Thursday, 14 May 2015

The Water Diviner

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Schauspiel-Star Russell Crowe feiert mit dem auf wahren Begebenheiten beruhenden historischen Drama The Water Diviner sein Debüt als Regisseur. In Erinnerung bleibt aber weniger seine recht gewöhnliche Inszenierung als die Leistung des kürzlich verstorbenen Kameramannes Andrew Lesnie.

Lesnie, welcher am 27. April 2015 einem Herzinfarkt erlag, wird, womöglich zu Unrecht, als Sparten-Kameramann in die Annalen des Kinos eigehen; als sein grösster Erfolg gilt seine Zusammenarbeit mit Peter Jackson an der The Lord of the Rings- sowie der The Hobbit-Trilogie. Dass er aber auch ausserhalb des Fantasy-Genres über ein herausragendes Talent verfügte, zeigten in der Vergangenheit Filme wie Babe, The Lovely Bones oder Rise of the Planet of the Apes und wird nun in The Water Diviner noch einmal eindrücklich bestätigt. Es sind Lesnies Bilder, die den Zuschauer für die Unsicherheiten in Crowes Inszenierung entschädigen. Ob im australischen Outback oder an der türkischen Mittelmeerküste, Lesnies wunderschöne Kompositionen in vollendeten, üppigen, satte Farben, machen den Film zu einem Grossleinwand-Erlebnis sondergleichen und sind ein wesentlicher Grund dafür, dass das Eintauchen in die konventionell vorgetragene Geschichte überhaupt nicht schwer fällt.

Vor dem Hintergrund des gescheiterten britisch-französischen Gallipoli-Feldzugs während des Ersten Weltkriegs präsentieren Crowe und die Drehbuchautoren Andrew Anastasios und Andrew Knight eine Handlung irgendwo zwischen The Impossible, War Horse und Night Train to Lisbon. Nach dem Tod seiner Frau (Jacqueline McKenzie) reist der australische Farmer Joshua Connor (Crowe in guter Form) in die Türkei, um ein Versprechen an sie einzuhalten: In Gallipoli will er die Überreste seiner vier Jahre zuvor dort gefallenen Söhne (Ryan Corr, James Fraser, Ben O'Toole) finden und nach Hause zu bringen. Doch im dem Untergang geweihten osmanischen Reich, welches sich noch immer im Krieg mit Griechenland befindet, stösst er zunächst nur auf sture britische Militär-Bürokraten und anglophobe Kemalisten. Einzig die Hotelbesitzerin Ayshe (Olga Kurylenko) und Major Hasan (Yılmaz Erdoğan setzt das schauspielerische Glanzlicht des Films), gegen dessen Soldaten die Connor-Sprösslinge 1915 kämpften, bieten Joshua ihre Hilfe an.

Im Nachkriegschaos der Türkei versucht der australische Farmer Joshua Connor (Russell Crowe), die sterblichen Überreste seiner in Gallipoli gefallenen Söhne zu finden.
© Universal Pictures Switzerland
Sonderlich subtil geht Crowe mit seinem Stoff nicht um. Immer wieder ersetzt David Hirschfelders Musik die organische Entwicklung tatsächlicher Emotionen. Erkenntnisse finden zweckdienlich in Traum- und Erinnerungsbildern statt; und selbst Lesnie verfällt bei der Darstellung Istanbuls oft einer allzu orientalisch-romantisierten Sepia-Ästhetik. Auch in seiner Auswahl historischer Ereignisse trifft The Water Diviner einige problematische Entscheidungen: So werden unter Crowes Regie die griechischen Aggressoren zu bärtigen, vernarbten, brandschatzenden Barbarenhorden; derweil jede Erwähnung des türkischen Völkermordes an den Armeniern tunlichst vermieden wird. Zwar hat der Film keine moralische Verpflichtung, diese Seite der osmanischen Kriegsführung zu beleuchten – gerade weil sich der Genozid abseits der Dardanellen-Schlachtfelder abspielte –, doch mit diesem unmissverständlich anklagenden Griechen-Bild manövrieren sich Crowe, Anastasios und Knight in einen nicht einfach zu ignorierenden Erklärungsnotstand.

Schlussendlich ist der Film aber zu apolitisch – und wahrscheinlich auch zu ahistorisch –, um von derartigen Unsorgfältigkeiten nachhaltig unterminiert zu werden. Es sind Misstöne in einem beschaulichen, gut gemeinten Ganzen, das sich, seinen zahlreichen Zwischentiteln nach zu urteilen, geriert, als hätte es etwas Substanzielles über den Grossen Krieg zu sagen, dessen Umfang aber niemals einzufangen vermag und letztlich kaum über gefälliges historisches Erzählkino hinauskommt.

★★★½

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