Thursday, 22 January 2015

A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence

Diese Kritik erschien zuerst in gedruckter Form in der Wochenzeitung Heimat.

Nicht nur mit seinem ausladenden Titel sorgt der fünfte Film des 71-jährigen Schweden Roy Andersson für amüsiertes Kopfschütteln und verwirrtes Stirnrunzeln. A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence ist unbeschreibliches, absurdes Kino – ein wahrhaftiges Original.

"Innovation im Kino ist tot. Filmische Qualität ist im Fernsehen zu finden." Diese Einschätzung kursiert seit einigen Jahren in Feuilletons, Fachzeitschriften und Internetforen, ja sogar an Universitäten. Am lautesten wurden die, die sich in den Lichtspielhäusern nach eigenen Angaben zu langweilen begonnen haben, wohl 2013, als im amerikanischen TV House of Cards debütierte, Girls seinen Siegeszug fortsetzte und Game of Thrones endgültig zum Phänomen avancierte. Das "Television Is Better Than Cinema"-Argument ist gleich mehrfach problematisch: Zum einen beruht es auf einer falschen Analogie, handelt es sich bei den beiden konkurrierenden Antipoden doch um fundamental verschieden konzipierte Medien. Zum anderen speist es sich aus einer hoffnungslos verallgemeinernden, frustrierend eng gefassten Gleichsetzung von Hollywood mit der Gesamtheit des Kinos, gegen die auch visionäre erzählerische und ästhetische Rahmensprenger wie Gangs of Wasseypur oder Under the Skin bislang nichts ausrichten konnten.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die aktuellste Demonstration radikaler cineastischer Originalität mit Roy Andersson einem Regisseur zuzuschreiben ist, welcher sich zwischen 1975 und 2000 vom Kino gänzlich verabschiedet hatte und sich stattdessen der Inszenierung von Werbespots widmete, welche den Löwenanteil seines kreativen Schaffens ausmachen. Über 400 Werbungen stehen zwei Kurz- und fünf Langspielfilmen gegnüber, darunter die "Trilogie über das Menschsein", die nach Songs from the Second Floor (2000) und You, the Living (2007) nun mit A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence (Goldener Löwe in Venedig 2014) ihren Abschluss findet.


"Stimmung!": Die Scherzartikelverkäufer Jonathan (Holger Andersson, links) und Sam (Nils Westblom) ziehen mit ihren Waren durch Roy Anderssons absurde Gegenwelt.
© Look Now!
39 Anekdoten, viele davon kürzer als drei Minuten, die meisten in einer einzigen starren Einstellung gefilmt, erzählt Andersson in diesem womöglich ein wenig überlangen Kompendium, das so anders ist als alles, was man sich aus dem Kino – Mainstream oder Arthouse – normalerweise gewohnt ist. Selbst die Mise en scène ist kurios: Ecken und Kanten rücken in die Mitte des Blickfeldes, was den Bildern eine bizarre Qualität verleiht; die Tiefenschärfe gibt den Blick auf Hintergründe frei, die nicht selten wie gemalt aussehen; es dominieren triste Braun- und Grautöne. Die bedächtig vorgetragenen Geschichten handeln von einer unglücklich verliebten Tanzlehrerin, einem von missverstandenem Termin zu missverstandenem Termin eilenden Marine-Offiziellen, den niedergeschlagendsten Scherzartikelverkäufern der Filmgeschichte und einem spätbarocken König, der auf dem Weg in den Krieg in einer vorstädtischen Spelunke Halt macht. In die ohnehin schon lose Erzählstruktur eingewoben sind zumeist wortlose, wunderlich ironisierte Aufnahmen von Menschen in alltäglichen Situationen. (Hiervon hinterlässt vor allem die überraschend bewegende Vignette einer jungen Mutter und ihrem Kinderwagen einen bleibenden Eindruck.)

Erinnerungen an Aki Kaurismäki werden hier wach, Schattierungen von Monty Python sind zu erkennen, doch zum Schluss muss konstatiert werden: Das ist ein lupenreiner Andersson. A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence, gerade unter dem Gesichtspunkt der "Leben-Trilogie", ist das leise Bekenntnis eines Künstlers, der sich nicht anmasst, allgemeingültige Schlüsse über die menschliche Existenz zu ziehen, sondern daran interessiert ist, seine Sicht der Dinge auf Film zu bannen. Eine lustige, betörende, verstörende Vision.

★★★★★½

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