Thursday, 19 November 2015

Irrational Man

Man muss es Woody Allen lassen: Keiner macht Filme wie er. Welcher andere aktive amerikanische Regisseur würde eines seiner Werke schon mit einem Voiceover über die moralischen Prinzipien Immanuel Kants beginnen lassen? Wer würde einen praktizierenden Philosophie-Dozenten ins Zentrum seiner Geschichte rücken und ihn in regelmässigen Abständen seine Überlegungen zum kategorischen Imperativ und Kierkegaards Vorstellung eines erfüllten Lebens darlegen lassen?

Es mag stimmen, dass sich Allen im Laufe seiner 50-jährigen Karriere auf einige wenige bestimmte Erzählmuster "eingedreht" hat, die er beliebig zu variieren gelernt hat. Repetitiv hat ihn das aber nicht gemacht. Denn es sind nicht seine Plots, die Allen den Ruf eines der begabtesten Autoren Hollywoods eingebracht hat – es sind seine lebendigen, eigenen, zumeist neurotischen Figuren, die sein einfach wieder zu erkennendes Universum bevölkern und seinen Filmen Individualität verleiht.

Auch Irrational Man ist sowohl ein typisches Allen-Spätwerk als auch eine Mystery-Tragikomödie irgendwo zwischen Hitchcocks Strangers on a Train und Wilders Sunset Boulevard, die, dank ihrer Charaktere und ihres überraschend unverbrauchten Settings, durchaus frisch und neu wirkt. Ein College-Städtchen in New England erwartet die Ankunft eines neuen Philosophie-Professors: Abe Lucas (ein sehr guter Joaquin Phoenix mit demselben beachtlichen Bauchumfang wie in Inherent Vice) ist international bekannt; seine Bücher sind in akademischen Kreisen hoch geachtet, seine Affären mit Studentinnen und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen legendär.

Doch wie so oft bei Allen ist auch dieser Protagonist mit seinem Leben nicht zufrieden: Abe ist Alkoholiker, depressiv, sein neues Buch – "about the millionth book about Heidegger and fascism" – kommt nicht in die Gänge; im Unterricht spricht er gerne über Existenzialismus und die absurde Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins. Inspiration ist aber nicht weit: Erst lernt er die klatschfreudige Professorin Rita (Parker Posey) kennen, die auf eine Affäre mit ihm aus ist; wenig später verliebt sich die aufgeweckte Studentin Jill (Emma Stone) in ihn, deren Avancen er sich zunächst aber noch widersetzt. Seine Lust am Leben erhält Abe erst zurück, als er mit Jill heimlich eine verzweifelte Frau belauscht, die sich den Tod eines uneinsichtigen Richters wünscht, worauf er sich dazu entschliesst, den Mann umzubringen und damit das perfekte Verbrechen zu begehen.

Eine Affäre mit der Studentin Jill (Emma Stone) sowie ein geplanter Mord verhilft dem depressiven Philosophie-Professor Abe Licas (Joaquin Phoenix) zu neuer Lebensfreude.
© Frenetic Films
Irrational Man – der Titel ist wohl eine Anspielung auf das gleichnamige Buch aus dem Jahr 1958, in dem William Barrett der englischsprachigen Welt den französischen Existenzialismus erklärte – ist eine Moralfabel der Art von Match Point und Cassandra's Dream; behandelt werden scheinbar rationale Beweggründe für Mord und die Nichtexistenz universeller Ethik. Allens Aufarbeitung dieser Themen ist raffiniert aufgezogen und in federleichtem Plauderton vorgetragen – und selbstverständlich unterlegt mit Jazz-Musik. So wirkt das Ganze mitunter ein wenig wie eine Persiflage seines akademischen Milieus; Abes ständige Verweise auf Kant, Kierkegaard, Sartre, de Beauvoir, Heidegger und Arendt erhalten eine ironische Dimension: Mit der richtigen Sekundärliteratur lässt sich alles rationalisieren.

Der Film ist auf seine Weise eine perfekte kleine Stilübung: Alle Zahnrädchen der Erzählung greifen makellos ineinander; die philosophischen Exkurse halten die Balance zwischen ernsthafter Auseinandersetzung und Parodie. Doch Irrational Man fehlt der seelenvolle Charme eines Midnight in Paris, um das Potenzial seiner Kunstfertigkeit gänzlich zu erfüllen. Abes romantische Eroberungen machen allzu oft den Eindruck einer männlichen Fantasie – Jill und Rita haben, gerade im Vergleich mit Abe, nicht genügend Tiefe, um einen vom Gegenteil zu überzeugen –, und der Produktion, wie bereits dem letztjährigen Magic in the Moonlight, haftet immer noch so etwas wie eine Urlaubsstimmung an, als wäre New England für Allen nicht nur Drehort, sondern auch Feriendestination gewesen. Dennoch verfügt Irrational Man über genug Reize, um ihn nicht als Misserfolg werten zu müssen. Dafür sorgen nicht zuletzt eine anregenden Darbietung von Joaquin Phoenix sowie Allens spielerischer Umgang mit Philosophie, Universität und Krimiplot. Das zeichnet den begnadeten Regisseur aus: Auch seine "schwächere" Filme wissen zu gefallen.

★★★★½

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