonen, um damit die haarsträubende Absurdität der Finanzkrise zu unterstreichen. Nimmt der Film eine erzählerische Abkürzung, dann wird die vierte Wand gebrochen, um den Zuschauern mitzuteilen, dass dies so historisch nicht hundertprozentig akkurat sei; wirkt ein Ereignis allzu perfekt koordiniert, weist Erzähler Ryan Gosling darauf hin, dass sich dies tatsächlich so zugetragen habe. Die labyrinthische Welt der wirtschaftlichen Terminologie wird unablässig der Lächerlichkeit preisgegeben – etwa indem Gaststars wie Margot Robbie (nota bene bekannt dank The Wolf of Wall Street) oder Selena Gomez in narrativ isolierten Szenarien komplexe Konzepte praktisch veranschaulichen.

Das hitzige Chaos Wall Street wird von McKay – mit Ausnahme eines auffälligen Durchhängers im Mittelteil – in streckenweise fiebrigem Tempo in Szene gesetzt, würdig unterstützt von einem virtuosen Schnitt und der abgeklärten Kameraarbeit von Kriegsfilm-Experte Barry Ackroyd (The Hurt Locker). Das überwältigende Delirium von The Wolf of Wall Street vermag The Big Short zwar nicht heraufzubeschwören, doch genau wie Martin Scorseses exzessive Brachialsatire trifft McKay mit seinem feurigen Humor dorthin, wo es wehtut: Gier und Korruption überleben, weil wir, die Kinogänger, es nicht nur zulassen, sondern unbändig davon fasziniert sind.

★★★★☆

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