Sunday, 16 August 2015

The Ground We Won

"You don't need to know the rules of rugby to understand this film", sagte Regisseur Christopher Pryor, als er The Ground We Won am diesjährigen Filmfestival Locarno einführte, wohl wissend, dass der neuseeländische Nationalsport gerade in Kontinentaleuropa die Leute nicht gerade in Scharen in die Stadien und vor die Fernseher lockt.

Er sollte Recht behalten. Seine Dokumentation über eine Saison im Leben einer Amateur-Rugby-Mannschaft im ruralen Norden Neuseelands geht weit über die begrenzten Erzählstrukturen herkömmlicher Sport-Porträts hinaus. Anders als etwa im oscarprämierten Undefeated (2011) bilden taktische Details, motivationsfördernde Massnahmen und Statistiken über Siege und Niederlagen lediglich den Hintergrund für tiefer greifende Themen: Identität, Vorstellungen von Männlichkeit und das Meistern des Alltags am grünen Rand der Welt.

Der wie Nicolas Steiners Kampf der Königinnen in hoch aufgelöstem, stimmigem, aussergewöhnlich schönem Schwarzweiss fotografierte Film zeigt den Versuch des eingeschworenen Rugby-Teams aus Reporoa, nach einer verkorksten Spielzeit das Ruder herumzureissen und aus der darauf folgenden Saison ungeschlagen hervorzugehen.

Gross ist die Welt der Spieler nicht. Drei Autostunden trennen die verschlafene Kleinstadt Reporoa von der Metropole Auckland; die Hauptstadt Wellington liegt deren fünf entfernt. Dienstags trifft man sich selbst bei dichtestem Nebel um halb sieben Uhr abends zum Training auf dem lokalen Sportplatz; bisweilen finden Einheiten für Kinder statt; samstags kommt ein gegnerisches Team zu Besuch, oder die Mannschaft setzt sich in den klubeigenen Bus und begibt sich zu einem Auswärtsspiel. Ansonsten besteht die Welt von Broomy, Kelvin, Peanut und wie sie alle heissen aus Feldern, Kühen und Melkmaschinen; für so etwas wie Exotik sorgen Bekannte aus Wellington und Austauschschüler aus England.

Viehzucht gehört im ländlichen Neuseeland zum Alltag.
© Deer Heart Films
Ab und an sprechen die Protagonisten direkt in die Kamera – im Gegensatz zum Rest des Films lassen diese Interviews einen sorgfältigen Schnitt vermissen –, doch Pryor und Produzentin Miriam Smith halten sich überwiegend aus dem Geschehen heraus und geben dem Cinéma-vérité-Stil den Vorzug. Was sie dabei einfangen, sind sowohl Szenen aus dem Arbeitsalltag eines Milchbauers als auch ausufernde Partys nach gewonnenen Spielen, Strip-Shows in der Klubkantine und feucht-fröhliche Initiationsriten für jüngere Team-Mitglieder.

Obwohl der Film eine klare Trennlinie zwischen der Seriosität von Viehzucht und Familienleben – so kümmert sich etwa der allein erziehende Kelvin hingebungsvoll um seine siebenjährigen Zwillinge – und dem ausgelassenen Machismo des Rugbys zieht, behält er es sich vor, über irgendeinen Aspekt dieser Existenz ein Urteil abzugeben. Vielmehr ist The Ground We Won auf seine Weise ein anregendes, emotional kraftvolles Plädoyer für den universellen Wert des Sports – in Reporoa ist Rugby Unterhaltungsform, Völkerverständigung und Selbstverwirklichung zugleich.

Die Herausforderungen, die ein Leben in dieser archaisch-simplen Männergesellschaft – Frauen spielen im vom Film gewählten Milieu allenfalls eine marginale Rolle – mit sich bringt, werden von Pryor ebenfalls mit bewundernswerter Einfachheit ausgeleuchtet. Wer sich auf dem Rugby-Feld nicht beweisen kann, sucht das Heil in einer anderen klassischen Männerdomäne: In einem behutsam aufgebauten Handelsstrang bereitet sich der junge Peanut auf einen Benefiz-Boxkampf vor.

Wer etwas auf sich hält, spielt Rugby.
© Deer Heart Films
Diese Szenen, wie manche andere auch, führen schliesslich zur Frage, was Männlichkeit ist – und ob es sich überhaupt lohnt, diese Frage mit dem Wunsch nach einer allgemein gültigen Antwort zu stellen. Ist es männlich, sich von einer Stripperin auspeitschen zu lassen? Ist es männlich, ein gepanschtes Bier mit einem rohen Ei darin zu kippen, ohne sich danach übergeben zu müssen? Ist es männlich, sich 80 Minuten lang mit 25 anderen Männern um einen eiförmigen Ball zu prügeln? Und wie männlich sehen die Recken von Reporoa noch aus, wenn sie nach einer Niederlage in letzter Sekunde in der Kantine dabei zusehen müssen, wie ihre Gegner – ein Maori-Team – den wilden Haka-Kriegstanz aufführen, den die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft weltweit berühmt gemacht hat?

Wie die besten Dokumentarfilme erzählt auch The Ground We Won eine nicht hermetisch geschlossene Geschichte, die seinem Publikum Fragen und Gedanken nicht nur auftischt, sondern ihm die Antworten dazu gleich vordiktiert. Obwohl sich Christopher Pryor in Sachen Kunstgriffe stellenweise womöglich etwas übermotiviert verhält, beweist er einen scharfen Sinn fürs Detail und erweist sich als vielversprechende Stimme im Non-Fiction-Kino der Frederick-Wiseman-Schule.

★★★★½

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